{"id":850,"date":"2014-12-08T09:08:12","date_gmt":"2014-12-08T08:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=850"},"modified":"2014-12-16T09:12:01","modified_gmt":"2014-12-16T08:12:01","slug":"mehr-naturzerstoerung-trotz-umweltpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=850","title":{"rendered":"Mehr Naturzerst\u00f6rung trotz Umweltpolitik"},"content":{"rendered":"<p><em>Das Konzept des \u00bbgr\u00fcnen\u00ab Wachstums st\u00f6\u00dft auf viel Kritik. Sogar bei einem Mitgr\u00fcnder des renommierten Wuppertal Instituts.<\/em><\/p>\n<p>Das Bild von Deutschland als Vorreiter im Umweltschutz br\u00f6ckelt, als Klimakanzlerin gilt Angela Merkel heute nicht mehr. Aber r\u00fcckblickend besteht es noch: So fand das Erneuerbare-Energien-Gesetz Nachahmer in 65 Staaten. Doch sowohl die Energiewende als auch der Hoffnungstr\u00e4ger Elektroauto sind nichts weiter als eine \u00bbgr\u00fcne L\u00fcge\u00ab, so der Titel des neuen Buches von Friedrich Schmidt-Bleek. <!--more-->Darin kritisiert der Pionier der deutschen Umweltforschung, es gehe im Prinzip nur um \u00bbdie technische Korrektur von umweltbelastender Technik, die durch einen h\u00f6heren Einsatz an Ressourcen und technischer Energie erkauft wird\u00ab. Das nennt der Mitgr\u00fcnder des Wuppertal Instituts f\u00fcr Umwelt, Klima, Energie einen fundamentalen Konstruktionsfehler unserer Umweltpolitik.<\/p>\n<p>Verdeutlichen wir das am Vorzeigeprojekt Energiewende. Schmidt-Bleek zufolge tr\u00e4gt der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht zur Entsch\u00e4rfung des Umweltproblems bei, denn dadurch w\u00fcrden nur Symptome bek\u00e4mpft. Warum? Weil sich die Energiewende \u00bbnahezu ausschlie\u00dflich auf technische Energie konzentriert\u00ab, insbesondere auf die Verringerung der CO2-Emissionen. Ursache f\u00fcr den Klimawandel seien jedoch nicht allein die Verwendung von technischer Energie und der damit verbundene Aussto\u00df von Kohlenstoffen. Vielmehr trage dazu \u00bbauch und in allererster Linie\u00ab der Verbrauch nat\u00fcrlichen Materials bei, stellt Schmidt-Bleek fest. So die Entnahme von Sand, der Verbrauch von Wasser, das Abholzen von W\u00e4ldern und vieles mehr.<\/p>\n<p>Schmidt-Bleek fordert stattdessen eine Ressourcenwende, sprich die Reduzierung des Materialverbrauchs um den Faktor 10 &#8211; bei gleichem oder sogar noch mehr Wohlstand. Hier allerdings sind Zweifel angebracht, weil die Sinnhaftigkeit des Wohlstandsma\u00dfes Bruttoinlandsprodukt (BIP) nicht problematisiert wird und die Ressourcenproduktivit\u00e4t enorm steigen m\u00fcsste, was fraglich ist. Zutreffend ist jedoch folgende Aussage: \u00bbDass es irgendwann kein neues Material geben wird, dass die Menschheit mit dem Planeten auskommen muss, auf dem sie lebt, ist eine Erkenntnis, die erstaunlich hartn\u00e4ckig verdr\u00e4ngt wird.\u00ab<\/p>\n<p>Schmidt-Bleek hat einen Ansatz entwickelt, der die Umweltbelastung von Produkten in Bezug auf ihre Lebensdauer und Entsorgung misst: den Materialinput pro Serviceeinheit (MIPS). Weil Outputstr\u00f6me wie Emissionen, Abf\u00e4lle und Abraum nur schwer fassbar sind, nimmt er an, dass durch die MIPS-Reduzierung auch die Umweltbelastung verringert werden kann. Mit diesem Konzept und mit vergleichbaren Ans\u00e4tzen der Stoffflussanalyse lassen sich die F\u00fcrsprecher eines gr\u00fcnen oder nachhaltigen Wachstums widerlegen, die eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch f\u00fcr m\u00f6glich halten. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass zwar das BIP als Kennziffer f\u00fcr das Wachstum schneller wachsen kann als der Ressourcenverbrauch, aber eine absolute Reduktion des Materialeinsatzes bisher nicht festzustellen ist. Deshalb sieht Schmidt-Bleek eine paradoxe Situation: Derzeit wird so viel Umweltpolitik betrieben wie noch nie, zugleich nimmt jedoch das Ausma\u00df der Naturzerst\u00f6rung zu.<\/p>\n<p>Schmidt-Bleeks Buch weist \u00fcberzeugend auf eine zentrale Blindstelle der herrschenden Umweltpolitik hin: den hohen, weiter steigenden Materialeinsatz gegenw\u00e4rtiger \u00d6konomien. Das macht er im \u00dcbrigen schon seit rund 20 Jahren &#8211; ohne gro\u00dfen Erfolg. Man merkt ihm an, dass er nicht recht versteht, warum. Zum einen liegt das wohl daran, dass seine Analyse auf den Abschied vom materiellen Wirtschaftswachstum hinausl\u00e4uft. Dieser indes ist mit kapitalistischen \u00d6konomien unvereinbar. Das ahnt der Verfasser nur, weil seine Argumentation politische und soziale Verh\u00e4ltnisse nicht gen\u00fcgend ber\u00fccksichtigt. Wenn doch, erweist sie sich tendenziell als marktkonform. Dass die kapitalistische Produktionsweise aufgrund des Konkurrenzprinzips den Einzelunternehmer dazu zwingt, kurzfristig zum Beispiel auf fossile Rohstoffe zu setzen, diskutiert Schmidt-Bleek nicht. Andererseits sind die meisten linken Str\u00f6mungen immer noch von klassisch keynesianischen oder marxistischen Vorstellungen gepr\u00e4gt, die ebenfalls auf Produktivkraftfortschritt und Wachstum setzen, also auf einen schnelleren Ressourcenverbrauch und st\u00e4rkere Umweltbelastungen. Sie sollten Schmidt-Bleek lesen &#8211; und dieser sie.<\/p>\n<p><em>Friedrich Schmidt-Bleek: Gr\u00fcne L\u00fcgen, Verlag Ludwig, M\u00fcnchen 2014, 302 S., 19,99 Euro.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/954779.mehr-naturzerstoerung-trotz-umweltpolitik.html?sstr=guido%7Cspeckmann\">neues deutschland<\/a>, 8.12.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Konzept des \u00bbgr\u00fcnen\u00ab Wachstums st\u00f6\u00dft auf viel Kritik. Sogar bei einem Mitgr\u00fcnder des renommierten Wuppertal Instituts. Das Bild von Deutschland als Vorreiter im Umweltschutz br\u00f6ckelt, als Klimakanzlerin gilt Angela Merkel heute nicht mehr. 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