{"id":861,"date":"2015-01-15T22:06:21","date_gmt":"2015-01-15T21:06:21","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=861"},"modified":"2015-01-20T22:10:59","modified_gmt":"2015-01-20T21:10:59","slug":"immer-mehr-vom-immer-gleichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=861","title":{"rendered":"Immer mehr vom immer Gleichen"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Popmusik droht durch Big Data, Algorithmen und die Beliebtheit von Apps wie Shazam immer einheitlicher zu werden<br \/>\n<\/em><br \/>\nDie Musikindustrie war das erste Opfer der Digitalisierung. Illegale Tauschb\u00f6rsen sorgten f\u00fcr enorme Einnahmeeinbr\u00fcche der gro\u00dfen Plattenfirmen. Von Big Data und Algorithmen k\u00f6nnte die Musikindustrie indes profitieren \u2013 auf Kosten der Vielf\u00e4ltigkeit der Musik, bef\u00fcrchtet Derek Thompson.<!--more--><\/p>\n<p>Er hat im US-Magazin \u00bbAtlantic\u00ab unl\u00e4ngst den viel diskutierten Artikel \u00bbThe Shazam Effect\u00ab ver\u00f6ffentlicht, der die Auswirkungen von Big Data und Algorithmen auf die Popmusik beschreibt. Titelgebend ist die Applikation Shazam. Mit dieser k\u00f6nnen Musikst\u00fccke, die zum Beispiel in einem Caf\u00e9 laufen, mit dem Smartphone oder dem Tabletcomputer identifiziert werden. Nach wenigen Sekunden erscheinen Name des Interpreten, Song- und Albumtitel sowie \u2013 wie praktisch \u2013 ein Verlinkungen auf Streaming-Dienste, wo man den Song abspielen kann, oder auf Seiten, wo er gegen Geb\u00fchr heruntergeladen werden kann. Shazam ist sogar in der Lage, Musik aus einem Ger\u00e4uschumfeld herauszufiltern und zu erkennen. Etwa wenn ein Song nur Hintergrundkulisse eines Films ist.<\/p>\n<p>Die t\u00e4gliche Zahl der Anfragen ist immens hoch. 20 Millionen Mal soll Shazam t\u00e4glich benutzt werden, um ein Musikst\u00fcck zu identifizieren. Das sind eine Menge Daten, die die Firma nat\u00fcrlich nicht sogleich wieder l\u00f6scht. Mithilfe dieser Daten und Softwareprogramme kann die Firma genau erkennen, wo welcher Song am meisten gespielt wird. \u00bbManchmal k\u00f6nnen wir erkennen, wann ein Song seinen Durchbruch haben wird, Monate bevor die meisten \u00fcberhaupt von ihm geh\u00f6rt haben\u00ab, zitiert Thompson einen ehemaligen Chef von Shazam. Dieses Wissen enth\u00e4lt freilich ungeahnte M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Plattenfirmen. Ganz gezielt kann nun die Musik produziert werden, die gem\u00e4\u00df Big Data beispielsweise in Europa ein Hit zu werden verspricht. Tats\u00e4chlich hat Shazam im Februar letzten Jahres angek\u00fcndigt, in Kooperation mit der Warner Music Group Musik herauszubringen. Ein Imprint unter dem Dach des Major-Labels soll in erster Linie K\u00fcnstler unter Vertrag nehmen, die durch die App entdeckt wurden.<\/p>\n<p>Shazam ist dabei vermutlich nur das wichtigste Instrument einer allgemeineren Entwicklung. Dass mathematische Algorithmen ersetzen, was sogenannte Artists and Repertoire-Manager in der Vergangenheit taten \u2013 neue K\u00fcnstler entdecken \u2013 ist ein Ph\u00e4nomen, das bereits seit ein paar Jahren existiert. In seinem Buch \u00bbAutomate this. How Algorithms Came to Rule Our World\u00ab (2012) berichtet Christopher Steiner von Mike McCready, der die Musikanalysefirma Polyphonic HMI gr\u00fcndete und 2008 MusicXRay. Beide Firmen funktionieren im Kern so: Auf ihren Homepages kann man einen Song hochladen, der dann von einem Computerprogramm in Hinblick auf seine Hittauglichkeit analysiert wird. McCready pr\u00e4gte daf\u00fcr den Begriff Hit Song Science (Hitsongwissenschaft). Dass das funktioniert, zeigen die Erfolge von Musikern wie Norah Jones, Anastacia und Maroon 5. Sie sollen Polyphonic HMI in Anspruch genommen haben, um ihre St\u00fccke einem Hittest zu unterziehen.<\/p>\n<p>Inzwischen nutzen Labels die Software und die Dienste von Musikanalysefirmen, um neue K\u00fcnstler zu finden. Fr\u00fcher mussten sie sich durch Berge von Demotapes oder CDs h\u00f6ren oder zu Konzerten in kleinen Clubs gehen. Heute pr\u00e4sentiert ihnen das Smartphone oder das Tablet die besten Bewertungen der diversen Musikanalysefirmen. Diese preisen ihre Dienste mit einem Freiheitsversprechen an.<\/p>\n<p>Insbesondere richtet sich dieses an die zahllosen Musiker und Bands, die zwar bereits Musik aufgenommen und im Internet ver\u00f6ffentlicht haben, aber noch nicht unter Vertrag stehen. Auf der Website von McCreadys Firma MusicXRay hei\u00dft es \u00bbGet deals. Get fans. Get better.\u00ab In der Tat hat die Firma seit 2010 mehr als 5000 K\u00fcnstlern geholfen, Plattenvertr\u00e4ge an Land zu ziehen. Ende 2011 benutzten 1500 Labels und andere in der Musik-Akquise Besch\u00e4ftigte MusicXray. Darunter fast alle gro\u00dfen Plattenfirmen wie Columbia, Warner, Geffen und EMI, schreibt Steiner.<\/p>\n<p>Nun mag es sein, dass Big Data und Algorithmen Musikern helfen, Vertr\u00e4ge zu ergattern. Doch damit ist noch nichts dar\u00fcber gesagt, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Vielf\u00e4ltigkeit und Qualit\u00e4t der aktuellen Musikproduktion hat. Algorithmen basieren im Wesentlichen auf der Analyse von bereits bekannten Songs und nehmen anhand dieser Bewertungen vor. Daher ist der Verdacht nicht unbegr\u00fcndet, dass es zu einer Homogenisierung der Popmusik kommt. Steiner vermutet, dass das wegweisende Album \u00bbNevermind\u00ab von Nirvana durch das Raster der Computerprogramme gefallen w\u00e4re. Und Thompson berichtet von Sorgen von Leuten in der Musikindustrie, dass Big Data und Algorithmen zu einer \u00bbentmutigenden Gleichheit\u00ab in der Popmusik f\u00fchren werde.<\/p>\n<p>Im Grunde aber l\u00e4uft die Musikakquise und Produktion mit Programmen wie Shazam, MusicXRay und anderen nur darauf hinaus, was in der Vergangenheit auch ohne das umfangreiche Datenmaterial der Fall war: Es wird immer mehr von dem produziert, was nach kommerziellen Gesichtspunkten bereits erfolgreich war. Und in der Tat hat sich einer Studie des spanischen Nationalen Forschungsrats zufolge die Vielfalt von Notenkombinationen verringert. Melodien und der Klang der Instrumente h\u00e4tten sich mehr als zuvor angeglichen. Eine halbe Million Aufnahmen aus den Jahren von 1955 bis 2010 haben die Spanier analysiert. Dazu geh\u00f6rten auch Punk-, Metal- und Electronicst\u00fccke.<\/p>\n<p>Dereck Thompson gie\u00dft in seinem Essay auch Wasser in den Wein der sogenannten \u00bbThe Long Tail\u00ab-These. Der zufolge k\u00f6nnen Anbieter im Internet mit einem gro\u00dfen Angebot an Nischenmusik Gewinn machen. Vielmehr w\u00fcrden heute dieselben Hits immer l\u00e4nger geh\u00f6rt. \u00bbWeil die popul\u00e4rsten Songs heute f\u00fcr Monate in den Charts bleiben, ist der relative Wert eines Hits explodiert\u00ab, schreibt Thompson. Das eine Prozent der Bands und Solok\u00fcnstler beziehe heute somit 77 Prozent aller Eink\u00fcnfte aus der aufgenommenen Musik. Zwar mag also in der digitalen \u00c4ra der Eintritt der kleinen Do-it-yourself-Musiker das Angebot vergr\u00f6\u00dfert haben, doch die Konzentration an der Spitze nimmt weiter zu.<\/p>\n<p>Indes: Innovative und aufregende Musik wird auch weiterhin aufgenommen werden. Denn es gibt immer Musiker, die ihr Produkt als Kunst und nicht als kulturindustrielle Ware betrachten, d.h. w\u00e4hrend des Musikmachens Warencharakter und Verk\u00e4uflichkeit nicht mitdenken. Nur wird man diese Musik kaum in den Charts oder im Radio h\u00f6ren und auch weniger in den meisten Musikmagazinen besprochen finden.<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/958172.immer-mehr-vom-immer-gleichen.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 13.01.2015)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Popmusik droht durch Big Data, Algorithmen und die Beliebtheit von Apps wie Shazam immer einheitlicher zu werden Die Musikindustrie war das erste Opfer der Digitalisierung. Illegale Tauschb\u00f6rsen sorgten f\u00fcr enorme Einnahmeeinbr\u00fcche der gro\u00dfen Plattenfirmen. 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