{"id":874,"date":"2015-02-17T23:15:35","date_gmt":"2015-02-17T22:15:35","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=874"},"modified":"2015-04-09T22:00:58","modified_gmt":"2015-04-09T20:00:58","slug":"zwischen-gucci-und-gummistiefel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=874","title":{"rendered":"\u00bbZwischen Gucci und Gummistiefel\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Entschleunigungs-Magazine wie \u00bbFlow\u00ab, \u00bbEmotion Slow\u00ab oder \u00bbMy Happinez\u00ab haben immer mehr Erfolg. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbHer mit dem sch\u00f6nen Leben\u00ab &#8211; so lautete das Titelthema der ersten Ausgabe der Zeitschrift \u00bbEmotion Slow\u00ab im Mai letzten Jahres. \u00bbHer mit dem sch\u00f6nen Leben\u00ab war vor \u00fcber zehn Jahren auch einmal ein beliebter Slogan von linken Gruppen. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2002 mobilisierten Attac und Gewerkschaftsjugend damit f\u00fcr einen bundesweiten Aktionstag. Allerdings mit dem Zusatz \u00bbEine andere Welt ist m\u00f6glich\u00ab, der im Vergleich zu \u00bbEmotion Slow\u00ab eine v\u00f6llig entgegengesetzte Ausrichtung verdeutlicht. W\u00e4hrend bei Attac und Gewerkschaftsjugend eine politisch-gesellschaftliche Dimension angesprochen wurde, bezieht sich \u00bbEmotion Slow\u00ab auf das Individuum.<!--more--><\/p>\n<p>Die Zeitschrift \u00bbEmotion Slow\u00ab geh\u00f6rt zum relativ jungen Segment der sogenannten Entschleunigungs-Magazine, mitunter wird auch der Begriff Weltflucht- oder Mindstyle-Zeitschriften gebraucht. Titel wie \u00bbFlow\u00ab, \u00bbHappinez\u00ab, \u00bbMy Harmony\u00ab oder \u00bbHerzst\u00fcck\u00ab erfreuen sich steigender Auflagen. \u00bbFlow &#8211; Das Magazin f\u00fcr Achtsamkeit, Positive Psychologie und Selbstgemachtes\u00ab erscheint mit einer Auflage von 222 000 Exemplaren. \u00bbMy Harmony\u00ab wird mit einer Auflage von 100 000 publiziert.<\/p>\n<p>Der Inhalt dieser Hefte, die sich vorwiegend an Leserinnen wenden, ist verbl\u00fcffend \u00e4hnlich. Es geht um Gl\u00fcck, Mu\u00dfe, die Pers\u00f6nlichkeit, Nachhaltigkeit, Selbstgefertigtes und Lebenssinn. Die j\u00fcngste Ausgabe von \u00bbFlow\u00ab hat als Titelthema \u00bbBin ich das?\u00ab, \u00bbEmotion Slow\u00ab macht auf mit dem Thema \u00bbGl\u00fcck &#8211; hier und jetzt\u00ab und \u00bbHerzst\u00fcck\u00ab mit \u00bbWeniger ist mehr\u00ab. Sandra Djajadisastra, Redaktionsleiterin von \u00bbMy Harmony\u00ab, schreibt \u00fcber das Anliegen ihrer Zeitschrift: \u00bbWir transportieren den Zeitgeist jener Menschen, die in einer digitalisierten Welt auf ein bewusstes und nachhaltiges Leben Wert legen, die soziale Medien nutzen, aber auch einen Brief oder ein Buch zu sch\u00e4tzen wissen; Menschen, denen Zeit mit sich und Freunden wichtiger ist als Statussymbole. Dabei liefern wir keine esoterische Lebenshilfe, sondern geben praktische Tipps f\u00fcr den Alltag. &#8230; Wir regen zum Innehalten an und m\u00f6chten bewussten Spa\u00df am Leben vermitteln.\u00ab Und bei \u00bbEmotion Slow\u00ab hei\u00dft es: \u00bbMit opulenter, sinnlicher Optik und anspruchsvollen Texten rund um das Thema Entschleunigung richtet sich die Zeitschrift an Leserinnen, die erfolgreich im Berufsleben stehen, sich aber gleichzeitig mehr Mu\u00dfe, Genuss und Qualit\u00e4t in ihrem Leben w\u00fcnschen.\u00ab<\/p>\n<p>Neben den praktischen Tipps f\u00fcr den Alltag und den \u00bbanspruchsvollen\u00ab Texten, \u00fcber deren Gehalt man geteilter Meinung sein kann, finden sich in den Ausgaben zudem Artikel, die sich dem Landleben widmen: \u00bbLust auf Land. Wie lebt es sich zwischen Gucci und Gummistiefel\u00ab hei\u00dft es zum Beispiel in \u00bbEmotion Slow\u00ab. Offenkundig wird damit das Bed\u00fcrfnis junger gehetzter Gro\u00dfst\u00e4dterinnen nach einem vermeintlich stressfreien Landleben bedient. So \u00e4hnlich wie es das ungemein erfolgreichere Magazin \u00bbLandlust\u00ab f\u00fcr die \u00e4lteren Leserinnen vorgemacht hat. Inzwischen wird die in M\u00fcnster erscheinende Zeitschrift \u00fcber eine Million Mal verkauft &#8211; und hat damit Nachrichtenmagazinen wie \u00bbSpiegel\u00ab oder \u00bbStern\u00ab l\u00e4ngst den Rang abgelaufen. Nur TV-Zeitschriften verkaufen sich noch besser als \u00bbLandlust\u00ab.<\/p>\n<p>Die Chefredakteurin von \u00bbFlow\u00ab, Sinja Sch\u00fctte, sagte dem \u00bbZeit-Magazin\u00ab: \u00bbAls uns die Hefte derart aus der Hand gerissen wurden, war ganz schnell klar, dass da etwas Gro\u00dfes brodelt, dass sich da drau\u00dfen wirklich etwas tut, dass es ein Trend ist, der weit \u00fcber die Flow hinausgeht.\u00ab<\/p>\n<p>Was ist das f\u00fcr ein Trend &#8211; und wie l\u00e4sst sich der Erfolg dieser Magazine erkl\u00e4ren? Der italienische Marxist Antonio Gramsci war der Meinung, dass das Studium von popul\u00e4ren Zeitschriften viel ergiebiger ist, um den Zeitgeist und den Alltagsverstand des durchschnittlichen Menschen auf die Spur zu kommen, als die Lekt\u00fcre von f\u00fchrenden Zeitungen oder Philosophen.<\/p>\n<p>Die These lautet: Insbesondere mit der Wirtschaftskrise von 2008\/09 ist in ein breiteres Bewusstsein ger\u00fcckt, dass der gegenw\u00e4rtige deregulierte und vor allem beschleunigte (Finanz)-Kapitalismus nicht mehr Garant f\u00fcr ein gutes Auskommen und ein gutes Leben ist. Hinzu kommt, dass angesichts des ungebremsten Wirtschaftswachstums die \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den immer klarer zutage treten. Da aber die Politik, siehe das Scheitern diverser Klimakonferenzen, nicht in der Lage ist, dem Einhalt zu gebieten, wird versucht, zumindest den eigenen Lebensstil nachhaltig zu gestalten. Und der immer schneller werdende Strom der digitalen Medien ruft eine Gegenreaktion hervor, die kontemplative T\u00e4tigkeiten wie Stricken, Gartenarbeit oder allgemein die Kultur des Selbermachens, des do it yourself zu weit verbreiteten Trends macht. Die \u00dcberforderung und der Stress im Job erfordern einen Ausgleich im Privaten. Dieses Bed\u00fcrfnis bedienen die genannten Zeitschriften.<\/p>\n<p>Schon ist von einem R\u00fcckzug ins Private, von einem neuen Biedermeier und von der Weltflucht junger b\u00fcrgerlicher Erwachsener die Rede. Der Historiker J\u00fcrgen Kocka vergleicht den gegenw\u00e4rtigen Erfolg von Entschleunigungs-Zeitschriften mit dem der \u00bbGartenlaube\u00ab. Diese kam 1853 auf dem Markt und wurde die erste deutsche Massenzeitschrift. Themen: das traute Heim und Familienharmonie. Kocka weist darauf hin, dass sich Teile des (Klein)-B\u00fcrgertums immer nach Phasen des Umbruchs aus der Politik zur\u00fcckzogen. Vor allem nach der gescheiterten Revolution von 1848\/49, in abgeschw\u00e4chter Form nach der Reichseinigung 1871 und nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren. Heute, so w\u00e4re zu erg\u00e4nzen, haben wir es weder mit einer gescheiterten Revolution noch mit markanten Umbr\u00fcchen zu tun. Vielmehr mit schleichenden im Zeitalter von Neoliberalismus, Postdemokratie, Wirtschafts- und \u00f6kologischer Krise.<\/p>\n<p>Somit ist der Erfolg der Entschleunigungs-Magazine ein Indiz f\u00fcr einen Alltagsverstand, der nicht mehr an die Ver\u00e4nderung der Verh\u00e4ltnisse zum Besseren durch politisches Engagement glaubt und sich darauf konzentriert, den eigenen privaten Nahbereich angenehm und mit Sinn zu gestalten. Freilich verwickeln die Leserinnen und Leser sich dabei in Widerspr\u00fcche. Denn in der Regel verf\u00fcgen sie \u00fcber ein h\u00f6heres Einkommen, kaufen in Biosuperm\u00e4rkten, fliegen aber auch \u00fcberdurchschnittlich viel in den Outdoor-Urlaub. Sie d\u00fcrften zu dem aus der Konsumforschung bekannten Typus der Lohas (Lifestyles of Health and Sustainability) geh\u00f6ren. Man k\u00f6nnte sie auch als Angeh\u00f6rige eines neuen gr\u00fcnen B\u00fcrgertums bezeichnen.<\/p>\n<p>Aber man sollte besagte Zeitschriften nicht nur als Ausdruck eines apolitischen und biederen Bewusstseins betrachten. In Abwandlung eines bekannten Marx-Ausspruchs k\u00f6nnte man sagen: Das Elend des Erfolgs von Enschleunigungs-Magazinen ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem der Protest gegen das wirkliche Elend. Und in eigenen Worten und mit Rekurs auf den eingangs erw\u00e4hnten Slogan: \u00bbHer mit dem sch\u00f6nen Leben\u00ab ist schon ein vern\u00fcnftiges Motto. Es dr\u00fcckt aus, dass etwas grundlegend falsch ist, doch es m\u00fcsste auf die \u00c4nderung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zielen, nicht auf das Sich-Einrichten in ihnen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/961986.zwischen-gucci-und-gummistiefel.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 17.02.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entschleunigungs-Magazine wie \u00bbFlow\u00ab, \u00bbEmotion Slow\u00ab oder \u00bbMy Happinez\u00ab haben immer mehr Erfolg. Warum? \u00bbHer mit dem sch\u00f6nen Leben\u00ab &#8211; so lautete das Titelthema der ersten Ausgabe der Zeitschrift \u00bbEmotion Slow\u00ab im Mai letzten Jahres. \u00bbHer mit dem sch\u00f6nen Leben\u00ab war &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=874\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[116],"tags":[120],"class_list":["post-874","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","tag-entschleunigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=874"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/874\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":907,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/874\/revisions\/907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=874"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}