{"id":88,"date":"2008-09-01T20:53:16","date_gmt":"2008-09-01T18:53:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=88"},"modified":"2019-05-02T11:43:36","modified_gmt":"2019-05-02T09:43:36","slug":"aus-der-geschichte-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=88","title":{"rendered":"Aus der Geschichte lernen?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Grass-Debatte und G\u00f6tz Alys Bestandsaufnahme des Historikerstreits<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nur wenige Wochen nach dem Party-Patriotismus der Fu\u00dfballweltmeisterschaft, der weitgehend als Indiz f\u00fcr den nunmehr unverkrampften Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte gedeutet wurde, ist mit dem Eingest\u00e4ndnis G\u00fcnter Grass\u2019, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, eine Debatte \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zum Nationalsozialismus wieder aktuell geworden. Fast genau 20 Jahre nach Ernst Noltes &#8211; den Auftakt f\u00fcr den Historikerstreit gebenden &#8211; Klagen \u00fcber die Vergangenheit, die nicht vergehen will, scheint die deutsche \u00d6ffentlichkeit sich derzeit mitten in einer neuen geschichtspolitischen Kontroverse zu befinden. Schon frohlockt der Protagonist des rechts-konservativen Lagers aus dem Historikerstreit in einer italienischen Zeitung &#8211; hierzulande ist er mittlerweile sogar der FAZ zu weit rechts -, die Grass-Diskussion sei ein Anzeichen daf\u00fcr, dass die von ihm seit 1986 vorausgesagte Verschiebung der herrschenden Begriffe nun eingetreten sei (vgl. FAZ, 17.8.2006). Anlass genug, zu fragen, ob dem tats\u00e4chlich so ist.\u00a0<!--more--><br \/>\nWas dr\u00fcckt sich in den Bilanzierungen zum Historikerstreit und was in der Grass-Debatte aus? Was kann an der hegemonialen Deutung des Nazi-Faschismus kritisiert werden und wie k\u00f6nnen Ansatzpunkte f\u00fcr einen ad\u00e4quaten Umgang mit diesem aussehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Grass-Debatte<\/strong><br \/>\nViele Stimmen zu Grass\u2019 Gest\u00e4ndnis bem\u00e4ngelten den moralischen Autorit\u00e4tsverlust des Schriftstellers und (politischen) Intellektuellen durch das jahrzehntelange Schweigen \u00fcber seine Zeit in der SS. Nicht wenige kritisierten, dass Art und Weise sowie Zeitpunkt des Gest\u00e4ndnisses der Ruch einer geschickt platzierten Marketingkampagne anhafte. Beides ist durchaus nicht von der Hand zu weisen. Aber abgesehen von dem Einwand, dass einige politische Stellungnahmen Grass\u2019- etwa seine totalitarismustheoretische Gleichsetzung von Nazis und Kommunisten, seine Bef\u00fcrwortung des Krieges gegen Jugoslawien sowie sein Eintreten mit Erika Steinbach f\u00fcr das Zentrum gegen Vertreibung &#8211; zweifelhafte Interventionen darstellten (wenngleich andere \u00c4u\u00dferungen von ihm sicher anders zu werten sind), und abgesehen davon, dass Marketing f\u00fcr ein Produkt im Kapitalismus nichts verwerfliches ist, ist im Kern doch etwas anderes herauszustellen. Die Stellungnahmen zu Grass, so die These, sind durch eine Konzentration auf individuell-moralische Aspekte gekennzeichnet, in denen sich die derzeit hegemoniale Sicht auf den Nationalsozialismus (oder den deutschen Faschismus, da beginnt bereits der Kampf um die Begriffe) als singul\u00e4rem Ph\u00e4nomen ausdr\u00fcckt. Wiederum darin dr\u00fcckt sich das im Historikerstreit von linksliberaler Seite gegen die Relativierungsbem\u00fchungen der Konservativen gerichtete Argument vom Nationalsozialismus als &#8222;Zivilisationsbruch&#8220;, als &#8222;R\u00fcckfall in die Barbarei&#8220; oder als Ausbruch kollektiven Rassenhasses oder Antisemitismus aus, was einer rationalen Erkl\u00e4rung f\u00fcr nicht zug\u00e4nglich erachtet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mittlerweile hat eine individualisierte Opfer- und T\u00e4terperspektive den Blick auf soziale Strukturen, Verh\u00e4ltnisse, Prozesse und auf Herrschaftssysteme mit Klasseninteressen sowie die Frage der den Faschismus beg\u00fcnstigenden Kontinuit\u00e4ten der deutschen Geschichte in den Hintergrund treten lassen. Eine entsprechend moralisch-individuelle Erinnerung kann demnach keinen Bezugspunkt zu den realen Spaltungslinien der heutigen Gesellschaft aufweisen. (Diese Perspektive, die, ausschlie\u00dflich angewendet, einer Dekontextualisierung des geschichtlichen Geschehens Vorschub leistet, ist im \u00dcbrigen offenbar eine Voraussetzung f\u00fcr die neue Opferdebatte in Deutschland, die u.a. auch durch G\u00fcnter Grass\u2019 Novelle &#8222;Im Krebsgang&#8220; [2002] ausgel\u00f6st wurde).[1]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnte man fragen, ob nicht gerade das lange Schweigen Grass\u2019 auch eine Konsequenz seiner eigenen Sichtweise auf den Faschismus als singul\u00e4rem Ereignis und eben nicht als in der b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Gesellschaft selbst weiterhin angelegtem Potenzial geschuldet ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seltener wurden die Gr\u00fcnde von Grass selbst, die der Schriftsteller f\u00fcr seinen Weg zur Waffen-SS angab, zum Gegenstand der Kritik. Die interessanteste \u00fcbte Jens Jesse (Die ZEIT, 17.8.2006). Die positive Schilderung des &#8222;Antib\u00fcrgerlichen&#8220; des Nationalsozialismus, des Aufhebens von Klassenunterschieden in der Volksgemeinschaft durch den Schriftsteller verleitete den ZEIT-Autor zu der Frage, ob Grass &#8222;sich von dem Hokuspokus der nationalsozialistischen Propaganda befreit hat.&#8220; Dieser allerdings interpretationsbed\u00fcrftige Gedanke wie auch jene &#8222;krude Anekdote&#8220;, dass Grass mit echtem Rassismus nicht im Dritten Reich, sondern in der Kriegsgefangenschaft unter US-amerikanischen Soldaten konfrontiert worden sei, wird jedoch sogleich gegen die Linke in Gestalt der 68er gewendet. In dem antib\u00fcrgerlichen Motiv sieht Jesse eine Parallele von Studentenbewegung und dem SS-Soldaten Grass. &#8222;Die Passagen lesen sich wie mentalit\u00e4tsgeschichtliche Belege zu G\u00f6tz Alys These von Hitlers Volksstaat, der eben nicht nur genuin rechte, sondern auch linke Hoffnungen und Sehns\u00fcchte befriedigte&#8220;, so seine Schlussfolgerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aber sowohl die bisherige Grass-Debatte als auch der j\u00fcngste Wirbel um Alys neustes Faschismus-Buch dringen nicht wirklich zu einer Erhellung des Zusammenhangs von gesellschaftlichen Strukturen und mentalit\u00e4tsgeschichtlichen Dispositionen im Deutschland am Vorabend und w\u00e4hrend des Faschismus vor. G\u00fcnter Grass\u2019 wenn auch knappe Charakterisierung faschistischer Jugendorganisationen als &#8222;antib\u00fcrgerlich&#8220; und in gewissem Sinne &#8222;modern&#8220; verweisen beispielhaft auf die fortgeschrittene krisenhafte Aufl\u00f6sung intakter b\u00fcrgerlicher Strukturen am Ende der Weimarer Republik. In der blo\u00dfen Fokussierung auf Grass\u2019 SS-Mitgliedschaft bleibt dieser Strukturzusammenhang unterbelichtet. Und auch Alys publikumswirksame Reduktion der deutschen Lohnabh\u00e4ngigen im Faschismus auf Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger im Krieg und dumpfe Nutznie\u00dfer staatlicher Umverteilungspolitik blendet die dabei zugrundeliegenden Folgewirkungen der Wohlfahrtskrise der Weimarer Republik und ihre faschistische Krisenl\u00f6sung durch Selektion, Ausgrenzung und Ausmerzung aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So bleibt in beiden Diskursen, dem literarisch-feuilletonistischen wie dem zeitgeschichtlich-politischen, der innere Zusammenhang des &#8222;Janusgesichts&#8220; einer b\u00fcrgerlich-kapitalistischen Moderne der 1920\/30er Jahre und ihrem Umschlagen in faschistische Krisenl\u00f6sungen auf der Strecke. Dies sollte aber gerade ein aufkl\u00e4rerischer Ertrag sein, der sowohl aus Autobiographischem, literarischen Verarbeitungen wie sozialgeschichtlichen Untersuchungen aus der Zeit des deutschen Faschismus gelernt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Alys Bilanz des Historikerstreits<\/strong><br \/>\nDiese Schwierigkeit eines gelingenden &#8222;Lernens aus der Geschichte&#8220; zeigt sich auch im Kampf um die Deutungshoheit im Historikerstreit. Der Hinweis auf G\u00f6tz Aly im Zusammenhang der Grass-Debatte ist dabei symptomatisch. Alys Interpretation des nationalen Sozialismus &#8211; wie es in dem Untertitel seines Buches Hitlers Volksstaat hei\u00dft &#8211; belegt einmal mehr eine \u00f6ffentlich mehrheitlich goutierte folgenreiche Verschiebung der Perspektive auf den deutschen Faschismus.[2] Diese bekr\u00e4ftigte Aly unl\u00e4ngst in seiner Bestandsaufnahme 20 Jahre nach dem Historikerstreit &#8222;Logik des Grauens&#8220; (Die ZEIT, 1.6.2006).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die gro\u00dfe Frage, die der Historikerstreit hinterlie\u00df, sieht Aly darin, wie &#8222;das \u00fcberragende Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts, der Holocaust, in die deutsche und europ\u00e4ische Geschichte eingeordnet werden soll.&#8220; Insofern habe Nolte den Fokus auf ein richtiges Thema gelenkt: die \u00fcbergreifende geschichtliche Einordnung des Holocaust. Freilich distanziert er sich von Noltes Antwort auf diese Frage, h\u00e4lt die Historisierung des Holocaust jedoch f\u00fcr prinzipiell richtig, wenngleich der Versuch zum damaligen Zeitpunkt aufgrund der fehlenden notwendigen Kenntnisse zu fr\u00fch erfolgt sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Welche Historisierung schl\u00e4gt Aly vor? Er ist der Ansicht, dass &#8222;20 Jahre nach dem Historikerstreit, mehr als 16 Jahre nach dem Fall der Mauer die Zeit reif (ist), die Epoche des gewaltt\u00e4tigen Nationalismus, der ethnischen Segregations-, Enteignungs- und Vernichtungspolitik im 20. Jahrhundert neu und \u00fcbergreifend zu fassen.&#8220; In Weltkriegen, in Revolutionen und auch in Friedensschl\u00fcssen seien zwei alte Ideen zur blutigen Praxis geworden: die nationale und die soziale Homogenisierung. \u00c4hnlich wie in seinem Buch &#8222;Hitlers Volksstaat&#8220; und weiteren Aufs\u00e4tzen entlastet Aly damit die Eliten bzw. die herrschende Klasse und sieht die Schuld bei den Massen. In einer Replik auf seine Kritiker sprach er von einem Perspektivenwechsel von der Elitenverantwortung zum Nutznie\u00dfertum des Volkes.[3] &#8222;Beide Konzepte &#8211; nicht selten in explosiver Kombination &#8211; befl\u00fcgelten die Massen, sich aus dem Elend, der Enge des Hergebrachten zu erl\u00f6sen und den Weg in ein besseres Leben mit Gewalt zu beschleunigen.&#8220; Die implizite Gleichsetzung von Marxismus, Sozialismus und Kommunismus mit Faschismus &#8211; nicht zuf\u00e4llig benutzt Aly Formulierungen aus dem Liedgut der Arbeiterbewegung &#8211; wird an anderer Stelle noch deutlicher ausgesprochen: &#8222;Wer genau hinsieht, erkennt die innere Verwandtschaft von Begriffen wie Arisierung, Polonisierung, Magyarisierung, Nationalisierung oder eben Sozialisierung.&#8220; Sein Fazit f\u00fcr die Historisierung lautet demnach: &#8222;Im Zentrum einer umfassenden historischen Einordnung h\u00e4tten die verschiedenen Formen der ethnisch und sozial begr\u00fcndeten Massenmobilisierungen und &#8222;S\u00e4uberungen&#8220; zu stehen. Ihre \u00e4u\u00dferste Form erreichten sie in den Angriffskriegen des nationalsozialistischen Deutschlands und dem damit verbundenen Mord an den europ\u00e4ischen Juden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Historisierende Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcge<\/strong><br \/>\nAn Alys Ausf\u00fchrungen ist im Wesentlichen zweierlei kritisch zu diskutieren. Zum einen sein Pl\u00e4doyer im Einklang mit Ernst Nolte f\u00fcr eine Historisierung des Holocaust bzw. des deutschen Faschismus und die damit verbundenen Fragen nach der Tauglichkeit einer Kontinuit\u00e4tsperspektive bzw. der Singularit\u00e4tsthese. Zum anderen die Frage des ad\u00e4quaten Erinnerns und die geschichtspolitische Dimension und deren Verkn\u00fcpfungen und Konsequenzen f\u00fcr gesellschafts- und kapitalismuskritischer Theorien.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was den ersten Aspekt anbelangt, so ist prinzipiell gegen eine historisierende Einordnung des Faschismus und insbesondere des Holocausts nichts einzuwenden, womit freilich nicht eine Behandlung des Faschismus als ein geschichtliches Ereignis wie jedes andere verstanden wird, wie es die Absicht revisionistischer Historiker war und ist.[4] Sondern &#8211; darauf wies etwa der fr\u00fch verstorbene Historiker Detlev Peukert hin -, dass Historisierung das Interesse auf gesellschaftliche Strukturen lenke, sodass geschichtliche Erfahrungen durch die Herstellung von Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcgen wach gehalten werden k\u00f6nnen. Der Nationalsozialismus erscheine dann nicht als das Produkt von pathologischen Personen, mit deren Tod die Gefahr der Wiederholbarkeit ausgeschlossen sei.[5]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Historisierende Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcge, die auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen hinweisen, sind in Alys Text nun durchaus vorhanden. So macht er darauf aufmerksam, dass die Selektion von Bev\u00f6lkerungsgruppen nach ethnischen Kriterien keinesfalls von Nazi-Deutschland erfunden wurde, sondern bereits vom republikanischen Frankreich 1919 im wiedergewonnenen Elsass praktiziert worden sei. In dieser Argumentation schwingt durchaus Kritik an liberalen Gesellschaften mit, indem die Frage des Zusammenhangs von b\u00fcrgerlicher Gesellschaft und Faschismus sowie der Kontinuit\u00e4t von ethnischen Vertreibungen und S\u00e4uberungen aufgeworfen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Allerdings bewegt sich diese Kritik an der Oberfl\u00e4che, und andererseits droht die Spezifik der systematischen Ermordung der europ\u00e4ischen Juden verloren zu gehen. Bei Aly erscheint der Holocaust lediglich als &#8222;\u00e4u\u00dferste Form&#8220; der &#8222;ethnisch und sozial begr\u00fcndeten Massenmobilisierung&#8220;. Die Singularit\u00e4tsthese des Holocausts scheint somit in Frage gestellt zu sein, wenngleich Aly sich von einer Relativierung des Holocaust und der Schuld der Deutschen rhetorisch abgrenzt. Nun ist jedoch diese These &#8211; wie auch der Ansatz des Kontinuit\u00e4tsbezugs &#8211; sehr umstritten und schnell der Vorwurf der Verharmlosung zur Hand. Das Problem ist, dass h\u00e4ufig verschiedene Ebenen &#8211; eine moralisch-politische und eine wissenschaftliche &#8211; verschwimmen, die zu unterscheiden &#8211; wie Brigitte Berlekamp vorschl\u00e4gt[6] &#8211; die Diskussion bereichern w\u00fcrde. Die moralisch-politische, auf die sich die Singularit\u00e4tsthese bezieht, soll das Herausragende, Au\u00dferordentliche kennzeichnen und der Relativierung durch Vergleich vorbeugen. Singularit\u00e4t wird hier verstanden als die erstmalige von einem Staat organisierte, systematische und von der Mehrheitsbev\u00f6lkerung zumindest tolerierte Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung einer anderen Bev\u00f6lkerungsgruppe, einschlie\u00dflich der Greisen und Kinder. Auf der wissenschaftlichen Ebene hingegen w\u00fcrde eine Singularit\u00e4tsthese der komplexen Rekonstruktion der Ereignisse in seinem geschichtlichen Kontext entgegenstehen, den Holocaust aus den geschichtlichen Strukturen und Prozessen herausnehmen und die Gefahr der Wiederholbarkeit letztlich ausschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Alys Vorschlag bleibt deshalb an der Oberfl\u00e4che, weil er nicht die Frage stellt, warum es zu ethnischen Massenmobilisierungen und S\u00e4uberungen kommt und welche &#8211; faschismustheoretisch gesprochen &#8211; klassenpolitischen Interessen dahinter stehen. Dass Aly f\u00fcr die geschichtliche Einordnung des Holocaust in fr\u00fcheren Jahren wesentlich tiefergehende Vorschl\u00e4ge und Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze hatte, beweist vor allem ein Blick in sein zusammen mit Susanne Heim verfasstes Buch &#8222;Vordenker der Vernichtung&#8220; (Hamburg 1990). Dort sahen sie eine Ursache des Holocaust in bev\u00f6lkerungs\u00f6konomischen Gr\u00fcnden und einer gnadenlos instrumentalisierten Vernunft kapitalistischer Rationalit\u00e4t. Eine faschismustheoretische Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte an diese Thesen durchaus kritisch ankn\u00fcpfen, m\u00fcsste jedoch dem sich verselbst\u00e4ndigenden Faktor Antisemitismus ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht beimessen.[7]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ad\u00e4quates Erinnern?<\/strong><br \/>\nEin Erinnern an die Verbrechen des deutschen Faschismus hat zum Ziel, die Wiederholung eines \u00e4hnlichen Geschehens zu verhindern. Die Art und Weise, wie erinnert wird und welche Schlussfolgerungen zur Vermeidung in Erw\u00e4gung gezogen werden, h\u00e4ngt davon ab, wie man das historische Geschehen zu erkl\u00e4ren versucht (bzw. ob man es \u00fcberhaupt einer rationalen Erkl\u00e4rung f\u00fcr zug\u00e4nglich erachtet). Wenn Aly in den nationalen wie sozialen Homogenisierungsversuchen die Ursache f\u00fcr Faschismus und andere Verbrechen der letzten Jahrhunderte sieht, liefert er damit implizit geschichtswissenschaftlich verbr\u00e4mte Argumente f\u00fcr den neoliberalen Sozialstaatsabbau.[8]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nicht minder fragw\u00fcrdig ist die Mainstream-Sicht auf den Faschismus, insbesondere den Judenmord. W\u00e4hrend Aly einer bedenklichen Historisierung das Wort redet, ist das Problem dieser, wie oben bereits erw\u00e4hnt, die Enthistorisierung, -kontextualisierung und -konkretisierung des tats\u00e4chlichen geschichtlichen Geschehens. Die Ursache des Holocausts wird im Wesentlichen in der Ideologie, in erster Linie im Antisemitismus, gesehen (wobei der Kritik an Aly, was die ungen\u00fcgende Ber\u00fccksichtigung des Faktors Antisemitismus betrifft, durchaus zuzustimmen ist). Der Vorgang &#8222;der sozialen Erstellung des genozidalen Prozesses&#8220; (Michael Welzer) droht zu verschwinden, wenn beispielsweise &#8211; um nur ein Beispiel zu nennen &#8211; der Holocaust aus dem Kontext des (imperialistischen) Zweiten Weltkrieges herausgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im hegemonialen Diskurs schwingt implizit oder explizit immer das Argument mit, dass die jetzige deutsche Gesellschaft nichts mehr mit der des Nationalsozialismus gemein habe. Zudem wird die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen, zu denen man sich im Gegensatz zu fr\u00fcheren Jahrzehnten zweifelsohne offen bekennt, als vorbildlich hingestellt. Mehr und mehr wird die Geschichte der Bundesrepublik Bezugspunkt positiver Identifikation &#8211; vergessen scheint das &#8222;kollektive Beschweigen&#8220; der NS-Vergangenheit in der fr\u00fchen Bundesrepublik, die der konservative Philosoph Hermann L\u00fcbbe als die notwendige Voraussetzung f\u00fcr den Aufbau des neuen Staates mit den Tr\u00e4gern und Mitl\u00e4ufern des alten bezeichnete. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Annahme der abstrakten &#8211; da aus ihrem geschichtlichen Kontext gel\u00f6sten &#8211; T\u00e4terschaft &#8222;somit zur Bedingung einer selbstbewussten, nationalen Identit\u00e4t [wird], die wiederum als Voraussetzung f\u00fcr die Teilnahme an der universalisierten Erinnerungskultur verstanden wird.&#8220;[9]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie aus marxistischer Sichtweise ein ad\u00e4quates Gedenken an die Judenvernichtung und deren Erforschung auszusehen hat, skizziert Moshe Zuckermann.[10] Ausgang muss ihm zufolge das Wesen des zu Gedenkenden sein &#8211; was bei Auschwitz allerdings auf erhebliche Schwierigkeiten st\u00f6\u00dft. Gleichwohl muss auch hier gelten, dass das als &#8222;Sonnenfinsternis der westlichen Zivilisation&#8220; oder &#8222;black box des Verstehens&#8220; Apostrophierte von Menschen gemachte Geschichte sei. Und zwar von Menschen in spezifischen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenh\u00e4ngen und Ideologien. Ein Erinnern der Opfer sei zwar unabdingbar, doch komme es darauf an, die historischen Zusammenh\u00e4nge zu ergr\u00fcnden, die Menschen zu Opfern und zu T\u00e4tern haben werden lassen. Praxisbezogen geht, so Zuckermann, damit folgendes einher: &#8222;Wenn es prim\u00e4r darum gehe, die historischen Bedingungen des Holocaust als politisch Prozesse, gesellschaftliche Determinanten, kulturelle Zusammenh\u00e4nge und Ideologien zu begreifen, zudem die Einsicht aufrecht zu halten, dass die Strukturen, die diesen historischen Bedingungen zugrunde liegen, noch keineswegs aus der Welt ger\u00e4umt sind, dann kann es sich bei diesem &#8211; der Opfer im Stande ihres Opferseins gedenkenden &#8211; Erinnerungsakt um nichts anderes als um eine jene Strukturen radikal bek\u00e4mpfende, sie aus der Welt zu r\u00e4umen bestrebte politische, soziale und kulturelle Praxis handeln.&#8220; Nur, so Zuckermann weiter, &#8222;eine jeglichem Rassend\u00fcnkel, ethnisch motiviertem Vorurteil, autorit\u00e4rer Untertanengesinnung und gesellschaftlicher (auch wirtschaftlicher) Ausgrenzung, Verfolgung und Ausbeutung rigoros entgegentretende, mithin um wirkliche Demokratie, soziale Gerechtigkeit und kulturellen Pluralismus bem\u00fchte politische Praxis w\u00e4re im Stande, die gesellschaftlich bedingte, historisch entstandene und kulturell legitimierte Existenz von Opfern als solche tendenziell aufzuheben, somit aber auch der historischen Opfer im Stande ihres Opferseins wahrhaft zu gedenken&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>20 Jahre nach Nolte<\/strong><br \/>\nIm Sommer vor 20 Jahren ging es um den Versuch seitens der konservativen Protagonisten, eine positive Identifikation mit der deutschen Geschichte durch eine Relativierung des deutschen Faschismus durchzusetzen. Gemeinhin hei\u00dft es, dass dieser Vorsto\u00df durch die linksliberalen Kontrahenten abgewehrt wurde. Das ist nicht ganz falsch: Zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter ist nicht eingetreten, was Habermas bef\u00fcrchtet hatte: Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind heute im Geschichtsbewusstsein pr\u00e4senter denn je und auch die politischen Repr\u00e4sentantInnen bekennen sich eindeutig wie nie zur Verantwortungs\u00fcbernahme des Staates. Doch andererseits hatte der linksliberale Punktesieg zur Folge, dass sich die oben beschriebene Sicht auf den Faschismus durchsetzen konnte, was nicht zuletzt auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, dass die Argumentation von Habermas zwar gegen die Konservativen gerichtet war, aber gleichzeitig mit ihrem Pl\u00e4doyer f\u00fcr Westbindung und Verfassungspatriotismus eine systemkritische Linke und ihre (faschismustheoretische) Sicht auf den Nationalsozialismus ausschloss. Sicher lag das auch an den unzul\u00e4nglichen, \u00f6konomistischen Theorien gewisser marxistischer Str\u00f6mungen selbst. Aber gerade deshalb muss faschismustheoretische Forschung mit entsprechenden Modifikationen wieder an das Horkheimersche Diktum (&#8222;Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, solle auch vom Faschismus schweigen&#8220;) ankn\u00fcpfen &#8211; auch um in den Hegemonie-K\u00e4mpfen wieder eine Form ihrer symbolischen Reproduktion zu finden. So kann dem Krisenpotenzial im &#8222;Janusgesicht der b\u00fcrgerlichen Moderne&#8220; auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen Ausgrenzungen, Rassismen, neuen Kriegen und gesellschaftlichen Zerst\u00f6rungen aufkl\u00e4rerisch Rechnung getragen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Anmerkungen<\/strong><br \/>\n[1] Erw\u00e4hnt werden muss, dass die so genannte T\u00e4ter- oder Opferforschung bzw. -perspektive in einem spezifischen Kontext auch progressiv wirken kann. Das ist in der Goldhagen-Debatte vor ca. zehn Jahren zu beobachten gewesen. Die Thesen Goldhagens vom &#8222;eliminatorischen Antisemitismus&#8220; der Deutschen waren ein Gegengewicht zu damaligen Relativierungsbem\u00fchungen.<br \/>\n[2] An Alys Buch &#8222;Hitlers Volksstaat&#8220; wurde vielfach Kritik ge\u00fcbt. Vgl. insbesondere die Beitr\u00e4ge in Sozial.Geschichte. Zeitschrift f\u00fcr historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts 20 (2005), 3 und Christoph Lieber, &#8222;Gef\u00e4lligkeitsdiktatur&#8220; oder m\u00f6rderische Leistungsgesellschaft? G\u00f6tz Alys simplifizierende Faschismusdeutung, in: Sozialismus 12\/2005, S. 30-36.<br \/>\n[3] Vgl. G\u00f6tz Aly, Antworten auf meine Kritiker, in: Sozial.Geschichte, Heft 1, 2006, S. 79.<br \/>\n[4] Vgl. zu der oftmals missverstandenen Kontroverse um Historisierung: Martin Broszat, Was hei\u00dft Historisierung des Nationalsozialismus, in: Historische Zeitschrift. Bd. 247 (1988) und Brigitte Berlekamp: Rassismus, Holocaust und die &#8222;Historisierung&#8220; des Nationalsozialismus &#8211; Zu einem nicht beendeten Disput, in: Werner R\u00f6hr (Hrsg.): Faschismus und Rassismus &#8211; Kontroverse um Ideologie und Opfer, Berlin 1992.<br \/>\n[5] Detlev J.K. Peukert, Alltag und Barbarei. Zur Normalit\u00e4t des Dritten Reiches, in: Dan Diner, Ist der Nationalsozialismus Geschichte, Frankfurt a.M. 1998, S. 51-61.<br \/>\n[6] Berlekamp, a.a.O., S. 103f.<br \/>\n[7] Vgl. zur Kontroverse um die so genannte bev\u00f6lkerungs\u00f6konomische Begr\u00fcndung des Judenmordes Wolfgang Schneider, Vernichtungspolitik &#8211; Eine Debatte \u00fcber den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland, Hamburg 1991.<br \/>\n[8] Dass Alys neototalitarismustheoretische Gleichsetzung von links und rechts offenbar in seiner eigenen Biografie begr\u00fcndet liegt, interessiert hier nur am Rande. Als ehemaliges K-Gruppen Mitglied geht es ihm offenbar darum, mit seiner eigenen Vergangenheit abzurechnen. Einem Journalisten der ZEIT bekennt er, einem totalit\u00e4ren Glauben verfallen gewesen zu sein. Er wolle, so wird Aly wiedergegeben, den Totalitarismus verstehen, ob von rechts oder von links (vgl. Die ZEIT, 19.5.2005). In seiner Rezension des Buches &#8222;Die Bombe im J\u00fcdischen Gemeindehaus&#8220; schrieb er: &#8222;Die deutschen Achtundsechziger waren ihren Eltern auf elende Weise \u00e4hnlich &#8211; vor allem im Antisemitismus.&#8220; So verwundert es nicht, dass er ex post die Seiten gewechselt hat und heute die repressive Seite des Staates in den damaligen Auseinandersetzungen und die BILD-Zeitungskampagnen lobt. &#8222;Wenn es langfristig \u00fcberhaupt positive Auswirkungen des Achtundsechziger-Protests gegeben haben sollte, dann nur deshalb, weil es den Gegenkr\u00e4ften gelang, diese zutiefst intolerante und antidemokratische Bewegung mit Hilfe der Staatsgewalt und einer entschlossenen Publizistik zu stoppen.&#8220; (Die Welt, 16.7.2005)<br \/>\n[9] Gerd Wiegel, Globalisierte Erinnerung? Die Universalisierung der NS-Erinnerung und ihre geschichtspolitische Funktion, in: Michael Klundt u.a.: Erinnern, Verdr\u00e4ngen, Vergessen. Geschichtspolitische Wege ins 21. Jahrhundert, Giessen 2003, S. 112. Zur selbstbewussten nationalen Identit\u00e4t geh\u00f6rt dann auch, dass die rot-gr\u00fcne Bundesregierung sich, um ein angebliches neues Auschwitz im Kosovo zu verhindern, am v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieg der westlichen &#8222;Wertegemeinschaft&#8220; gegen Jugoslawien beteiligte.<br \/>\n[10] Vgl. Moshe Zuckermann, Holokaust, in: Historisch-Kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus, hrsg. von Wolfgang Fritz Haug, Bd. 6\/I, Hamburg 2004, S. 492ff.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2006\/heft_nr_9_september_2006\/\">Sozialismus<\/a> 9\/2006)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grass-Debatte und G\u00f6tz Alys Bestandsaufnahme des Historikerstreits Nur wenige Wochen nach dem Party-Patriotismus der Fu\u00dfballweltmeisterschaft, der weitgehend als Indiz f\u00fcr den nunmehr unverkrampften Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte gedeutet wurde, ist mit dem Eingest\u00e4ndnis G\u00fcnter Grass\u2019, Mitglied der Waffen-SS &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=88\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Grass-Debatte und G\u00f6tz Alys Bestandsaufnahme des Historikerstreits","footnotes":""},"categories":[5,7],"tags":[],"class_list":["post-88","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-faschismus-und-rechtsradikalismus","category-geschichtspolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=88"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1354,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/88\/revisions\/1354"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=88"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=88"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=88"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}