{"id":84,"date":"2009-05-01T20:43:49","date_gmt":"2009-05-01T18:43:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=84"},"modified":"2012-12-19T18:05:46","modified_gmt":"2012-12-19T17:05:46","slug":"eine-frage-von-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=84","title":{"rendered":"Eine Frage von Macht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Gegens\u00e4tzlicher k\u00f6nnten die Positionen zum Thema Freihandel und Protektionismus kaum sein: W\u00e4hrend angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise die Staatenlenker \u2013 vor allem der G20 \u2013 und der allergr\u00f6\u00dfte Teil der ver\u00f6ffentlichten Meinung der Ansicht sind, dass nun keinesfalls protektionistische Ma\u00dfnahmen ergriffen werden d\u00fcrfen und alles daf\u00fcr getan werden m\u00fcsse, den weltweiten Freihandel zu bef\u00f6rdern, sehen es wenige einsame Rufer (Hertz 2009) genau anders herum.<!--more--><br \/>\nProtektionistische Schritte m\u00fcssten ein Kernbestandteil einer Krisenbew\u00e4ltigungsstrategie sein. Mehr noch: Die Ursache f\u00fcr die Krise liege nicht im Bankensektor, sondern in den Prinzipien des Freihandels in Kombination mit der entsprechenden Liberalisierung der Finanzm\u00e4rkte (Sapir 2009). Eines jedoch \u2013 worauf sp\u00e4ter zur\u00fcckzukommen sein wird \u2013 sei hier bereits angemerkt: Die Problematik als schlichten Gegensatz von Protektionismus und Freihandel zu fassen, ohne die Differenzierungen und Verschr\u00e4nkungen beider Elemente zu ber\u00fccksichtigen, f\u00fchrt nicht sehr weit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Versuchen wir uns ein wenig Klarheit \u00fcber die Hintergr\u00fcnde und Zielsetzungen dieser Einsch\u00e4tzungen zu verschaffen. Derzeit scheint das rhetorische Bekenntnis zum freien Welthandel \u2013 die Praxis freilich sieht anders aus[1] \u2013 die letzte Bastion der Neoliberalen zu sein, nachdem sie so gut wie alle anderen Ansichten \u00fcber Bord geworfen haben und zu den einst verteufelten Mitteln von Staatsintervention, Konjunkturprogrammen und Verstaatlichungen gegriffen haben. In der Erkl\u00e4rung des G20-Gipfels vom April 2009 etwa gelobten die Staatenlenker der entwickelten und aufstrebenden Industrienationen, den Protektionismus zur\u00fcckzuweisen und den globalen Handel und Investitionen zu f\u00f6rdern, weil so der Abschwung aufgehalten und ein neuer Aufschwung initiiert werden k\u00f6nne. Das Kernargument gegen protektionistische Handlungen lautet: Diese haben die Gro\u00dfe Depression der 1930er Jahre wesentlich versch\u00e4rft, wenn nicht gar erst ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wohlstand durch Freihandel?<\/strong><br \/>\n\u00dcberpr\u00fcfen wir diese Argumente. Zun\u00e4chst: Ist Freihandel tats\u00e4chlich f\u00fcr Wirtschaftswachstum und Mehrung des Wohlstandes verantwortlich? Davon kann so pauschal keineswegs die Rede sein. Empirische Studien zeigen vielmehr, dass die Liberalisierung des Handels \u2013 nicht nur f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder \u2013 lediglich in wenigen F\u00e4llen und nur begrenzt f\u00fcr eine Zunahme der Produktivit\u00e4t und Konkurrenzf\u00e4higkeit gesorgt hat (vgl. Altvater\/Mahnkopf 2007: 148). H\u00e4ufiger sind negative Auswirkungen zu konstatieren. So stellte eine UNCTAD-Studie von 2004 \u00fcber die Auswirkungen von Handelsliberalisierungen in 40 Staaten fest, dass die H\u00e4lfte der L\u00e4nder als Resultat von Liberalisierungen eine De-Industrialisierung, sprich: zunehmende Armut und Arbeitslosigkeit aufweist (vgl. Groth\/Kneifel 2007: 42). Und Studien (etwa Polaski 2006) prognostizieren, dass die mittlerweile aufgrund des Widerstands der Entwicklungsl\u00e4nder ins Stocken geratene Verhandlungsrunde der WTO \u2013 neben IWF und Weltbank das &#8222;Trio Infernale der Weltwirtschaft&#8220; (Setton u.a. 2008) \u2013 gerade die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder erneut zu Verlierern des geplanten Liberalisierungsschubs machen w\u00fcrde, w\u00e4hrend die hochentwickelten kapitalistischen Staaten und die aufstrebenden Schwellenl\u00e4nder von diesem profitieren. Nebenbei bemerkt: Dass die WTO-Verhandlungen seit 2001 kaum vorankommen hei\u00dft nicht, dass die Liberalisierung nicht weiter fortschreitet. Sie erfolgt indes auf anderen \u2013 und zwar bilateralen, von der \u00d6ffentlichkeit im Gegensatz zu den multilateralen WTO-Gespr\u00e4chen weitgehend unbemerkten \u2013 Wegen mittels Freihandels- und Assoziierungsabkommen.[2] Da in bilateralen Verhandlungen die Macht der f\u00fchrenden Staaten voll zur Geltung kommt, wird auch von einer &#8222;handelsimperialistischen Strategie&#8220; gesprochen: &#8222;Die L\u00e4nder des S\u00fcdens werden nun nicht nur dem Regelwerk der WTO unterworfen, sondern sie werden von der EU (und von den USA) handelsimperialistisch in bilaterale Vertr\u00e4ge exklusiv eingebunden.&#8220; (Altvater\/Mahnkopf 2007: 162) Die EU ist hierbei noch st\u00e4rker treibende Kraft als die USA.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mittlerweile hat sich sogar die Weltbank aufgrund von mehreren Evaluationsberichten zu einer Art &#8222;aufgekl\u00e4rter Freihandelstheorie&#8220; (Wuppertaler Institut 2005: 214) durchgerungen und ist der Ansicht, dass freier Handel alleine nicht ausreicht, um Wachstum zu f\u00f6rdern und die Armut zu verringern. Wenn man sich nur die Zahlen des Pro-Kopf-Einkommens von wenigen L\u00e4ndern in den Jahrzehnten vor 1980 und danach anschaut, ist dies offenkundig. Vor 1980 \u2013 als infolge der Schuldenkrise der Dritten Welt die von den ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Strukturanpassungsprogrammen des IWF wesentlich forcierte neoliberale Globalisierung einsetzte \u2013 lag zum Beispiel der Zuwachs des Pro-Kopf-Einkommens in Lateinamerika bei j\u00e4hrlich 3,1%. Nach 1980 verringerte sich diese Rate auf ein Drittel bis um die H\u00e4lfte (vgl. Chang 2008: 28). Der in Cambridge t\u00e4tige Wirtschaftswissenschaftler Ha-Joon Chang f\u00fchrt in seinem j\u00fcngsten Buch &#8222;Bad Samaritans&#8220; noch zahlreiche weitere Beispiele an \u2013 auch was die negativen Konsequenzen des globalen Freihandels in Bezug auf die soziale Gleichheit und die Stabilit\u00e4t von wirtschaftlicher Entwicklung anbelangt. So litten die Entwicklungsl\u00e4nder zwischen 1945 und 1972, als das globale Finanzsystem noch nicht liberalisiert war, nicht an einer Bankenkrise und einer begrenzten Zahl von nur 16 W\u00e4hrungskrisen sowie an einer Doppelkrise (parallele W\u00e4hrungs- und Bankenkrise). Zwischen 1973 und 1997 hingegen gab es 17 Banken-, 57 W\u00e4hrungs- und 21 Doppelkrisen (ebd.: 87). Und dabei sind die wirklich schweren Krisen nach 1998 noch nicht enthalten. Changs Schlussfolgerung f\u00e4llt entsprechend deutlich aus: &#8222;Neo-liberal globalization has failed to deliver on all fronts of economic life \u2013 growth, equality and stability.&#8220; (ebd.: 28)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der globale Freihandel hat also in den vergangenen Jahrzehnten nicht zu mehr Wachstum und Wohlstand gef\u00fchrt. Und er hat das, wenn man weiter zur\u00fcckschaut, so pauschal auch noch nie zustande gebracht. Im Gegenteil: Gerade die sich heute als Vork\u00e4mpfer des Freihandels gerierenden Vereinigten Staaten von Amerika sowie England haben selbst nur ihre nationalen \u00d6konomien entwickeln k\u00f6nnen, weil sie jahrzehntelang \u2013 England sogar 150 Jahre lang \u2013 eine protektionistische Wirtschaftspolitik betrieben. Protektionismus und nicht etwa Freihandel ist mithin geschichtlich die Regel gewesen, Freihandel eher die Ausnahme. Chang und der franz\u00f6sische Wirtschaftshistoriker Paul Bairoch (1995\/2009) zeigen, dass in der Geschichte der Protektionismus stets mit Industrialisierung und wirtschaftlicher Entwicklung zusammenfiel oder sie sogar ausgel\u00f6st hat. Von diesen historischen Fakten freilich wollen die geschichtsvergessenen neoklassischen und neoliberalen Meinungsmacher nicht viel wissen. Sie waren (und sind immer noch) die Sieger der vergangenen Jahrzehnte \u2013 und Sieger schreiben bekanntlich ihre eigene Historie.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Theoretische Widerspr\u00fcchlichkeiten<\/strong><br \/>\nFreihandel hat historisch also nicht per se zur mehr Wachstum und Wohlstand gef\u00fchrt. Was aber hat es mit dem Argument auf sich, dass protektionistische Ma\u00dfnahmen schon einmal \u2013 n\u00e4mlich 1929ff. \u2013 die Weltwirtschaft in die Depression gest\u00fcrzt haben und infolgedessen angesichts der jetzigen Krise \u2013 quasi als Lehre aus der Geschichte \u2013 tunlichst zu unterlassen seien? Hier handelt es sich eher um einen Mythos (so Bairoch 1995\/2009; Sapir 2009) als um eine ad\u00e4quate Darstellung der Ursachen. Sapir nennt als tats\u00e4chliche Ursache die W\u00e4hrungsfluktuation und den Anstieg der Transportkosten sowie die weltweite Verknappung der Liquidit\u00e4t. Auch Hertz (2009) f\u00fchrt mit Bezug auf Wirtschaftshistoriker an, dass der wahre Grund f\u00fcr den Kollaps der Weltwirtschaft nicht der Protektionismus, sondern die sinkende Nachfrage und eine Kreditklemme gewesen ist. Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze sieht die Ursache f\u00fcr den \u00dcbergang von einer tiefen Rezession in eine weltwirtschaftliche Katastrophe im Abschied Gro\u00dfbritanniens vom Goldstandard.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Neben dieser historisch-empirischen Kritik an den Versprechungen des Freihandels sind auch theoretische Einw\u00e4nde geltend zu machen (vgl. Obermayr 2003). Darauf etwa, dass die Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo statische und unver\u00e4nderbare Standortfaktoren zugrundelegt und somit nicht in der Lage ist, gesellschaftliche Entwicklung zu analysieren. In diesem Kontext ist \u00fcberdies mehr als problematisch, dass Freihandelstheorien keine unterschiedlichen sozialen und \u00f6konomischen Ausgangsbedingungen ber\u00fccksichtigen, d.h. sie ignorieren \u2013 wie Fernand Braudel es formuliert \u2013, dass die bestehende weltweite Arbeitsteilung nicht auf freiwilligen Absprachen zwischen gleichgestellten Partnern beruht, sondern sich &#8222;nach und nach als Kette auseinander hervorgegangener Abh\u00e4ngigkeiten&#8220; (zit. nach HKWM 1999) ergab. Wenn somit Staaten ungleicher Entwicklungsniveaus den gleichen Prinzipien des Freihandels unterworfen sind, erw\u00e4chst daraus Unrecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine ganz wesentliche Inkonsistenz der Freihandelstheorien besteht des Weiteren darin, dass diesen zufolge Subventionen rundweg abzulehnen sind. Doch gerade der Verkehrssektor \u2013 insbesondere der Flugverkehr \u2013 geh\u00f6rt weltweit zu einem der hochsubventionierten Bereiche. In Deutschland lag beispielsweise die H\u00f6he der Steuerbefreiungen etc. im Jahr 2006 nach Berechnungen des Umweltbundesamtes bei 19,6 Mrd. Euro. Hinzu kommt, dass die \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den des Verkehrs externalisiert werden. Eine volle \u00f6kologische Kostenwahrheit im Transport bzw. eine Internalisierung aller Kosten w\u00fcrde bedeuten, dass \u00f6kologischen Sch\u00e4den, die durch Frachtschiffe, LKWs, Z\u00fcge und Flugzeuge verursacht werden, und die Kosten f\u00fcr die Subventionen in die Transportpreise eingerechnet werden. Die Konsequenz: Eine ganze Reihe der gegenw\u00e4rtig vermeintlichen Preisvorteile des Au\u00dfenhandels w\u00fcrde wegfallen und regionale Produkte w\u00fcrden infolgedessen wettbewerbsf\u00e4higer werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Doppelmoral<\/strong><br \/>\nWarum aber wird weiterhin an den vermeintlichen Segnungen der Universalisierung der kapitalistischen Konkurrenzverh\u00e4ltnisse in Gestalt des Freihandels festgehalten? Und warum werden von denselben Akteuren faktisch aber auch protektionistische Ma\u00dfnahmen ergriffen? Dieses Ph\u00e4nomen ist mit gutem Grund als &#8222;im real existierenden Freihandel allenthalben waltende Doppelmoral&#8220; bezeichnet worden, weil der &#8222;Norden dem S\u00fcden offene M\u00e4rkte verordnet, aber selbst noch weit davon entfernt ist, seine eigenen M\u00e4rkte zu \u00f6ffnen&#8220; (Wuppertaler Institut 2005: 207). Im Kern geht es hierbei um Macht und Herrschaft und um ein Abh\u00e4ngigkeits- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnis, welches den entwickelten kapitalistischen Staaten und ihren global operierenden Konzernen weiterhin Absatzm\u00e4rkte und Profite sichern soll. Oder wie Chang (2008: 210) es etwas vorsichtiger formuliert: &#8222;M\u00e4rkte haben die starke Tendenz, den Status quo zu bekr\u00e4ftigen. Der freie Markt diktiert den L\u00e4ndern, dabei zu bleiben, worin sie momentan gut sind. Um es deutlich zu sagen: Das bedeutet, dass arme Staaten sich weiterhin auf die Produktion von low-productivity konzentrieren sollen. Aber dies ist genau das, was sie arm macht.&#8220; (\u00dcbersetzung G.S.) Kurzfristig mag der Freihandel f\u00fcr \u00f6konomisch unterlegene L\u00e4nder Vorteile bringen, doch langfristig steht er einer \u00f6konomischen und sozialen Entwicklung entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Eliten der f\u00fchrenden Staaten pflegen \u2013 entgegen ihren rhetorischen Bekundungen \u2013 einen pragmatischen Umgang mit freih\u00e4ndlerischen und protektionistischen Praxen. Solange ihre Konzerne und Industriezweige nicht reif f\u00fcr den rauen Weltmarkt sind, werden sie gesch\u00fctzt. Sobald sie aber \u00fcberwiegend den Bedingungen standhalten k\u00f6nnen, wird der Freihandel gepredigt und werden insgeheim weiterhin die (noch) unterlegenen Zweige gesch\u00fctzt. Das konnte man in letzter Zeit beispielhaft an der Politik der USA und der EU beobachten, die ihre Landwirtschaften stark subventionieren und ihre M\u00e4rkte eben nicht der \u00fcberlegenen Konkurrenz aus den aufstrebenden Schwellenl\u00e4ndern \u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Freihandel und Protektionismus gibt es also faktisch immer in differenzierten Kombinationen. Und nat\u00fcrlich ist diese Frage auch ein Gegenstand von verschiedenen (Finanz-)Kapitalfraktionen \u2013 n\u00e4mlich von exportorientierten und binnenmarktzentrierten. Mit der neoliberalen Globalisierung haben die exportmarktorientierten Fraktionen die hegemoniale F\u00fchrung \u00fcbernommen. In der gegenw\u00e4rtigen krisenbedingten offenen Umbruchkonstellation ergibt sich die M\u00f6glichkeit, in die Auseinandersetzungen der Bourgeoisiefraktionen zu intervenieren. Doch das h\u00e4ngt freilich auch von der St\u00e4rke und F\u00e4higkeit sozialer Bewegungen ab. Ihr Eintreten f\u00fcr eine Diskussion \u00fcber protektionistische Ma\u00dfnahmen sollte derzeit nicht nur eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein, wie es die gerade von der globalisierungskritischen Bewegung ge\u00fcbte Kritik am Freihandel schon l\u00e4ngst ist. Denn was hei\u00dft Protektionismus \u00fcberhaupt? Es bedeutet Schutz. Schutz wovor? Vor &#8222;alle[n] destruktiven Erscheinungen, welche die freie Konkurrenz in dem Innern eines Landes zeitigt&#8220; und sich in &#8222;noch riesigerem Umfang auf dem Weltmarkt [wiederholt],&#8220; (Marx, zit. nach HKWM 1999), oder vor &#8222;den neuen und ungeheuren Gefahren der weltweiten Interdependenz&#8220; (Polanyi 1944\/1978: 247). Gleichwohl kann dies nicht pauschal in der Entgegensetzung von Freihandel und Protektionismus geschehen, wie sie Marx (1972: 458) \u2013 mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Freihandel \u2013 1848 vornahm. Er schloss seine Stellungnahme damals mit dem Fazit: &#8222;Aber im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ, w\u00e4hrend das Freihandelssystem zerst\u00f6rend wirkt. Es zersetzt die bisherigen Nationalit\u00e4ten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolution\u00e4ren Sinne, meine Herren, stimme ich f\u00fcr den Freihandel.&#8220; Aus diesen S\u00e4tzen spricht einerseits eine revolution\u00e4re Ungeduld, andererseits bringen sie die Problematik f\u00fcr eine heutige Stellungnahme auf den Punkt. Erstens kann es nicht pauschal darum gehen, Stellung entweder f\u00fcr das eine oder das andere zu beziehen. Sondern im konkreten Fall ist zu analysieren, um welche \u00d6konomien es geht, welche unterschiedlichen Voraussetzungen sie haben, welche Bereiche zu sch\u00fctzen sind etc. (Stichwort De-Globalisierung). So muss unter \u00f6konomisch gleichstarken Wirtschaftsr\u00e4umen (Frei)Handel \u2013 zumindest aus \u00f6konomischer Sicht \u2013 nicht prinzipiell negative Folgen haben, wobei die \u00f6kologische Perspektive dieses wiederum in einem anderen Licht erscheinen l\u00e4sst. Zweitens sollte man sich \u00fcber die Grenzen zwischen Protektionismus und Autarkiebestrebungen sowie die Gefahr von Handelskriegen bewusst sein. Damit einher geht drittens das Problem, dass protektionistische Bestrebungen sich in einer immer noch wesentlich durch Nationalstaaten gepr\u00e4gten Welt auch nationalistisch artikulieren k\u00f6nnten, gleichsam in einen potenziell rassistischen Protektionismus von unten, der \u2013 wie vor wenigen Monaten in Gro\u00dfbritannien \u2013 sich gegen ausl\u00e4ndische Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt richten kann (vgl. dazu Speckmann 2009).[3] Viertens m\u00fcsste eine Diskussion \u00fcber Protektionismus und Freihandel klassentheoretisch fundiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gerade wenn man wie Sapir (2009) den Freihandel in Kombination mit der Liberalisierung der Finanzm\u00e4rkte und der durch die Standortkonkurrenz hervorgerufenen Lohndeflation (die wiederum eine Verschuldung der Haushalte nach sich zog) f\u00fcr die tieferliegende Ursache der gegenw\u00e4rtigen Wirtschaftskrise h\u00e4lt, liegt seine Schlussfolgerung auf der Hand: &#8222;Protektionismus bietet die Chance, den Binnenmarkt auf einer stabilen Grundlage wieder aufzubauen und die Zahlungsf\u00e4higkeit von Privathaushalten und Unternehmen zu st\u00e4rken. Deshalb kann eine offene Diskussion \u00fcber Protektionismus entscheidend zum Ausweg aus der aktuellen Krise beitragen.&#8220; Freilich ist sich Sapir bewusst, dass Protektionismus nur eine notwendige Bedingung f\u00fcr eine Stabilisierung der Weltwirtschaft ist. Zu Recht: Denn wie Serge Halimi (2009) aus seiner Analyse fr\u00fcherer staatlicher Reaktionen in Wirtschaftskrisen schlussfolgert: &#8222;Protektionismus ist zwar unvereinbar mit der Globalisierung, nicht aber mit der kapitalistischen Ordnung. Er spaltet die Produzenten in zwei Lager, von denen das eine auf den Binnenmarkt und das andere auf ausl\u00e4ndische Absatzm\u00e4rkte orientiert ist. Der Protektionismus steht also quer zu den Klassen und stellt weder die Vorrechte des Kapitals noch die Machtverh\u00e4ltnisse im Unternehmen infrage. Und doch kann er in Krisenzeiten die herrschende Klasse entzweien und gro\u00dfe Interessenkonflikte ausl\u00f6sen. Wie die ausgehen, h\u00e4ngt h\u00e4ufig auch von der St\u00e4rke und F\u00e4higkeit der Arbeitnehmer ab, einen anst\u00e4ndigen Preis daf\u00fcr zu erzielen, dass sie eine Fraktion der Wirtschaftselite gegen die andere unterst\u00fctzen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine \u00fcber die notwendige Bedingung hinausgehende Thematisierung der hier diskutierten Probleme f\u00fchrt zu ganz grunds\u00e4tzlichen Fragestellungen, die bereits, wie Karl Polanyi (1944\/1978: 84ff.) ausf\u00fchrt, Aristoteles mit seiner Unterscheidung von Produktion f\u00fcr den Gebrauch (\u00d6konomie) und f\u00fcr den Handel und Gewinn (Chrematistik) &#8222;prophetisch&#8220; angesprochen hat. Im Kern ist damit gemeint, dass die regionale Binnenversorgung nicht der Produktion f\u00fcr den Export untergeordnet werden d\u00fcrfe. Polanyis Analyse des Marktes f\u00fchrt ihn zu der Schlussfolgerung, dass &#8222;die eigentliche Kritik an der Marktgesellschaft nicht darin [besteht], dass sie auf \u00f6konomischen Prinzipien beruht [&#8230;], sondern dass ihre Wirtschaft auf dem Eigeninteresse beruhte.&#8220; Das Bild des Menschen als seinen eigenen Vorteil verfolgendes \u2013 sprich Gewinn anstrebendes \u2013 Wesen, wie es von den Denkern des 19. Jahrhunderts \u2013 und auch von den neoklassischen und neoliberalen Intellektuellen \u2013 gezeichnet worden ist, beruhe auf einer rationalistischen Konstruktion, die nicht mit den Erkenntnissen der modernen Anthropologie \u00fcbereinstimme. \u00dcberdies ist &#8222;die Geschichte des Handels und der M\u00e4rkte v\u00f6llig anders verlaufen, als die harmonistischen Lehren der Soziologen des 19. Jahrhunderts angenommen hatten.&#8220; (ebd.: 330) Wohl wahr \u2013 und die gegenw\u00e4rtige Krise widerlegt die ebenso harmonistischen Annahmen neoliberaler \u00d6konomen erneut auf das Trefflichste. Diese tiefergehenden Fragestellungen f\u00fchren indessen wiederum zu ganz grunds\u00e4tzlichen Problemen: die von Markt, Planung, Produktion um der Bed\u00fcrfnisbefriedigung oder des Profits willen, mithin zu Kategorien wie Eigentum und kapitalistischer Produktionsweise und m\u00f6glichen Alternativen zu diesen. Doch das ist eine neue Diskussion.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nAltvater, Elmar\/Mahnkopf, Birgit (2007), Konkurrenz f\u00fcr das Empire. Die Zukunft der Europ\u00e4ischen Union in der globalisierten Welt, M\u00fcnster.<br \/>\nBairoch, Paul (1993\/2009), Wachstum und Protektionismus, in: Le Monde diplomatique, M\u00e4rz 2009, S. 6 (Auszug aus dem Buch &#8222;Economics &amp; World History. Myths and Paradoxes, Chicago 1995).<br \/>\nChang, Ha-Joon (2008), Bad Samaritans. The Guilty Secrets of Rich Nations and the Threat to Global Prosperity, London.<br \/>\nGroth, Annette\/Kneifel, Theo (2007), Europa pl\u00fcndert Afrika, Hamburg<br \/>\nHalimi, Serge (2009), Freih\u00e4ndler und Junker, in: Le Monde diplomatique, M\u00e4rz 2009, S. 5f.<br \/>\nHertz, Noreena (2009), Wieso Protektionismus sein Gutes hat, Spiegel online, 1.4.2009.<br \/>\nHKWM (1999), Stichwort: Freihandel, in: Historisch-Kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus, Bd. 4, S. 927-939.<br \/>\nMarx, Karl (1848\/1972), Rede \u00fcber die Frage des Freihandels, in: MEW, Bd. 4, S. 444-458.<br \/>\nObermayr, Bernhard (2007), Freihandel und was dahinter steckt, in: Attac (Hrsg.), Die geheimen Spielregeln des Welthandels, Wien 2003, S. 22-36.<br \/>\nPolanyi, Karl (1944\/1978), The Great Transformation. Politische und \u00f6konomische Urspr\u00fcnge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt\/Main.<br \/>\nPolaski, Sandra (2006), Winners and Losers: Impact of the Doha Round on Developing Countries, Washington.<br \/>\nSapir, Jacques (2009), Den Welthandel gestalten, in: Le Monde diplomatique, M\u00e4rz 2009, S. 8f.<br \/>\nSetton, Daniela u.a. (2008), WTO \u2013 IWF \u2013 Weltbank. Die &#8222;unheilige Dreifaltigkeit&#8220; in der Krise, Hamburg.<br \/>\nSpeckmann, Guido (2009), Rassismus-Konjunkturen. Wirtschaftskrise, Nationalismus und Ausschreitungen gegen MigrantInnen, in: Sozialismus 2009\/3.<br \/>\nWuppertaler Institut (Hrsg.) (2005), Fair Future. Begrenzte Ressourcen und globale Gerechtigkeit, Bonn.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2009\/heft_nr_5_mai_2009\/detail\/artikel\/eine-frage-von-macht\/\">Sozialismus<\/a> 5\/2009)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegens\u00e4tzlicher k\u00f6nnten die Positionen zum Thema Freihandel und Protektionismus kaum sein: W\u00e4hrend angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise die Staatenlenker \u2013 vor allem der G20 \u2013 und der allergr\u00f6\u00dfte Teil der ver\u00f6ffentlichten Meinung der Ansicht sind, dass nun keinesfalls protektionistische Ma\u00dfnahmen ergriffen &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=84\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Freihandel und Protektionismus (nicht nur) in Krisenzeiten","footnotes":""},"categories":[9,15],"tags":[],"class_list":["post-84","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-handelspolitik","category-protektionismus-und-freihandel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":563,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions\/563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}