{"id":892,"date":"2015-03-08T22:10:07","date_gmt":"2015-03-08T21:10:07","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=892"},"modified":"2015-04-09T21:58:51","modified_gmt":"2015-04-09T19:58:51","slug":"die-k-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=892","title":{"rendered":"Die K-Fragen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Naomi Klein stellt in ihrem neuen Buch Grundprinzipien des \u00bbWestens\u00ab in Frage: Kapitalismus und Wachstum<\/strong><\/p>\n<p>Holen wir etwas weiter aus, um die Bedeutung dieses Buches zu ermessen. Was ist der \u00bbWesten\u00ab? Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Presse- und Meinungsfreiheit fallen einem dann meistens ein. Und es ist ja auch richtig. Das B\u00fcrgertum hat im Ringen mit feudal-klerikalen Kr\u00e4ften in einem l\u00e4ngeren Prozess diese liberalen Werte in den Verfassungsrang heben k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Doch bereits in der wichtigsten b\u00fcrgerlichen Revolution, der franz\u00f6sischen von 1789 bis 1794, die sich Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit auf die Fahne geschrieben hatte, war sowohl ein \u00dcberschuss \u2013 die Gleichheit \u2013 als auch in ihren sozialen Tr\u00e4gerschichten ein Widerspruch eingeschrieben. Dieser sollte die Ungleichheit nicht beseitigen, sondern auf lange Sicht noch verst\u00e4rken. Im dritten Stand des franz\u00f6sischen 18. Jahrhunderts fand sich ein sp\u00e4terer Proletarier genauso wie ein sp\u00e4terer Gro\u00dfbourgeois. Das Gro\u00dfb\u00fcrgertum wurde bald die treibende Kraft des \u00fcber Europa hinaus expandierenden Kapitalismus und Imperialismus \u2013 und trug damit dazu bei, dass sich die soziale Ungleichheit auch auf die internationale Ebene erstreckte. Bis dahin hatte es noch keine gro\u00dfen Unterschiede im Lebensstandard zwischen dem heutigen \u00bbWesten\u00ab und dem Rest der Welt gegeben. Mike Davis beschreibt daher die Ausbreitung des liberalen Kapitalismus in seinem Buch \u00bbDie Geburt der Dritten Welt\u00ab (2004) als eine Entwicklung, die Millionen von Opfern forderte. \u00bbMillionen starben nicht au\u00dferhalb des \u203amodernen Weltsystems\u2039, sondern im Zuge des Prozesses, der sie zwang, sich den \u00f6konomischen und politischen Strukturen anzupassen.\u00ab<\/p>\n<p>Und eben das \u2013 die verheerenden Folgen des liberalen Gedankens im Bereich der \u00d6konomie \u2013 macht die Janusk\u00f6pfigkeit des \u00bbWestens\u00ab aus, die freilich von ihren Repr\u00e4sentanten gewissenhaft verschwiegen wird. Marktwirtschaft, Kapitalismus und Freihandel gelten ihnen im Gegenteil als Garanten f\u00fcr Wachstum und Wohlstand. Selbst die offenkundig verheerenden Folgen des Immermehr f\u00fcr die \u00d6kosph\u00e4re sollen durch liberale Prinzipien einged\u00e4mmt werden. Ein Emissionshandelssystem wird gegen den Klimawandel in Stellung gebracht, vorher externalisierte Kosten sollen internalisiert werden, die Natur einen Preis bekommen. Kurz: Ein gr\u00fcner Kapitalismus soll es richten. Man selbst habe ja schon die CO2-Emissionen verringert und setze auf erneuerbare Energien, sagen die F\u00fchrer der freien Welt, w\u00e4hrend ein Finger auf die aufstrebenden Nationen China und Indien zeigt, die immer mehr Dreck in die Welt blasen.<\/p>\n<p>Hier kommt Naomi Klein mit ihrem neuen Buch \u00bbDie Entscheidung. Klima vs. Kapitalismus\u00ab ins Spiel. Sie sagt, Moment mal. Wer mit dem Finger auf andere zeigt, sollte nicht vergessen, dass drei Finger auf ihn zur\u00fcckzeigen. So f\u00fchrt sie Studie um Studie an, die diese Sicht dekonstruieren. Eine etwa hat die Emissionen jener Staaten untersucht, die das Kyoto-Protokoll unterzeichnet haben. Das Ergebnis: Zwar haben sich ihre Emissionen im Land selbst nicht erh\u00f6ht, aber nur weil es der internationale Handel ihnen erlaubt habe, ihre umweltbelastenden Produktionen in andere L\u00e4nder zu verlagern. Die Wissenschaftler schlussfolgern, dass der Anstieg der Emissionen durch die in Entwicklungsl\u00e4ndern produzierten, aber in den Industriestaaten konsumierten Waren sechsmal h\u00f6her sei als die eingesparten Emissionen in den Industriel\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Nachdem die Industriestaaten also durch den Export des liberalen Kapitalismus die Welt in eine \u00bbDritte\u00ab und eine \u00bbErste\u00ab schieden, sind sie heute hauptverantwortlich daf\u00fcr, dass die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens auch noch am heftigsten von den \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den dieses Prozesses betroffen sind. Die Vordenkerin der globalisierungskritischen Bewegung beschreibt die Klimakrise als eine, die unser \u00dcberleben als Spezies bedroht: \u00bbGro\u00dfe St\u00e4dte werden aller Voraussicht nach im Meer versinken, alte Kulturen werden von den Fluten verschlungen, und es ist mehr als wahrscheinlich, dass unsere Kinder einen Gro\u00dfteil ihres Lebens damit verbringen werden, vor b\u00f6sen St\u00fcrmen und extremen D\u00fcrren zu fliehen oder sich davon zu erholen.\u00ab<\/p>\n<p>Das in der Vereinbarung von Kyoto festgelegte Ziel der Begrenzung der Erderw\u00e4rmung auf zwei Grad sei l\u00e4ngst utopisch geworden. Die kanadische Autorin belegt das mit Studien von Weltbank und Internationaler Energieagentur. Erstere prognostiziert eine Vier-Grad-Erw\u00e4rmung bis zur Jahrhundertwende. Letztere geht gar von sechs Grad aus. Klein erinnert daran, dass selbst ein Plus von zwei Grad schon die \u00bbTodesstrafe\u00ab f\u00fcr einige tiefliegende Inselstaaten sowie f\u00fcr gro\u00dfe Teile Afrikas s\u00fcdlich der Sahara bedeute.<\/p>\n<p>Vergegenw\u00e4rtigt man sich diese Folgen &#8211; hinzu kommt noch die Gefahr der sogenannten Kipppunkte -, mutet es umso paradoxer an, dass die Politik nicht in der Lage ist gegenzusteuern, sprich die Emission von Kohlenstoffdioxid zu verringern. Und es ist ja sogar so, dass nicht nur nichts getan wird, sondern dass das Problem noch weiter versch\u00e4rft wird. Zum Beispiel durch die Subventionierung von fossilen Brennstoffen in H\u00f6he von j\u00e4hrlich 775 Milliarden bis zu einer Billion US-Dollar. Zudem, so die Autorin, werde die F\u00f6rderung von gr\u00fcnen Energieformen mitunter durch die Welthandelsorganisation als Versto\u00df gegen das Prinzip des freien Marktes unterbunden. Klein kontrastiert die Reaktion der Politik infolge der Bankenkrise mit der Klimakrise: \u00bbBeim Klimawandel aber hat unsere politische F\u00fchrung noch nie solche Krisenma\u00dfnahmen ergriffen, obwohl er das Risiko birgt, sehr viel mehr Leben zu vernichten als ein paar kollabierte Banken oder Geb\u00e4ude.\u00ab<\/p>\n<p>Warum aber ist das so? Hier dringen wir zum springenden Punkt der Klein\u2019schen Argumentation vor. Und dieser ist die K-Frage, die nach dem Kapitalismus. Klein: \u00bbWir haben nicht die notwendigen Dinge getan, um die Emissionen zu reduzieren, weil diese Dinge in fundamentalem Widerspruch zum deregulierten Kapitalismus stehen, der herrschenden Ideologie, seit wir uns um einen Weg aus der Krise bem\u00fchen.\u00ab Wir k\u00e4men nicht weiter, weil die besten Ma\u00dfnahmen eine extreme Bedrohung f\u00fcr eine elit\u00e4re Minderheit darstellten. Damit meint sie zuv\u00f6rderst die gro\u00dfen Energiekonzerne.<\/p>\n<p>Klein zeigt, dass das Ende des Kalten Krieges und der Siegeszug des neoliberalen Kapitalismus mit seinen Prinzipien Deregulierung, Privatisierung, Entfesselung der Marktkr\u00e4fte und des Freihandels sowie des waschenden Konsums f\u00fcr den Anstieg der CO2-Emissionen verantwortlich sind. Vor der neoliberalen \u00c4ra sei der Emissionsanstieg von 4,5 Prozent j\u00e4hrlich in den 1960er Jahren auf rund ein Prozent pro Jahr in den 1990er Jahren zur\u00fcckgegangen. Ab 2000 stiegen die CO2-Emissionen um rund 3,4 Prozent j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Gegen den deregulierten Kapitalismus anzugehen und damit das Klima zu retten, ist freilich keine einfache Aufgabe. Doch Klein sieht die Klimafrage als katalysierende Kraft. Der Klimawandel liefere den progressiven Kr\u00e4ften das beste Argument f\u00fcr ihre Forderungen wie die nach der Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft, der Verteidigung der Demokratie gegen den Einfluss der Gro\u00dfkonzerne, Widerstand gegen neue Freihandelsabkommen, Investitionen in \u00f6ffentliche Infrastrukturen, die R\u00fcckg\u00e4ngigmachung von privatisierten Dienstleistungen oder die nach der Einf\u00fchrung einer anderen Landwirtschaft. Und sagt mit Recht, wir haben nicht nur die technischen Hilfsmittel f\u00fcr eine Abkehr von fossilen Brennstoffen, sondern auch unz\u00e4hlige Nischen, in denen ein klimafreundlicher Lebensstil bereits enorm erfolgreich erprobt werde.<\/p>\n<p>Kleins neues Buch d\u00fcrfte \u2013 darauf deuten die intensiven englischsprachigen Debatten hin \u2013 ihr wichtigstes sein. Schon wird es mit Titeln wie \u00bbDer stumme Fr\u00fchling\u00ab (1962) verglichen, das als Ausgangspunkt der weltweiten Umweltbewegung gilt. Die K-Frage bleibt indes: Ist ihre Argumentation anschlussf\u00e4hig f\u00fcr (\u00f6ko)sozialistische und marxistische Ans\u00e4tze? Manche bejahen das. Doch es f\u00e4llt auf, dass Klein begrifflich weniger den Kapitalismus an sich als den in seiner deregulierten und neoliberalen Ausformung als entscheidendes Hindernis f\u00fcr die Abwendung der Klimakatastrophe ansieht. Andererseits steht ihre radikale Infragestellung des Wachstumsparadigmas im fundamentalen Widerspruch nicht nur zum deregulierten Kapitalismus.<\/p>\n<p><em>Naomi Klein, Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima, Fischer Verlag, 704 S., geb., 26,99 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/964025.die-k-fragen.html?sstr=guido%7Cspeckmann\">neues deutschland<\/a>, 7.3.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Naomi Klein stellt in ihrem neuen Buch Grundprinzipien des \u00bbWestens\u00ab in Frage: Kapitalismus und Wachstum Holen wir etwas weiter aus, um die Bedeutung dieses Buches zu ermessen. Was ist der \u00bbWesten\u00ab? 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