{"id":840,"date":"2014-10-26T14:47:27","date_gmt":"2014-10-26T13:47:27","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=840"},"modified":"2015-11-30T13:03:42","modified_gmt":"2015-11-30T12:03:42","slug":"der-entropie-oekonom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=840","title":{"rendered":"Der Entropie-\u00d6konom"},"content":{"rendered":"<p>\u00abJeder heute neu gebaute Cadillac verk\u00fcrzt die Lebenschancen k\u00fcnftiger Generationen.\u00bb Diese f\u00fcr die jetzige Generation unangenehme Aussage ist die Quintessenz eines Buches, das 1971 erschien und seinen Autor, einen bis dato hoch anerkannten Wirtschaftswissenschaftler zu einem Au\u00dfenseiter seiner Zunft werden lie\u00df &#8211; und gleichzeitig zum Stichwortgeber der heute so en voguen Wachstumskritik. Der Titel des Buches lautet \u00abThe Entropy Law and the Economic Process\u00bb. Der Verfasser war der in den USA lehrende Nicholas Georgescu-Roegen, dessen 20. Todestag sich am 30. Oktober j\u00e4hrt.<!--more--> Mit seinem Hauptwerk und bereits zuvor erschienenen Artikeln hatte er bereits ein Jahr sp\u00e4ter gro\u00dfen Einfluss auf eine Ver\u00f6ffentlichung ausge\u00fcbt, die bis heute ungleich bekannter ist: \u00abDie Grenzen des Wachstums\u00bb des Club of Rome. Mit dieser r\u00fcckte zum ersten Mal in ein breiteres Bewusstsein, dass ein stetiges Wirtschaftswachstum durch die Ersch\u00f6pfung der Ressourcen in Zukunft an ein Ende geraten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die autorisierte franz\u00f6sische \u00dcbersetzung einer Aufsatzsammlung von Georgescu-Roegen aus dem Jahr 1979 gab zudem der franz\u00f6sischen wachstumskritischen Bewegung ihren Namen: \u00abdecroissance\u00bb. Im akademischen Feld gilt der geb\u00fcrtige Rum\u00e4ne und \u00fcberwiegend in den USA Lehrende als Begr\u00fcnder der sogenannten \u00d6kologischen \u00d6konomie. Er selbst bevorzugte allerdings den Begriff Bio\u00f6konomie. Sein Hauptverdienst besteht darin, theoretisch begr\u00fcndet zu haben, was kurze Zeit sp\u00e4ter mit der \u00d6lkrise von 1973 zumindest vor\u00fcbergehend jedem klar wurde: die eminente Bedeutung der Energie f\u00fcr moderne Volkswirtschaften. Sein bio\u00f6konomischer Ansatz, der erstmals die biophysischen Grenzen des Wachstums begr\u00fcndete, brach daher nicht nur mit dem vorherrschenden neoklassischen Paradigma in der Wirtschaftslehre, sondern auch mit dominanten marxistischen Anschauungen.<\/p>\n<p>Was sind die Hauptgedanken von Georgescu-Roegens? Sie kreisen um die \u00dcbertragung von physikalischen Erkenntnissen, insbesondere aus dem Bereich der Thermodynamik und der Entropie, auf \u00f6konomische Prozesse. Ausgangspunkt seiner \u00dcberlegung ist, dass jeglicher \u00f6konomischer Prozess mit dem Verbrauch von Energie einhergeht sowie die Unterscheidung von verf\u00fcgbarer und unverf\u00fcgbarer Energie. Der erste Hauptsatz der Thermodynamik, jenes Teilgebietes der Physik, der im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und sich mit der M\u00f6glichkeit besch\u00e4ftigt, durch Umverteilen von Energie zwischen ihren verschiedenen Erscheinungsformen Arbeit zu verrichten, lautet: Der Gehalt an Energie in einem isolierten System, d.h. ein System, das weder Energie noch Materie mit einem anderen System austauscht, ist immer konstant. Die verf\u00fcgbare Energie hingegen &#8211; und darin besteht der zweite Hauptsatz &#8211; geht st\u00e4ndig und unwiderruflich in nicht verf\u00fcgbare Zust\u00e4nde \u00fcber. Die nicht verf\u00fcgbare Energie\/Temperatur ist die Entropie. Georgescu-Roegen \u00fcbertr\u00e4gt nun insbesondere diesen zweiten Hauptsatz auf \u00f6konomische Prozesse. Er stellt fest, dass \u00abder \u00f6konomische Prozess in allen seinen materiellen Bestandteilen entropisch ist\u00bb.<\/p>\n<p>Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Stellen wir uns eine Sanduhr vor, die ein isoliertes System darstellt. Sand kann nicht hinzukommen und nicht verloren gehen. Zudem wird innerhalb des Glases weder Sand erzeugt noch vernichtet (erster Hauptsatz der Thermodynamik). Innerhalb des oberen Bereichs nimmt die Menge des Sandes kontinuierlich ab, w\u00e4hrend sie in der unteren Kammer best\u00e4ndig zunimmt. Der heruntergefallene Sand hat sein Potenzial, Arbeit zu verrichten, indem er herunterf\u00e4llt, verloren. Er weist eine hohe Entropie auf, d.h. nicht verf\u00fcgbare Energie. Der sich noch in der oberen Kammer befindliche Sand stellt dagegen niedrige Entropie dar (zweiter Hauptsatz der Thermodynamik).<\/p>\n<p>\u00dcbertragen auf \u00f6konomische Prozesse bedeutet dies, dass gerade mit Beginn der kapitalistischen Industrialisierung in rasantem Tempo verf\u00fcgbare Energien oder niedrige Entropie &#8211; vor allem fossile Brennstoffe wie Kohle, \u00d6l und Gas &#8211; durch das Verbrennen in nicht verf\u00fcgbare Energie (hohe Entropie) umgewandelt wurden. Kritiker wenden ein, dass die Erde kein isoliertes, sondern ein geschlossenes System ist, weil sie durch die Sonneneinstrahlung Energie aufnimmt. Entscheidend ist aber, dass das heutige \u00f6konomische System fast ausschlie\u00dflich auf fossilen Energietr\u00e4gern beruht. Diese sind zwar auch durch Sonneneinstrahlung entstanden, doch das hat Millionen von Jahren gedauert. Deshalb sind Kohle und \u00d6l faktisch nicht erneuerbar, zudem ihre Vorr\u00e4te begrenzt.<\/p>\n<p>Georgescu-Roegen geht allerdings noch einen Schritt weiter und formuliert ein viertes Gesetz der Thermodynamik, welches die G\u00fcltigkeit der Entropiezunahme nicht nur f\u00fcr Energie konstatiert, sondern auch f\u00fcr Materie. Beispiele w\u00e4ren das Verrosten von Eisen und der Verschlei\u00df von Motoren und Autoreifen. Er formuliert dieses Gesetz mit den Worten \u00abEs ist unm\u00f6glich, Stoffe komplett zu recyceln.\u00bb Die \u00dcbertragung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik auf Materie wird aus einer theoretisch-physikalischen Sicht bestritten. Denn im Prinzip w\u00e4re eine vollst\u00e4ndige Wiederherstellung von Stoffen m\u00f6glich &#8211; vorausgesetzt man wendet gen\u00fcgend Energie und Ersatzmaterialien auf. Georgescu-Roegen selbst relativierte sein Gesetz sp\u00e4ter durch den Pr\u00e4fix \u00absogenannt\u00bb. Gleichwohl hat er aber daran festgehalten, dass zumindest empirisch der R\u00fcckgang von verf\u00fcgbaren, f\u00fcr den Menschen n\u00fctzlichen Rohstoffen, zu beobachten ist. Dies best\u00e4tigte auch j\u00fcngst der 2013 vorgelegte Schlussbericht der Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema \u00abWachstum, Wohlstand, Lebensqualit\u00e4t\u00bb. Dort hei\u00dft es: \u00abDer zweite Hauptsatz der Thermodynamik wirkt auch auf der stofflichen Ebene: Rohstoffe tendieren &#8211; teils beschleunigt durch wirtschaftliche Prozesse &#8211; zu einer immer st\u00e4rkeren r\u00e4umlichen Verteilung (&#8230;.) Vollst\u00e4ndiges Recycling ist daher nicht m\u00f6glich.\u00bb<\/p>\n<p>Georgescu-Roegens Erkenntnisse stellen somit eine fundamentale Kritik an der vorherrschenden neoklassischen Wirtschaftslehre dar &#8211; aber auch an dominanten marxistischen Str\u00f6mungen. Die neoklassische \u00d6konomie begreift Wirtschaft als einen Kreislauf, in dem Rohstoffe unendlich vorhanden sind bzw. durch andere substituiert werden k\u00f6nnen. Physikalische Tatsachen spielen in ihr keine Rolle. Georgescu-Roegen h\u00e4lt diesen Kreislaufgedanken, der einschlie\u00dft, dass \u00f6konomische Prozesse einfach umgekehrt werden k\u00f6nnen, f\u00fcr die \u00abErbs\u00fcnde der modernen National\u00f6konomie\u00bb. Er schreibt: \u00abDer Wirtschaftsprozess ist kein Kreislauf, er besteht aus der kontinuierlichen Umwandlung von niedriger in hohe Entropie, also in nicht wiederverwertbaren Abfall, oder, um einen gel\u00e4ufigen Begriff zu verwenden, in Umweltverschmutzung.\u00bb Dies bedeutet eine radikale Infragestellung des Fortschrittsdenkens der industriellen Moderne. Wirtschaftswachstum und Produktivit\u00e4t, die der Wohlfahrt der heute lebenden Menschen dienen sollen, bedeuten im Grunde nichts anderes als die beschleunigte Zunahme von Umweltverschmutzung und Entropie zulasten k\u00fcnftiger Generationen.<\/p>\n<p>Insofern ist auch das Setzen auf die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und auf Wachstum in der marxistischen Tradition im Grunde eine Wette auf die beschleunigte Destruktion der Biosph\u00e4re. Denn Wachstum ging empirisch bislang stets mit einem Mehr an Ressourcen- und Energieverbrauch einher &#8211; ungeachtet allen Entkopplungsbem\u00fchungen.<\/p>\n<p>Nichts desto trotz ist der marxistische Ansatz eher mit den Gedanken von Georgescu-Roegen kompatibel als die b\u00fcrgerliche Volkswirtschaftslehre. Denn gerade in den Schriften von Marx und Engels finden sich auch \u00c4u\u00dferungen, die sehr wohl die Natur neben der Arbeit als Quelle des stofflichen Reichtums anerkennen und aufzeigen, dass die kapitalistische Produktion \u00abnur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter.\u00bb Auf der anderen Seite erscheinen Interpretationen, die vor allem von \u00d6komarxisten aus den USA wie John Bellamy Foster und Paul Burkett vorgetragen werden, \u00fcberspitzt, das Marx\u2019sche Hauptwerk auch als \u00f6kologisches Werk zu interpretieren. Denn: Den vereinzelt \u00f6kologisch zu deutenden Aussagen von Marx und Engels stehen zahlreicherer entgegen, die Produktivkr\u00e4fte und Technologie als neutral und unabdingbar f\u00fcr den Fortschritt ansehen. Das ist verst\u00e4ndlich, weil zu ihrer Zeit Rohstoffe und Energie unendlich erschienen und die Umweltverschmutzung, insbesondere in Form des Klimawandels, noch nicht die Dimension angenommen hatte wie heute. Vor allem aber bezogen Marx und Engels die Analyse von Energiefl\u00fcssen nicht in ihre Analysen ein und machten folglich keinen Unterschied zwischen erneuerbaren und fossilen Energietr\u00e4gern (obwohl sie Schriften \u00fcber die Thermodynamik kannten). Insofern verwundert es nicht, dass Georgescu-Roegens Gedanken von marxistischer Seite nur von \u00d6kosozialisten wie den erw\u00e4hnten US-Amerikanern oder beispielsweise von Elmar Altvater und Saral Sarkar aufgenommen wurden.<\/p>\n<p>Die Mainstream-\u00d6konomie \u00fcbergeht Georgescu-Roegen im Wesentlichen oder er wird als Gr\u00fcnder des von Sch\u00fclern von ihm gegr\u00fcndeten akademischen Zweiges der \u00d6kologischen \u00d6konomie wahrgenommen. Zu diesen Protagonisten geh\u00f6rt auch Herman Daly, der das in der wachstumskritischen Bewegung einflussreiche Buch \u00abSteady-state Economics\u00bb verfasste. Doch selbst von der \u00d6kologischen \u00d6konomie distanzierte sich Georgescu-Roegen, der einen immer radikaleren \u00f6kologischen Standpunkt vertrat. Den Gedanken einer station\u00e4ren, \u00fcber l\u00e4ngere Zeit wachstumslosen Wirtschaft und das inzwischen popul\u00e4re Konzept von nachhaltiger Entwicklung kritisierte er scharf. Heute w\u00fcrde er wohl \u00e4hnlich mit Green New-Deal-Konzepten verfahren.<\/p>\n<p>Der Wissenschaftler selbst stellte ein bio\u00f6konomisches Minimalprogramm vor, das zum Ziel hat, die Entropiezunahme merklich zu verlangsamen. Die wichtigsten Punkte: Stopp von Kriegen und Kriegsproduktion sowie Verzicht auf Mode und Luxuskonsum. Zudem sollten die Industrie- den \u00abEntwicklungsl\u00e4ndern\u00bb einen annehmbaren Lebensstandard erm\u00f6glichen und das ungebremste Bev\u00f6lkerungswachstum m\u00fcsse ein Ende haben, damit die Menschheit sich durch organische Landwirtschaft ern\u00e4hren kann. Seine Forderungen wirken etwas appellativ. Und deshalb nimmt es nicht Wunder, dass sich diese Gedanken in der seit der Weltwirtschaftskrise neu entfachten Wachstumskritik wiederfinden. Georgescu-Roegen wie der gegenw\u00e4rtigen Wachstumskritik fehlt oft ein Verst\u00e4ndnis von Herrschaft und Macht und vom Wachstums- und Akkumulationszwang, der in kapitalistischen Produktionsweisen herrscht. Da k\u00f6nnte mehr Analyse in der Marx\u2019schen Tradition helfen. Andererseits k\u00f6nnen die meisten marxistischen Theoretiker noch von dem Entropie-\u00d6konomen lernen. Dass dies bis dato nur marginal passiert, liegt wom\u00f6glich auch daran, dass seine Analyse unbequem ist und einen Schluss \u00abvoller Pessimismus\u00bb zul\u00e4sst, wie Georgescu-Roegen selbst annimmt. \u00abAber Verzweiflung ist ein Standpunkt, den wir zur\u00fcckweisen m\u00fcssen\u00bb, setzt er 1978 in seinem Aufruf \u00abF\u00fcr eine menschliche \u00d6konomie\u00bb dagegen. Zurzeit, so hei\u00dft es weiter, verf\u00fcgten die Menschen \u00fcber den Reichtum und die Technologien, die ihnen nicht nur erm\u00f6glichen, f\u00fcr eine lange Zeit zu \u00fcberleben, sondern auch, f\u00fcr sich und alle ihre Kinder eine Welt zu schaffen, in der es sich mit W\u00fcrde, Hoffnung und Behaglichkeit leben l\u00e4sst.\u00ab<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/950254.der-entropie-oekonom.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 25.10.2014)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abJeder heute neu gebaute Cadillac verk\u00fcrzt die Lebenschancen k\u00fcnftiger Generationen.\u00bb Diese f\u00fcr die jetzige Generation unangenehme Aussage ist die Quintessenz eines Buches, das 1971 erschien und seinen Autor, einen bis dato hoch anerkannten Wirtschaftswissenschaftler zu einem Au\u00dfenseiter seiner Zunft werden &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=840\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Er ist ein Vordenker der wachstumskritischen Bewegung. 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