{"id":889,"date":"2015-02-25T14:22:09","date_gmt":"2015-02-25T13:22:09","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=889"},"modified":"2015-04-09T21:59:42","modified_gmt":"2015-04-09T19:59:42","slug":"eingelullt-in-der-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=889","title":{"rendered":"Eingelullt in der Gegenwart"},"content":{"rendered":"<h2>Seit wenigen Jahren w\u00e4chst das Unbehagen an der ritualisierten NS-Erinnerung: Warum?<em><br \/>\n<\/em><\/h2>\n<p>Eigentlich sollte man als Linker ja froh sein. Endlich erinnert die politische Elite Deutschlands nach jahrzehntelangem Schweigen in der Nachkriegszeit nunmehr ausgiebig an Auschwitz, Holocaust und Weltkriegsschuld. Und mahnt, die Verbrechen des von ihr Nationalsozialismus genannten deutschen Faschismus nicht zu vergessen.<!--more--><br \/>\nSo geschehen erst k\u00fcrzlich anl\u00e4sslich der 70. Jahrestage der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz und der Bombardierung Dresdens. Man k\u00f6nnte vor allem auch erfreut \u00fcber das NS-Erinnerungsgebot sein, weil dieses in gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung nicht auf Akzeptanz st\u00f6\u00dft. Ende Januar ver\u00f6ffentlichte die Bertelsmann-Stiftung eine Studie, wonach fast 60 Prozent der Deutschen unter der Last der Vergangenheit einen \u00bbSchlussstrich\u00ab ziehen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Doch zu fragen w\u00e4re, ob es nicht auch an der Art und Weise des offiziellen Erinnerns liegt, warum dieses nicht mit entsprechenden Einstellungen in der Breite der Bev\u00f6lkerung einhergeht. Ist es denkbar, dass die Erinnerung an den Holocaust, die ohne Zweifel die Form eines Rituals angenommen hat, eine abschreckende Wirkung hat? Wird m\u00f6glicherweise der moralisierende Impetus der Politiker, der in Sonntagsreden Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Konsequenz aus den Naziverbrechen beschw\u00f6rt als Widerspruch zum Alltagshandeln derselben Repr\u00e4sentanten empfunden? Stichwort Fl\u00fcchtlingspolitik, Abschottung der EU-Grenzen etc.<\/p>\n<p>Das auch in mehreren Buchpublikationen der letzten Jahre thematisierte Unbehagen an der gegenw\u00e4rtigen Erinnerungskultur speist sich aus mehreren Quellen. Sie kommt mit dem Unterton der stolzgeschwellten Brust daher. Das ostentative Erinnern, so scheint es, dient den Repr\u00e4sentanten als Ausweis der L\u00e4uterung. Endlich geht Deutschland in hervorragender Weise mit seiner Vergangenheit um; in anderen L\u00e4ndern wird die deutsche NS-Aufarbeitung sogar als Vorbild angesehen. Vor sieben Jahren lobte Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, mit Blick auf das Holocaustmahnmal: \u00bbWo hat man eigentlich jemals in der Welt eine Nation gesehen, die Mahnmale zur Verewigung der eigenen Schande errichtet hat?\u00ab Mit der \u00f6ffentlichen Reflexion der Schuld kann man besser Au\u00dfenpolitik betreiben. Zunehmend agiert Deutschland wie ein gew\u00f6hnlicher Staat &#8211; Kriegseins\u00e4tze einer rot-gr\u00fcnen Regierung eingeschlossen, pikanterweise 1999 mit dem Slogan \u00bbNie wieder Auschwitz\u00ab legitimiert. Auf diese Weise hat die \u00bbInkorporierung der Erinnerung\u00ab in das nationale Selbstverst\u00e4ndnis keineswegs die von Martin Walser bef\u00fcrchtete \u00bbDauerrepr\u00e4sentation unserer Schande\u00ab zur Folge. Sie wird vielmehr Quelle eines neuen nationalen Selbstbewusstseins. Und sie hat den Charakter eines abschlie\u00dfenden Rituals (Das Problem des ritualisierten Gedenkens immerhin sprach Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck in seiner Rede am 27. Januar im Bundestag an.)<\/p>\n<p>Des Weiteren, auch darauf wies Gauck hin, gr\u00fcndet sich das Unbehagen an der Erinnerung darin, dass die Fixierung auf die Vergangenheit blind f\u00fcr Unrecht in der Gegenwart machen k\u00f6nnte. Das klingt zun\u00e4chst paradox, soll doch erinnert werden, um Verbrechen wie die Schoah in Zukunft zu verhindern. Gauck zitiert Thomas Buergenthal, einen \u00dcberlebenden des Todesmarsches von Auschwitz nach Sachsenhausen: \u00bbWas ist es wert, dieses \u203aNie wieder\u2039, das zentrale Versprechen nach Auschwitz?\u00ab \u00bbGab es nicht\u00ab, so die Buergenthal-Wiedergabe von Gauck, \u00bbdamals Kambodscha, Ruanda, Darfur?\u00ab Und Gauck stellt auch die Frage nach den Kriegen und Verbrechen in Syrien, Irak und an anderen Schreckensorten, wenngleich diese Verbrechen nicht die Dimension des NS-Mordens erreichen w\u00fcrden. Es sei doch schrecklich entmutigend, erkl\u00e4rte Buergenthal, wenn die Welt \u00bbNie wieder\u00ab erkl\u00e4re, aber \u00bbdie Augen vor dem n\u00e4chsten Genozid\u00ab verschlie\u00dfe.<\/p>\n<p>Polemisch hat Henryk M. Broder dieses Argument auf den Punkt gebracht: \u00bbVergesst Auschwitz!\u00ab hie\u00df sein Buch von 2012, in dem er den \u00bbdeutschen Erinnerungswahn\u00ab kritisierte. Die Erinnerungsrituale seien oft nicht mehr als eine leere Geste, eine Ablenkung von der Gegenwart. Differenzierter, aber durchaus vergleichbar argumentieren die Wissenschaftler Harald Welzer und Dana Giesecke in ihrem Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Renovierung der Erinnerungskultur: Die \u00bbabgestandene\u00ab und \u00bbmuffige\u00ab Erinnerung sei auf vergangenen Ph\u00e4nomene fixiert und lenke von den sich gegenw\u00e4rtig abspielenden Ausgrenzungsprozessen ab, die schon morgen neue Verbrechen erm\u00f6glichen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Warum aber bleiben die Reden von Gauck, Merkel und anderen &#8211; obwohl zumindest Gauck die richtige Fragen stellt &#8211; so unbefriedigend? Es ist nicht nur Gaucks extremismustheoretischer Ansatz wie in seiner Rede Mitte Februar in Dresden, in der er von der Instrumentalisierung des Gedenkens an die Luftangriffe sprach: \u00bbDie Verf\u00e4lschung der Geschichte begann schon unter nationalsozialistischer Herrschaft, setzte sich fort in Zeiten der DDR und wird selbst heute noch von einigen Unverbesserlichen weitergef\u00fchrt.\u00ab Und die heutigen Unverbesserlichen f\u00e4nden sich mal rechts, mal links au\u00dfen. Der Bundespr\u00e4sident entlastet damit die b\u00fcrgerliche Mitte und die Dresden-Erinnerung der BRD. Unter den Tisch f\u00e4llt, dass das b\u00fcrgerliche Gedenken und das der Nazis einen gemeinsamen Kern hat(te), n\u00e4mlich die Erinnerung an die deutschen Opfer. \u00dcbergangen wird zudem, dass die Kritik von Links dazu beitrug, dass die b\u00fcrgerliche Mitte ihr Gedenken anders ausrichtete. Es sollte nicht erneut zu so unsch\u00f6nen Szenen kommen wie vor f\u00fcnf Jahren, als bei der offiziellen Kranzniederlegung der Dresdener Elite auch 60 Nazis zugegen waren.<\/p>\n<p>Das Hauptproblem des offiziellen Erinnerns ist indes, dass das Bekenntnis zur T\u00e4terschaft und die Mahnung, die Verbrechen nicht zu vergessen, auf einer moralisch-abstrakten Ebene erfolgt, die zu metaphysischen Metaphern neigt. So sprach Gauck unl\u00e4ngst von den \u00bbdunklen N\u00e4chten der Diktatur\u00ab &#8211; so als ob Diktaturen, damit scheint er auch die DDR zu meinen, wie Naturgewalten \u00fcber die Menschheit hereinbrechen. Der Nazifaschismus wird somit seiner historischen Gewordenheit entkleidet. Das l\u00e4uft, so argumentiert der italienische Historiker Enzo Traverso, auf eine \u00bbnegative Legitimation des liberalen Westens\u00ab hinaus. Die Erinnerung an die Judenvernichtung als das absolut B\u00f6se diene dazu, uns von dem gegenw\u00e4rtigen System als das absolut Gute zu \u00fcberzeugen. \u00dcbersehen werde dabei, dass der Westen aus mehr als Rechtsstaat und parlamentarisch-liberaler Demokratie besteht. Der liberale Westen des 19. Jahrhunderts war zum Beispiel auch Urheber von Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus, modernem Antisemitismus, technischer Moderne und Eugenik. Elemente, die verdichtet im Nazifaschismus zu finden waren &#8211; und auch heute noch existieren. Davon indes schweigen Gauck und Merkel. Sie entlasten die Gegenwart und lullen ein im Guten und Richtigen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/962960.eingelullt-in-der-gegenwart.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 25.02.2015<\/p>\n<h2><em>\u00a0<\/em><\/h2>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit wenigen Jahren w\u00e4chst das Unbehagen an der ritualisierten NS-Erinnerung: Warum? 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