{"id":86,"date":"2008-02-01T20:48:07","date_gmt":"2008-02-01T18:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=86"},"modified":"2019-05-02T11:45:21","modified_gmt":"2019-05-02T09:45:21","slug":"willige-partner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=86","title":{"rendered":"Willige Partner"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wird man an Adam Toozes &#8222;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8220; zuk\u00fcnftig den Gang faschismustheoretischer Forschung messen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein solches Lob &#8211; noch dazu aus so berufener Feder &#8211; liest man selten: &#8222;In der Studie &#8218;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung'[1] von Adam Tooze \u00fcber die Wirtschaft im &#8218;Dritten Reich&#8216; wird das umstrittene Problem des Verh\u00e4ltnisses von kapitalistischer Wirtschaft zum NS-Regime auf denkbar breiter empirischer Basis und in eindringlicher Analyse souver\u00e4n gekl\u00e4rt. Man kann sagen: Zum ersten Mal ist das jetzt in einer \u00fcberzeugenden Synthese auf gleichm\u00e4\u00dfig hohem Niveau geschehen.&#8220;[2] Der Verfasser dieser Zeilen ist Hans-Ulrich Wehler, Nestor der deutschen Sozialgeschichtsschreibung. Ob man an dem Werk des jungen britischen Wirtschaftshistorikers &#8211; bekannt geworden durch seine fundamentale Kritik an G\u00f6tz Alys Buch &#8222;Hitlers Volksstaat&#8220; (2005) &#8211; tats\u00e4chlich, wie Wehler prophezeit, von nun an den Gang der zeitgeschichtlichen Forschung \u00fcber den Nationalsozialismus wird messen d\u00fcrfen, bleibt abzuwarten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDer in Cambridge lehrende Adam Tooze begibt sich mit seiner Politischen \u00d6konomie des Dritten Reiches auf ein Feld, das im Zentrum marxistischer Faschismustheorien steht: die Beziehung von Faschismus und Kapitalismus, die Ver\u00e4nderung von Klassenstrukturen, die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von \u00d6konomie und Politik bzw. Ideologie.<br \/>\nDie Antwort, die Tooze auf letztere Frage gibt, ist eindeutig: Letztlich sei die \u00fcberw\u00e4ltigende Rolle der Ideologie ausschlaggebend gewesen (16). Damit schlie\u00dft er, wie er selbst konstatiert, an den Mainstream der aktuellen NS-Historiographie an. Doch &#8211; und da liegt die Studie abseits des Mainstreams &#8211; dieses rassistisch-antisemitische Axiom einmal vorausgesetzt, haben sich sehr wohl \u00f6konomisch-rationale Motive der faschistischen F\u00fchrung um Hitler Geltung verschafft. H\u00e4ufig, so auch bei der Initiierung des Holocausts, verschr\u00e4nkten sich ideologische und \u00f6konomische Motive.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>&#8222;Webf\u00e4den der Geschichte&#8220;<\/strong><br \/>\nMethodisch pl\u00e4diert Tooze f\u00fcr die in letzter Zeit aufgrund vermeintlich mangelnder Empathie mit den Opfern umstrittene so genannte T\u00e4terperspektive: &#8222;Wenn wir die schrecklichen Taten des &#8218;Dritten Reiches&#8216; begreifen wollen, dann bleibt uns nichts anderes als der Versuch, die T\u00e4ter zu begreifen.&#8220; (9) Interessanterweise begr\u00fcndete er diese Perspektive mit einem Rekurs auf Marx ber\u00fchmtes Diktum \u00fcber die ihre Geschichte selbst machenden Menschen. Tooze unterstreicht die anti-\u00f6konomistische Interpretation dieses Gedankens, indem er auch die folgenden S\u00e4tze aus dem 18. Brumaire zitiert: &#8222;Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit besch\u00e4ftigt scheinen, sich und die Dinge umzuw\u00e4lzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolution\u00e4rer Krise beschw\u00f6ren sie \u00e4ngstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kost\u00fcm, um in dieser altehrw\u00fcrdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuf\u00fchren.&#8220; Hitler, so die Folgerung, habe in einer derart selbstgestalteten Welt gelebt. Insofern sei es nicht verwunderlich, dass sich die b\u00fcrgerliche Faschismusforschung zumeist in erster Linie auf kulturelle und ideologische Aspekte konzentriert hat.[3] Freilich mit dem Nachteil, dass die &#8222;Webf\u00e4den der Geschichte&#8220; unbeachtet blieben und relativ wenige Fortschritte im Bereich der NS-Wirtschaftsgeschichte gemacht worden seien.<br \/>\nHier m\u00f6chte Tooze mit seinem Konvolut f\u00fcr Abhilfe sorgen &#8211; und das gelingt ihm in der Tat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Dreh- und Angelpunkt USA<\/strong><br \/>\nTooze zieht die vorherrschende These grundlegend in Zweifel, wonach der deutschen Wirtschaft eine spezifische Kraft innewohnte. Im Detail belegt er, und das ist eine sich durch das fast tausendseitige Buch durchziehende Behauptung: Von Anfang an waren die deutsche \u00d6konomie und das Milit\u00e4r nicht in der Lage, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Das aus heutiger Sicht bestimmende Element der Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts sieht er vielmehr in der Herausforderung der europ\u00e4ischen Staaten durch neue Wirtschaftsm\u00e4chte &#8211; an erster Stelle die USA. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts schickten die USA sich an, ihre industriell-kapitalistische Produktionsstruktur auf eine neue Ebene einer effektiveren und rationelleren Betriebsweise fordistischer Massenproduktion zu heben und damit einhergehend auch eine neue gesellschaftliche Konsum- und Lebensweise auszubilden. Auch Europa stand in der Zwischenkriegszeit vor dieser gesellschaftsgeschichtlichen Herausforderung, die in der damaligen Zeit von marxistischer Seite aus Antonio Gramsci in verschiedenen Skizzen zu &#8222;Amerikanismus und Fordismus&#8220; in seinen &#8222;Gef\u00e4ngnisheften&#8220; immer wieder analysierte. Auch wenn Tooze die unterliegende Transformationsproblematik des Kapitalismus in der Zwischenkriegszeit nicht weiter expliziert, ordnet er doch die 1920er Jahre als Ausgangspunkt seiner wirtschaftshistorischen Fundierung der sp\u00e4teren &#8222;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8220; in diesen Problemzusammenhang ein: &#8222;Hitler und Stresemann unterschieden sich demnach nicht nur in Bezug auf ihre Beurteilung der Lage, in der sich Deutschland im anbrechenden &#8218;amerikanischen Jahrhundert&#8216; befand, sie unterschieden sich auch in Bezug auf ihre Bewertung von \u00d6konomie und Politik.&#8220; (31) Gegen\u00fcber dem &#8222;Atlantiker&#8220; Stresemann markiert auch f\u00fcr Hitler Amerika einen zentralen Bezug, der sich &#8211; wie Tooze immer wieder aufzeigt &#8211; bis Anfang der 1940er Jahre durchziehen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dies veranschaulicht Tooze, indem er Hitlers &#8222;Zweites Buch&#8220; analysiert. Dieses Manuskript wurde 1928 verfasst, jedoch zu Hitlers Lebzeiten nie ver\u00f6ffentlicht, da der Verkauf von &#8222;Mein Kampf&#8220; hinter den Erwartungen zur\u00fcckblieb. Der Herausforderung der USA mit ihrem Wohlstand und ihrem enormen wirtschaftlichen Potenzial wollte sich Hitler nicht kleinlaut unterordnen.[4] Er war bestrebt, das zu tun, was andere europ\u00e4ische Staaten im zur\u00fcckliegenden Jahrhundert auch unternommen hatten: ein eigenes imperiales Hinterland erobern und kolonisieren. In Hitlers Fall den so genannten Lebensraum im Osten (15). Auf diese Weise sollte die wirtschaftliche Grundlage f\u00fcr Unabh\u00e4ngigkeit und Wohlstand Deutschlands geschaffen werden, um letztlich in der Konfrontation mit den Vereinigten Staaten obsiegen zu k\u00f6nnen. Dazu bedurfte es freilich einer &#8222;konzertierten Aktion des politischen Willens&#8220;(180). Gar nicht oft genug k\u00f6nne man n\u00e4mlich betonen, welche Auswirkungen es hatte, dass Deutschland Anfang der 1930er auf fast 20 Jahre zur\u00fcckblickte, &#8222;in denen wirtschaftlicher Verfall und Unsicherheit die Erfahrung von Wohlstand und wirtschaftlichem Fortschritt weit \u00fcberwogen hatten&#8220;.(177) In einem Wort: der Kapitalismus schien aus dem Wachstumsdilemma nicht hinauszukommen und damit zusammenh\u00e4ngend war vom liberalen Fortschrittsversprechen nicht mehr viel \u00fcbrig (das gelte im \u00dcbrigen auch f\u00fcr den Keynes der 1930er Jahre, der Skepsis gegen\u00fcber der M\u00f6glichkeit eines langfristigen Wirtschaftswachstums hegte.)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Regime Hitlers ersetzte quasi, um die These Toozes zuzuspitzen, das liberale Evangelium, durch die &#8222;konzertierte Aktion&#8220; des sozialdarwinistischen, rassistischen Kampfes um Lebensraum, orientierte sich statt am US-Fordismus an einem v\u00f6lkisch-r\u00fcstungswirtschaftlichen (deformierten) Fordismus. Wirtschaftlicher Erfolg erschien nur noch m\u00f6glich durch eine &#8222;aggressive, auf milit\u00e4rischer St\u00e4rke beruhende Au\u00dfenpolitik&#8220;.(179) Der Weg Gustav Stresemanns einer nationalen inneren Landnahme kombiniert mit einem internationalen Multilateralismus wurde somit aufgegeben, wenngleich Reichsbankpr\u00e4sident und -minister Schacht eine zwischen beiden Polen vermittelnde Position einnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor diesem Interpretationsrahmen wird eine neue Deutung der Politischen \u00d6konomie, der Diplomatie- und der Milit\u00e4rgeschichte des deutschen Faschismus pr\u00e4sentiert. Allerdings deutet Tooze nur an, dass Deutschlands Aggressivit\u00e4t etwas mit der ungleichen Entwicklung im globalen Kapitalismus zu tun hat (16). Zwar erinnert dieses Argument an die imperialismustheoretisch fundierte These (marxistischer) Autoren \u00fcber den so genannten deutschen Sonderweg, doch f\u00fchrt Tooze weder dies aus, noch diskutiert er das Amerikanismus\/Fordismus-Paradigma in der Tradition Antonio Gramscis &#8211; wenngleich er sehr wohl auf den Fordismus im Allgemeinen eingeht und auch sozialstrukturelle Gr\u00fcnde f\u00fcr den geringen Lebensstandard Deutschlands in den 1930er Jahren im Vergleich zu dem der USA nennt. So ist er der Ansicht, dass es naiv w\u00e4re, den Ford-Mythos f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen, weil Henry Ford in erster Linie ein Propagandist gewesen sei und die europ\u00e4ische Industrie auch Massenproduktionstechniken gekannt habe (171). Urs\u00e4chlich f\u00fcr das geringe deutsche Pro-Kopf-Einkommen waren nach Tooze Deutschlands gro\u00dfer und ineffizienter Agrarsektor und die vielen r\u00fcckst\u00e4ndigen Betriebe und Werkst\u00e4tten im Handwerks- und Dienstleistungsgewerbe (173). Diese Sichtweise kommt der Gramscis nahe, der die unterschiedliche Entwicklung des Kapitalismus auf unterschiedliche Grade der Fordisierung zur\u00fcckgef\u00fchrt und den Amerikanismus u.a. als Ideologie beschrieben hatte, der die Kluft zwischen dem vorauseilenden Amerika und dem \u00f6konomisch zur\u00fcckgebliebenen Europa zu schlie\u00dfen beabsichtigte. Die Herausforderung f\u00fcr die europ\u00e4ischen Staaten analysierte Gramsci mit Blick auf die Klassenstrukturen. Ihm zufolge ben\u00f6tigte die Amerikanisierung (verstanden als Metapher f\u00fcr Rationalisierung, Produktivit\u00e4t, Innovation und Fortschritt) in Europa gewisse sozialstrukturelle Voraussetzungen. So etwa die &#8222;Rationalisierung der Bev\u00f6lkerung&#8220;, d.h. die Nicht-Existenz von parasit\u00e4ren Klassen und die Durchsetzung einer spezifischen Lebensweise (fordistischer Sozialcharakter), die der tayloristischen Produktion entgegenkam. Toozes Ergebnisse mit Gramscis Fordismus-Amerikanismus-Analyse kurzzuschlie\u00dfen, ist somit eine interessante zuk\u00fcnftige Forschungsfrage.<br \/>\nDie Konzentration auf die USA relativiert hingegen den Krieg gegen die Sowjetunion (die bekannterma\u00dfen die weitaus gr\u00f6\u00dften Opfer zu beklagen hatte) und damit einhergehend den Antikommunismus der nazistischen Ideologie. Beides erscheint nunmehr lediglich als Mittel zum Zweck &#8211; sicher eine diskussionsw\u00fcrdige These.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Aufr\u00fcstungsbestrebungen<\/strong><br \/>\nIm Zentrum jeder Wirtschaftsgeschichte des Dritten Reiches, betont Tooze, m\u00fcssen die Aufr\u00fcstungsbestrebungen der Nazi-F\u00fchrung stehen (wobei auf die Aufr\u00fcstungspl\u00e4ne der Reichswehr aus den 1920er Jahren zur\u00fcckgegriffen werden konnte). Alles andere, z.B. Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen und sozialpolitische Initiativen, waren lediglich Interimsma\u00dfnahmen (754). Nachdem sich die wirtschaftliche Situation nach den verheerenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise 1934 konsolidiert hatte &#8211; die sich im \u00dcbrigen unter einer anderen Regierung in \u00e4hnlicher Weise vollzogen h\u00e4tte -, setzten die Nazis die Priorit\u00e4t auf die R\u00fcstung. Zwischen Januar 1933 und dem Herbst 1938 wurde der Anteil des Milit\u00e4rhaushalts am Sozialprodukt von 1% auf 20% gesteigert.(755) &#8222;Kein kapitalistischer Staat hatte je in so kurzer Friedenszeit eine Umschichtung des gesamten Sozialprodukts in solchem Ausma\u00df vorgenommen.&#8220; (91)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bislang wurde in der Geschichtsschreibung \u00fcber den deutschen Faschismus die Aufr\u00fcstung den so genannten zivilen Mitteln nach dem Motto &#8222;Kanonen oder Butter&#8220; als sich ausschlie\u00dfende Ziele gegen\u00fcbergestellt. Dem widerspricht Tooze. Ihm zufolge waren die Kanonen auf strategischer Ebene nichts anderes als das Mittel, um an mehr Butter heranzukommen (197f.). In den F\u00e4llen der Eroberungen von D\u00e4nemark, Frankreich und der landwirtschaftlich so reichen Gebiete Osteuropas sei dies w\u00f6rtlich zu nehmen. Die R\u00fcstung war in den Augen von Hitler, G\u00f6ring etc., so k\u00f6nnte man Toozes Argument pr\u00e4zisieren, mittel- bis langfristig gesehen eine Investition in den k\u00fcnftigen Wohlstand, kurzfristig dagegen fehlten die Ressourcen f\u00fcr den Privatverbrauch und bedeutete etwa die Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht 1935 nichts anderes als &#8222;kollektive Massenferien f\u00fcr junge M\u00e4nner&#8220; (198), die mit \u00f6ffentlichen Mitteln bezuschusst keinerlei produktive Arbeit leisteten. Doch auch kurzfristig hatte die Politik der milit\u00e4rischen St\u00e4rke einen Nutzen: Sie war n\u00e4mlich selbst &#8222;eine spezifische Form des kollektiven Massenkonsums&#8220; (ebd.), &#8222;eine Art von spektakul\u00e4rer \u00f6ffentlicher Konsumtion&#8220; (199), die ihren Teil zur Integration der Massen beitrug (vgl. 754). F\u00fcr Tooze ist dieser Aspekt freilich noch ein Desiderat, doch an der These an sich, dass &#8222;Aufr\u00fcstung in den drei\u00dfiger Jahren ein ebenso riesiges \u00f6ffentliches Spektakel wie ein gewaltiger Schlund war, in dem all das Geld verschwand, das ansonsten dem Lebensstandard in Deutschland zugute gekommen w\u00e4re&#8220; (ebd.), k\u00f6nne kein Zweifel bestehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die enorme Steigerung des Milit\u00e4rhaushalts zeitigte indes schwerwiegende Konsequenzen: volkswirtschaftliche Disproportionen, Rohstoff- und Devisenmangel, Zahlungskrisen und vor allem den Zwang zum Krieg. &#8222;Man konnte die gigantische Mobilisierungsmaschinerie nicht endlos am Laufen halten. Wenn nicht beabsichtigt war, die Wehrmacht zu einem bestimmten Zeitpunkt einzusetzen, dann waren alle Argumente f\u00fcr eine Aufr\u00fcstung im 1936 geplanten Tempo Makulatur. In Anbetracht der erforderlichen Ressourcen waren Mittel und Zweck nicht l\u00e4nger voneinander zu trennen.&#8220; (255) Wieso aber entschied sich Hitler f\u00fcr den Krieg, obwohl er sich im Klaren dar\u00fcber war, dass das deutsche R\u00fcstungspotenzial dem seiner zuk\u00fcnftigen Gegner unterlegen war? Auch hier bietet Tooze einen neuen Erkl\u00e4rungsfaktor an: Die enormen durch die R\u00fcstung hervorgerufenen volkswirtschaftlichen Missverh\u00e4ltnisse f\u00fchrten im Laufe des Jahres 1939 zu einer fundamentalen Krise. Die Devisenreserven schienen ersch\u00f6pft und die schuldenfinanzierte Aufr\u00fcstung gef\u00e4hrdete die Stabilit\u00e4t der W\u00e4hrung. Als einzige M\u00f6glichkeit, die Devisenreserven wieder aufzustocken, bot sich eine F\u00f6rderung des Exports an. Doch das wiederum bedeutete eine Einschr\u00e4nkung der R\u00fcstungsbestrebungen. Die Zeit lief im R\u00fcstungswettlauf insofern eindeutig gegen das Reich. Je l\u00e4nger man mit dem Krieg wartete, desto ung\u00fcnstiger entwickelte sich das Verh\u00e4ltnis. Die Schlussfolgerung, die Hitler daraus zog, lautete: M\u00f6glichst schnell losschlagen (363). General Georg Thomas, der die Prognose \u00fcber das R\u00fcstungsverh\u00e4ltnis mit Zahlen aufbereitet hatte, bezweckte urspr\u00fcnglich genau das Gegenteil: Eine Verz\u00f6gerung des Krieges aufgrund der aussichtslosen Lage (er schloss sich dann aber Hitlers Meinung an). Tooze erachtet dieses Argument nicht als das allein ausschlaggebende. Er beschreibt des Weiteren die diplomatischen Gegebenheiten und die Rolle der antisemitischen und rassistischen Ideologie, in deren Zentrum die Unvermeidlichkeit des Volkstumskampfes stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tooze zieht folgendes Fazit \u00fcber das Wettr\u00fcsten: Es sei klar gewesen, dass die gewaltige Kluft zwischen der Gesamtproduktion des Hitlerfaschismus und dem kombinierten R\u00fcstungsaussto\u00df seiner Feinde vorhersehbar gewesen ist. 1941, noch vor dem Einmarsch der Wehrmacht in die SU und bevor die US-Wirtschaft in voller Fahrt war, betrug das Verh\u00e4ltnis des Bruttoinlandsprodukts von England, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten zu dem Deutschlands 4,36:1 (732). Dieses Verh\u00e4ltnis gestaltete sich auch nach der Einsetzung Albert Speers nicht besser. Das vermeintliche R\u00fcstungswunder unter Speer verweist Tooze \u00fcbrigens in den Bereich der Legenden, ebenso die von dem unwissenden Technokraten Speer. Vielmehr zeigt er, dass das R\u00fcstungsministerium unter Speer und seinen Gehilfen Karl-Otto Saur und Wilhelm Zangen (beide nach 1945 in der Bundesrepublik wohlgelittene St\u00fctzen des Wirtschaftswunders) eine apokalyptische Gewaltspur \u00fcber Europa legte, die Millionen Menschen das Leben kostete (769). Und \u00fcberdies: Speer ging ein immer engeres B\u00fcndnis mit Himmler ein und dieser machte ihn zum Komplizen des V\u00f6lkermords an den europ\u00e4ischen Juden (697f.).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Neue Gesichtspunkte f\u00fcr die ersten Kriegsjahre<\/strong><br \/>\nF\u00fcr die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges ergeben sich Tooze zufolge mehrere neue Gesichtspunkte. Zun\u00e4chst einmal setzte sich die antiwestliche Komponente des NS-Antisemitismus in den Jahren 1940 und 1941 unvermindert fort. Das hei\u00dft, dass sich Hitlers Kriege im Westen und im Osten nicht auseinanderdividieren lassen. Obwohl sie auf verschiedene Weise gef\u00fchrt wurden, waren sie beide gleicherma\u00dfen ideologisch motiviert. Es war &#8218;ein&#8216; Krieg gegen das Weltjudentum: im Osten der j\u00fcdische Bolschewismus, im Westen Roosevelt als j\u00fcdischer Vertreter der Wall Street (vgl. 762).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">1941 gab es zudem einen zwingenden wirtschaftlichen Grund, den Krieg auszuweiten. Dem Siegestaumel der deutschen F\u00fchrung infolge des Sieges gegen Frankreich folgte eine desillusionierte Stimmung, da offenkundig wurde, dass der neue gro\u00dfdeutsche Wirtschaftsraum nicht lebensf\u00e4hig war. \u00d6lknappheit, Engp\u00e4sse bei der Kohlenversorgung und bei den Futtermitteln pr\u00e4gten die \u00f6konomische Situation. Toozes Argument: &#8222;Solange sich Deutschland keinen Zugang zu den Getreide\u00fcbersch\u00fcssen und dem \u00d6l der Sowjetunion verschaffen und eine dauerhafte Steigerung der Kohlenversorgung organisieren konnte, war der europ\u00e4ische Kontinent von einem anhaltenden Niedergang der Produktion, der Produktivit\u00e4t und des Lebensstandards bedroht.&#8220; (763) Wenngleich hieraus der Entschluss f\u00fcr den Krieg gegen die Sowjetunion resultierte, so wird konstatiert, dass das Deutsche Reich zu keinem Zeitpunkt seine industriellen Ressourcen voll und ganz auf den Kampf gegen die SU konzentrierte. Eben weil es parallel dazu immer Vorbereitungen f\u00fcr den Luftkrieg gegen Gro\u00dfbritannien und die USA traf (765). Mehr noch: Nicht nur auf zwei, sondern auf drei Kriege bereitete sich die NS-F\u00fchrung vor. Der dritte war der gegen die Zivilbev\u00f6lkerung Osteuropas, in erster Linie gegen die Juden gerichtet (ebd.). Tooze sieht gerade auch in diesem Krieg eine untrennbare Verflechtung von pragmatisch-\u00f6konomischen mit v\u00f6lkerm\u00f6rderischen ideologischen Motiven.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Vernichtungspolitik und Holocaust<\/strong><br \/>\nDiese Beschreibung der Verkettung von \u00f6konomischen und ideologischen Faktoren f\u00fcr die Ingangsetzung der Vernichtungspolitik und der Endl\u00f6sung geh\u00f6rt zu den beeindruckendsten Abschnitten von &#8218;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8216;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Beherrschendes Thema der Milit\u00e4rkrise 1941\/42 war die Frage der Arbeitskraft. Als Gauleiter Fritz Sauckel im M\u00e4rz 1942 von Hitler die Vollmacht f\u00fcr die Organisation des Arbeiteinsatzes erhielt, rief dieser umgehend eines der gewaltigsten Zwangsarbeiterprojekte ins Leben, das die Welt je gesehen hatte. Doch wie lassen sich der Mangel an Arbeitskr\u00e4ften und die Bem\u00fchungen Sauckels, hier Abhilfe zu schaffen, mit dem sich parallel vollziehenden Judeozid vereinbaren? Kann dies anders als eine katastrophale Vernichtung von Arbeitskraft interpretiert werden? Zeigt sich in diesem Punkt nicht das absolute Primat der rassistischen Politik \u00fcber \u00f6konomische Aspekte?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch Tooze ist in Einklang mit fast allen seinen Historikerkollegen der Meinung, dass dies nicht g\u00e4nzlich in Abrede zu stellen ist. Doch dann entwickelt er eine Argumentation, die nicht nur nuancierter ist, sondern eben auch die Verkn\u00fcpfung von \u00f6konomischen und ideologischen Motiven aufzeigt. Sein entscheidender Punkt ist es, den \u00f6konomischen Imperativ nicht allein auf die Frage der Arbeitskraft zu reduzieren. So n\u00e4mlich \u00fcbersehe man die nicht weniger entscheidende Frage der Ern\u00e4hrung &#8211; und damit einen Aspekt, der 1941 zu einem v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen und ebenfalls ungemein m\u00e4chtigen \u00f6konomischen Imperativ f\u00fcr den Massenmord wurde. &#8222;Die Ern\u00e4hrungsfrage dr\u00e4ngt sich sozusagen in den Widerspruch zwischen \u00d6konomie und Ideologie hinein, zwischen die Imperative Arbeitskraft und V\u00f6lkermord.&#8220; (619) Hierzu muss man wissen, und Tooze betont dies, dass der Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung im Ersten Weltkrieg eine traumatische Erfahrung gewesen war, die die Nazi-F\u00fchrung nunmehr mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Dar\u00fcber hinaus argumentiert Tooze, dass die &#8222;engmaschige Verflechtung zwischen Agrariern und SS&#8220; in den Blick genommen werden muss, um zu verstehen, wie &#8222;die doppelte Mission des Bauernschutzes und der Ern\u00e4hrung des Volkes zu einigen der extremsten und m\u00f6rderischsten politischen Beschl\u00fcssen des Dritten Reiches f\u00fchren konnte.&#8220; (205) Die Ideologie der Agrarier sei somit (mit)entscheidend f\u00fcr die au\u00dfergew\u00f6hnliche Militanz des Hitlerregimes (217).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So kam es, dass die Wehrmacht mit drei Massenmordprogrammen in die SU einmarschierte. W\u00e4hrend die Endl\u00f6sung und der Generalplan Ost sorgsam beh\u00fctete Geheimnisse waren, so wurden in Bezug auf den so genannten Hungerplan keinerlei derartige Bem\u00fchungen unternommen. Dieser vom sp\u00e4teren Reichsminister f\u00fcr Ern\u00e4hrung, Herbert Backe, entworfene Plan sah vor, sowjetische St\u00e4dte schlicht und einfach aus der Nahrungskette auszugliedern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch dieser Plan erwies sich als nicht durchf\u00fchrbar: Die Menschen lie\u00dfen sich nicht einfach aushungern und die Wehrmacht scheiterte gl\u00fccklicherweise mit ihrem Versuch, die urbanen Zentren Leningrad und Moskau einzunehmen (558). \u00dcber diese Planungen, die f\u00fcr 20 bis 30 Millionen Menschen in der SU den Hungertod vorsahen, und insbesondere \u00fcber eine Versammlung der Staatssekret\u00e4re mit General Thomas am 2. Mai 1942 schreibt Tooze: &#8222;In einer Sprache, die um ein Vielfaches unverbl\u00fcmter war als alle Begriffe, die je bei der Behandlung der &#8218;Judenfrage&#8216; benutzt wurden, gaben s\u00e4mtliche wichtigen Beh\u00f6rden des NS-Staates ihre Zustimmung zu einem Massenmordprogramm, dessen Umfang die Vorschl\u00e4ge, die Heydrich neun Monate sp\u00e4ter auf der Wannseekonferenz machen sollte, regelrecht in den Schatten stellte.&#8220; (552)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die milit\u00e4rische Krise 1941\/42 ging einher mit einer Arbeitskr\u00e4ftebeschaffungs- und einer Ern\u00e4hrungskrise. Diese Situation ruft nun einen modifizierten Hungerplan auf die Tagesordnung, der im Kontext &#8222;des ideologischen Drangs zum Massenmord und der pragmatischen Anforderungen der Kriegswirtschaft&#8220; betrachtet, viele der bislang angenommen Widerspr\u00fcche der NS-Politik des Jahres 1942 aufl\u00f6ste. Denn der modifizierte Hungerplan, von Backe und der Wehrmacht ausgedacht, beruhte auf der Annahme, dass 100 gut ern\u00e4hrte Zwangsarbeiter produktiver als 200 schlecht gen\u00e4hrte seien. Die Konsequenz: Verteilung der knappen Lebensmittel auf weniger Arbeitskr\u00e4fte, die anderen k\u00f6nnen dem Hungertod preisgegeben werden. Nicht der Antisemitismus, schreibt Tooze, sondern die materialistische Logik der Ern\u00e4hrungslage war ausschlaggebend f\u00fcr diesen Plan. Freilich stand an erster Stelle der zu t\u00f6tenden Personen stets die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung. Insofern sieht Tooze die Modifikation des Hungerplans von 1942 im Vergleich zu 1941 in der Verschr\u00e4nkung mit dem rassisch motivierten V\u00f6lkermord, insbesondere aber mit dem Holocaust an den polnischen Juden (625).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der angeblich so massive Widerspruch zwischen \u00d6konomie und Ideologie, mit dem Tooze seine Argumentation eingeleitet hatte, muss also in mehrfacher Hinsicht revidiert werden. &#8222;Erstens wurde der Konflikt zwischen der Beschaffung der kriegswirtschaftlich n\u00f6tigen Arbeitskr\u00e4fte und der Realisierung der v\u00f6lkerm\u00f6rderischen Bed\u00fcrfnisse des Regimes durch eine Reihe von Kompromissen und praktischen Sonderma\u00dfnahmen abgeschw\u00e4cht. Zweitens wurde die Vernichtung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung im Generalgouvernement auf eine pervers funktionelle Weise mit dem Zweck verkn\u00fcpft, die allgemeine Ern\u00e4hrungslage und insbesondere die Lebensmittelrationen f\u00fcr die Arbeitskraft in den Bergwerken und Fabriken des Reiches zu verbessern.&#8220; (631)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Adam Tooze schlie\u00dft mit dieser Argumentation an die von G\u00f6tz Aly\/Susanne Heim und vor allem von Christian Gerlach an, deren Arbeiten er auch heranzieht. Gerlach hatte in seinem Buch &#8218;Kalkulierte Morde&#8216; (1999) zuletzt die These des Hungerplans und der Verschr\u00e4nkung von ideologischen und pragmatisch-\u00f6konomischen Motiven f\u00fcr die Vernichtungspolitik und die Einordnung der Endl\u00f6sung in den Kontext eines imperialistischen Eroberungskrieges mit kolonialistischen Praktiken in die Fachdiskussion eingebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gewisse Widerspr\u00fcchlichkeiten in Toozes Argumentation sind indes nicht von der Hand zu weisen. So stellt sich die Frage, wie das Primat der Ideologie mit der Verflechtung von \u00d6konomie und Ideologie in Einklang zu bringen ist. Ferner bleibt eine Leerstelle, warum und wie im Einzelnen der \u00dcbergang zur T\u00f6tung mit Gas erfolgte. Tooze erw\u00e4hnt lediglich, dass den Angeh\u00f6rigen der mordenden Einsatzgruppen das T\u00f6ten von Hand zu sehr &#8222;an die Nieren ging&#8220;, so dass man anfing, \u00fcber &#8222;humanere&#8220;, weniger &#8222;schmutzige&#8220; Methoden des T\u00f6tens nachzudenken. Dem Leser stellt sich allerdings die Frage, ob der \u00dcbergang zum T\u00f6ten in den Gaskammern nicht auch eine Reaktion auf den gescheiterten ersten Hungerplan war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Diktatur f\u00fcr wen?<\/strong><br \/>\nIn seinem f\u00fcr Furore sorgenden Buch &#8218;Hitlers Volksstaat&#8216; (2005) hat G\u00f6tz Aly versucht, mit herk\u00f6mmlichen, insbesondere aber auch mit orthodoxen marxistischen Interpretationen des Faschismus aufzur\u00e4umen: Nicht die herrschende Klasse, insbesondere das Finanz- und Gro\u00dfkapital, seien Nutznie\u00dfer und F\u00f6rderer des Hitlerfaschismus gewesen, sondern die breite Masse der Lohnabh\u00e4ngigen, deren Integration durch sozialpolitische Ma\u00dfnahmen erkauft worden sei. Gerade die Kriegswirtschaft und der Holocaust m\u00fcssten somit als gr\u00f6\u00dfter Massenraub der Geschichte interpretiert werden. Die Frage, worin der soziale Inhalt der faschistischen Diktatur bestand, also welche Klasse in erster Linie von ihr profitierte und sie unterst\u00fctzte, ist mit die umstrittenste in der Geschichtsschreibung \u00fcber den deutschen Faschismus. Das konnte man zuletzt an den teils harschen Reaktionen auf Alys Thesen beobachten. Zu den sch\u00e4rfsten Kritikern, nicht im Ton, sondern in der Sache, geh\u00f6rte Adam Tooze. Insofern kann man &#8218;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8216; auch als implizite Auseinandersetzung mit Alys Thesen lesen, mehr noch: Es muss als Gegenpart zu Alys Buch betrachtet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Verdienst Toozes ist es, mit ein paar hartn\u00e4ckigen Mythen \u00fcber die NS-Politik aufzur\u00e4umen: So l\u00e4sst sich das Argument, dass sich die Deutschen f\u00fcr Hitlers Regime begeistert h\u00e4tten, weil sie durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit materiell abgesichert worden seien, nicht belegen (125). Vielmehr sei das Volk immer mal wieder irritiert \u00fcber die vielen kleinen Einschr\u00e4nkungen des Alltags gewesen. Und Tooze zeigt, dass der Konsumg\u00fctermarkt stagnierte und eingeschr\u00e4nkt wurde, die Mittel f\u00fcr die Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen bereits im Dezember 1933 de facto gek\u00fcrzt wurden und die Priorit\u00e4t eindeutig auf dem R\u00fcstungssektor lag. Selbst das hartn\u00e4ckigste Argument \u00fcber die vermeintlich guten Seiten Hitlers &#8211; der Autobahnbau und die Beseitigung der Arbeitslosigkeit &#8211; demontiert er als Propagandashow und untrennbar verbunden mit den Kriegsvorbereitungen. Freilich achtete die NS-Spitze darauf, den Bogen nicht zu \u00fcberspannen (und somit kann man Alys Argumentation partiell durchaus zustimmen). Beispielsweise wurde im Sommer 1934 angesichts der Zahlungsbilanzkrise eine 40%ige Abwertung der Reichsmark diskutiert, die den au\u00dfenwirtschaftlichen Vorteil der Briten und der USA h\u00e4tte kompensieren k\u00f6nnen. Doch man entschied sich mit dem Argument dagegen, dass dies einen Anstieg der Lebenshaltungskosten der Arbeiter zur Folge haben w\u00fcrde (103).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit dem Berliner Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl zeigt Tooze, dass der Anteil der Konsumausgaben am Sozialprodukt von 75% im Jahr 1928 auf 65% 1936 sank. Der Lebensstandard der Deutschen war nicht nur relativ, auch absolut betrachtet geringer, da die Wirtschaftsleistung noch geringer als vor Beginn der Wirtschaftskrise war. Best\u00e4tigt werden somit Aussagen von Marxisten wie Charles Bettelheim, Franz Neumann und J\u00fcrgen Kuczynski \u00fcber die Umverteilung des deutschen Volkseinkommen zugunsten der Kapitals.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im ersten Kriegsjahr fiel das ohnehin schon beschr\u00e4nkte Konsumniveau dann um 11% pro Kopf. Tooze betont mehrmals, dass f\u00fcr den Krieg alle Ressourcen mobilisiert wurden und eine Einschr\u00e4nkung des Konsums an der Heimatfront in Kauf genommen wurde. Die Rationierung der Konsumg\u00fcter sei mithin die erste Verteidigungslinie gewesen (412).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein weiteres Argument, welches zuletzt Aly anf\u00fchrte, um seine These der &#8222;sozialdemokratischen&#8220; Politik des Nazifaschismus zu st\u00fctzen, wird von Tooze relativiert. Es handelt sich um die Tatsache, dass das Dritte Reich zu keinem Zeitpunkt auf die Erh\u00f6hung der Einkommenssteuer zur\u00fcckgriff, um seine Kriege zu finanzieren. Das stimmt durchaus, so Tooze, nur k\u00f6nne das angesichts des bescheidenen Lebensstandards niemanden \u00fcberraschen. Die Nazif\u00fchrer entschieden sich stattdessen Mitte 1941 f\u00fcr eine Erh\u00f6hung der K\u00f6rperschaftssteuer und f\u00fcr eine einmalige Vorauszahlung des in den n\u00e4chsten Jahren zu erwartenden Steuervolumens bei Immobilienbesitzern (570). Nun sind freilich in beiden letzteren Ma\u00dfnahmen isoliert betrachtet durchaus Elemente erkennbar, die auch im Rahmen einer sozialdemokratischen Politik denkbar w\u00e4ren. In Anbetracht der Tatsache, dass die Unternehmensgewinne w\u00e4hrend der faschistischen Diktatur sprudelten wie selten zuvor, und das Konsumniveau der Bev\u00f6lkerung stagnierte, sollte hingegen von einer w\u00f6rtlich genommenen national-sozialistischen Politik nicht l\u00e4nger die Rede sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und \u00fcberhaupt bedeutet Tooze zufolge die mangelnde Bereitschaft der Nazif\u00fchrung, die Kosten des Krieges mittels Steuererh\u00f6hung voll auf die Bev\u00f6lkerung abzuw\u00e4lzen, nicht, dass die realen Kosten nicht doch &#8211; eben auf andere Art &#8211; von den &#8222;Volksgenossen&#8220; getragen wurden (741). Ob nun L\u00f6hne oder Sozialleistungen vom Staat massiv besteuert wurden oder nicht, die Rationierungen und Restriktionsma\u00dfnahmen in der Verbrauchsg\u00fcterindustrie (und schlie\u00dflich auch die Folgen der alliierten Bombardements) sorgten daf\u00fcr, dass mit den nicht voll besteuerten Einkommen sowieso nicht mehr viel konsumiert werden konnte &#8211; es sei denn auf dem Schwarzmarkt.<br \/>\nKurzum, Tooze belegt: Im Nazifaschismus profitierte das Unternehmertum durch hohe Gewinne, w\u00e4hrend der Lebensstandard der Lohnabh\u00e4ngigen relativ und absolut sank.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Integration der Massen<\/strong><br \/>\nDoch schlie\u00dft das keinesfalls aus, dass mehr oder weniger gro\u00dfe Teile der arbeitenden Bev\u00f6lkerung nicht nur in das System integriert gewesen waren, sondern es auch aktiv unterst\u00fctzten. Partiell kann dies, wie Aly argumentiert, durchaus durch materielle Bestechungen erfolgt sein, wenn etwa der Familie Kriegsbeute als Geschenk mit nach Hause gebracht wurde. Doch Tooze h\u00e4lt fest: &#8222;Das simplifizierende Klischee, dass sich die Deutschen f\u00fcr Hitlers Regime begeistert h\u00e4tten, weil sie dank der triumphalen Arbeitsbeschaffungsprogramme in Lohn und Brot gekommen seien, l\u00e4sst sich schlicht und einfach nicht belegen.&#8220;(125) Das Volk habe sich vielmehr angesichts der vielen Einschr\u00e4nkungen im Alltag verst\u00f6rt gezeigt, was an den Stimmungsberichten der Gestapo abzulesen sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie aber erkl\u00e4rt sich Tooze die Massenintegration &#8211; eine Frage, die in der orthodoxen marxistischen Faschismustheorie in der Regel ausgeblendet blieb und die erst in der letzten Zeit, \u00fcberwiegend jedoch im englischsprachigen Raum, im Rahmen einer Faschismusdiskussion problematisiert wurde? Bedauerlicherweise behandelt er diese Frage nur en passant. Seine These lautet: &#8222;Die Vorstellung, dass die Remilitarisierung der deutschen Gesellschaft etwas von oben Aufoktroyiertes gewesen sei und dass die meisten Deutschen lieber Butter als Kanonen bekommen h\u00e4tten, ist schlicht falsch. F\u00fcr viele Millionen Deutsche war der Wiederaufbau der Reichswehr zur Wehrmacht ganz eindeutig das erfolgreichste innenpolitische Kapitel ihres Regimes, und ebenso viele empfanden den kollektiven Massenverbrauch von Waffen als einen mehr als ausreichenden Ersatz f\u00fcr privaten Wohlstand.&#8220;(754) Das hei\u00dft, die Massenbasis des deutschen Faschismus st\u00fctzte sich in erster Linie auf nationalistische und militaristische Einstellungen der deutschen Bev\u00f6lkerung infolge des &#8222;tiefsitzenden Unterlegenheitsgef\u00fchls&#8220; (173) nach dem Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In dieser Zuspitzung erscheint diese Erkl\u00e4rung jedoch als zu einseitig. Zu ber\u00fccksichtigen w\u00e4re durchaus die Frage, ob die Integration nicht auch durch Ver\u00e4nderungen in der Klassenstruktur, mit der eine vermeintliche partielle Modernisierung einherging, erfolgte. Beziehungsweise ob zun\u00e4chst allein das Versprechen der Faschisten, f\u00fcr Arbeitspl\u00e4tze und eine Hebung des Lebensstandards einzutreten, mobilisierend wirkte. In der Tat waren die 1930er und 40er Jahre, wie Tooze selbst zeigt, eine Phase der sozialen Mobilit\u00e4t. Viele Arbeiter stiegen zwar nicht in die Mittelschicht, jedoch zum Facharbeiter auf (177). Michael Schneider, Autor der opulenten Studie &#8218;Unterm Hakenkreuz&#8216;, weist indessen darauf hin, dass die Verbesserung sozialer Aufstiegschancen f\u00fcr den deutschen Arbeiter auf Kosten des sozialdemokratischen, kommunistischen oder j\u00fcdischen Arbeiters erfolgte und freilich nicht mit einem Zugewinn an individuellen Selbstentfaltungsm\u00f6glichkeiten verbunden war.[5] Insofern trifft der Begriff &#8222;partielle Modernisierung&#8220; die Sache nicht richtig. Schneider weist auf einen weiteren Faktor hin, der zur Integration in das Dritte Reich beitrug: Das nationalsozialistische Arbeitsethos konnte an eine weit verbreitete Hochsch\u00e4tzung der Arbeit in der deutschen Bev\u00f6lkerung ankn\u00fcpfen.[6] Und damit sind l\u00e4ngst noch nicht alle Faktoren benannt, die dazu beitrugen, dass so viele Deutsche aktiv oder passiv das Dritte Reich unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Verh\u00e4ltnis zwischen Industrie und Politik<\/strong><br \/>\nWenn Tooze die faschistische Diktatur als Diktatur f\u00fcr das Unternehmertum beschreibt, ist es unerl\u00e4sslich, das Verh\u00e4ltnis von Industriellen und nationalsozialistischer Staatsf\u00fchrung im Einzelnen zu analysieren. Tooze widmet sich in einem eigenen Kapitel dieser Frage, dar\u00fcber hinaus kommt er immer wieder auf dieses umstrittene Thema zur\u00fcck. F\u00fcr ihn ist klar, dass die Unternehmer &#8222;willige Partner&#8220; bei der Vernichtung des politischen Pluralismus in Deutschland waren (129). Detailliert beschreibt er beispielsweise den &#8222;faustischen Pakt&#8220; zwischen der jungen technologischen F\u00fchrung der IG Farben (in Gestalt Carl Krauchs, nach 1945 vorzeitig aus der Haft entlassen und wieder als Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens t\u00e4tig).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Da das Verh\u00e4ltnis von Gro\u00dfkapital und Faschismus im Zentrum der orthodoxen marxistischen Faschismustheorien steht, diskutiert Tooze auch deren Ergebnisse. Insbesondere auf das heute noch als Standardwerk geltende dreib\u00e4ndige Werk &#8218;Die Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft&#8216; von Dietrich Eichholtz wird Bezug genommen. In einigen Punkten freilich widerspricht Tooze Eichholtz. So etwa in der Frage, wie die Amtseinf\u00fchrung von Fritz Todt in das Amt des Chefs des neuen Reichsministeriums f\u00fcr Bewaffnung und Munition im M\u00e4rz 1940 zu deuten sei. Nach Eichholtz war dies auf die direkte Einflussnahme des deutschen Kapitals zur\u00fcckzuf\u00fchren. Tooze hingegen ist sich da nicht so sicher, wenngleich er zugesteht, dass das Gro\u00dfunternehmertum zweifelsohne der gr\u00f6\u00dfte Nutznie\u00dfer von Todts Wirken war, eine Reihe von Unternehmern privilegierten Zugang zu Hitler hatten und sich Todt, kaum im Amt, umgehend um ein B\u00fcndnis mit der deutschen Industrie bem\u00fchte &#8211; wovon die Reichsgruppe Industrie begeistert war (406f.) Das NS-System unter Albert Speer wird charakterisiert als B\u00fcndnis brutalster NS-Ideologen mit den Schwergewichten des Unternehmertums, zusammengehalten durch die Person Speer (633) bzw. als &#8222;eine Allianz des NS-Regimes mit den f\u00fchrenden Elementen des deutschen Industriekapitalismus zum Zweck der Absicherung ihres gemeinsamen \u00dcberlebens in einem Kampf um Leben und Tod gegen den Stalinismus&#8220;. (655)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Tooze nennt vier Gr\u00fcnde, warum sich die Industrie so willig mit dem NS-Staat arrangierte, diesen unterst\u00fctzte und daher auch die vielen staatsinterventionistischen Eingriffe duldete. Der erste liegt kontr\u00e4r zu Positionen marxistisch-leninistischen Ursprungs, wenngleich er mit einem marxistisch reformulierten Bonarpartismus-Theorem durchaus zu vereinbaren ist. Tooze zufolge war das Unternehmerlager durch die Weltwirtschaftskrise in eine Schw\u00e4cheposition geraten. Insofern mobilisierte es, anders als 1918\/19, nicht gegen die neue Regierung. Dieses Argument krankt jedoch daran, und das thematisiert Tooze nicht, dass die Novemberrevolution zumindest die Frage der \u00c4nderung der wirtschaftlichen Besitzverh\u00e4ltnisse auf die Tagesordnung setzte, Hitlers faschistische Bewegung trotz ihres &#8222;linken&#8220; antikapitalistischen Strasser-Fl\u00fcgels dagegen nicht. Wichtiger d\u00fcrfte daher der zweite Faktor sein: Der autorit\u00e4re innenpolitische Stil der Nazis gefiel dem Kapital, zumal die ersten Leidtragenden die sozialdemokratische und kommunistische Arbeiterbewegung war. Die damit zusammenh\u00e4ngende Schw\u00e4chung der Gewerkschaften f\u00fchrte dazu, dass die Profite der Unternehmer rasant anstiegen. Damit eng verwoben ist der dritte Grund: Nackter Zwang wurde nur selektiv, eben gegen die organisierte Arbeiterbewegung, politische Oppositionelle und Juden ausge\u00fcbt, er richtete sich aber nicht gegen Kapitalvertreter. Vielmehr bediente sich das Regime, insbesondere unter der von Speer geleiteten &#8222;Selbstverwaltung der Wirtschaft&#8220;, der autonomen Initiative von Managern, Gesch\u00e4ftsleuten und Technikern. Das hei\u00dft, partiell \u00fcbte die Wirtschaft selbst staatliche Regulierungsfunktionen und staatliche Macht aus.[7] Als vierten Faktor nennt Tooze schlie\u00dflich: &#8222;Angesichts der h\u00f6chst ungleich verteilten Eigentumsverh\u00e4ltnisse und Organisationsstrukturen in der deutschen Wirtschaft und angesichts der mangelnden Einigkeit unter den konkurrierenden kapitalistischen Interessen waren letztlich nur ein paar wohlgew\u00e4hlte taktische B\u00fcndnisse n\u00f6tig, um entscheidende Sektoren aus Industrie und Handel in genau die Richtung zu dr\u00e4ngen, die dem Regime genehm war.&#8220; (757)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Fazit<\/strong><br \/>\nStellt Adam Toozes &#8218;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8216; nun also einen Einschnitt in der zeitgeschichtlichen Forschung \u00fcber den deutschen Faschismus dar, wie Wehler meint? Res\u00fcmierend wird man sagen k\u00f6nnen: ja, durchaus. Obschon ein Verdienst, den Wehler herausstellt, n\u00e4mlich Toozes angebliches Dementi der marxistischen Behauptung \u00fcber die Steuerung der NS-Diktatur durch den Kapitalismus, eher auf Wehlers Ignoranz gegen\u00fcber marxistischen Ans\u00e4tzen jenseits des Marxismus-Leninismus beruht. Werner R\u00f6hr ist zuzustimmen, dass Tooze &#8222;wie nur selten ein b\u00fcrgerlicher Historiker dokumentiert, wie willig und geradezu begierig die Gro\u00dfbourgeoisie die staatliche Regulierung der Wirtschaftspolitik angenommen und unterst\u00fctzt hat&#8230;&#8220;[8] Und das, obwohl Tooze sich gelegentlich auf konzernapologetische Historiker st\u00fctzt, worauf vor allem Otto K\u00f6hler hingewiesen hat,[9] und marxistische und andere kritische Forschungsergebnisse nur gelegentlich ber\u00fccksichtigt. Damit liefert Tooze wissenschaftliche Argumente gegen G\u00f6tz Alys Sichtweise, eine Kontinuit\u00e4tslinie von der angeblichen sozialdemokratischen Politik der Nazis zu der der Bundesrepublik zu ziehen &#8211; verbunden mit der mehr oder minder deutlich ausgesprochenen Schlussfolgerung f\u00fcr die Gegenwart, nun aber Schluss mit der Sozialpolitik zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Anschluss an Tooze l\u00e4sst sich hingegen ein tiefergehendes und weiterf\u00fchrendes Verst\u00e4ndnis der Transformationsproblematik des Kapitalismus der 1920er und 30er Jahre gewinnen, auf die der Faschismus die irrationale Krisenl\u00f6sung in Form m\u00f6rderischer Rationalit\u00e4t darstellt. Ein solches auch f\u00fcr heute noch aktuelles zeitdiagnostisches Verst\u00e4ndnis einer folgenschweren Transformationsperiode des Kapitalismus im 20. Jahrhundert findet sich bei Keynes, einem damaligen Protagonisten f\u00fcr eine neue Wirtschafts- und Friedensordnung: &#8222;Der dekadente internationale, aber individualistische Kapitalismus, in dem wir uns nach dem Kriege befanden, hat zu keinem Erfolg gef\u00fchrt. Er ist nicht klug, nicht sch\u00f6n, nicht gerecht und nicht sittlich &#8211; und er liefert nur unzul\u00e4ngliche G\u00fcter. Kurz wir missbilligen ihn und beginnen ihn zu verachten. Aber wir sind \u00e4u\u00dferst perplex, wenn wir uns \u00fcberlegen, was an seine Stelle gesetzt werden soll.&#8220;[10]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zugespitzt l\u00e4uft diese Interpretation also auf die These hinaus, dass Keynes schon in den ersten Entwicklungsstufen der fordistisch-tayloristischen Betriebsweise den \u00dcbergang in eine postkapitalistische Gesellschaftsformation f\u00fcr m\u00f6glich hielt. Keynes kritisierte in den nachfolgenden Jahren die politisch unzul\u00e4nglichen Ans\u00e4tze zu einem Regulationsrahmen der Kapitalakkumulation und einer zukunftssicheren Friedensordnung zu kommen. Seine These lautet: &#8222;In wenigen Jahren &#8211; damit meine ich, noch zu unseren Lebzeiten &#8211; werden wir in der Lage sein, alle T\u00e4tigkeiten in der Landwirtschaft, im Bergbau und im Produzierenden Gewerbe mit einem Viertel der menschlichen Anstrengungen durchzuf\u00fchren.&#8220;[11] Die Gesellschaften h\u00e4tten &#8211; so Keynes &#8211; die M\u00f6glichkeiten dieser neuen Wirtschaftsperiode noch nicht erfasst. Es dominiere noch das Denken aus der krisenhaft zuendegehenden \u00fcberlieferten Wirtschaftsperiode des 19. Jahrhunderts &#8211; einer Mangel\u00f6konomie. An eine solche glaubte auch der Faschismus und wollte sie mit einer &#8222;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8220; \u00fcberwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hervorzuheben ist an &#8218;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8216; dar\u00fcber hinaus, dass die immer noch virulente apologetische Interpretation von Speers Rolle destruiert wird. In diesem Kontext ist ferner zu erw\u00e4hnen, dass Tooze sich auch deutlich gegen aktuelle Lesarten ausspricht, die Bombardements deutscher St\u00e4dte mit Begriffen wie Holocaust zu beschreiben. Das sei eine &#8222;massive Geschichtsklitterung&#8220;, denn die Luftangriffe h\u00e4tten durchaus eine milit\u00e4r-strategische Funktion gehabt: Sie verhinderten alle Pl\u00e4ne f\u00fcr weitere R\u00fcstungsproduktionssteigerungen (686). Ebenso unsinnig sei es, die zweifelsohne grausame Rache der Sowjetsoldaten mit ebensolchen Begrifflichkeiten zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und last but not least ist Toozes Versuch zu w\u00fcrdigen, die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden nicht als isolierten Vernichtungsakt um seiner selbst willen darzustellen, sondern den Holocaust in den Kontext eines imperialistischen Eroberungsund Vernichtungskriegs zu stellen, dem noch &#8211; Stichwort Generalplan Ost und Hungerplan &#8211; weitaus mehr Menschen zum Opfer fallen sollten, um den Lebensraum im Osten mit &#8222;Volksdeutschen&#8220; besiedeln zu k\u00f6nnen. Wie erw\u00e4hnt ist Toozes Argumentation hier nicht v\u00f6llig \u00fcberzeugend, da die Verschr\u00e4nkung von Judeozid und weitergehenden Vernichtungspl\u00e4nen noch nicht im Detail dargestellt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kritisch anzumerken w\u00e4re, dass Tooze zwar eine Reihe von Biografien von Unternehmern skizziert, nicht jedoch ihren zumeist ebenso erfolgreichen Werdegang in der fr\u00fchen Bundesrepublik. Doch die Elitenkontinuit\u00e4t zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik ist ein anderes Thema, die aufzuzeigen sich Tooze nicht als Aufgabe gestellt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Anmerkungen:<\/strong><br \/>\n[1] Adam Tooze, \u00d6konomie der Zerst\u00f6rung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, M\u00fcnchen 2007. Englische Originalausgabe: The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy, London 2006. Im Folgenden beziehen sich Seitenangaben in () auf die deutsche Ausgabe.<br \/>\n[2] Hans-Ulrich Wehler, Die Logik der Aufr\u00fcstung, in: Die Weltwoche 29\/07, im Internet unter:<br \/>\nwww.weltwoche.ch\/artikel\/?AssetID=16933&amp;CategoryID=95.<br \/>\n[3] vgl. dazu Guido Speckmann\/Gerd Wiegel, Faschismus oder &#8222;Nationaler Sozialismus&#8220;? Neuere Tendenzen der Faschismusforschung, in: Z &#8211; Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 72. Dezember 2007, S. 24-40.<br \/>\n[4] &#8222;Als warnendes Beispiel darf hier die Entwicklung der Motorenindustrie gelten. Nicht nur, dass wir Deutschen z.B. trotz unserer l\u00e4cherlichen L\u00f6hne nicht in der Lage sind, gegen die amerikanische Konkurrenz auch nur einigerma\u00dfen erfolgreich zu exportieren, m\u00fcssen wir zusehen, wie selbst in unserem eigenen Land der amerikanische Wagen sich in be\u00e4ngstigender Weise breit macht.&#8220; So der fr\u00fche Auto-Fan Hitler in: Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, hrsg. von Gerhard L. Weinberg, Stuttgart 961, S. 123.<br \/>\n[5] Michael Schneider, Unterm Hakenkreuz. Arbeiter und Arbeiterbewegung 1933 bis 1939, Bonn 1999, S. 777.<br \/>\n[6] Ebd., S. 484.<br \/>\n[7] vgl. Werner R\u00f6hr, Gro\u00dfkapital und Faschismus. Man kann nicht ewig hochr\u00fcsten, ohne den Krieg zu wollen (Rezensionsessay zu Adam Tooze, \u00d6konomie der Zerst\u00f6rung), in: Z &#8211; Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 72, Dezember 2007.<br \/>\n[8] Ebd.<br \/>\n[9] vgl. Otto K\u00f6hler, Der Wechsel-Wehler, in: junge Welt vom 3.8.2007; ders.: Das Lindenblatt des Adam Tooze, in: junge Welt vom 27.8.2007; ders.: Die Federhalter der BASF, in junge Welt vom 18.9.2007 sowie ders.: &#8230;wirst du was in Bielefeld, in: junge Welt vom 8.11.2007.<br \/>\n[10] John Maynard Keynes, Nationale Selbstgen\u00fcgsamkeit (1933), in: H. Mattfeldt, Keynes. Kommentierte Werkauswahl, Hamburg 1985, S. 156.<br \/>\n[11] Ders., wirtschaftliche M\u00f6glichkeiten unserer Enkelkinder (19301, in: N. Reuter, Wachstumseuphorie und Verteilungsrealit\u00e4t, Marburg 1998, S. 119.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"https:\/\/www.sozialismus.de\/vorherige_hefte_archiv\/sozialismus\/2008\/heft_nr_2_februar_2008\/\">Sozialismus<\/a> 2\/2008)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wird man an Adam Toozes &#8222;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8220; zuk\u00fcnftig den Gang faschismustheoretischer Forschung messen? Ein solches Lob &#8211; noch dazu aus so berufener Feder &#8211; liest man selten: &#8222;In der Studie &#8218;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung'[1] von Adam Tooze \u00fcber die Wirtschaft &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=86\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5],"tags":[41],"class_list":["post-86","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-faschismus-und-rechtsradikalismus","tag-faschismustheorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=86"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1356,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/86\/revisions\/1356"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=86"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=86"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=86"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}