{"id":917,"date":"2015-05-22T21:09:48","date_gmt":"2015-05-22T19:09:48","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=917"},"modified":"2015-11-30T11:36:55","modified_gmt":"2015-11-30T10:36:55","slug":"die-ambivalenz-der-waschmaschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=917","title":{"rendered":"Die Ambivalenz der Waschmaschine"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Schweizer Wissenschaftsjournalist Marcel H\u00e4nggi b\u00fcrstet unser Fortschrittsbild gegen den Strich<\/strong><\/p>\n<p>Zwar ist seit dem Ende des Kalten Krieges die Angst vor einem Atomkrieg, und damit vor der Selbstzerst\u00f6rung der menschlichen Zivilisation, gebannt. Allerdings ist die Selbstzerst\u00f6rung technisch noch immer machbar. Atomar sowieso, aber auch durch \u00f6kologische Folgen des Wachstums, durch Klimawandel, \u00dcbers\u00e4uerung der Meeres und Bodenerosion.<\/p>\n<p><!--more--> Dies war denn auch der Ansporn f\u00fcr das neue Buch des Schweizer Wissenschaftsjournalisten Marcel H\u00e4nggi. In diesem reflektiert er \u00fcber den Fortschrittsbegriff und erz\u00e4hlt Geschichten, die das herk\u00f6mmliche Verst\u00e4ndnis von Fortschritt gegen den Strich b\u00fcrsten, nicht dem linearen Fortschrittsmodell entsprechen.<\/p>\n<p>War die Erfindung und Durchsetzung der Waschmaschine tats\u00e4chlich ein Fortschritt? Die meisten d\u00fcrften das mit einem entschiedenen \u00bbJa\u00ab beantworten. Auch H\u00e4nggi zitiert Stimmen, wonach das Waschen nun keine Arbeit mehr sei. Doch so einfach ist das nicht. H\u00e4nggi schreibt, dass es in der Wissenschaft keinen Konsens dar\u00fcber gebe, ob die Zeit, die ein durchschnittlicher Haushalt f\u00fcr das Waschen aufwendet, abgenommen oder zugenommen hat. Die meisten sind der Ansicht, dass der Zeitaufwand derselbe sei. Wie das zu erkl\u00e4ren ist? Durch den vereinfachten Waschprozess sei die Nachfrage nach dem Waschen gr\u00f6\u00dfer geworden. Nicht einmal die Woche wird gewaschen, sondern fast t\u00e4glich. Damit einher ging ein Wandel des Hygieneverst\u00e4ndnisses. Bevor sich die Waschmaschine durchsetzte, war es \u00fcblich, Kleidung mehrere Tage zu tragen, heute wird sie fast t\u00e4glich gewechselt. Entsprechend oft muss gewaschen und geb\u00fcgelt werden. \u00bbEs ist ein Effekt, den man mit einem Begriff aus der Energie\u00f6konomie \u203aRebound\u2039 nennt: Was weniger &#8211; Zeit oder Geld &#8211; kostet, wird st\u00e4rker nachgefragt.\u00ab Was jedoch die H\u00e4rte der Arbeit anbelangt, war die Waschmaschine dann doch ein Fortschritt.<\/p>\n<p>Das Beispiel des Waschens zeigt, wie kompliziert und vertrackt der \u00bbFortschritt\u00ab ist. Und H\u00e4nggi de-konstruiert an elf weiteren Beispielen, dass die Erz\u00e4hlung von Fortschritt und Innovation nicht so einfach ist, wie seine Bef\u00fcrworter nicht m\u00fcde werden zu betonen. Hat das Auto unsere Freiheit und Mobilit\u00e4t erweitert? Mitnichten. Das Auto habe L\u00e4ndern und St\u00e4dten eine Stra\u00dfeninfrastruktur aufgezwungen, die zur Zersiedlung gef\u00fchrt habe &#8211; und damit dazu, dass die Wege zwischen Arbeiten und Leben immer l\u00e4nger w\u00fcrden. Zeitersparnis ade. Des Weiteren erinnert H\u00e4nggi daran, dass der Preis f\u00fcr den individuellen Autoverkehr mit einer Million Verkehrstoten weltweit j\u00e4hrlich doch recht hoch ist.<\/p>\n<p>Eindrucksvoll zeigt er auf, dass eine industrielle, kapitalintensive Landwirtschaft, die von den westlichen Staaten als Vorbild f\u00fcr die so genannten Entwicklungsstaaten gesehen wird, kein Fortschritt ist. Das \u00dcberst\u00fclpen eines Entwicklungsmodells, das auf Privateigentum an Boden und Produktionsmitteln, Markt und Spezialisierung etc. setzt, kann fatale Folgen haben. \u00bbHunger und Armut hat die Produktionssteigerung nicht zu beseitigen vermocht. Stattdessen verloren Hunderte Millionen Menschen ihre Auskommen in der Landwirtschaft. Lokal angepasste Anbautechniken und Kulturpflanzensorten sind verloren gegangen.\u00ab Selbst die Gr\u00fcne Revolution sch\u00e4dige die \u00f6kologischen Grundlagen der Landwirtschaft.<\/p>\n<p>H\u00e4nggi zeichnet ein realistisches und kritisches Bild, jenseits von Technikeuphorie und -feindschaft. Er beleuchtet gesellschaftliche und kulturelle Zusammenh\u00e4nge. Seiner Ansicht nach werden Kohle, Erd\u00f6l und Erdgas sowie das Roden von W\u00e4ldern das 21. Jahrhundert st\u00e4rker pr\u00e4gen als neuere Techniken. H\u00e4nggi spricht zwar vom techno-industriellen Komplex, der ein Interesse daran hat, seine Technik mit einer positiven Erz\u00e4hlung zu versehen und dies mit Lobby und intensiver Werbung durchzusetzen versucht. Doch wird dessen Verwurzelung in der kapitalistischen Produktionsweise nicht thematisiert. So erscheint der Epilog, in dem der Autor seinen Vorschlag f\u00fcr einen guten Umgang mit Technik skizziert, etwas utopisch, voluntaristisch. Zutreffend ist gewiss sein Fazit: \u00bbTats\u00e4chlich d\u00fcrfte es m\u00f6glich sein, die Bed\u00fcrfnisse aller Menschen mit heutigen Techniken zukunftsvertr\u00e4glich zu befriedigen und die nicht nachhaltigen Techniken abzul\u00f6sen.\u00ab Doch allein mit \u00bbMythenzertr\u00fcmmerung\u00ab, wie sie H\u00e4nggi durchaus erfolgreich praktiziert, wird das nicht gelingen. Zu fragen w\u00e4re nach den sozialen Tr\u00e4gern einer solchen Entwicklung.<\/p>\n<p><em>Marcel H\u00e4nggi: Fortschrittsgeschichten. F\u00fcr einen guten Umgang mit Technik. S. Fischer, Frankfurt am Main. 302 S., br., 12,99 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/971862.die-ambivalenz-der-waschmaschine.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 22.5.2015<\/p>\n<p><i>.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schweizer Wissenschaftsjournalist Marcel H\u00e4nggi b\u00fcrstet unser Fortschrittsbild gegen den Strich Zwar ist seit dem Ende des Kalten Krieges die Angst vor einem Atomkrieg, und damit vor der Selbstzerst\u00f6rung der menschlichen Zivilisation, gebannt. 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