{"id":870,"date":"2015-02-05T23:06:38","date_gmt":"2015-02-05T22:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=870"},"modified":"2015-02-17T23:11:45","modified_gmt":"2015-02-17T22:11:45","slug":"unentbehrliche-kapitalismuskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=870","title":{"rendered":"Unentbehrliche Kapitalismuskritik"},"content":{"rendered":"<p><em>Alexander Amberger: Bahro &#8211; Harich &#8211; Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR. Ferdinand Sch\u00f6ningh Verlag, Paderborn 2014. 329 S., geb., 39,90 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>Wachstumskritik erfreut sich im Zuge der globalen Finanzkrise gr\u00f6\u00dferer Beliebtheit. So begr\u00fc\u00dfenswert das ist, so bedauerlich ist, dass marxistische Ans\u00e4tze in ihr kaum Beachtung finden. Marxisten spielen in der sogenannten Degrowth-Bewegung kaum eine Rolle; auch linksradikale Gruppen halten sich zur\u00fcck. Pr\u00e4gend sind in der in Frankreich D\u00e9croissance genannten Kritik \u00fcberwiegend gr\u00fcne und linksalternative Milieus. Das war mal anders.<!--more--><\/p>\n<p>Die erste Welle der Wachstumskritik gab es vor \u00fcber vierzig Jahren, ausgel\u00f6st durch die Publikation des Club of Rome \u00fcber die Grenzen des Wachstums 1972. Und in dieser waren sehr wohl Marxisten involviert &#8211; vor allem auch dissidente aus der DDR. Wolfgang Harichs 1975 ver\u00f6ffentlichtes Buch \u00bbKommunismus ohne Wachstum\u00ab, Rudolf Bahros \u00bbDie Alternative\u00ab von 1977 und Robert Havemanns \u00bbMorgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg\u00ab aus dem Jahr 1980 zeichnen sich dadurch aus, dass sie die durch die Wissenschaftler um Dennis L. Meadows aufgezeigten \u00f6kologischen Grenzen des Wirtschaftswachstums ernst nehmen &#8211; und eine \u00f6kologische Revision des Marxismus anstreben.<\/p>\n<p>Alexander Amberger unterzieht das Denken dieser drei prominenten Dissidenten einer genauen Analyse. Zwar tut er dies in erster Linie mit einer utopietheoretischen Fragestellung. Er m\u00f6chte wissen, ob die Texte zu dem sogenannten Genre der postmateriellen Utopien geh\u00f6ren? Darunter versteht Amberger Utopiekonzepte, die die Dezentralisierung von Politik und Wirtschaft, die positive Rolle der Arbeit als individueller, emanzipatorischer Akt sowie die Abkehr von \u00fcberfl\u00fcssigem Konsum und Luxus etc. zu ihren zentralen Bestandteilen z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst hebt der Verfasser hervor, dass die Utopisten Harich, Bahro und Havemann sich als Marxisten verstanden. Das ist insofern bemerkenswert, als der Marxismus und insbesondere die offizielle Weltanschauung der DDR &#8211; der Marxismus-Leninismus &#8211; absch\u00e4tzig \u00fcber Utopien urteilte. Friedrich Engels Schrift \u00bbDie Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft\u00ab gab diese Sicht vor. Utopien stammten aus der vormarxschen Zeit und galten als unwissenschaftlich. Zudem lebte man ja schon im Sozialismus, wozu da noch Utopien? Innerhalb der Opposition in den realsozialistischen Staaten standen die drei infolgedessen nahezu allein da, stellt Amberger fest.<\/p>\n<p>Der Autor unterscheidet zwischen archistischen und anarchistischen Utopien. W\u00e4hrend Harich in \u00bbKommunismus ohne Wachstum\u00ab sehr starke autorit\u00e4re Tendenzen zeigte und somit zur archistischen Utopietradition z\u00e4hlt (wovon er sich sp\u00e4ter distanzierte), sind Havemann und Bahro eher der anarchistischen Tradition zuzurechnen. Ambergers Fazit nach einer sehr detaillierten Paraphrase der drei Schriften sowie ihrer Rezeptionsgeschichte in Ost- wie Westdeutschland: \u00bbSie waren nicht prim\u00e4r postmateriell, sondern setzten sich vor allen Dingen mit der \u00d6kologie auseinander.\u00ab<\/p>\n<p>Viel mehr als im US-amerikanischen Utopiediskurs habe f\u00fcr die drei Denker aus der DDR die Wachstumsfrage eine gro\u00dfe, wenn auch nicht die zentrale Rolle gespielt. Pr\u00e4ziser sei daher der Begriff \u00bbPostwachstumsutopie\u00ab in Bezug auf die Texte von Bahro, Harich und Havemann. Das mache deren Texte hochaktuell. Sie seien anschlussf\u00e4hig an den aktuellen Postwachstumsdiskurs. Das trifft in der Tat zu.<\/p>\n<p>Obwohl Amberger keinen Vergleich mit aktuellen wachstumskritischen Texten vornimmt, f\u00e4llt auf, dass Harich und Genossen bereits zentrale Argumente der heutigen wachstumskritischen Bewegung formulierten. Insofern ist es unerfreulich, dass ihre Schriften nicht rezipiert werden. Von der DDR-H\u00fclle befreit, k\u00f6nnten sie noch heute fruchtbar sein, gerade weil der dominante Degrowth-Diskurs zu wenig kapitalismuskritisch ist. Schade, dass nur wenige marxistische Theoretiker das \u00f6kosozialistische Potenzial von Harich, Bahro und Havemann zu sch\u00e4tzen wissen.<\/p>\n<p>Dass die \u00f6kologischen Frage von Marxisten (abgesehen von der marginalen \u00f6kosozialistischen Str\u00f6mung) noch zu stiefm\u00fctterlich behandelt wird, liegt sicher daran, dass mit einigen liebgewonnenen und unverr\u00fcckbar feststehenden Annahmen gebrochen werden m\u00fcsste, etwa mit dem Diktum vom \u00bbWachstum der Produktivkr\u00e4fte\u00ab. Marx schrieb aber auch: \u00bbDie kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter.\u00ab<\/p>\n<p>Ambergers Buch liefert somit auch gute Argumente f\u00fcr eine Revision des Marxismus unter \u00f6kologischen Pr\u00e4missen und f\u00fcr den Anschluss an den wachstumskritischen Diskurs. Dar\u00fcber hinaus ist es ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der marxistischen Opposition in der DDR.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/960886.unentbehrliche-kapitalismuskritik.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 6.2.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Amberger: Bahro &#8211; Harich &#8211; Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR. Ferdinand Sch\u00f6ningh Verlag, Paderborn 2014. 329 S., geb., 39,90 \u20ac. 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