{"id":833,"date":"2014-09-04T21:11:09","date_gmt":"2014-09-04T19:11:09","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=833"},"modified":"2015-11-30T11:37:42","modified_gmt":"2015-11-30T10:37:42","slug":"warum-wachstumskritiker-mehr-ueber-kapitalismus-und-sozialisten-mehr-ueber-oekologie-reden-muessten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=833","title":{"rendered":"Warum Wachstumskritiker mehr \u00fcber Kapitalismus und Sozialisten mehr \u00fcber \u00d6kologie reden m\u00fcssten"},"content":{"rendered":"<p>Beginnend mit dem Crash der Lehman Brothers Bank und der globale Finanzkrise 2008 haben zahlreiche Schattierungen von Kapitalismuskritik eine Renaissance erfahren. Eine immer st\u00e4rker werdende davon ist die Wachstumskritik. Diese wiederum hat verschiedene Facetten. Es gibt konservative, sozialreformerische, suffizienzorientierte, feministische und auch antikapitalistische Varianten. In Leipzig diskutieren sie derzeit auf dem <a href=\"http:\/\/leipzig.degrowth.org\/en\/\">Degrowth-Kongress<\/a>. Kein Wunder also, dass sich Verfechter des Wirtschaftswachstums, unter ihnen auch marxistisch, sozialistisch und gewerkschaftlich orientiere Linke, herausgefordert f\u00fchlen. <!--more-->Ihr zentrales Argument gegen den \u00dcbergang in eine Postwachstums\u00f6konomie ist dabei: Angesichts der Rezessionen insbesondere in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern infolge von Schuldenkrise und Austerit\u00e4tspolitik werden die sozial verheerenden Folgen f\u00fcr gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung offenkundig. Stagnation und Schrumpfung seien folglich schlecht, Wirtschaftswachstum notwendig, um aus der wirtschaftlichen Depression herauszukommen. Unter den gegenw\u00e4rtigen politischen und sozialen Verh\u00e4ltnissen ist dies tats\u00e4chlich so. Doch es w\u00e4re ein Fehlschluss, von den jeweils konkreten Bedingungen auf die Allgemeing\u00fcltigkeit dieser Aussage zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Es kommt vielmehr darauf an, wie ein \u00f6konomischer Schrumpfungsprozess politisch und sozial organisiert wird. Welche Sektoren sollen schrumpfen und in welchem Ausma\u00df? Welche Bereiche sollen ausgebaut werden? Welche arbeits-, sozial-, und umverteilungspolitischen Ma\u00dfnahmen begleiten diese Prozesse? Es gibt durchaus Wachstumskritiker, die sich diese Fragen stellen und sie zu beantworten versuchen. So ist klar, dass vor allem fossilistische Wirtschaftssektoren aufgrund ihrer \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den schrumpfen m\u00fcssen sowie der aufgebl\u00e4hte Finanzsektor, der ja im \u00fcbrigen f\u00fcr die sozialen Verwerfungen infolge der Wirtschaftskrise wesentlich mitverantwortlich war. Wachsen hingegen m\u00fcssten in einer Postwachstumsgesellschaft die solaren und solidarischen Sektoren. Unterm Strich jedoch wird dabei das Bruttoinlandsprodukt der fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten deutlich sinken werden. Aber die Frage, ob das zwar zu Recht kritisierte BIP sinkt oder steigt, ist gar nicht der entscheidende Punkt. Wichtig ist, ob der globale Naturverbrauch sinkt. Denn in einer endlichen Welt kann es keinen unbeschr\u00e4nkten Verbrauch von Ressourcen und der dabei anfallenden Emissionen geben.<\/p>\n<p>Den Kritikern der Wachstumskritik ist in einem Punkt partiell Recht zu geben: Der Fokus der Wachstums\u00adkritik liegt bisweilen zu sehr auf den hoch industrialisierten L\u00e4ndern. Die Frage, ob global gesehen insgesamt weiter ein Wirtschaftswachstum notwendig ist, wird nicht ersch\u00f6pfend er\u00f6rtert. Falsch hingegen ist die Behauptung, dass Wachstumskritiker den \u00bbunterentwickelten\u00ab Staaten dieser Erde ein weiteres Wirtschaftswachstum untersagen wollten. Nicht nur Tim Jackson, Verfasser des einflussreichen Buches \u00bbWohlstand ohne Wachstum\u00ab, tritt \u00bblaut und deutlich\u00ab f\u00fcr steigende Einkommen in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern ein.<\/p>\n<p><strong>Das Gl\u00fccks-Paradoxon<\/strong><\/p>\n<p>Jackson und andere tun dies, weil sie die Erkenntnisse der Gl\u00fccksforschung ernstnehmen. In immer zahlreicher werdenden Studien hat diese gezeigt, dass nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau\/BIP pro Kopf auch ein Zuwachs an Gl\u00fcck, verstanden als Lebenszufriedenheit, festzustellen ist. Dar\u00fcber hinaus stagniert das Gl\u00fccksempfinden der Befragten. Das zeigen die Beispiele Japan und USA, wo Lebenszufriedenheitsbefragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgef\u00fchrt werden, eindrucksvoll. So hat sich in den USA das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Gl\u00fccksempfinden der Bev\u00f6lkerung ist exakt gleichgeblieben. In Japan stellt sich das noch extremer dar. Dort versechsfachte sich das BIP, w\u00e4hrend die Befragungen ein konstantes Gl\u00fccksempfinden ergaben.<\/p>\n<p>Die Ursache hierf\u00fcr ist mit Keynes schnell gekl\u00e4rt. Solange es um die Befriedigung von absoluten Bed\u00fcrfnissen (Ern\u00e4hrung, Kleidung, Wohnen etc.) geht, steigert das Einkommen der Bev\u00f6lkerung die Lebenszufriedenheit deutlich, eben weil dadurch existenzielle Notsituationen \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Sind diese Bed\u00fcrfnisse ges\u00e4ttigt, vollzieht sich der \u00dcbergang vom Komfort- zum Statuskonsum mit den dazugeh\u00f6rigen relativen Bed\u00fcrfnissen. Der Konsument m\u00f6chte sich durch ein Auto oder ein iPhone von anderen abheben. Was passiert aber, wenn pl\u00f6tzlich alle ein Auto oder das neueste Apple-Produkt haben? Die ersehnte Befriedigung durch den Konsum h\u00e4lt nicht lange an und man sucht das Gl\u00fccksempfinden durch den n\u00e4chsten Konsumakt zu befriedigen. \u00bbTretm\u00fchlen des Gl\u00fccks\u00ab (M. Binswanger) setzen ein. Die Menschen streben st\u00e4ndig nach Gl\u00fcck, sie werden dabei aber nicht gl\u00fccklicher.<\/p>\n<p><strong>Die Entkopplungsfrage<\/strong><\/p>\n<p>Nun argumentieren Bef\u00fcrworter eines \u00bbgr\u00fcnen Wachstum\u00ab, dass das Potenzial von gr\u00fcnen Innovationen und Investitionen so hoch sei, dass eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum in Form des BIP und Ressourcenverbrauch m\u00f6glich sei. Doch gegen diese Annahmen sprechen eine Reihe wichtiger Argumente. Zun\u00e4chst gibt es historisch gesehen keine Anzeichen daf\u00fcr, dass mit weniger Ressourcenverbrauch eine Zunahme des BIP einhergegangen ist. Nur dann kann von einer absoluten Entkoppelung von Wachstum und Stoffverbrauch die Rede sein, d.h. von einer Reduktion des Naturverbrauchs. Was es sehr wohl gibt, ist eine relative Entkoppelung; das BIP steigt dann schneller als der Ressourcenverbrauch. Zwischen relativer und absoluter Entkopplung indes unterscheiden die Wachstumsbef\u00fcrworter nicht oder kaum. Zudem werden die Erkenntnisse der so genannten Material Flow Analysis (MFA) geflissentlich ignoriert. Diese hat sich zur Aufgabe gestellt hat, den Umfang der Stofffl\u00fcsse (ausgenommen Wasser) in den \u00d6konomien im Zeitverlauf darzustellen. Die im M\u00e4rz ver\u00f6ffentlichte Studie &#8222;Global Patterns of Material Flows and their Socio-Economic and Environmental Implications&#8220; kommt zum Beispiel zu folgendem Resultat. Zwischen 1980 und 2009 hat sich die global Ressourcenextraktion und -konsumtion um 94 Prozent erh\u00f6ht. Zwar hat sich im selben Zeitraum auch die Materialproduktivit\u00e4t in den meisten L\u00e4ndern erh\u00f6ht, sprich das BIP ist schneller gewachsen als der Ressourcenverbrauch. Aber diese relative Entkopplung sei durch das Wirtschaftswachstum \u00fcberkompensiert worden. &#8222;Es muss als geschlussfolgert werden, dass die Welt als Ganzes nicht auf dem Weg hin zu einem gr\u00fcnen Wachstum oder einer gr\u00fcnen Wirtschaft ist&#8220;, hei\u00dft es. Gerade eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs w\u00e4re aber notwendig: Forschungen \u00fcber den \u00bb\u00f6kologische Fu\u00dfabdruck\u00ab oder den globalen Umweltraum zeigen, dass die biophysischen Grenzen der Erde im Hinblick auf Senken als Deponier\u00e4ume bereits \u00fcberschritten sind (Aussto\u00df von Klimagasen, Verlust von Biodiversit\u00e4t, \u00dcberlastung des nat\u00fcrlichen Stickstoffkreislaufes).<\/p>\n<p><strong>Die Rebound-Effekte<\/strong><\/p>\n<p>Einwenden k\u00f6nnte man, dass es zwar eine absolute Entkopplung bislang noch nicht gegeben hat, aber das m\u00fcsse ja nicht immer so bleiben. Dagegen wiederum spricht der so genannten Rebound-Effekt \u2013 ein Konzept, das in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten hat, in vielen Studien immer noch keine Ber\u00fccksichtigung findet. Der Rebound-Effekt, dessen wissenschaftliche Untersuchung ihren Ursprung im Buch \u00bbThe coal question\u00ab (1865) von William Stanley Jevons hat, besagt kurz gefasst, dass eine einzelwirtschaftliche Effizienzsteigerung (aus weniger mehr machen) gesamtwirtschaftlich nicht zu einem geringeren Ressourcenverbrauch f\u00fchren muss. Dieser kann sich sogar erh\u00f6hen (Backfire-Effekt). Beispiele: Ein Auto mit einem wenig Benzin verbrauchenden Motor kann seinen Fahrer dazu verleiten, l\u00e4ngerer Strecken zur\u00fcckzulegen (direkter Rebound) oder das f\u00fcr Benzin eingesparte Geld in Flugreisen zu investieren (indirekter Rebound). Effizientere Produktionsmethoden von Laptops oder Smartphones lassen deren Preise sinken, was wiederum die Nachfrage erh\u00f6ht und zu einer Ausweitung der Produktion f\u00fchrt. Die Einsparpotenziale von besser ged\u00e4mmten Wohnungen resultieren nicht in einem R\u00fcckgang des Energiebedarfs, weil gleichzeitig gr\u00f6\u00dfere Wohnungen beheizt werden.<\/p>\n<p>Letzteres Beispiel ist besonders interessant, weil es im Grunde genommen jetzt schon m\u00f6glich ist, den \u00bbVerbrauch von Energiedienstleistungen vom Aussto\u00df von CO<sub>2<\/sub> zu entkoppeln \u2013 und zwar mit den heute bereits bekannten Technologien und ohne hypothetische Ber\u00fccksichtigung m\u00f6glicher zuk\u00fcnftiger Innovationsspr\u00fcnge\u00ab. So hei\u00dft es im Schlussbericht der Bundestags-Enquete-Kommission zum Thema Wachstum. Vor diesem Hintergrund ist die Innovationsversessenheit der Wachstumsbef\u00fcrworter einem technologiefixierten Blick geschuldet, der die sozial-\u00f6konomischen (und psychologischen sowie kulturellen) Hindernisse f\u00fcr die Entfaltung der jetzt schon in den Verh\u00e4ltnissen schlummernden Potenziale nicht zur Geltung kommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das konkret? Politische Gr\u00fcnde stehen den Entkopplungs-Szenarien entgegen und nicht technische bzw. mangelnde Innovationen. Um noch pr\u00e4ziser zu werden: Das jetzige, auf kurzfristige Profitmargen abzielende globale kapitalistische Wirtschaftssystem ist das gr\u00f6\u00dfte Hindernis, um die katastrophalen Folgen insbesondere des Klimawandels einzud\u00e4mmen. Interessanterweise wird diese Erkenntnis nicht nur von den wenigen \u00d6kosozialisten und -marxisten vorgetragen, sondern auch im Enquete-Bericht des Bundestages angedeutet. Dort wird vage festgehalten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsordnung und der M\u00f6glichkeit der Entkopplung gebe, der freilich \u2013 weil extrem ideologiebehaftet \u2013 noch kaum erforscht sei. Kritikerinnen und Kritiker des marktwirtschaftlichen Systems s\u00e4hen im \u00bbunbeschr\u00e4nkten Akkumulationstrieb\u00ab des Kapitals und einem daraus folgenden inh\u00e4renten Wachstumszwang einen wesentlichen Grund f\u00fcr den stetig steigenden Ressourcenverbrauch.So ist es &#8211; und das bedeutet, dass die Wachstumskritik um eine kapitalismus- und um eine herrschaftskritische Perspektive erweitert werden muss. Nur die Diskussion \u00fcber einen Gr\u00fcnen Sozialismus kann den Weg zu einer Wirtschaftsweise er\u00f6ffnen, die die \u00f6kologischen Grenzen der Erde einh\u00e4lt. Bedauerlicherweise stellt sich die herk\u00f6mmliche Wachstumskritik diese Fragen viel zu selten. Und umgekehrt besch\u00e4ftigt sich die sozialistisch und marxistisch orientierte Linke aus historisch nachvollziehbaren, aber hinf\u00e4lligen Gr\u00fcnden kaum mit den \u00f6kologischen &#8222;Grenzen des Wachstums&#8220;.<\/p>\n<p>(<em>stark gek\u00fcrzte, aktualisierte und bearbeitete Version des Artikels &#8222;\u00d6kologische Moderne vs. Gr\u00fcner Sozialismus&#8220; aus:<\/em> <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/vorherige_hefte_archiv\/sozialismus\/2013\/heft_nr_10_oktober_2013\/\">Sozialismus 10\/2013<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beginnend mit dem Crash der Lehman Brothers Bank und der globale Finanzkrise 2008 haben zahlreiche Schattierungen von Kapitalismuskritik eine Renaissance erfahren. Eine immer st\u00e4rker werdende davon ist die Wachstumskritik. Diese wiederum hat verschiedene Facetten. Es gibt konservative, sozialreformerische, suffizienzorientierte, feministische &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=833\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[84,95],"tags":[89],"class_list":["post-833","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-okologie","category-oekonomie","tag-wachstumskritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/833","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=833"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/833\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":985,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/833\/revisions\/985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=833"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=833"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=833"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}