{"id":853,"date":"2014-12-10T09:16:55","date_gmt":"2014-12-10T08:16:55","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=853"},"modified":"2014-12-16T09:23:19","modified_gmt":"2014-12-16T08:23:19","slug":"die-linke-und-der-sport","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=853","title":{"rendered":"Die Linke und der Sport"},"content":{"rendered":"<p><em>Gabriel Kuhn \u00fcber ein schwieriges Verh\u00e4ltnis und Initiativen im Fu\u00dfball, die mehr bringen als politische Kampagnen<br \/>\n<\/em><br \/>\nDer 1972 in Innsbruck geborene Gabriel Kuhn ist seit den sp\u00e4ten 1980er Jahren in anarchistischen Zusammenh\u00e4ngen aktiv und lebt derzeit als Autor und \u00dcbersetzer in Stockholm. \u00dcber sein j\u00fcngste Buch \u00bbDie Linke und der Sport\u00ab (Unrast-Verlag) sprach ich f\u00fcr \u00bbnd\u00ab mit ihm.<!--more--><\/p>\n<p><em>Herr Kuhn, Sie haben ein kleines Buch \u00fcber \u00bbDie Linke und den Sport\u00ab geschrieben? Was war Ihre Motivation?<\/em><br \/>\nKuhn: Ich bin seit 25 Jahren in der Linken engagiert und Sport ist meine gro\u00dfe Leidenschaft. Insofern lag das auf der Hand, zumal sich in der transparent-Reihe des Unrast-Verlags die M\u00f6glichkeit bot, einen kleinen Einf\u00fchrungsband zu dem Thema vorzulegen.<\/p>\n<p><em>F\u00fcr viele Linke ist der Sport ein rotes Tuch. Wieso?<\/em><br \/>\nDie Gr\u00fcnde sind recht offensichtlich: der moderne Sportbetrieb ist hyperkommerzialisiert, wird nationalistisch ausgeschlachtet, f\u00f6rdert ein unappetitliches Leistungsprinzip und wirkt in vielerlei Hinsicht als Opium des Volkes. Selbst die Ideale des Amateursports sind nicht ohne Probleme: Normierte K\u00f6rper werden dort ebenso gehypt wie antiquierte Werte von Ehre und Ritterlichkeit. Wenn ich also links bin und Sport nicht mag, ist es leicht, dies zu rationalisieren. F\u00fcr Linke, die Sport m\u00f6gen, stellt sich hingegen die Herausforderung, jene Aspekte des Sports zu betonen, die sich mit Werten wie sozialer Gerechtigkeit, Solidarit\u00e4t oder Internationalismus vereinbaren lassen.<\/p>\n<p><em>Stichwort Nationalismus und Sport: ist diese Kombination nicht per se eine verheerende Verbindung?<\/em><br \/>\nLetzten Endes ist Nationalismus in Verbindung mit allem verheerend. Ob man sich nun trotzdem \u00fcber die Erfolge kubanischer Boxer freut, h\u00e4ngt wohl davon ab, ob man in einer von Nationalstaaten gepr\u00e4gten Welt manchen Nationalismen eine emanzipatorische Bedeutung zuschreiben will oder nicht. Diese Debatte hat in der deutschen Linken zu heftigen Auseinandersetzungen gef\u00fchrt, das muss hier nicht aufgew\u00e4rmt werden. Schlussendlich gilt es nat\u00fcrlich, das Problem des Nationalismus zu l\u00f6sen, dann ist er auch im Sport keiner mehr. Aber der Sport ist f\u00fcr den Nationalismus nicht verantwortlich.<\/p>\n<p><em>Andere Linke loben den Sport als eine Auflehnung gegen kapitalistische Ausbeutung. Mit welchen Argumenten?<\/em><br \/>\nAm besten wurde das wohl in der klassischen Arbeitersportbewegung formuliert. Dort ging es darum, das Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse zu st\u00e4rken, und zwar mit Hilfe sportlicher Aktivit\u00e4ten, bei denen die kollektive Ert\u00fcchtigung im Zentrum stand, nicht der individuelle Erfolg. Der Arbeitersport wandte sich entschieden gegen jede Form kommerzieller Verwertung. Wenn Vereine oder Veranstaltungen heute an diese Tradition ankn\u00fcpfen, kann das wohl immer noch als Auflehnung gegen\u00fcber kapitalistischer Ausbeutung angesehen werden. Im Rahmen des kapitalistischen Systems ist das nat\u00fcrlich nicht leicht. Damit hatte der Arbeitersport schon in den 1920er Jahren zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><em>Sie sind der Ansicht, dass zwar viele Argumente der linken Sportkritiker berechtigt sind, aber weniger den Sport als die Gesellschaft treffen. Wie ist das zu verstehen?<\/em><br \/>\nIch denke, die meisten Linken w\u00fcrden zugestehen, dass in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung alle Lebensbereiche kapitalistisch gepr\u00e4gt sind. Das gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr den Sport. Aber genauso wie es neben der Hitparade ansprechende Musik und neben Hollywood ansprechende Filme geben kann, kann es neben den Olympischen Spielen von Sotschi ansprechende Sportveranstaltungen geben. Der Sport an sich ist nicht schlechter als die Kunst. Sport ist zun\u00e4chst einfach nur die Kombination von Spiel und Bewegung. Wie sich diese Kombination gesellschaftlich ausdr\u00fcckt, h\u00e4ngt von der Gesellschaft ab.<\/p>\n<p><em>Sie zitieren in ihrem Buch den Politologen Tamir Bar-On. Dieser schrieb: \u00bbDie Mikrok\u00e4mpfe im Bereich des Fu\u00dfballs&#8230; erweisen sich oft als effektiver als universale K\u00e4mpfe im Namen vager Slogans wie Soziale Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte.\u00ab Das klingt \u00fcbertrieben. Haben Sie daf\u00fcr Beispiele?<\/em><br \/>\nJetzt w\u00e4re es nat\u00fcrlich sch\u00f6n, wenn ich die Frage an Tamir Bar-On weiterreichen k\u00f6nnte. Aber gut, ich habe ihn zitiert, also versuche ich mich selbst an einer Erkl\u00e4rung. Ich verstehe das Zitat so, dass scheinbar unbedeutende politische Initiativen in der Welt des Fu\u00dfballs &#8211; sagen wir, der Kampf f\u00fcr die Erhaltung von Stehpl\u00e4tzen &#8211; oft mehr gesellschaftliche Durchschlagskraft haben als pomp\u00f6se politische Kampagnen, die zwar rhetorisch musterg\u00fcltig sind, aber mit der Lebensrealit\u00e4t der meisten Menschen nichts zu tun haben. F\u00fcr viele Menschen ist der Fu\u00dfball neben der Familie und der Arbeit der wichtigste Aspekt des Alltagslebens, egal was wir jetzt davon halten m\u00f6gen. Was in der Welt des Fu\u00dfballs geschieht, betrifft diese Menschen unmittelbar, und es handelt sich hier nicht um eine abgeschottete Szene, sondern um einen gesellschaftlichen Raum, in dem alle m\u00f6glichen Menschen zusammenkommen. Das er\u00f6ffnet auch besondere politische Potenziale.<\/p>\n<p><em>In welcher Form kann Sport zu einer befreiten Gesellschaft beitragen?<\/em><br \/>\nUnter den richtigen Bedingungen dient der Sport sozialem Lernen, Zusammenarbeit und Respekt. Diese Werte sind f\u00fcr eine befreite Gesellschaft &#8211; was auch immer wir genau darunter verstehen m\u00f6gen &#8211; wesentlich. Zu den richtigen Bedingungen geh\u00f6rt es, das kollektive Erleben und die Freude an Spiel und Bewegung zu betonen, nicht Leistung und Rivalit\u00e4t.<\/p>\n<p><em>Dieses Interview erscheint auf den Sportseiten einer sozialistischen Tageszeitung. Wodurch sollte sich Ihrer Meinung nach linker Sportjournalismus auszeichnen?<\/em><br \/>\nBrauchen Sie einen neuen Sportredakteur? Im Ernst: Es geht wohl um das richtige Gleichgewicht. Auch die sportinteressierten Leser einer sozialistischen Tageszeitung wollen wissen, was in der Bundesliga vor sich geht. Dazu d\u00fcrfen sich jedoch gerne kritische Analysen und Berichte \u00fcber alternative Sportprojekte gesellen. Letztlich ist es so wie \u00fcberall: den Ist-Zustand zu verleugnen, nutzt niemandem, aber Perspektiven dar\u00fcber hinaus offen zu halten, ist Aufgabe eines jeden sozialistischen Projekts.<\/p>\n<p><em>Letzte Frage: Welchen Sport betreiben Sie?<\/em><br \/>\nDa kommt der \u00d6sterreicher durch: der Skisport steht im Zentrum und im Sommer z\u00e4hlt vor allem der Fu\u00dfball, wobei es f\u00fcr mich auch jede andere Ballsportart sein kann. Radfahren und Schwimmen dienen der Grundkondition.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/955029.die-linke-und-der-sport.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 10.12.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriel Kuhn \u00fcber ein schwieriges Verh\u00e4ltnis und Initiativen im Fu\u00dfball, die mehr bringen als politische Kampagnen Der 1972 in Innsbruck geborene Gabriel Kuhn ist seit den sp\u00e4ten 1980er Jahren in anarchistischen Zusammenh\u00e4ngen aktiv und lebt derzeit als Autor und \u00dcbersetzer &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=853\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[114],"class_list":["post-853","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung","tag-sport"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/853","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=853"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/853\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":856,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/853\/revisions\/856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=853"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=853"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=853"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}