{"id":866,"date":"2015-01-26T20:32:12","date_gmt":"2015-01-26T19:32:12","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=866"},"modified":"2015-04-09T22:02:10","modified_gmt":"2015-04-09T20:02:10","slug":"weg-mit-dem-marxistischen-jargon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=866","title":{"rendered":"Weg mit dem marxistischen Jargon!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das US-Magazin \u00abJacobin\u00bb arbeitet an der Neuformulierung des Sozialismus f\u00fcr junge Amerikaner &#8211; mit Erfolg<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr eine linke Zeitschrift ist es ein enormer Erfolg: Nach nur vier Jahren hat das viertelj\u00e4hrlich erscheinende US-Magazin <a href=\"www.jacobinmag.com\/\">\u00abJacobin\u00bb<\/a> bereits 7500 Abonnenten und monatlich bis 600 000 Website-Besuche. Im deutschsprachigen Raum scheint das undenkbar.<!--more--><br \/>\nLinke Zeitschriften-Neugr\u00fcndungen wie der \u00abPrager Fr\u00fchling\u00bb oder die von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene \u00abLuxemburg\u00bb gibt es nach wenigen Jahren der Print-Existenz nur noch &#8211; oder \u00fcberwiegend &#8211; online. Seit sieben Jahren erscheint inzwischen \u00abLunapark 21\u00bb, die Zeitschrift zur Kritik der globalen \u00d6konomie, die Auflagenh\u00f6he jedoch ist unbekannt. Nur wenige linke Publikationen erfreuen sich einer wachsenden Leserschaft. Die \u00abBl\u00e4tter f\u00fcr deutsche und internationale Politik\u00bb meldeten &#8211; allerdings bereits vor wenigen Jahren &#8211; einen Anstieg der Druckauflage auf 10 000 Exemplare, verkauft werden davon 7800. Die monatlich erscheinende Zeitung \u00abanalyse und kritik\u00bb berichtete in ihrer Dezember-Ausgabe, dass sie in den letzten Jahren einen Zuwachs von rund 1100 Abonnenten zu verzeichnen habe. Das Ausgangsniveau lag 2010 indes bei 1800 Beziehern. Die Abonnentenzahl bei anderen linken Publikationen, Tages- und Wochenzeitungen mal ausgenommen, d\u00fcrfte bei 1000 bis 2000 liegen. Tendenz leicht abnehmend &#8211; nicht zuletzt aufgrund der \u00dcberalterung ihrer Leserinnen und Leser.<\/p>\n<p>Nicht nur angesichts dieses Vergleichs, sondern auch angesichts der Marginalisierung der US-Linken im eigenen Land ist der Erfolg der 2010 zun\u00e4chst als Online-Zeitschrift entstandenen \u00abJacobin\u00bb schon verwunderlich genug. Erstaunlich ist ferner, dass \u00abJacobin\u00bb nicht einfach eine linke Zeitschrift, sondern eine mit explizit marxistischen, sozialistischen bis linksradikalen Inhalten ist. Ihrem Herausgeber Bhaskar Sunkara zufolge changieren die Texte zwischen Leninismus und Sozialdemokratie &#8211; und das best\u00e4tigt die Lekt\u00fcre. Name wie Logo &#8211; auf dem der F\u00fchrer der schwarzen Jakobiner und Anf\u00fchrer der Haitianischen Revolution, Toussaint Louverture, abgebildet ist &#8211; stehen f\u00fcr einen direkten Bezug zu einer der radikalsten Ausformungen der franz\u00f6sischen Revolution von 1789 ff.: die Jakobiner. Bemerkenswert ist auch das Alter ihres Gr\u00fcnders Sunkara. Ganze 21 war er, als er \u00abJacobin\u00bb aus der Taufe hob.<\/p>\n<p>Bl\u00e4ttert man die Ausgaben durch und besucht die Website, springt sofort ins Auge: Layout und Design sind hervorragend. Kein Vergleich mit deutschen linken Publikationen, denen man nicht selten ansieht, dass ihre Macher den Inhalt wichtiger als das Layout finden. Das Magazin \u00abJacobin\u00bb, das sich selbst als f\u00fchrende Stimme der US-amerikanischen Linken bezeichnet und sozialistische Perspektiven zu Politik, \u00d6konomie und Kultur aufzeigen will, ist ein Produkt von den und f\u00fcr die jungen linken US-Intellektuellen, deren Sozialisation und Politisierung nach Ende des Kalten Kriegs erfolgte. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Autoren unter 35, Herausgeber Sunkara ist heute erst 25 Jahre alt. Seine Politisierung erfuhr er dabei ausschlie\u00dflich \u00fcber Lekt\u00fcre. Allerdings wurde der Ansto\u00df zum Lesen wohl auch von den Arbeitsverh\u00e4ltnissen im neoliberalen Kapitalismus ausgel\u00f6st. Seine aus Trinidad in die USA eingewanderten Eltern arbeiteten 60 Stunden die Woche. Da zu Hause niemand auf den jungen Bhaskar aufpassen konnte, ging er nach der Schule in die Bibliothek. Die erste Stunde konnte er noch mit Kindern verbringen, doch dann blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig, als sich mit B\u00fcchern zu besch\u00e4ftigen. Bei George Orwell fand er das Wort \u00abTrotzkismus\u00bb. Daraufhin las er mit 12, 13 Jahren die Lebenserinnerungen von Leo Trotzki. Dann Isaac Deutscher, die traditionsreiche \u00abNew Left Review\u00bb, Perry Anderson und Howard Zinns Klassiker \u00abEine Geschichte des amerikanischen Volkes\u00bb. Letzteres gab ihm zwar nicht viel, doch sein Lehrer nannte Zinn einen Sozialisten. Ein entscheidender Ansto\u00df f\u00fcr Sunkara: \u00abWenn jemand genug intellektuelle Glaubw\u00fcrdigkeit hat, um im Unterricht gelesen zu werden, und sich selbst als Sozialist bezeichnet, dann kann auch ich mich einen Sozialisten nennen\u00bb, sagt er der \u00abBoston Review\u00bb.<\/p>\n<p>2009 war Sunkara ein Jahr krank &#8211; die Zeit nutzte er zum autodidaktischen Lesen. Den Kanon des westlichen Marxismus arbeitete er ab, mit der Frankfurter Schule indes kann er nicht so viel anfangen. Ihm sagen eher Autoren der II. Internationale wie Karl Kautsky zu. Von den eher zeitgen\u00f6ssischen Theoretikern sch\u00e4tzt er den Professor f\u00fcr Politikwissenschaft und bekannten US-Sozialisten Michael Harrington oder den britischen Marxisten Ralph Milliband. \u00abMehr als jeder andere\u00bb repr\u00e4sentiere dieser den \u00abMittelweg zwischen Leninismus und Sozialdemokratie\u00bb, sagt Sunkara in einem Interview in der j\u00fcngsten Ausgabe von \u00abNew Left Review\u00bb. Auch die eurokommunistische Tradition ist f\u00fcr Sunkara und seine Autoren ein wichtiger Einfluss.<\/p>\n<p>Er spricht von zwei Zielen, die sein Zeitschriftenprojekt verfolgt: \u00abDas erste ist, innerhalb der Linken die Wichtigkeit von Klassen- und marxistischer Analyse im Kontext einer st\u00e4rker werdenden anarchistischen Linken zu betonen.\u00bb Gleichzeitig grenzt sich Sunkara gegen marxistische Traditionen ab. \u00abWir sind nicht dogmatisch und orthodox, wir denken nicht auf die alte Weise \u00fcber die Organisationsfrage nach. Unser Engagement zielt darauf ab, das alte Denken an die neuen materiellen Realit\u00e4ten anzupassen.\u00bb Marxistischer akademischer Jargon &#8211; damit kann die Redaktion gar nichts anfangen.<\/p>\n<p>Die Herausgabe der Zeitschrift ist f\u00fcr Sunkara und seine Kollegen kein Selbstzweck. Das politische Projekt, die sozialistische Bewegung in den USA aufzubauen, sei der einzige Grund f\u00fcr die Existenz des Magazins. Der im Jahr des Berliner Mauerfalls geborene Sunkara benutzt das Wort \u00abSozialismus\u00bb bewusst und oft. Er vertritt die These, dass es generationsbedingt zu einer \u00c4nderung der Wahrnehmung des Begriffs kam. \u00abWir n\u00e4hern uns dem Punkt, wo Sozialismus nicht l\u00e4nger so stark mit der Sowjetunion assoziiert wird\u00bb, sagt er in dem \u00abNew Left Review\u00bb-Gespr\u00e4ch. Und er wei\u00df das mit Umfrageergebnissen des Meinungsforschungsinstituts Pew Poll zu unterf\u00fcttern. Demzufolge haben Befragte in den USA zwischen 19 und 30 Jahren eine positivere Meinung \u00fcber den Sozialismus als \u00fcber den Kapitalismus. Wenngleich sie mit Sozialismus eher die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten meinen. Aber das sei immerhin besser als Assoziationen wie Gulags und Milit\u00e4rparaden.<\/p>\n<p>Der Erfolg von \u00abJacobin\u00bb h\u00e4ngt auch mit der Occupy-Wall-Street-Bewegung von 2011 zusammen. Doch im Gegensatz zu dieser setzt sich der Erfolg des Magazins fort. F\u00fcr dieses Jahr rechnet die Redaktion mit 10 000 Abonnenten und einer Million Besuche ihrer Website pro Monat. Auf dieser werden pro Tag ein bis zwei Artikel ver\u00f6ffentlicht. Schon haben sich in rund 50 St\u00e4dten Lesegruppen gebildet, auch in europ\u00e4ischen St\u00e4dten. Und im Verso-Verlag gibt es eine \u00abJacobin\u00bb-Buchreihe. Kein Wunder, dass auch alte US-Linke begeistert sind. Noam Chomsky sagte: \u00abDas Erscheinen von \u203aJacobin\u2039 ist ein helles Licht in dunklen Zeiten.\u00bb Und Doug Henwood vom \u00abLeft Business Observer\u00bb schrieb: \u00abEs ist gro\u00dfartig, wie die Jugend sich f\u00fcr radikale Politik und ernsthaftes Denken interessiert, gleichzeitig aber Spa\u00df hat.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/959562.weg-mit-dem-marxistischen-jargon.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 26.01.2015<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.jacobinmag.com\/\" target=\"_blank\">\u00a0<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das US-Magazin \u00abJacobin\u00bb arbeitet an der Neuformulierung des Sozialismus f\u00fcr junge Amerikaner &#8211; mit Erfolg F\u00fcr eine linke Zeitschrift ist es ein enormer Erfolg: Nach nur vier Jahren hat das viertelj\u00e4hrlich erscheinende US-Magazin \u00abJacobin\u00bb bereits 7500 Abonnenten und monatlich bis &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=866\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[116,1],"tags":[118,119],"class_list":["post-866","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","category-uncategorized","tag-medien","tag-zeitschriften"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/866","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=866"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/866\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":909,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/866\/revisions\/909"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=866"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=866"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=866"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}