{"id":878,"date":"2015-02-23T10:49:59","date_gmt":"2015-02-23T09:49:59","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=878"},"modified":"2015-04-09T22:00:23","modified_gmt":"2015-04-09T20:00:23","slug":"war-marx-ein-gruener","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=878","title":{"rendered":"War Marx ein Gr\u00fcner?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Marxisten lie\u00dfen die \u00f6kologische Frage meist links liegen. Doch nicht nur auf die Integration \u2028der Umweltfrage in den Marxismus kommt es an, sondern auch auf die der Kapitalismuskritik \u2028in die \u00d6kologie<\/strong><\/p>\n<p>Formuliert wurde folgender Gedanke vor \u00fcber 100 Jahren, doch erst heute offenbart sich vollends seine \u00f6kologische Relevanz: \u00bbSchmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen \u00fcber die Natur. F\u00fcr jeden solchen Sieg r\u00e4cht sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben.\u00ab<!--more--> Der Verfasser dieser Zeilen ist der Mitbegr\u00fcnder des Marxismus, Friedrich Engels, und das Zitat stammt aus der \u00bbDialektik der Natur\u00ab, einem nicht fertiggestellten Manuskript, das erstmals 1925 ver\u00f6ffentlicht wurde.<br \/>\nIn der Passage beschreibt Engels Beispiele f\u00fcr die \u00f6kologisch verheerenden Auswirkungen von menschlichen Handlungen. So habe das Abholzen von W\u00e4ldern in Mesopotamien, Griechenland und Kleinasien, um Fl\u00e4chen urbar zu machen, zur Ver\u00f6dung jener L\u00e4nder beigetragen. Heute lie\u00dfe sich Engels\u2019 Feststellung mit anderen Beispielen illustrieren. Das durch Fracking gewonnene Schiefergas in den USA wirkt als Konjunkturmotor f\u00fcr den auf fossile Brennstoffe angewiesenen Kapitalismus. Kurzfristig m\u00f6gen so Amerikaner neue Jobs bekommen. Gleichzeitig wird aber das Grundwasser durch das chemische Gemisch verschmutzt und es gibt Hinweise auf die Gefahr von Erdbeben. Und vor allem wird mit der Verbrennung von fossilen Rohstoffen langfristig die Erderw\u00e4rmung bef\u00f6rdert \u2013 wovon in erster Linie die Menschen auf der S\u00fcdhalbkugel betroffen sind.<\/p>\n<p>Warum aber w\u00fcrde man das Zitat nicht ohne weiteres Engels zuordnen? Wieso fallen einem zum Thema \u00d6kologie nicht die Namen Marx und Engels ein? Wieso ist das Verh\u00e4ltnis des Marxismus zur \u00d6kologie ein sehr stiefm\u00fctterliches? Man k\u00f6nnte einwenden, dass Engels\u2019 Worte aus einer nachgelassenen Schrift stammen und deshalb wenig beachtet wurden. Allerdings: Nicht nur in der \u00bbDialektik der Natur\u00ab, sondern im Hauptwerk des Marxismus \u2013 dem Marx\u2019schen \u00bbKapital\u00ab \u2013 findet sich eine Reihe von Passagen, die sich so lesen, als w\u00e4re Marx nicht nur ein Kritiker der politischen \u00d6konomie des Kapitalismus, sondern auch ein \u00f6kologischer Denker gewesen. Das betrifft vor allem den Abschnitt \u00fcber die Landwirtschaft in kapitalistischen Produktionsweisen. Hier entwickelt Marx, auf die Forschungen des Chemikers und Agronomen Justus von Liebig aufbauend, die Theorie des sogenannten Risses des Stoffwechsels zwischen menschlichen Gesellschaften und der Natur infolge der Industrialisierung. Es sind bemerkenswerte Ausf\u00fchrungen, weil die zentrale Marx\u2019sche Kategorie vom Wachstum der Produktivkr\u00e4fte nicht einseitig als Fortschritt beschrieben wird, sondern ebenso als R\u00fcckschritt, ja langfristig als Zerst\u00f6rung. Man k\u00f6nnte also genauso gut von Destruktivkr\u00e4ften sprechen, wenn Produktivkr\u00e4fte gemeint sind. (Und in der Tat benutzten Marx und Engels den Terminus Destruktivkr\u00e4fte, allerdings in einer fr\u00fcheren Schrift).<\/p>\n<p>Doch lassen wir Marx ausf\u00fchrlich zu Wort kommen: Jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur, hei\u00dft es im \u00bbKapital\u00ab, \u00bbist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit f\u00fcr eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.\u00ab Und weiter wendet er diesen Gedanken auf die sich kapitalistisch entwickelnde USA an. \u00bbJe mehr \u2026 ein Land von der gro\u00dfen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerst\u00f6rungsprozess.\u00ab Marx Gedanke m\u00fcndet in der verallgemeinernden Schlussfolgerung: \u00bbDie kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozess, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter.\u00ab<\/p>\n<p>Dies sind zweifelsohne \u00f6kologische Gedanken, entstanden zu einer Zeit, als sich die Zeitgenossen das Ausma\u00df der \u00f6kologischen Katastrophe, mit der wir heute konfrontiert sind, nicht im Geringsten vorstellen konnten. Klimawandel, Ersch\u00f6pfung von CO2-Senken, das \u00dcberschreiten der planetarischen Grenzen und knapper werdende Ressourcen \u2013 im 19. Jahrhundert lie\u00dfen sich diese Probleme nicht einmal erahnen. Umso bemerkenswerter die Einsichten von Marx, auf die er kam, weil sein Verst\u00e4ndnis von Arbeit als Stoffwechsel des Menschen mit der Natur mit einem \u00f6kologischen Verst\u00e4ndnis kompatibel ist. Und sogar eine Art \u00f6kologischen Imperativ formuliert Marx im dritten Band des \u00bbKapitals\u00ab: Gesellschaften sollten den nachfolgenden Generationen die Erde verbessert hinterlassen. Dazu bed\u00fcrfe es der rationellen Regelung des Stoffwechsels von Mensch und Natur.<\/p>\n<p>Dennoch ist mehr als offensichtlich: Diese Passagen pr\u00e4gen das Bild \u00fcber den Marxismus in keiner Weise. Dominant hingegen ist eine Interpretation, die von der Arbeiterbewegung in Europa entwickelt, durch die realsozialistischen Staaten in das Geb\u00e4ude des Marxismus-Leninismus gegossen und in der Sowjetunion durch eine \u00f6kologische verheerende Praxis begleitet wurde. Exakt hier setzt die Kritik der \u00d6kologiebewegung am Marxismus an. Sie werfen diesem vor, dass er am Produktivismus und Industrialismus des Kapitalismus festhalte \u2013 was freilich f\u00fcr die Sowjetunion, aber weniger f\u00fcr Marx zutrifft. (Die Diskussion der Gr\u00fcnde, warum die Sowjetunion einen Weg der nachholenden Industrialisierung einschlug, w\u00fcrde hier zu weit f\u00fchren).<\/p>\n<p>Doch es greift auch zu kurz, den vermeintlich \u00f6kologischen Marx gegen seine nachfolgenden verf\u00e4lschenden Interpreten zu verteidigen. Bei Marx selbst ist das \u00d6kologische weniger etwas Ausgearbeitetes, im Zentrum Stehendes, sondern eher verstreut Vorkommendes, ein zu hebendes Potenzial. Vor allem aber lassen sich auch Stellen finden, die der skizzierten Janusk\u00f6pfigkeit des Produktivkraftfortschritts widersprechen. Dazu z\u00e4hlt das bekannte Zitat aus dem Vorwort der Kritik der Politischen \u00d6konomie: \u00bbAuf einer gewissen Entwicklungsstufe geraten die materiellen Produktivkr\u00e4fte in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh\u00e4ltnissen, die aus Entwicklungsformen der Produktivkr\u00e4fte zu deren Fesseln werden. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.\u00ab Und im \u00bbKapital\u00ab hei\u00dft es: \u00bbDas Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgebl\u00fcht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unvertr\u00e4glich werden mit der kapitalistischen H\u00fclle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Eigentums schl\u00e4gt.\u00ab<\/p>\n<p>Hier werden die Produktivkr\u00e4fte als neutral beschrieben. Nicht auch ihr Destruktionspotenzial wird problematisiert, sondern das durch die Produktionsverh\u00e4ltnisse ausgehende Hemmnis ihrer Weiterentwicklung. Dieser Kontinuit\u00e4tslogik zufolge w\u00fcrde die proletarische Revolution zu einer Art \u00bbSuperproduktivismus\u00ab (Daniel Tanuro) f\u00fchren, weil der Sozialismus materiellen Reichtum f\u00fcr alle verspricht. \u00dcbertragen auf heutige Technologien bedeutet das, dass Atomtechnik, das Verbrennen fossiler Energietr\u00e4ger und industrielle Agrarwirtschaft an sich weder gut noch schlecht sind, es lediglich auf die Eigentumsverh\u00e4ltnisse ankommt, in welchen sie Anwendung finden.<\/p>\n<p>Eine Sichtweise, die sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren, als erstmals \u00fcber \u00bbDie Grenzen des Wachstums\u00ab diskutiert wurde, befremdlich anmutet. Wir wissen heute um so mehr, dass die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und damit eine weitere Steigerung der Produktion mit immer mehr Ressourcenverbrauch und Aussto\u00df des klimasch\u00e4dlichen Kohlenstoffdioxids einhergeht \u2013 allem Entkopplungs- und gr\u00fcnem Wachstums-Gerede zum Trotz. Dennoch setzen alle Politiker, aber auch die keynesianische Linke auf Wachstum bzw. Marxisten auf die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte \u2013 mithin auf unendliches Wachstum in einer endlichen Welt. Dabei war das nicht das Ziel des Marx\u2019schen Emanzipationsversprechen: Marx ging es um mehr frei verf\u00fcgbare Zeit f\u00fcr die Entwicklung der Individuen.<\/p>\n<p>Wenn Marx also nicht einseitig Produktivismus vorgeworfen werden kann, so doch, dass er eine f\u00fcr die heutige Zeit entscheidende Tatsache nicht als Problem in seine Analyse aufgenommen hat: n\u00e4mlich die Frage der Energie. Der belgische \u00d6komarxist Daniel Tanuro findet es frappierend, dass Marx und Engels in ihrer Analyse der industriellen Revolution die enorme \u00f6kologische und \u00f6konomische Bedeutung des \u00dcbergangs vom erneuerbaren Holz zur nicht erneuerbaren Kohle als Brennstoff nicht verstanden haben. Das hat zur Folge, dass die Marx\u2019sche Bestimmung einer Produktionsweise durch die Produktions- und Eigentumsverh\u00e4ltnisse nicht ausreicht. Sie sei auch gekennzeichnet durch die Technologie, die sich nach der Wahl der Energiequelle richtet, schreibt Tanuro. Und weiter: \u00bbDas kapitalistische Energiesystem ist zentralisiert, anarchisch, verschwenderisch, ineffizient, intensiv in toter Arbeit, es gr\u00fcndet sich auf nicht erneuerbare Quellen und orientiert auf die tendenzielle \u00dcberproduktion von Waren.\u00ab<\/p>\n<p>Was politisch daraus folgt? Es geht angesichts des Klimawandels um die Ersetzung der derzeit existierenden Produktionsweise durch ein dezentralisiertes und auf erneuerbaren Energien basierenden Modells. Was Marx \u00fcber den b\u00fcrgerlichen Staatsapparat schrieb \u2013 dass dieser nicht zu \u00fcbernehmen, sondern zu zerschlagen sei \u2013 muss also auch f\u00fcr das fossilistische Energiesystem gelten. Das kann nur mit der Senkung des Energiekonsums, mithin mit der Verringerung von Produktion und Transport von Materie einhergehen. Diese Schlussfolgerung aber vertr\u00e4gt sich schlecht mit dem traditionellen Marxismus-Verst\u00e4ndnis. Au\u00dferhalb Deutschlands scheint man eher einer \u00f6kologischen Revision des Marxismus zuzuneigen. Michael L\u00f6wy etwa h\u00e4lt die \u00f6kologische Frage f\u00fcr die gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr einen neuen Fr\u00fchling des marxistischen Denkens. \u00bbSie verlangt von den Marxisten einen radikalen Bruch mit der Ideologie des linearen Fortschritts und dem technologischen-\u00f6konomischen Paradigma der modernen industriellen Zivilisation.\u00ab<\/p>\n<p>Indes: Vielleicht noch wichtiger als die Integration der \u00d6kologie in den Marxismus ist die des Marxismus in die \u00d6kologie. Denn ohne die Marx\u2019sche \u00d6konomiekritik werden \u00f6kologisches Denken und Politik zu oft auf eine Kulturkritik des Konsumismus reduziert. Das gilt auch f\u00fcr die in den letzten Jahren popul\u00e4rer gewordene \u00f6kologische Wachstumskritik. Sie dringt nicht vor zur Ursache des Wachstums kapitalistischer Produktionsweisen: dem inh\u00e4renten Zwang zu Verwertung und Akkumulation von Kapital.<\/p>\n<p>Naomi Klein, urspr\u00fcnglich aus einem linksliberalen Milieu kommend, scheint das in ihrem neuem Buch \u00bbDie Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima\u00ab verstanden zu haben. Ausgehend von der massivsten \u00f6kologischen Bedrohung \u2013 dem Klimawandel \u2013 stellt sie die Systemfrage. Nur mit einem Bruch mit dem auf Wachstum ausgerichteten (deregulierten) Kapitalismus kann die Erderw\u00e4rmung aufgehalten werden. Kleins im M\u00e4rz erscheinendes Buch bietet also auch die Chance, die \u00f6komarxistische Debatte in Deutschland zu beleben.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/962511.war-marx-ein-gruener.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 21.2.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marxisten lie\u00dfen die \u00f6kologische Frage meist links liegen. 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