{"id":910,"date":"2015-04-07T22:05:13","date_gmt":"2015-04-07T20:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=910"},"modified":"2015-04-09T22:11:16","modified_gmt":"2015-04-09T20:11:16","slug":"wachstumskritik-ist-mehr-als-konsumkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=910","title":{"rendered":"Wachstumskritik ist mehr als Konsumkritik"},"content":{"rendered":"<h2>Elmar Altvater \u00fcber Friedrich Engels, dessen Schrift \u00fcber die \u00bbDialektik der Natur\u00ab und die \u00f6kologische Frage<\/h2>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Sie haben gerade ein Buch \u00fcber Engels nachgelassene Schrift \u00fcber die \u00bbDialektik der Natur\u00ab geschrieben. Was war Ihre Motivation?<\/strong><br \/>\n<b>Elmar <span class=\"mark\">Altvater<\/span>:<\/b> Erstens sollte Engels, dessen Tod sich 2015 zum 120. Mal j\u00e4hrt, gew\u00fcrdigt werden. Zweitens sollte besonders seine vor 90 Jahren posthum erschienene Schrift \u00fcber die Dialektik der Natur in die Debatte um einen \u00bb\u00f6kologischen Marxismus\u00ab eingebracht werden. Die kapitalistische Gesellschaft, ihre Dynamik und ihre Krisen sind nur zu begreifen, wenn nicht nur die Formver\u00e4nderungen der Arbeit und die der Nichtarbeit, der formellen und informellen Arbeitslosigkeit, oder wenn die geschlechtsspezifischen Aspekte der Arbeit ber\u00fccksichtigt werden. Auch das Wert- und Geldverh\u00e4ltnis ver\u00e4ndert seine Form; Resultat ist das hypertrophe Finanzwesen im modernen finanzgetriebenen Kapitalismus, das unser aller Leben durcheinanderwirbelt.<br \/>\nUnd dann d\u00fcrfen wir nicht vergessen, dass alles Wirtschaften, das Alltagsleben und die menschliche Reproduktion in der Natur stattfinden. Wenn wir die Natur nicht ber\u00fccksichtigen, verstehen wir von der kapitalistischen Entwicklung und Krisenhaftigkeit bestenfalls die H\u00e4lfte. Die Naturbedingungen von Produktion, Konsumtion und Reproduktion m\u00fcssen also ber\u00fccksichtigt werden. Der Doppelcharakter der Arbeit muss ernst genommen werden, heute mehr als zu den Zeiten von Marx und Engels, weil wir den Kipppunkten von \u00f6kologischen Systemen viel n\u00e4her sind, wenn wir sie nicht schon wie Klimatologen meinen, l\u00e4ngst \u00fcberschritten haben. Die \u00bbDialektik der Natur\u00ab muss also heute in eine moderne \u00bbKritik der Politischen \u00d6konomie\u00ab aufgenommen werden. Da k\u00f6nnen, ja da m\u00fcssen wir von Friedrich Engels lernen \u2013 was nicht bedeutet, dass sein unvollst\u00e4ndiges Werk zur \u00bbDialektik der Natur\u00ab 1 zu 1 \u00fcbernommen w\u00fcrde. Doch bietet es viele Anregungen, die ein tieferes Verst\u00e4ndnis der Marxschen Wert- und Akkumulationstheorie erm\u00f6glichen.<\/p>\n<div class=\"Infobox Entire\">\n<hr \/>\n<h2><\/h2>\n<h2>Zur Person<\/h2>\n<p><b>Elmar Altvater <\/b>ist emeritierter Professor f\u00fcr Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin und Autor. Au\u00dferdem ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac. \u00dcber sein j\u00fcngstes Buch \u00bbEngels neu entdecken. Das hellblaue B\u00e4ndchen zur Einf\u00fchrung in die \u203aDialektik der Natur\u2039 und die Kritik von Akkumulation und Wachstum\u00ab (VSA: Verlag) sprach mit ihm <b>Guido Speckmann<\/b>.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Friedrich Engels steht bei einigen Linken, die sich intensiv mit den Marxschen Schriften auseinandersetzen, nicht hoch im Kurs. Woran liegt das?<\/strong><br \/>\nDas ist die Folge einer sehr engen \u00bbneuen\u00ab Marx-Lekt\u00fcre. Marx hat sich bekanntlich bei Engels Rat geholt und beide haben das Kommunistische Manifest verfasst. Trotzdem wird Engels z. B. in einem Buch \u00fcber die \u00bbneue Marx-Lekt\u00fcre\u00ab nicht erw\u00e4hnt. Der Verfasser Helmut Reichelt ist ein ausgewiesener Marx-Kenner, wei\u00df aber Engels Bedeutung f\u00fcr die moderne Entwicklung der Marx&#8217;schen Theorie nicht zu w\u00fcrdigen. Daf\u00fcr ist wohl der Horror vor einer Historisierung der Begriffe von Wert, Wertbildung, Verwertung und Kapital verantwortlich. Es geht in erster Linie um die Wertform und deren begriffliche Analyse. Dazu hat die \u00bbneue Marx-Lekt\u00fcre\u00ab zweifelsohne einen wichtigen Beitrag geleistet, indem der Blick auf die Formen von Wert, Geld und Kapital gelenkt wurde. Dadurch ist es m\u00f6glich geworden, die komplexen Vergesellschaftungsprozesse im Kapitalismus in ihrer doppelten Struktur zu begreifen: Vergesellschaftung vollzieht sich durch Arbeit und durch Geld. Dass alle diese Prozesse der Produktion einer allgemeinen Ware auch materiell und f\u00f6rmlich an die Natur gebunden sind, r\u00fcckt dabei in den Hintergrund. Kein Wunder, dass prominente Vertreter der \u00bbneuen Marx-Lekt\u00fcre\u00ab vom \u00bbDoppelcharakter der Arbeit\u00ab, den Marx als den \u00bbSpringpunkt\u00ab der Analyse bezeichnet, nicht viel halten.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Sie sprechen vom sogenannten Kapitaloz\u00e4n. Was bedeutet das und was hat Engels damit zu tun?<\/strong><br \/>\nEngels benutzt diesen Begriff nicht und er ist bislang in den Sozial- und Naturwissenschaften eher randst\u00e4ndig. Er ist von dem Umwelthistoriker und Geographen Jason Moore in Binghampton (USA) und von mir eingef\u00fchrt worden, um die globalen Umweltkrisen \u2013 Klimakollaps, Vernichtung der Artenvielfalt, Ende des fossilen Zeitalters \u2013 in ihrer welthistorischen Bedeutung begreifen zu k\u00f6nnen. Geologen haben seit einigen Jahrzehnten den Begriff des Anthropoz\u00e4n gepr\u00e4gt, um damit deutlich zu machen, dass heute die Menschen nicht nur ihre eigene, sondern auch Erdgeschichte machen. Der Alternativbegriff des Kapitaloz\u00e4n ist pr\u00e4ziser. Denn nicht die Menschen machen Erdgeschichte, sondern die Menschen in kapitalistischer Vergesellschaftung mit institutionalisiertem technischem Fortschritt, einer kapitalistischen Kultur der Weltbeherrschung, mit dem Zugriff auf fossile Energietr\u00e4ger, die die Erde aus einem gegen\u00fcber der Strahlenenergie der Sonne offenen Energiesystem in ein geschlossenes Energiesystem verwandelt haben. Menschen haben immer in die Natur eingegriffen, aber die Reichweite der Eingriffe war nie so gro\u00df, dass Erdsysteme verwandelt wurden. Das erst haben die Menschen in kapitalistischer Produktionsweise geschafft.<\/p>\n<p><strong>Und Engels?<\/strong><br \/>\nEngels hat auf die Notwendigkeit verwiesen, alle sozialen und nat\u00fcrlichen Prozesse in einem \u00bbdialektischen Gesamtzusammenhang\u00ab von Natur und Gesellschaft zu sehen. Dieser Gesamtzusammenhang hat heute, anders als zu Engels Zeiten, planetarische Reichweite.<\/p>\n<p><strong>War Friedrich Engels ein Wachstumskritiker?<\/strong><br \/>\nEr war es. Nur ein Zitat aus dem Anti-D\u00fchrung zum Beleg: \u00bbDie kapitalistische Produktionsweise kann nicht stabil werden, sie muss wachsen und sich ausdehnen, oder sie mu\u00df sterben&#8230;Ihre Lebensbedingung ist die Notwendigkeit fortw\u00e4hrender Ausdehnung, und diese fortw\u00e4hrende Ausdehnung wird jetzt unm\u00f6glich. Die kapitalistische Produktion l\u00e4uft aus in eine Sackgasse.\u00ab Allerdings war Wachstumskritik zu Engels Zeiten weniger dringlich als \u00bbdie soziale Frage\u00ab, die Engels in seinem Jugendwerk \u00fcber die Lage der arbeitenden Klasse in England vorbildlich bearbeitet hat. Viele Soziologen und Sozialhistoriker haben sich an diesem Werk ein Beispiel genommen. Dennoch war f\u00fcr Engels die Naturfrage immer zentral und daher hatte er einen Sensor f\u00fcr \u00dcberlastungen der Natur und das theoretisch-begriffliche Instrumentarium f\u00fcr Wachstumskritik.<\/p>\n<p><strong>Was kann Engels den heutigen Wachstumskritikern sagen?<\/strong><br \/>\nDass Wachstumskritik als Kritik der Akkumulation von Kapital konzipiert werden muss. Wachstum kann und muss dialektisch im Rahmen des gesellschaftlichen und nat\u00fcrlichen Gesamtzusammenhangs des Kapitalismus theoretisch anspruchsvoll und politisch tragf\u00e4hig analysiert und in politische Alternativen umgesetzt werden. Wachstumskritik ist mehr als Konsum- oder Lebensweisenkritik, die sich einzelne zu Herzen nehmen k\u00f6nnen oder auch nicht. Sie ist Gesellschaftskritik oder wirkungslos.<\/p>\n<p><strong>Sie schreiben, dass Engels mit seinen naturwissenschaftlichen Studien die Kritik der politischen \u00d6konomie von Marx bereichert hat. Was waren Engels Erkenntnisse und wie sieht diese Bereicherung aus?<\/strong><br \/>\nEngels hat gezeigt, dass der Doppelcharakter der Arbeit, also der \u00bbSpringpunkt\u00ab der Analyse des Kapitals auch im 21. Jahrhundert seine Bedeutung hat, dass die Naturform ebenso wichtig in der Kapitalismusanalyse und -kritik ist, wie die Gesellschaftsform. Politisch ver\u00e4ndernde Praxis, Klassenkampf beziehen sich auf \u00d6konomie, Gesellschaft, Politik und zugleich auf die Natur. Der Kampf um L\u00f6hne, Arbeitsbedingungen, \u00f6ffentliche G\u00fcter ist wichtig, aber nicht wichtiger als der Kampf zum Schutz der Biosph\u00e4re, des Klimas und der nat\u00fcrlichen Gemeing\u00fcter.<\/p>\n<p><strong>Woran liegt es, dass die Dialektik der Natur, beziehungsweise die \u00f6kologische Frage bei gegenw\u00e4rtigen Marxisten und Linken eher stiefm\u00fctterlich behandelt wird?<\/strong><br \/>\nDie \u00f6kologische Frage ist auch bei Nicht-Marxisten erst in j\u00fcngster Zeit in den Vordergrund ger\u00fcckt, und im \u00f6konomischen Mainstream ist sie immer noch nicht angekommen. Diese Ignoranz, die auch die Politik bestimmt, ist eine gro\u00dfe Gefahr. Denn wir haben bereits einige der sogenannten \u00bbplanetary boundaries\u00ab, der planetarische Grenzen gerissen. Wir bewegen uns mit ungest\u00fcmer Wachstumsdynamik auf einen Abgrund zu. Zu Marx und Engels Zeiten war der noch gar nicht sichtbar, und dennoch wussten beide, dass dieser droht, wenn nicht der kapitalistischen Dynamik Einhalt geboten wird.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/966962.wachstumskritik-ist-mehr-als-konsumkritik.html?sstr=altvater\">neues deutschland<\/a>, 7.4.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elmar Altvater \u00fcber Friedrich Engels, dessen Schrift \u00fcber die \u00bbDialektik der Natur\u00ab und die \u00f6kologische Frage<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Elmar Altvater \u00fcber Friedrich Engels, dessen Schrift \u00fcber die \u00bbDialektik der Natur\u00ab und die \u00f6kologische Frage","footnotes":""},"categories":[84],"tags":[126,89],"class_list":["post-910","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-okologie","tag-wachstumskr","tag-wachstumskritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/910","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=910"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/910\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":912,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/910\/revisions\/912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=910"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=910"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=910"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}