{"id":928,"date":"2015-09-08T05:52:12","date_gmt":"2015-09-08T03:52:12","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=928"},"modified":"2018-03-22T22:24:42","modified_gmt":"2018-03-22T21:24:42","slug":"aufwaerts-und-zwar-steil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=928","title":{"rendered":"Aufw\u00e4rts. Und zwar steil!"},"content":{"rendered":"<h2>Gerhard Henschel legt den sechsten Band seines au\u00dfergew\u00f6hnlichen autobiografischen Romanprojektes vor<\/h2>\n<p>Gerhard Henschel ist ein akribischer Schriftsteller, er ist Archivar seines eigenes Lebens &#8211; und des Lebens seiner Familie. Doch seine B\u00fccher haben nichts von dem, was man f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit Akribie und Archiven assoziiert: Langeweile, Pedanterie, Trockenheit. Im Gegenteil: Sein inzwischen auf sechs B\u00e4nde und \u00fcber 3000 Seiten angewachsenes Romanprojekt \u00fcber sein Alter Ego Martin Schlosser ist ein hoch vergn\u00fcgliches Lekt\u00fcreerlebnis.<!--more--> Schmunzeln muss man auf fast jeder Seite, laut lachen auf jeder f\u00fcnften. Das ist auch in dem soeben erschienenen \u00bbK\u00fcnstlerroman\u00ab so, in dem der junge Schlosser beschlie\u00dft, sein Studium hinzuschmei\u00dfen und sich einer Karriere als Schriftsteller zu widmen. Der an Walter Kempowski geschulte anekdotische Henschel-Sound besteht aus Erinnerungspuzzles und geht so: \u00bbBesuch in Meppen. Mittags Bohneneintopf mit Bauchfleisch und danach ein mehrst\u00fcndiges Kellergemurkse mit Papa. Krumme N\u00e4gel geradekloppen und dergleichen.\u00ab Oder so: \u00bbBeim Mittagessen stritt Mama ab, Fix-So\u00dfenbinder verwendet zu haben, aber Papa fand im K\u00fcchenm\u00fclleimer die leere T\u00fcte, und schon hing der Ehesegen wieder schief.\u00ab<\/p>\n<p>Sein au\u00dfergew\u00f6hnliches autobiografisches Schlosser-Projekt begann der als Satiriker bekannt gewordene Henschel mit dem Briefroman \u00bbDie Liebenden\u00ab. Nach dem Tod seiner Eltern war ihm ein Karton mit 120 Aktenordnern voller Briefe in die H\u00e4nde gefallen (eine Szene, die auch in seinem neuesten Buch Erw\u00e4hnung findet). Vornehmlich ein Schriftwechsel seiner Eltern &#8211; deshalb der Titel \u00bbDie Liebenden\u00ab -, aber auch seiner Gro\u00dfeltern, Tanten und Onkel. Aus dem Briefnachlass w\u00e4hlte er aus, k\u00fcrzte und \u00e4nderte die Namen. Das 2002 erschienene, von der Kritik zu Recht viel gelobte Buch, war der Startschuss f\u00fcr die literarische Besch\u00e4ftigung mit seiner eigenen Biografie. Mithilfe von zum Beispiel einem Tagebuch seiner Schwester, Fotoalben oder einer Familienzeitschrift, in der der junge Henschel \u00fcber Neuigkeiten wie Zahnarztbesuche in seiner Familie berichtete, rekonstruiert der 1962 geborene Autor die eigene Lebensgeschichte. Und l\u00e4sst auf diese Weise das Leben einer typischen westdeutschen Mittelschichtsfamilie der zweiten Nachkriegsgeneration wieder auferstehen.<\/p>\n<p>Nach dem Kindheits-, Jugend-, Liebes-, Abenteuer- und Bildungsroman nun also der K\u00fcnstlerroman. Martin Schlosser ist inzwischen Mitte 20, studiert in West-Berlin und f\u00fchrt mit Andrea aus Aachen eine offene Liebesbeziehung &#8211; mit all den dazugeh\u00f6rigen Problemen. W\u00e4hrend Andrea zun\u00e4chst tats\u00e4chlich andere Beziehungen hat, f\u00e4llt Martin durch sein \u00bbseltenes Talent f\u00fcr das Aufst\u00f6bern unzug\u00e4nglicher Frauen\u00ab auf. Er verliebt sich in Frauen, kann aber bei keiner landen. Da er Andrea von den Romanzen erz\u00e4hlt, geht die Beziehung zwischenzeitlich in die Br\u00fcche.<\/p>\n<p>Als er das permanente Trampen nach Aachen zu Andrea und nach Meppen zu seinen Eltern satt hat, zieht Martin Schlosser in eine Aachener WG samt Katze, die ihre Notdurft nicht immer dort verrichtet, wo es vorgesehen ist, und versucht sein Studium in K\u00f6ln fortzusetzen. Als das nicht klappt, kehrt Martin nach Berlin zur\u00fcck, um nur wenig sp\u00e4ter diese Erleuchtung zu haben: \u00bbPl\u00f6tzlich sah ich alles vor mir: Ich w\u00fcrde mein Studium abbrechen, mir einen Fabrikjob beschaffen und in zwei Monaten so viel verdienen, da\u00df ich ein Jahr lang davon leben konnte. Und in diesem Jahr w\u00fcrde ich das Bildergeschichtenbuch schreiben.\u00ab<\/p>\n<p>Zielstrebig setzt Martin diesen Entschluss um. Er zieht nach Oldenburg, wo ein befreundetes Paar wohnt, mietet eine erstaunlich g\u00fcnstige Vier-Zimmer-Wohnung, allerdings ohne Bad, und steht t\u00e4glich um vier Uhr fr\u00fch auf, um zu schreiben. Sp\u00e4ter zieht auch Andrea zu ihm. Doch verkalkuliert hat er sich mit dem Finanziellen. Er muss erneut diverse Aushilfsjobs annehmen. Die Abl\u00e4ufe in einer Oldenburger Spedition Rhenus fasst Henschel in folgender wunderbaren Szene zusammen: \u00bbHatte man die nummerierten Europaletten vom Wagen gezogen, kamen die sogenannten Sucher und suchten nach den passenden Papieren, aus denen hervorging, wohin die Paletten gebracht werden sollten. Blieben Papiere \u00fcbrig, suchten die Sucher die fehlenden Paletten. Blieben Paletten \u00fcbrig, suchten die Sucher die fehlenden Papiere. Fehlte alles, suchten die Sucher den Lagermeister, was manchmal so lange dauerte, da\u00df man die Sucher suchen gehen mu\u00dfte.\u00ab<\/p>\n<p>Vom Proletariat bekommt der \u00bbkonkret\u00ab und bei Liebeskummer Adorno lesende Schlosser (woran er aber scheitert, ebenso wie an Sartre und Heidegger) nicht den besten Eindruck: Zumindest die Tetra-Pak-Arbeiter scheinen sich nur f\u00fcr Grillfleisch, Heckspoiler, Kegelabende und beschissene Schlagermusik sowie f\u00fcr billige Ferienh\u00e4user und h\u00f6here Rentenbez\u00fcge zu interessieren. Schlosser indes nimmt es pragmatisch: \u00bbEin saturiertes, vollgefressenes Pauschaltouristenvolk marschierte nicht nach Stalingrad.\u00ab<\/p>\n<p>Seine ersten Schreibversuche indes werden von Freundin Andrea mit \u00bbDa f\u00e4llt einem ja der Kopf ab\u00ab kommentiert, und seine Eltern sind von dem Entschluss ihres Filius, Schriftsteller zu werden, ebenso wenig begeistert wie von den ersten Resultaten dieses Bem\u00fchens. Mit der Ver\u00f6ffentlichung eines Textes in der Oldenburger Stadtzeitschrift \u00bbDiabolo\u00ab hat Martin einen ersten Erfolg. Doch der \u00bbK\u00fcnstlerroman\u00ab, der eigentlich ein Hungerk\u00fcnstlerroman ist, endet mit dem Entschluss: \u00bbAb jetzt sollte es aufw\u00e4rtsgehen. Und zwar steil.\u00ab Denn der Protagonist hatte festgestellt, dass ihm so lebensnotwendige Dinge wie Hosen, Schn\u00fcrsenkel, Rei\u00dfverschlussz\u00e4hne und Str\u00fcmpfe zerfallen &#8211; und f\u00fcr Neuanschaffungen kein Geld da ist.<\/p>\n<p>Von sich entwickelnden Handlungen kann man bei den Schlosser-Romanen von Henschel nicht reden, dennoch verschlingt man jeden neuen, als ob sie den spannendsten Plot h\u00e4tten. Der K\u00fcnstlerroman f\u00fcgt dem vorherigen Bild eine neue, d\u00fcstere Note hinzu. Die Ehe der Eltern Schlosser liegt in Scherben, die Mutter ist krebskrank, der Vater wird immer verbitterter. Gerade das Verh\u00e4ltnis zu ihm macht Martin zu schaffen. In Bioenergetik-Seminaren, in die er zun\u00e4chst von Freundin Andrea geschleppt wird, versucht er ernsthaft, das gest\u00f6rte Verh\u00e4ltnis aufzuarbeiten. Das f\u00fchrt zu urkomischen Szenen wie dieser: \u00bbIngo dr\u00fcckte mir einen Teppichklopfer in die Hand, schichtete ein paar Matratzen auf und sagte, ich solle darauf einschlagen und schreien: \u203aPapa, ich schlag dich tot.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Man muss die Romane \u00fcber Martin Schlosser nicht unbedingt chronologisch lesen. Mit der Kenntnis des Briefromans \u00bbDie Liebenden\u00ab entfaltet die Martin-Schlosser-Chronik jedoch einen noch st\u00e4rkeren Reiz. Er wirkt wie eine Vorausblende und r\u00fcckt andere Personen der Familie in ein helles bzw. anderes Licht. Kaum den j\u00fcngsten Roman verschlungen, freut sich der Rezensent bereits auf den n\u00e4chsten: Er soll \u00bbArbeiterroman\u00ab hei\u00dfen und erneut bereits in anderthalb Jahren vorliegen. Gerhard Henschel hat mit seinen erschienenen B\u00fcchern \u00fcber sich und seine Familie das interessanteste autobiografische Romanprojekt der j\u00fcngeren deutschen Literatur geschaffen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/983754.aufwaerts-und-zwar-steil.html\">neues deutschland<\/a>, 8.9.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerhard Henschel legt den sechsten Band seines au\u00dfergew\u00f6hnlichen autobiografischen Romanprojektes vor Gerhard Henschel ist ein akribischer Schriftsteller, er ist Archivar seines eigenes Lebens &#8211; und des Lebens seiner Familie. 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