{"id":82,"date":"2010-07-01T20:38:57","date_gmt":"2010-07-01T18:38:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=82"},"modified":"2019-05-02T11:52:08","modified_gmt":"2019-05-02T09:52:08","slug":"kalter-kaffee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=82","title":{"rendered":"Kalter Kaffee?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zur Kritik des deutschen Nationalismus und WM-Patriotismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Jahre 1994 waren einer Umfrage zufolge 44% der befragten Deutschen der Ansicht, dass die deutsche Geschichte ein Nationalgef\u00fchl und nationale Symbole weitgehend verbiete. Dieses Ergebnis erscheint sp\u00e4testens seit der Fu\u00dfball-WM von 2006 als unvorstellbar: Seit dem so genannten Partyotismus ist die schwarz-rot-goldene Flagge wieder allgegenw\u00e4rtig. Das findet gegenw\u00e4rtig seine Fortsetzung w\u00e4hrend der WM in S\u00fcdafrika: Kaum noch ein Werbespot kommt ohne die Kombination von schwarz-rot-gold und Fu\u00dfball aus; in den St\u00e4dten ist die deutsche Fahne wieder un\u00fcbersehbar pr\u00e4sent. Dabei f\u00e4llt auf: Je h\u00e4sslicher die H\u00e4userfassaden, desto mehr Flaggen h\u00e4ngen aus den Fenstern. <!--more-->Schon wird aus Berlin berichtet, dass junge, alternativ angehauchte Menschen beim Abspielen der Nationalhymne aufstehen und aus voller Brust mitsingen bzw. -gr\u00f6len. Dies signalisiert die Aufhebung des \u00bbpolitischen Massengef\u00fchlsverbots nach 1945\u00ab (Gustav Seibt, SZ 3.\/4.7.2010) und ein neues Nationalgef\u00fchl in Deutschland, welches kaum noch kritisiert wird. So meinte auch die Pr\u00e4sidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, vor vier Jahren, sie habe selten ein nat\u00fcrlicheres Verh\u00e4ltnis eines Volkes zu seinem Land gesehen. Ist \u00bbNie wieder Deutschland\u00ab \u2013 das Motto viele linker Intellektueller w\u00e4hrend des Kalten Krieges und danach der antinationalen Str\u00f6mung \u2013 also nichts weiter als kalter Kaffee? Diese Ansicht vertritt Aram Lintzel, Kolumnist der linksalternativen taz und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gr\u00fcnen Bundestagsfraktion. In seinem Text \u00bbEmpirischer St\u00f6rfall\u00ab (taz, 8.6.2010) bekannte er, dass er schon jetzt genervt sei von der Paranoia alarmierter Kokommentatoren, die aus dem Torgegr\u00f6le den Prolog zum Pogrom heraush\u00f6rten. Mit Kokommentatoren meint er die so genannten Antideutschen, deren Resonanzboden sich zur Fu\u00dfball-WM erh\u00f6hen werde. Denn hinter der schwarz-rot-goldenen Bildsprache lauere mindestens Nationalismus, wenn nicht Faschismus. Sicher: Lintzel kritisiert zu Recht die ungebrochene Kontinuit\u00e4tsthese der Antideutschen, die umstandslos suggeriert, die deutsche Volksgemeinschaft habe sich auch sechs Jahrzehnte nach dem Untergang des Nazifaschismus kaum ge\u00e4ndert. Und ebenso zutreffend ist seine Feststellung, dass die Antideutschen ex negativo genau jene identit\u00e4re Zwangslogik fortschreiben, welche Gegenstand ihrer antifaschistischen Kritik sei. Indes: Lintzel sch\u00fcttet das Kind mit dem Bade aus: Die antideutsche Kontinuit\u00e4tshypothese sieht er durch einen \u00bbempirischen St\u00f6rfall\u00ab widerlegt \u2013 einen \u00bbempirischen St\u00f6rfall\u00ab aus seiner ganz pers\u00f6nlichen Beobachtung: eine Gruppe schwarz-rot-gold geschminkter Israelis, die nach einem Spiel der deutschen Nationalelf w\u00e4hrend der WM 2006 am Brandenburger Tor feierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Patriotismus und Abwertung\u00a0<\/strong><br \/>\nDoch schieben wir die pers\u00f6nlichen Beobachtungen beiseite und begeben uns auf das empirische Feld. Was sagen empirische Forschungsprojekte \u00fcber die Verbreitung von nationalistischen und patriotischen Einstellungsmustern aus? Ist infolge des Party-Patriotismus w\u00e4hrend der WM 2006 ein Anstieg dieser Einstellungen zu beobachten? Und gibt es einen Zusammenhang von Nationalismus\/Patriotismus, der Abwertung von Fremden und rassistischen Einstellungen? Wilhelm Heitmeyers Langzeitforschungsprojekt \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab ist in seiner Folge 5 (2007) u.a. genau diesen Fragen nachgegangen,1 rezipiert wurden diese Ergebnisse indessen kaum. Kein Wunder: Denn die Resultate widersprechen jenen, die dem unverkrampften Verh\u00e4ltnis der Deutschen zu ihren Nationalflaggen und einem \u00bbgesunden Umgang mit der eigenen Nation\u00ab das Wort reden. So stellen die Autoren des Beitrages \u00bbNationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit\u00ab fest, dass die WM einen positiven Effekt auf beide Formen nationaler Bindung, Patriotismus und Nationalismus, gehabt habe: Die nationalistische Variante sei angestiegen, w\u00e4hrend die patriotische leicht abgefallen sei. Die Vermutung, dass es sich bei der nationalistischen Bindung infolge der WM um eine offene und tolerante Form der Identifikation mit dem eigenen Land handele, verneinen die Autoren. \u00bbDer Zusammenhang von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit bleibt relativ stabil.\u00ab Das unterstreicht auch die Studie \u00bbNation und Exklusion\u00ab (2008) von Klaus Ahlheim und Bardo Heger: Die Zustimmungswerte zu der Aussage \u00bbIch bin ziemlich oder sehr stolz, ein Deutscher zu sein\u00ab sind von 1996 bis 2006 von 63 auf 73% gestiegen, und schon im Ansatz gingen sie mit der Ausgrenzung und Abwehr der nicht Dazugeh\u00f6rigen, der Fremden einher. Doch nicht nur eine Verbreiterung von nationalistischen und rassistischen Einstellungen ist zu verzeichnen: Die ver\u00f6ffentlichten Zahlen rechtsextremer Straftaten f\u00fcr das Jahr der Fu\u00dfballweltmeisterschaft in Deutschland belegen eine Zunahme von sowohl rechtsextremer Gewalt als auch von so genannten Propagandadelikten um 14,6%. Gerade auch der Zeitraum des sportlichen Gro\u00dfereignisses weist Spitzenwerte auf.2<br \/>\nEin weiterer Anstieg war auch im Jahr der Europameisterschaft 2008 zu verzeichnen: \u00bbNach vorl\u00e4ufigen Angaben des Bundesinnenministeriums hat es 2008 fast 14.000 rechtsextreme Straftaten gegeben, darunter 735 Gewalttaten. Bei diesen Angriffen verletzten rechtsextreme Angreifer 773 Menschen. Damit liegen die Werte deutlich \u00fcber denen des Rekordjahres 2006.\u00ab3<br \/>\nDie \u00bbDeutschen Zust\u00e4nde\u00ab-Forscher zeigen \u00fcberdies, dass der vermeintliche Patriotismus, der sich im Gegensatz zum Nationalismus nicht durch einen Stolz auf die Nation an sich, sondern vielmehr durch seine demokratischen Traditionen und den Wohlfahrtsstaat auszeichne, dennoch eine problematische Komponente aufweist. Patriotismus umfasse n\u00e4mlich neben der Verfassungspatriotismus-Komponente auch die Bindung an das eigene Land, und gerade bei den Westdeutschen f\u00f6rdere dies die Ablehnung von Fremden. Insofern sei nicht viel von der These zu halten, Patriotismus, verstanden als Wertsch\u00e4tzung von Demokratie und sozialen Werten, mindere die Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen. Das tun diese Elemente an sich, mit der Bindung an das eigene Land hat das aber nichts zu tun. \u00c4hnlich argumentiert Yves Bizeul in seinem Artikel \u00bbNationalismus, Patriotismus und Loyalit\u00e4t zur offenen Republik\u00ab.4 Die entscheidende Frage sei, ob die Nation zuallererst als eine offene Gemeinschaft von freien Staatsb\u00fcrgern oder als eine in sich geschlossene kulturelle bzw. ethnische Abstammungsgemeinschaft verstanden werde. Ein kulturalistisch-ethnisches Nationenverst\u00e4ndnis steht somit einem republikanischen Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber. Zwar habe sich der republikanische Patriotismus durchaus als Gegengift gegen das Gef\u00e4hrdungspotenzial des Nationalismus ausgewirkt, doch gleichzeitig sehe sich der Patriotismus einer st\u00e4ndigen Gefahr der Nationalisierung ausgesetzt: Mehr noch: \u00bbDer Patriotismus war ohnehin selten frei von jeglichem Nationalismus.\u00ab Bizeul schlussfolgert, dass weder die Nation noch das Vaterland Gegenstand der Loyalit\u00e4t der Staatsb\u00fcrger sein sollten, sondern eine dem politischen, sozialen, kulturellen und ethnischen Pluralismus gegen\u00fcber prinzipiell offene Republik mit einer starken Zivilgesellschaft. Da der Begriff des Patriotismus von den f\u00fchrenden Vertretern eines republikanischen Nationenverst\u00e4ndnis nicht als Treue zur Patria, sondern als Loyalit\u00e4t zur Republik verstanden werden wird, erweise sich der Begriff \u00bbPatriotismus\u00ab somit letztendlich als ungeeignet.<br \/>\nSo haltlos infolgedessen die These einer bruchlosen Fortsetzung der deutschen Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik ist, so falsch ist auch die Annahme, dass insbesondere der WM-Patriotismus harmlos ist. Im Gegenteil: Nationalistisches Denken ist (nicht nur) in Deutschland weit verbreitet und geht mit rassistischen Abwertungen einher. Auf die Dialektik von Kontinuit\u00e4t und Bruch kommt es mithin an.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ethnische Zuschreibungen im Fu\u00dfball\u00a0<\/strong><br \/>\nWie k\u00f6nnte diese Dialektik \u2013 mit Fokus auf den Fu\u00dfball als \u00bbTransporteur nationalistischer Stimmungen\u00ab5 \u2013 skizziert werden? Doch fragen wir zun\u00e4chst, warum eigentlich gerade der Fu\u00dfball diese Transporteur-Funktion einnimmt, warum gerade im Fu\u00dfball so selbstverst\u00e4ndlich mit ethnischen, nationalen und geschlechtlichen Zuschreibungen wie etwa \u00bbs\u00fcdamerikanische Geschmeidigkeit\u00ab, \u00bbangeborene Verspieltheit der Afrikaner\u00ab etc. hantiert wird, wo doch in modernen Gesellschaften eigentlich das Leistungsprinzip als normativer Ma\u00dfstab gilt. Das ist die Ausgangsfrage der Studie \u00bbFu\u00dfball als Paradoxon der Moderne\u00ab von Marion M\u00fcller.6 Als zentrales Ergebnis h\u00e4lt die Autorin fest, \u00bbdass nationale Grenzen im Fu\u00dfball nicht von Anfang an bedeutsam waren und dass es sich beim Fu\u00dfball keineswegs immer schon um einen M\u00e4nnersport handelte.\u00ab Nationale und geschlechtliche Differenzen haben weder in den vormodernen Ballspielen noch in den Anfangsjahren des modernen Fu\u00dfballs als relevante Beobachtungsschemata fungiert. Die Ursachen f\u00fcr diesen Bedeutungswandel verortet M\u00fcller vor allem \u00bbin den zeitlichen Parallelen zwischen der Entstehung des Fu\u00dfballspiels sowie seiner massenhaften Verbreitung einerseits und der Expansion der Nationenbildung w\u00e4hrend des imperialistischen Zeitalters sowie der Durchsetzung der polaristischen Geschlechterphilosophie andererseits.\u00ab M\u00fcller arbeitet heraus, dass der Ausschluss qua Nation und Geschlecht im Fu\u00dfball des 20. Jahrhunderts gegenl\u00e4ufig zu den politischen Prozessen verl\u00e4uft: \u00bbSo erfolgte die Exklusion der Frauen aus dem Fu\u00dfball in England 1921, also kurz nachdem die Frauen das Wahlrecht erhalten hatten, und in Deutschland wurde der Frauenfu\u00dfball sogar erst 1955 verboten, zwei Jahre vor dem Inkrafttreten des ersten Gleichberechtigungsgesetzes.\u00ab Die nationale Schlie\u00dfung und zunehmende ethnische Codierung der Deutung nationaler Zugeh\u00f6rigkeit im Fu\u00dfball erfolgte sogar erst in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts und stehe im Widerspruch zur internationalen \u00c4chtung der Rassendiskriminierung seit Ende der 1960er Jahre. Insofern kann man zuspitzend den Fu\u00dfball als Refugium f\u00fcr m\u00e4nnliche Hegemonie und Nationalismus bezeichnen. Die Ursache f\u00fcr den selbstverst\u00e4ndlichen Gebrauch von ethnischen, nationalen und geschlechtlichen Zuschreibungen im Fu\u00dfball sieht M\u00fcller in der Leistungsbewertungsproblematik beim Fu\u00dfball im Vergleich zu eindeutig objektivierbaren Sportarten wie Leichtathletik: \u00bbDa beim fu\u00dfballerischen Leistungsvergleich also regelm\u00e4\u00dfig ganze Personen in ihrer Leibhaftigkeit beobachtet werden, scheint es wahrscheinlicher als in anderen Funktionskontexten zu sein, dass k\u00f6rpergebundene Merkmale, wie Ethnizit\u00e4t, nationale Zugeh\u00f6rigkeit oder Geschlecht als Interpretationskategorien relevant gemacht werden.\u00ab Dar\u00fcber hinaus sei nationale Vergemeinschaftung ebenfalls auf die Inklusion ganzer Personen (und ihrer K\u00f6rper) ausgerichtet. Aufgrund des gemeinsamen K\u00f6rperbezugs werde die Umdeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen zu leistungsrelevanten Merkmalen auch als legitim und nicht als Bruch mit dem Leistungsprinzip oder Versto\u00df gegen das Postulat der Chancengleichheit wahrgenommen.<br \/>\nMarion M\u00fcller zeigt insofern, wie der Sport bzw. der Fu\u00dfball dazu beitrug, die Institutionalisierung und Verbreitung des Nationengedankens voranzutreiben, indem mithilfe sportlicher Wettk\u00e4mpfe nationale Zugeh\u00f6rigkeit ertmals au\u00dferhalb von Kriegen erlebbar wurde.<br \/>\nSoweit zu den Kontinuit\u00e4ten, was aber macht den Bruch aus? Offensichtlich die Tatsache, dass die Reformierung des Staatsb\u00fcrgerschaftsrechts, der partielle Abschied vom Abstammungsrecht durch die rot-gr\u00fcne Bundesregierung auch Auswirkungen auf den Fu\u00dfball gehabt hat. Dass deutsche Nationalspieler heute Mesut \u00d6zil, Sami Khedira, Cacau, Boateng und Aogo hei\u00dfen, ist auch eine Folge dieser Reform. Nachvollzogen wurde damit eine Entwicklung, die etwa Frankreich bereits l\u00e4ngst hinter sich hatte, eben weil es ein anderes Staatsb\u00fcrgerschaftsverst\u00e4ndnis hat: das Territorialprinzip. Die Konsequenz ist, dass Vertreter des deutschen Blutsrechts, also (Neo)Nazis, heute Probleme haben, mit der deutschen Elf mitzufiebern. Auf der anderen Seite bietet die deutsche Elf Menschen mit Migrationshintergrund ein Identifizierungsangebot. Ist die \u00dcberwindung des alten ethnischen Nationenverst\u00e4ndnisses also ein Fortschritt? Sicher, doch auf zweierlei ist hinzuweisen. Zun\u00e4chst, das wurde bereits erw\u00e4hnt, kann auch ein neoliberal gepr\u00e4gter Mulitkulti-Nationalismus mit Ausgrenzung und Abwertung einhergehen, er bricht nicht mit dem Prinzip, mittels Einschluss und Ausschluss zur kollektiven Identit\u00e4tsbildung beizutragen. Ziel sind nicht in erster Linie ethnisch definierte Ausl\u00e4nder, sondern jene, die einem auf der Tasche liegen. G\u00fcnter Beckstein brachte es auf den Punkt: \u00bbWir brauchen weniger Ausl\u00e4nder, die uns ausn\u00fctzen, und mehr, die uns n\u00fctzen.\u00ab Des Weiteren: Freilich fungiert auch ein modernisierter deutscher Nationalismus in einem Punkt wie der alte: Er verwischt im Namen der Nation soziale Lagen und Klassenunterschiede und konstituiert eine \u00bbimagin\u00e4re Gemeinschaft\u00ab (Benedict Anderson). Zu Recht kann man auch kritisieren, dass der Fu\u00dfball-Nationalismus Teil eines gesamten nationalen Projekts ist, welches in der Befreiung Deutschlands von der Vergangenheit bestehe und dem es darum gehe zu zeigen, dass der deutsche Natio\u00adnalismus ein aufgekl\u00e4rter, fortschrittlicher sei, und dass \u00bbwir\u00ab jetzt endlich wieder in der Lage sind, frei zu sagen, was \u00bbwir\u00ab denken und auch handeln k\u00f6nnen, wie \u00bbwir Deutsche\u00ab es wollen.7 Worauf es hierbei jedoch ankommt, ist, dass diese Kritik nicht die Anerkennung des Fortschritts, der eben in der offiziellen Abkehr vom v\u00f6lkisch gepr\u00e4gten Nationenbegriff besteht, verschwinden l\u00e4sst. Der Fortschritt ist gering genug angesichts der rechten Einstellungen in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung, der EU-Festung, an denen Migranten tagt\u00e4glich ihr Leben lassen, der Stimmungsmache gegen Hartz-IV-Empf\u00e4nger und Leistungsverweigerer.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Sportwettk\u00e4mpfe als Opium?\u00a0<\/strong><br \/>\nWenngleich das Bed\u00fcrfnis nach Identifizierung mit einer Gemeinschaft in Anbetracht der entfremdeten kapitalistischen Realit\u00e4t nachvollziehbar ist bzw. der \u00bbweiche Nationalismus\u00ab im deutschen Fu\u00dfball als \u00bbIndikator f\u00fcr einen h\u00f6heren Grad an Vereinzelung und mangelnder Selbstverwirklichung\u00ab dient und \u00bbsomit die soziale Ohnmacht des Individuums und seine Verdinglichung\u00ab signalisiert, wie Gerd Dembowski schreibt,8 so sollte man sich h\u00fcten, vorschnell ausschlie\u00dflich das klassische Brot-und-Spiele-Argument anzuf\u00fchren, wie Terry Eagleton es tut: \u00bbIn Kombination mit dem Fernsehen stellt er [der Fu\u00dfball] die beste L\u00f6sung f\u00fcr das uralte Problem der politischen Machthaber dar: Was machen wir mit ihnen, wenn sie nicht arbeiten? &#8230; Gro\u00dfenteils ist der Sport heutzutage das Opium des Volkes, um nicht zu sagen sein Crack bzw. Kokain.\u00ab9 Allerdings l\u00e4sst Eagleton dabei unber\u00fccksichtigt, dass nicht der Fu\u00dfball an sich, sondern vor allem in der Kombination mit kollektiver nationaler Vergemeinschaftung das Problem ist. Denn sonst w\u00e4re nicht zu erkl\u00e4ren, warum Turniere von Nationalmannschaften solch eine hohe Aufmerksamkeit erfahren, w\u00e4hrend von Public-Viewing unter freiem Himmel in Bezug auf Bundesligaspiele oder Champions-League-Spiele keine Rede sein kann. W\u00e4hrend Welt- und Europameisterschaften interessieren sich auch jene f\u00fcr Fu\u00dfball, die den auf viel h\u00f6herem Niveau stattfindenden Spielen der Champions-League nur mit einem m\u00fcden G\u00e4hnen begegnen.<br \/>\n\u00dcberdies l\u00e4sst Eagleton einen weiteren Aspekt des ber\u00fchmten Marxschen Zitats unber\u00fccksichtigt. Die kollektive Begeisterung f\u00fcr nationale-sportliche Ereignisse ist nicht nur ein Mittel, welches die Herrschenden einsetzen, um das Volk oder den P\u00f6bel bei Laune zu halten. Es ist, so k\u00f6nnte man Marx auf den Fu\u00dfball bezogen paraphrasieren, \u00bbin einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen, das wirkliche Elend\u00ab. Die Kritik der nationalen Fu\u00dfballbegeisterung ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein der Fu\u00dfball ist. Insofern ist Eagletons Schlussfolgerung, das Spiel abzuschaffen, auch nicht zuzustimmen, weil Sport im Allgemeinen wie Fu\u00dfball im Besonderen \u00bbals Mimesis der sozialen Praxis\u00ab beides zugleich sein kann: ein Modell des modernen Alltags, aber auch ein Gegengewicht zum b\u00fcrgerlichen Erwerbsleben mit seinen Routinen, habitualisierten Bewegungsvollz\u00fcgen und zweckrationalen Orientierungen.\u00ab10<br \/>\nKurzum: Ein Antinationalismus der 1990er Jahre ist genau so unangemessen wie das schlichte Brot- und Spiele-Argument. Aber vor allem: Linke sollten sich h\u00fcten, im Fu\u00dfball-Taumel durch eine Unterst\u00fctzung der deutschen Elf \u2013 die zugegebenerma\u00dfen einen tollen Fu\u00dfball spielt \u2013 zum soziale Lagen und Klassen nivellierenden Symbol der deutschen Nation zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">1 Vgl. Julia Becker\/Ulrich Wagner\/Oliver Christ: Nationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit, in: Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 5, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Frankfurt\/M. 2007, S. 131-149.<br \/>\n2 Vgl. Frankfurter Rundschau, 15.6.2007 sowie www.petrapau.de\/16_bundestag\/dok\/down\/2006_zf-rechtsextreme-straftaten.pdf.<br \/>\n3 tagesschau.de 17.02.2009, zit. nach Katharina Rhein: \u00bbJetzt kommen die Miesmacher\u00ab. Zur Bedeutung der Fu\u00dfballweltmeisterschaft der M\u00e4nner 2006 f\u00fcr die Reartikulation nationaler Identit\u00e4t in Deutschland am Beispiel der Debatte um die Deutschlandliedbrosch\u00fcre, in: Projektgruppe Nationalismuskritik (Hrsg.), Irrsinn der Normalit\u00e4t. Aspekte der Reartikulation des deutschen Nationalismus, M\u00fcnster 2009, S. 140.<br \/>\n4 Yves Bizeul, Nationalismus, Patriotismus und Loyalit\u00e4t zur offenen Republik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1-2\/2007.<br \/>\n5 Norbert Seitz, Die Nachhaltigkeit eines neuen Patriotismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 1-2\/2007.<br \/>\n6 Marion M\u00fcller, Fu\u00dfball als Paradoxon der Moderne. Zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifu\u00dfball, Wiesbaden 2009.<br \/>\n7 Vgl. Von Ghana nach Gaza, jungle World-Gespr\u00e4ch, 1. Juli 2010.<br \/>\n8 Gerd Dembowski, Wie weich ist Nationalismus im deutschen Fu\u00dfball?, in: Projekt Nationalismuskritik, a.a.O., S. 196.<br \/>\n9 Terry Eagleton, Treuer Freund des Kapitalismus, Online unter: www.freitag.de, 30. Juni 2010.<br \/>\n10 Thomas Alkemeyer: K\u00f6rper, Kult und Politik, Frankfurt a.M.\/New York 1996, zit. nach Sebastian Lutz: Die Eigentore der Beherrschten. Eine Betrachtung der Kritischen Sporttheorie, in: Projektgruppe Nationalismuskritik, a.a.O., S. 164.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: Sozialismus: 7-8\/2010)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Kritik des deutschen Nationalismus und WM-Patriotismus Im Jahre 1994 waren einer Umfrage zufolge 44% der befragten Deutschen der Ansicht, dass die deutsche Geschichte ein Nationalgef\u00fchl und nationale Symbole weitgehend verbiete. 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