{"id":857,"date":"2014-12-14T09:23:41","date_gmt":"2014-12-14T08:23:41","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=857"},"modified":"2014-12-16T09:27:45","modified_gmt":"2014-12-16T08:27:45","slug":"der-blitzbetrug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=857","title":{"rendered":"Der Blitzbetrug"},"content":{"rendered":"<p><em>Hochfrequenzhandel ist das neueste Extrem des Finanzmarktkapitalismus. Unvorstellbar schnell handeln komplexe Computerprogramme automatisch Wertpapiere<\/em><\/p>\n<p>Es ist eine merkw\u00fcrdige Welt: Immer wenn der B\u00f6rsenh\u00e4ndler Brad Katsuyama eine Order ausgibt, \u00e4ndert sich der Kurs der Aktie. Er ist nicht in der Lage, zu dem Kurs zu kaufen, den er auf seinem Monitor sieht. Es ist auch eine streng geheime Welt: Ein H\u00e4ndler, der zuvor im Pentagon besch\u00e4ftigt war und nun f\u00fcr eine Handelsfirma arbeitet, sagt: \u00bbUm ins Pentagon und in meine Abteilung zu gelangen, musste man zweimal die Magnetkarte durchziehen, erst um ins Geb\u00e4ude zu kommen, dann um meine Abteilung zu betreten. Und jetzt rate mal, wie oft ich die Magnetkarte z\u00fccken musste, um an meinen Schreibtisch bei Citadel zu kommen? F\u00fcnfmal.\u00ab Und es ist eine gef\u00e4hrliche Welt: Selbst ihre Sch\u00f6pfer, die Programmierer, haben Angst vor der Macht der Maschinen und Programme: \u00bbAls gr\u00f6\u00dftes Risiko sehen wir die Abh\u00e4ngigkeit von der Technik\u00ab, zitiert die FAZ Paul Hilgers, den Chef von Optiver, Europas Branchenprimus.<!--more--><\/p>\n<p>Die Rede ist vom Hochfrequenzhandel (HFH) &#8211; jenes vollautomatischen Wertpapierhandels mit superschnellen Computern und komplizierten Algorithmen, der in den letzten zehn Jahren rasante Verbreitung gefunden hat. W\u00e4hrend dem Fernsehzuschauer allabendlich immer noch die B\u00f6rsennachrichten vor der Kulisse der Frankfurter B\u00f6rse gezeigt werden, ist ein Gro\u00dfteil des realen Geschehens l\u00e4ngst nicht mehr darstellbar. Es hat sich verfl\u00fcchtigt in Bits und Bytes und findet statt in so genannten Dark Pools &#8211; oft von gro\u00dfen Banken gegr\u00fcndeten, au\u00dferb\u00f6rslichen Handelspl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Einer Sch\u00e4tzung zufolge wurden 2013 bis zu 60 Prozent aller DAX-Aktien in Dark Pools gehandelt. In den Vereinigten Staaten, dem Vorreiter des Ph\u00e4nomens, ist der Anteil \u00e4hnlich hoch. 2009 soll er sogar bei 78 Prozent gelegen haben, genaue Sch\u00e4tzungen des Umfangs sind schwierig. Auch die Rohstoffterminm\u00e4rkte sind bereits vom Hochfrequenzhandel erfasst. So soll ein Drittel des gesamten Volumens des au\u00dferb\u00f6rslichen US-Energiehandels 2011 auf den Hochfrequenzhandel zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p>Dass das Thema in den letzten Monaten etwas mehr in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt ist, liegt an Michael Lewis. Der US-amerikanische Bestsellerautor, einst selbst besch\u00e4ftigt an der Wall Street, hat mit seinem im Fr\u00fchjahr ver\u00f6ffentlichten Buch \u00bbFlash Boys. Revolte an der Wall Street\u00ab die Wellen in der Finanzbranche m\u00e4chtig hochschlagen lassen.<\/p>\n<p>Worauf st\u00fctzen sich Lewis\u2019 Vorw\u00fcrfe im Einzelnen? Im Grunde sei der HFH eine legalisierte Form des Insiderhandels und eine systematische Manipulation der M\u00e4rkte. Um zu verstehen, wie diese konkret aussieht, brauchte der eingangs genannte B\u00f6rsenh\u00e4ndler Brad Katsuyama, einer der Hauptfiguren in Lewis\u2019 Buch, drei bis vier Jahre und die Hilfe von Dutzenden Experten. Dann kam er dahinter, dass sein am Anfang erw\u00e4hntes Problem, Aktien- oder Anleihek\u00e4ufe zu dem Preis abzuwickeln, der ihm auf seinem Monitor angezeigt wird, mit dem HFH zusammenh\u00e4ngt. Wenn er eine Order erteilt, wird diese von Computeralgorithmen abgefangen, bevor sie bei den einzelnen Handelspl\u00e4tzen angelangt. Automatisch kaufen die Computerprogramme darauf hin entsprechende Wertpapiere und verkaufen sie umgehend wieder zu einem etwas h\u00f6heren Preis. Das ganze geschieht vollautomatisch und im Bruchteil einer Sekunde. Die Blitzh\u00e4ndler erzielen dadurch Gewinne, die auf Kosten eines normalen H\u00e4ndlers wie Brad bzw. seines Auftraggebers gehen. Bei einer einzelnen Aktion ist der Profit zwar nur gering, durch die Geschwindigkeit und Masse addieren sich die Gewinne des HFH aber zu Millionen.<\/p>\n<p>Der Wall-Street-Jargon hat daf\u00fcr einen h\u00fcbschen und einen technischen Begriff parat: skalpieren und Front Running. Dies ist jedoch nur eine Form, wie der Sekundenhandel die M\u00e4rkte manipuliert &#8211; und die Manipulation wird als wichtiger angesehen als die abgesch\u00f6pften Profite, zumal sie j\u00fcngst auch etwas zur\u00fcckgingen. Andere Manipulationsverfahren h\u00f6ren auf so illustre Namen wie Spoofing (Vort\u00e4uschen), Layering oder Quote Stuffing (Angebots-Flutung). Es geht darum, dem Markt falsche Signale zu geben und daraus Mikrosekunden sp\u00e4ter Gewinne zu erzielen. Beispiel Quote Stuffing: Hier werden Tausende unwichtig erscheinende Angebote erzeugt, um andere Programme abzulenken. So verlieren diese Zeit und reagieren zu sp\u00e4t auf relevante Angebote.<\/p>\n<p>\u00bbZeit ist Geld\u00ab &#8211; das Sprichwort bekommt somit im Hochfrequenzhandel eine v\u00f6llig neue Dimension. Mikro- und Nanosekunden sind Zeiteinheiten, die f\u00fcr den menschlichen Verstand nicht fassbar sind. Eine Sekunde ist gleich 1000 Milli- und gleich eine Million Mikrosekunden. Eine Nanosekunde ist ein Milliardstel einer Sekunde. Diese Einheiten sind das, was im Blitzhandel z\u00e4hlt oder in K\u00fcrze z\u00e4hlen wird. Damit die Computer und Algorithmen diese Geschwindigkeiten \u00fcberhaupt verarbeiten k\u00f6nnen, kommt es auf etwas an, was man eigentlich in der digital vernetzten Welt f\u00fcr irrelevant gehalten hatte: den physischen Ort des Computers. Von enormer Bedeutung ist dessen Entfernung zu den Handelspl\u00e4tzen sowie die L\u00e4nge der Kabel. Je dichter dran, desto mehr Millisekunden eher kommt man an die gew\u00fcnschten Informationen. Das hat absurde Konsequenzen. Michael Lewis beschreibt, wie von Chicago nach New York eine neue Glasfaserleitung gelegt wird. Und zwar nicht wie bereits bestehende entlang von Eisenbahnlinien und von Stadt zu Stadt, sondern schnurstracks und unabh\u00e4ngig von geografischen Begebenheiten wie Bergen, Fl\u00fcssen oder Farmland. Die auf diese Weise eingesparten etwas mehr als hundert Meilen Kabell\u00e4nge bedeuten, dass die Daten drei Millisekunden schneller zwischen Chicago und New York hin und her sausen. Berichten zufolge ist das Verlegen von neuen Glasfaserkabeln bereits wieder veraltet. Noch schneller geht die Daten\u00fcbertragung mit Lasertechnik. Erste Handelspl\u00e4tze sind bereits mit dieser aus dem Milit\u00e4r stammenden Technologie verbunden. Schon ist die Rede von einem technologischen Wettr\u00fcsten. Zudem ist es \u00fcblich, dass Computerpl\u00e4tze in unmittelbarer N\u00e4he der neuen Handelspl\u00e4tze gegen hohe Geb\u00fchren vermietet werden.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund sprechen einige bereits von einem technologiegesteuerten Feudalismus, Lewis selbst von einem Klassensystem. Bis vor kurzem indes sind sich manche Akteure am Finanzmarkt nicht einmal bewusst gewesen, dass sie auf der niedrigsten Stufe dieses Klassensystems stehen. Lewis schreibt: \u00bbDer US-Aktienmarkt war nun ein Klassensystem aus Habenden und Habenichtsen, nur dass die Habenden nicht Geld hatten, sondern Geschwindigkeit (die zum Geld f\u00fchrte). Sie kauften sich Nanosekunden; die Habenichtse wussten nicht einmal, dass Nanosekunden einen Wert hatten. Die Habenden genossen den perfekten Markt\u00fcberblick, w\u00e4hrend die Habenichtse nie den wirklichen Markt sahen.\u00ab<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit der Aufregung um Michael Lewis\u2019 Buch werden sie Klassenbewusstsein entwickelt haben. Vielleicht d\u00e4mmerte es ihnen aber auch schon am 6. Mai 2010. An diesem Tag st\u00fcrzte der Dow Jones innerhalb von wenigen Minuten um fast 1000 Punkte ab. Selbst die Kurseinbr\u00fcche nach dem 11. September 2001 oder der Lehman-Pleite waren nicht so drastisch gewesen. Zwar erholte sich der Dow Jones im Mai 2010 nach einigen Minuten wieder. Doch es war zun\u00e4chst ein R\u00e4tsel, was die Ursache f\u00fcr diese extreme Kursschwankung war. F\u00fcr den B\u00f6rsenguru und ehemaligen Hedgefonds-Manager Jim Cramer hatten die Maschinen die Macht \u00fcbernommen. Sp\u00e4ter wurde ein einzelner fehlerhafter Verkaufsauftrag als Urheber ausfindig gemacht. In einer Kettenreaktion spielten die Computerprogramme verr\u00fcckt. Kein Einzelfall, immer wieder lassen sich sogenannte Mini-Flash-Crashes beobachten. Das Ph\u00e4nomen war auch Anlass, \u00fcber die Regulierung des neuen Handels nachzudenken, in den USA wie in Europa. Doch wie es mit Regulierungen auch in anderen Bereichen des Finanzmarktes ist, sie greifen zu kurz. In Deutschland zum Beispiel ist seit Mai 2013 vorgeschrieben, dass sich die Blitzh\u00e4ndler bei der Finanzaufsicht Bafin registrieren sollen. Doch da die H\u00e4ndler ihren Sitz zumeist im Ausland haben, k\u00f6nnen sie laut EU-Regeln weiter in Deutschland am HFH teilnehmen. Auf europ\u00e4ischer Ebene wird noch \u00fcber Regulierungen diskutiert, die 2016 auf nationaler Ebene greifen sollen.<\/p>\n<p>Nicht nur kritische Nichtregierungsorganisationen wie Weed warnen daher vor den Auswirkungen des Hochfrequenzhandels auf die sogenannte Realwirtschaft. Markus Henn sagt: \u00bbDurch Hochfrequenzh\u00e4ndler erh\u00f6ht sich das Risiko f\u00fcr drastische Kursspr\u00fcnge. Das schadet nicht nur Anlegern und Anlegerinnen, sondern macht die B\u00f6rse auch unbrauchbar f\u00fcr die Unternehmen.\u00ab Die B\u00f6rse, die ja schon immer viele irrationale Entwicklungen hervorgebracht habe, werde dadurch endg\u00fcltig zum blo\u00dfen Casino. Yvonne Hofstetter, die selbst als Unternehmerin im Big-Data-Gesch\u00e4ft ihr Geld verdient, spricht von nicht absch\u00e4tzbaren Risiken f\u00fcr die globale Wirtschaft durch den algorithmisch getriebenen Handel. Und selbst der ehemalige Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler fand im Juni deutliche Worte: \u00bbDer Hochfrequenzhandel hat nichts mit konkreten Ideen, Pl\u00e4nen und W\u00fcnschen konkreter Menschen zu tun, sondern verk\u00fcndet die Herrschaft des Geldes mit Maschinen.\u00ab<\/p>\n<p>Letzterer Aspekt ist mit das Beunruhigendste: Selbst die Sch\u00f6pfer der Algo-Trade-Programme f\u00fcrchten die Abh\u00e4ngigkeit von der Technik und auch die meisten Menschen in der Finanzwirtschaft verstehen die komplexen Systeme nicht, in denen sie agieren. Diese \u00bbunglaubliche Unwissenheit\u00ab bezeichnet Michael Lewis als eine Metapher f\u00fcr unsere moderne Existenz.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch Akteure, die Vorteile des Hochfrequenzhandels anf\u00fchren. Demnach solle dieser Liquidit\u00e4t bereitstellen. Doch beweisen konnte das noch niemand. Manche sprechen von einer Scheinliquidit\u00e4t, andere argumentieren, dass HF-H\u00e4ndler wie andere Marktteilnehmer auch ein Herdenverhalten an den Tag legen, das bei entsprechenden Entwicklungen im Gegenteil zu einem Kapitalabfluss, zur Austrocknung von Liquidit\u00e4t, f\u00fchren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Der Hochfrequenzhandel ist somit die logische Konsequenz eines Finanzmarktkapitalismus, der sich die Errungenschaften der modernsten Computertechnik zunutze macht. Profiteure sind, wie Lewis klar sagt, die Reichen. Zu pr\u00e4zisieren w\u00e4re: eine kleine Schicht der Superreichen, weil langfristig denkende Anleger und Firmen in der Realwirtschaft dem HFH kritisch gegen\u00fcberstehen. Insgesamt birgt der Sekundenhandel als unregulierter Teil der Dark Pools und allgemein des Schattenbankensystems, in dem laut IWF-Studie 25 Prozent aller Finanzanlagen liegen, ungeheure Risiken. Doch w\u00e4re es verfehlt, das Problem nur als eines der Technik oder als das ungen\u00fcgender Regulierung zu begreifen. Es f\u00fcgt sich ein in eine polit\u00f6konomische Grundstruktur, die auf Umverteilung und Privatisierung gr\u00fcndet und dem l\u00e4ngerfristigen Problem der \u00dcberakkumulation von Kapital Vorschub leistet. Nicht einmal nach der Finanzkrise von 2008 hat sich an dieser wesentlich etwas ge\u00e4ndert, wie der verstorbene marxistische Finanz\u00f6konom J\u00f6rg Huffschmid in einem seiner letzten Texte 2009 hellsichtig feststellte.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/955355.der-blitzbetrug.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 13.12.2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hochfrequenzhandel ist das neueste Extrem des Finanzmarktkapitalismus. Unvorstellbar schnell handeln komplexe Computerprogramme automatisch Wertpapiere Es ist eine merkw\u00fcrdige Welt: Immer wenn der B\u00f6rsenh\u00e4ndler Brad Katsuyama eine Order ausgibt, \u00e4ndert sich der Kurs der Aktie. Er ist nicht in der Lage, &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=857\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[95],"tags":[115],"class_list":["post-857","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-hochfrequenzhandel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/857","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=857"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/857\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":859,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/857\/revisions\/859"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=857"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=857"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=857"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}