{"id":900,"date":"2015-04-04T21:47:50","date_gmt":"2015-04-04T19:47:50","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=900"},"modified":"2015-04-09T21:53:02","modified_gmt":"2015-04-09T19:53:02","slug":"ungezuegelter-laerm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=900","title":{"rendered":"Ungez\u00fcgelter L\u00e4rm"},"content":{"rendered":"<h2>Lightning Bolts neues Album ist ihre vielleicht beste Platte &#8211; und ihr Beispiel verr\u00e4t etwas \u00fcber linke Musikrezeption<\/h2>\n<p>Als der Rock \u2019n\u2019 Roll nach Deutschland kam, war er gef\u00e4hrlich. In Hamburg, Essen und Berlin kam es bei Konzerten von Bill Haley Ende der 1950er Jahre zu Massenschl\u00e4gereien und Polizeieins\u00e4tzen.<!--more--><\/p>\n<p>Die \u00bbZeit\u00ab schrieb damals von vom Rock\u2019 n\u2019 Roll-Wahnsinn befallenen Jugendlichen, von einer \u00bbMeute, die unter den Zuckungen von Rock \u2019n\u2019 Roll fest entschlossen ist, alles \u00fcber den Leisten zu hauen\u00ab. Und missverstand so kathartisch und sch\u00e4digende Aggression.<\/p>\n<p>Musik ist auch eine Frage der H\u00f6rgewohnheit. Schon wenige Jahre sp\u00e4ter war nicht mehr nachvollziehbar, warum der Rock \u2019n\u2019 Roll der Anfangsjahre so ein Aufsehen erregte. Anfang der 1980er Jahre indes ging von US-amerikanischen Hardcore-Punk-Bands scheinbar eine \u00e4hnliche Gefahr aus. Konzerte von den Dead Kennedys oder Black Flag wurden von der Polizei aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Diese Beispiele zeigen, welche Kraft und Aggressivit\u00e4t von musikalischen (und subkulturellen) Ph\u00e4nomenen ausgehen kann. Der verstorbene linke Popkritiker Martin B\u00fcsser schrieb mit Blick auf Ph\u00e4nomene wie die des US-Hardcore oder des Free Jazz Mitte bis Ende der 1960er Jahre: \u00bbDie Tatsache, dass es immer wieder einmal f\u00fcr eine kurze Zeit innerhalb des Kapitalismus gelungen ist, nonkonforme musikalische Avantgarde wie auch intensive, den ganzen K\u00f6rper durchdringende Power-Musik als Teil einer linken \u00c4sthetik zu erleben und zu leben, zeigt, dass es alleine auf die Bereitschaft seitens der Linken ankommt, sich mit \u00e4sthetischen Fragen auseinanderzusetzen.\u00ab<\/p>\n<p>Diese \u00e4sthetische Auseinandersetzung freilich erfolgt zu selten. Zumeist h\u00f6rt die Linke vergleichsweise konventionelle Musik, die sich allein durch die politischen Texte auszeichnet. Franz-Josef Degenhardt, Ton Steine Scherben, Slime oder Wir sind Helden &#8211; bei ihnen kommt die Politik nur \u00fcber die Texte ins Spiel. Anders bei der atonalen Zw\u00f6lf-Tonmusik, beim Free Jazz eines Peter Br\u00f6tzmann oder bei aktuellen Noise-Musikern. Hier ist die politische Bedeutung im musikalischen Material selbst enthalten. Insbesondere bei der aus Providence\/USA stammenden Avantgarde-Noiserock-Band Lightning Bolt liegt das auf der Hand. Nirgendwo sonst ist die Aggressivit\u00e4t der Rockmusik gegenw\u00e4rtig besser sp\u00fcrbar als bei diesem Duo. In ihrer Musik, so k\u00f6nnte man mit B\u00fcssers argumentieren, verbinden sich auf dialektische Weise die zwei legitimen musikalischen Ausdrucksformen, die die durch den Kapitalismus hervorgebrachten Deformationen ausdr\u00fccken und bewusst machen k\u00f6nnen: Dissonanz als Ausdruck von Schmerz und Antagonismus einerseits sowie Entgrenzung, die eine Ungez\u00fcgeltheit als Ahnung von einer befreiten Gesellschaft vermittelt, andererseits.<\/p>\n<p>Schlagzeuger Brian Chippendale und Bassist Brian Gibson machen seit rund 20 Jahren zusammen Musik. Sp\u00e4testens mit ihrem Album \u00bbWonderful Rainbow\u00ab haben sie einen Sound gefunden, der den H\u00f6rer tats\u00e4chlich denken l\u00e4sst, er sei vom Wahnsinn befallen. Es kann passieren, dass der H\u00f6rer sich mit wild zuckenden Armen vor der Musikanlage wiederfindet und den Lautst\u00e4rkeregler immer weiter nach oben schiebt. Lightning Bolts Sound ist ultra-aggressiv, super-schnell und mega-verzerrt. Er klingt aber weder nach Metal noch nach Hardcore-Punk, obwohl ihre Musik von diesen Genres beeinflusst ist. Durch die Hinzunahme von Noise-Elementen entsteht eine v\u00f6llig eigenst\u00e4ndige Musik, die den H\u00f6rer physisch ergreift und aufputscht.<\/p>\n<p>Die Intensit\u00e4t von Lightning Bolt entfaltet sich freilich erst live voll. Ihre Konzerte spielen sie nie auf der B\u00fchne, sondern mitten im Konzertraum, um sie herum steht kreisf\u00f6rmig das Publikum. Ohne H\u00f6henunterschied, unmittelbar konfrontiert mit der Band, wird klar, dass es tats\u00e4chlich nur zwei Musiker sind, die diesen \u00bbWall of Sound\u00ab produzieren. Bis dato galten ihre Alben stets als Ann\u00e4herungsversuche, dieses Liveerlebnis auf Tontr\u00e4ger zu bannen. Obwohl ihre Alben auch ohne die Erfahrung eines ihrer Konzerte einzigartige H\u00f6rerfahrungen sind.<\/p>\n<p>Auf ihrem neuen, erst sechstem Album sind die Musiker nun anders vorgegangen. Zum ersten Mal sind sie in ein professionelleres Musikstudio gegangen. Und das h\u00f6rt man \u00bbFantasy Empire\u00ab an. Der Sound ist weniger Lo-Fi, das Schlagzeug ist facettenreicher und Chippendales Gesang teilweise verst\u00e4ndlich. Es handelt sich um die Kr\u00f6nung ihrer musikalischen Zusammenf\u00fchrung von Atonalit\u00e4t und Avantgarde zum einen sowie Intensit\u00e4t und k\u00f6rperlicher Entgrenzung zum anderen. Im Gegensatz zur vom Establishment wahrgenommenen Gef\u00e4hrlichkeit des Rock \u2019n\u2019 Roll in den 1950er Jahren oder des Punk entfaltet ihre Musik indes keine breite Wirkung, obwohl Hunderte zu ihren Konzerten kommen und sie in Kritiker- und Musikerkreisen gro\u00dfen Respekt genie\u00dfen. Ihre Musik ist schlicht zu radikal und im Gegensatz zum musikalisch relativ simplen Punk, der eine ganze Welle von Bandgr\u00fcndungen ausl\u00f6ste, kann sie nicht so einfach reproduziert werden.<\/p>\n<p><em>Lightning Bolt: Fantasy Empire (Thrill Jockey\/Rough Trade)<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/966941.ungezuegelter-laerm.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 4.4.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lightning Bolts neues Album ist ihre vielleicht beste Platte &#8211; und ihr Beispiel verr\u00e4t etwas \u00fcber linke Musikrezeption Als der Rock \u2019n\u2019 Roll nach Deutschland kam, war er gef\u00e4hrlich. 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