{"id":90,"date":"2011-10-24T20:59:05","date_gmt":"2011-10-24T18:59:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=90"},"modified":"2011-10-24T20:59:05","modified_gmt":"2011-10-24T18:59:05","slug":"mit-vollgas-in-die-nachste-hungerkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=90","title":{"rendered":"\u00bbMit Vollgas in die n\u00e4chste Hungerkrise\u00ab"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Gespannt sieht ein Teil der Welt\u00f6ffentlichkeit den Beschl\u00fcssen des kommenden EU-Gipfels in Br\u00fcssel zur Verschuldungskrise entgegen. Gespannt deshalb, weil die hohe Verschuldung der Staatshaushalte unter anderem infolge der Rettungsprogramme f\u00fcr die kollabierenden Finanzh\u00e4user 2008 erneut in eine Bankenkrise umzuschlagen droht.<br \/>\nWomit wiederum das Damoklesschwert Rezession \u00fcber der Weltwirtschaft schwebt. So unangenehm die damit verbundenen sozialen Folgen f\u00fcr den potenziellen Kurzzeitarbeiter bei VW oder Opel, den auf einem Schuldenberg sitzenden US-B\u00fcrger oder die junge arbeitslose Akademikerin in Madrid auch sein m\u00f6gen: Hunger leiden m\u00fcssen sie (noch) nicht.<!--more--><br \/>\nVon der Gei\u00dfel des Hungers sind infolge der Preisexplosion der Lebensmittelpreise im Fr\u00fchjahr 2008 vor allem die Menschen in Asien und Afrika betroffen. Auf knapp eine Milliarde wird ihre Zahl gesch\u00e4tzt. Sch\u00e4tzungen der Weltbank zufolge seien allein im Jahr 2010 die Nahrungspreise um ca. ein Drittel gestiegen, was rund 40 Millionen Menschen zus\u00e4tzlich in absolute Armut gest\u00fcrzt habe. Weltbank-Chef Robert Zoellick warnt daher vor dem Hintergrund der Bef\u00fcrchtung, dass sich die Preise f\u00fcr Mais, Weizen und Soja um ein weiteres Drittel erh\u00f6hen werden, vor einem \u00bbtipping point\u00ab: Hungerrevolten k\u00f6nnten vergleichbar mit den Ereignissen von 2008 ganze Staaten ersch\u00fcttern.<br \/>\n<strong>Nicht nur die Krise an den Finanzm\u00e4rkten<\/strong>, sondern allgemein die \u00dcberakkumulation von Kapital und die durch Deregulierung erfolgte Finanzialisierung von immer weiteren M\u00e4rkten, stehen dabei mit der zunehmenden Zahl der Hungernden in Zusammenhang. Das verdeutlicht zum Beispiel die j\u00fcngst von der Nichtregierungsorganisation Foodwatch ver\u00f6ffentlichte Brosch\u00fcre \u00bbDie Hungermacher: Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs &amp; Co. auf Kosten der \u00c4rmsten mit Lebensmitteln spekulieren.\u00ab<br \/>\n<strong>Der Grundmechanismus ist dabei folgender:<\/strong> Unter dem Einfluss von Lobbyisten der Finanzindustrie wurde ab den 2000er Jahren die 1936 von US-Pr\u00e4sident Roosevelt nach der ersten Weltwirtschaftskrise eingef\u00fchrte Regulierung der Rohstoffm\u00e4rkte zur\u00fcckgenommen. Das er\u00f6ffnete dem nach profitablen Anlagem\u00f6glichkeiten suchenden und in \u00dcberf\u00fclle vorhandenem Kapital neue Verwertungschancen \u2013 was auch deshalb notwendig wurde, weil die New-Economy-Blase geplatzt war. So haben bis Ende M\u00e4rz 2011 Kapitalanleger mehr als 600 Milliarden US-Dollar in Wertpapieren investiert, mit denen sie vom Anstieg der Rohstoffpreise zu profitieren hoffen. Das ist im Vergleich mit dem Jahr 2000 40 Mal so viel. Der spekulative Anteil des hier angelegten Kapitals schnellte von 30 auf 80% empor.<br \/>\n<strong>Zu Recht wird also von einem globalen Rohstoff-Kasino<\/strong> gesprochen. Die Preise f\u00fcr Agrarrohstoffe folgten nunmehr nicht mehr den so genannten Fundamentaldaten, sondern wurden zunehmend spekulativ beeinflusst. Dieser Umstand freilich wird von den FinanzvertreterInnen und ihnen nahestehenden WirtschaftswissenschaftlerInnen bestritten: Kein Wunder, denn sich dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen, auf Kosten von Millionen Menschen Profite zu erzielen, stecken nicht einmal die sonst so kaltschn\u00e4uzigen Manager von Hedgefonds und anderen Kapitalsammelstellen weg.<br \/>\n<strong>Der Studie von Foodwatch<\/strong> geb\u00fchrt der Verdienst, diesen Zusammenhang von spekulationsbedingtem Anstieg der Lebensmittelpreise und Hunger im Detail (unter Auswertung einer Vielzahl von wissenschaftlichen Studien) darzulegen. Nat\u00fcrlich ist die Spekulation nicht der einzige Faktor, doch wird deren Anteil auf 10 bis 15% gesch\u00e4tzt. F\u00fcr lange Phasen waren die anwachsenden Kapitalanlagen auf den Rohstoffm\u00e4rkten sogar um bis zu 25% f\u00fcr die Teuerungen verantwortlich.<br \/>\n<strong>Entscheidend ist vielmehr,<\/strong> dass der Rohstoffhandel Teil des globalisierten und deregulierten Kapitalmarktes wurde. \u00bbIn der Konsequenz\u00ab, so der Foodwatch-Report, \u00bbwurden daher Zins\u00e4nderungen, Wechselkurse, Bankenkrisen und der generelle Herdentrieb der Kapitalverwalter die zentralen Faktoren, nach denen sich die Preisentwicklung richtet, weil sie eben auch das Anlageverhalten der Spekulanten auf den Rohstoffm\u00e4rkten steuern.\u00ab<br \/>\nI<strong>nfolge der Lehman-Pleite<\/strong> und dem Crash an den Finanzm\u00e4rkten ist viel \u00fcber so genannte Over the Counter-Gesch\u00e4fte von Banken gesprochen worden, das hei\u00dft, von Gesch\u00e4ften, die jenseits von B\u00f6rsen und damit von staatlicher Aufsicht erfolgen. Diese Praxis setzte auf den Rohstoffm\u00e4rkten ab 2000 im Zuge der erw\u00e4hnten Deregulierung ein. Die ehemalige Chefin der Commodity Futures Trading Commission (CFTC), Brooksley Born, hatte 1998 hellsichtig davor gewarnt: Diese k\u00f6nne die regulierte, ja sogar die ganze Wirtschaft bedrohen. Gegenw\u00e4rtig ist Sch\u00e4tzungen zufolge das Volumen des OTC-Gesch\u00e4fts mit Rohstoffderivaten sieben Mal gr\u00f6\u00dfer als jenes \u00fcber die regulierten und transparenten Terminb\u00f6rsen.<br \/>\n<strong>Des Weiteren hat sich die sogenannte Volatilit\u00e4t,<\/strong> also die Spanne der Preisschwankungen, von Rohstoffderivaten, -zertifikaten und -futures deutlich erh\u00f6ht, was f\u00fcr die unmittelbaren Produzenten von Agrarrohstoffen Planungsunsicherheit bzw. den Verzicht auf den Anbau generell, f\u00fcr die Akteure an den Finanzm\u00e4rkten indes eine ertr\u00e4gliche Einnahmequelle bedeutet. So n\u00e4mlich gewinnt die Absicherung von Rohstoffpreisen, das so genannte Hedging (das der urspr\u00fcngliche Sinn der Rohstoff-Futures war) an Bedeutung.<br \/>\n<strong>Was aber bedeuten diese Erkenntnisse<\/strong> f\u00fcr die sich drohende Zuspitzung der wirtschaftlichen Krisensituation? Falls es zu einem \u00e4hnlichen Einbruch der Realwirtschaft wie 2009 kommt, ist durchaus mit einem kurzfristigen Preisr\u00fcckgang der Agrarpreise und damit der Lebensmittelpreise zu rechnen. Das hat zwei Gr\u00fcnde. Erstens sinkt in einer Rezession die Nachfrage nach dem Schmierstoff der Weltwirtschaft Roh\u00f6l \u2013 und somit dessen Preis. Der Roh\u00f6lpreis jedoch ist durch sogenannte Rohstoff-Indexfonds mit Agrarrohstoffen verkoppelt. Zweitens wird Roh\u00f6l f\u00fcr den Anbau von Lebensmitteln (D\u00fcnger, Treibstoffe) und f\u00fcr ihren Transport ben\u00f6tigt.<br \/>\n<strong>Da diese Faktoren ungef\u00e4hr<\/strong> zu einem Viertel in die Agrarrohstoffpreise einflie\u00dfen, w\u00fcrden bei einem erneuten Abschwung der Weltwirtschaft auch diese Preise sinken. Das war 2008\/2009 so, und im \u00dcbrigen weisen \u00d6lpreis- und Lebensmittelindex \u00fcber die letzen zehn Jahre einen parallelen Verlauf auf.<br \/>\n<strong>Allerdings d\u00fcrfte es erneut<\/strong> nur ein kurzfristiger Preisausschlag nach unten sein. Langfristig, so die Bef\u00fcrchtung der Experten, wird sich das Preisniveau f\u00fcr Rohstoffe weiterhin auf einem hohen bzw. noch h\u00f6heren Niveau bewegen. Gerade in Krisenzeiten n\u00e4mlich gelten Rohstoffe als lukrative Anlagem\u00f6glichkeit. Insofern spricht viel f\u00fcr die Bef\u00fcrchtung der Welthungerhilfe, dass die Welt mit Vollgas in die n\u00e4chste Hungerkrise f\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=13691&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespannt sieht ein Teil der Welt\u00f6ffentlichkeit den Beschl\u00fcssen des kommenden EU-Gipfels in Br\u00fcssel zur Verschuldungskrise entgegen. 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