{"id":93,"date":"2011-08-23T21:04:10","date_gmt":"2011-08-23T19:04:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=93"},"modified":"2011-08-23T21:04:10","modified_gmt":"2011-08-23T19:04:10","slug":"purer-zynismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=93","title":{"rendered":"Purer Zynismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Folgender Satz aus der S\u00fcddeutschen Zeitung steht nur stellvertretend f\u00fcr viele b\u00fcrgerliche Analysen zu der sich seit l\u00e4ngerem abzeichnenden und nunmehr akuten Hungerkatastrophe am Horn von Afrika: \u201eEin derartiges Leiden schien im 21. Jahrhundert nicht mehr vorstellbar.\u201c Diese Aussage erstaunt einerseits. Andererseits bringt sie den im besten Falle hilflosen, im schlechteren Falle eurozentrischen Blick des Westens auf die von ihm mitverursachten Miseren in weiten Teilen der &#8222;Dritten Welt&#8220; zum Ausdruck.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Satz irritiert, weil es nur etwas mehr drei Jahre her ist, als mehrere Staaten infolge von drastisch gestiegenen Lebensmittelpreisen von Hungeraufst\u00e4nden ersch\u00fcttert wurden und das Thema f\u00fcr kurze Zeit \u2013 bis die Rettung des Finanzsystems wichtiger wurde \u2013 die Nachrichtenagenda (mit)bestimmte. Erstaunlich ist die Aussage auch, weil die Zahl der Hungernden infolge der weltweiten Wirtschaftskrise auf \u00fcber eine Milliarde gestiegen ist. Ohne Zweifel ist das Ausma\u00df der derzeitigen Hungerkatastrophe vornehmlich in Somalia besonders schlimm. Doch die Bedrohung durch den Hungertod hat im 21. Jahrhundert f\u00fcr Millionen Menschen nie seinen Schrecken verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass das so ist, ist im Grunde genommen das wirklich Verbl\u00fcffende. Denn vom Stand der Technik und der Anbaumethoden gesehen k\u00f6nnten heute bereits, wie der Weltagrarbericht aus dem Jahr 2009 zeigte, zw\u00f6lf Milliarden Menschen ern\u00e4hrt werden, viel mehr also als die derzeit knapp sieben Milliarden Erdenbewohner. Der Bericht hebt auch hervor, dass dies bei einer Umstellung auf eine kleinb\u00e4uerlich-\u00f6kologische Produktion noch leichter m\u00f6glich w\u00e4re. Auch die Tatsache, dass in der Lebensmittelindustrie 120 bis 140% des Bedarfs produziert werden, sodass 20 bis 40% von vornherein als Abfall eingeplant sind, spricht f\u00fcr sich. Hunger ist somit ein Verteilungsproblem aufgrund fehlender zahlungskr\u00e4ftiger Nachfrage, es ist mitnichten ein Problem des Mangels.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das indes bringen der Satz und der folgende Text aus der SZ nicht zum Ausdruck. In diesen ist hingegen viel von Naturkatastrophen, korrupten Diktatoren und islamistischen Milizen die Rede.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Konkret: Die gegenw\u00e4rtige Hunterkatastrophe in Somalia, \u00c4thiopien, Kenia und Dschibuti, von der 11,5 Millionen Menschen bedroht sind, wird urs\u00e4chlich auf eine D\u00fcrreperiode zur\u00fcckgef\u00fchrt. Und das ist auch nicht in Abrede zu stellen: Das Gebiet am Horn von Afrika ist immer wieder von lang anhaltenden geringen bzw. ausbleibenden Niederschl\u00e4gen betroffen. Die Frage allerdings ist, inwieweit die D\u00fcrren auch eine Folge des Klimawandels sind, der ma\u00dfgeblich von den Industrienationen verursacht wird, dessen Betroffene aber in erster Linie die L\u00e4nder der s\u00fcdlichen Hemisph\u00e4re sind. Dar\u00fcber gibt es derzeit unterschiedliche Ansichten. Bernhard Pospischl vom Institut f\u00fcr Meteorologie der Universit\u00e4t Leipzig meint, dass in diesem Fall die \u201eschlimmste D\u00fcrre seit 60 Jahren\u201c (UN) kein Vorbote des Klimawandels ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch abgesehen davon gilt es, sich die Erkenntnisse der marxistisch orientierten \u201epolitischen \u00d6kologie des Hungers\u201c in Erinnerung zu rufen. Ihr prominentester Vertreter, Mike Davis, hat in seiner Studie \u201eDie Geburt der Dritten Welt\u201c ausgef\u00fchrt, dass Hunger, Klima und Naturkatastrophen keine essenziellen Kategorien, sondern stets in Bezug auf soziale und politische Verh\u00e4ltnisse zu analysieren sind. Demzufolge sind Hungermiseren soziale Krisen, die das Versagen spezifischer \u00f6konomischer und sozialer Systeme widerspiegeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nehmen wir das Beispiel Somalia: Welches \u00f6konomische und soziale System hat hier versagt? Offenkundig ist, dass Somalia in der Sprache des Westens ein so genannter \u201efailed state\u201c ist. Das hei\u00dft, dass die derzeitige international anerkannte \u00dcbergangsregierung defacto keine Macht aus\u00fcbt und in diesem Machtvakuum die radikal-islamistischen Shabaab-Milizen ihr Unwesen treiben, indem sie z.B. die Hilfsaktionen der westlichen Wertegemeinschaft boykottieren. Doch zumeist wird der Anteil insbesondere der USA an dieser politischen Misere unterschlagen. Infolge von 9\/11 geriet Somalia in den Fokus der selbst ernannten \u201eKrieger gegen den Terrorismus\u201c, weil das Land als R\u00fcckzugsgebiet f\u00fcr islamistische Terroristen galt. 2006 unterst\u00fctzte die Bush-Regierung den Einmarsch ihres Verb\u00fcndeten \u00c4thiopiens in Somalia, in welchem die Union islamischer Gerichte die Kontrolle \u00fcber die Hauptstadt Mogadischu und weite Teile des Landes \u00fcbernommen hatte. Die Union der Gerichte hatte auf lokaler Ebene das Scharia-Recht durchgesetzt, andererseits aber auch in den besetzten Gebieten einen zwischenzeitlichen Frieden durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor diesem Hintergrund spricht der Somalia-Experte und fr\u00fchere Leiter der Afrika-Abteilung von Brot f\u00fcr die Welt, Helmut Hess, davon, dass die Hungerkatastrophe auch Folge einer falschen Politik des Westens gegen\u00fcber dem gescheiterten Staat Somalia sei: \u201eAlle politischen Bem\u00fchungen des Westens haben zum genauen Gegenteil dessen gef\u00fchrt, was man erreichen wollte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die verheerende Politik der westlichen Staaten zeigt sich auch an der Bek\u00e4mpfung der somalischen Piraten. Solange EU-Fischereiflotten die Gew\u00e4sser Somalias leerfischen und damit den Fischern ihre Lebensgrundlage nehmen, wird eine nicht vermeidbare Konsequenz sein, dass ein Teil der ehemaligen Fischer eben gezwungen ist, sich mit Piraterie den Lebensunterhalt zu verdienen. Die kann man zwar polizeilich und milit\u00e4risch bek\u00e4mpfen, aber an den Ursachen \u00e4ndert das nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">An diesem Beispiel zeigt sich, was f\u00fcr die Politik der westlichen kapitalistischen Staaten insgesamt gilt: Ausgangspunkte ihrer Interventionen sind nie die Ursachen, sondern lediglich Erscheinungen derselben. So sind Hunger und Elend auch eine Folge der kapitalistischen Weltmarktlogik. Das verdeutlicht der ehemalige UN-Sonderbeauftragte f\u00fcr das Menschenrecht auf Nahrung, Jean Ziegler, der die Finanzkrise und das daraus resultierende Umschwenken von Hedgefonds und anderen Gro\u00dfspekulanten auf die Agrarrohstoffb\u00f6rsen mit verantwortlich f\u00fcr die Misere am Horn von Afrika macht. Mit Termingesch\u00e4ften, Futures etc. treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische H\u00f6hen. Das Resultat: \u201eWeder \u00c4thiopien, noch Somalia, Djibouti oder Kenia konnten Nahrungsmittelvorr\u00e4te anlegen \u2013 obschon die Katastrophe seit f\u00fcnf Jahren voraussehbar war.\u201c Dazu komme, so Ziegler weiter, dass die L\u00e4nder des Horns von Afrika von ihren Auslandsschulden erdr\u00fcckt werden, sodass Geld f\u00fcr Infrastrukturinvestitionen fehle (SZ, 24.7.2011). In den hohen Nahrungsmittelpreisen sieht auch Weltbank-Pr\u00e4sident Robert Zoellick eine der Ursachen f\u00fcr das tragische Leiden am Horn von Afrika.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein weiterer Faktor ist das so genannnte Land Grabbing (Landraub), das zu Recht sogar von UN-Unterorganisationen als neokoloniale Praxis kritisiert wird. Auch dieses Ph\u00e4nomen steht mit der weltweiten Wirtschaftskrise von 2008\/2009 in Zusammenhang. Nach dem Absturz der Immobilienpreise bot sich als alternative Anlagesph\u00e4re f\u00fcr das im \u00dcberfluss vorhandene Kapital der Erwerb von Landfl\u00e4chen f\u00fcr den exportorientierten Anbau von Nahrungsmitteln oder Bioethanolrohstoffen in Staaten des S\u00fcdens an. In dem ebenfalls von der aktuellen D\u00fcrre betroffenen \u00c4thiopien etwa \u2013 wo die Versorgung der Bev\u00f6lkerung aufgrund des \u201eintakteren\u201c Staates viel besser funktioniert \u2013 verhandelt die Regierung derzeit mit Unternehmen aus Italien, Malaysia und S\u00fcdkorea \u00fcber die langfristige Verpachtung von L\u00e4ndereien im S\u00fcdwesten des Landes. Knapp zehn Prozent des \u00e4thiopischen Landes befindet sich Sch\u00e4tzungen zufolge bereits in der Hand von internationalen Geldgebern (SZ, 30.7.2011). Infolgedessen wurde dort die Landwirtschaft umstrukturiert \u2013 weg von der kleinr\u00e4umigen, hin zu gro\u00dffl\u00e4chigen Anbaumethoden. Das Nachsehen haben hier wie woanders die lokalen Bev\u00f6lkerungen, denen weniger Fl\u00e4chen zur Verf\u00fcgung stehen oder die sogar von ihren L\u00e4ndern vertrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch nicht in erster Linie das Verramschen von Land ist \u201epurer Zynismus\u201c, wie die SZ schreibt, sondern vor allem die Inszenierung des Westens als Wohlt\u00e4ter, der nun Hilfslieferungen organisiert. Sicher ist diese Hilfe kurzfristig notwendig, um Menschenleben zur retten. Aber sie hilft eben nur bis zum n\u00e4chsten Ausbruch einer erneuten, von \u201eder strukturellen Gewalt des Kapitals\u201c (Ziegler) und des Weltmarktes, der lebensnotwendige Produkte nach dem Kriterium der Zahlungsf\u00e4higkeit und nicht nach dem des Bedarfs verteilt, mitverursachten Hungerkatastrophe. Und man sollte sich die besch\u00e4mende Tatsache vor Augen halten, dass die bereits infolge der Hungerkrise von 2008 zugesagten finanziellen Beitr\u00e4ge nicht eingehalten wurden, wie die Professorin Jennifer Clapp von der Uni Waterloo darlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mike Davis schrieb in seiner die Zusammenh\u00e4nge von Imperialismus, Wetter und Hunger aufzeigenden Studie, dass Millionen nicht au\u00dferhalb des \u201amodernen Weltsystems\u2019, sondern im Zuge des Prozesses starben, der sie zwang, sich den \u00f6konomischen und politischen Strukturen anzupassen. \u201eSie starben im goldenen Zeitalter des liberalen Kapitalismus; viele wurden, (\u2026), durch die dogmatische Anwendung der heiligen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill ermordet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine Erkenntnis, die leider nicht nur f\u00fcr die Vergangenheit zutreffend ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=13614&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgender Satz aus der S\u00fcddeutschen Zeitung steht nur stellvertretend f\u00fcr viele b\u00fcrgerliche Analysen zu der sich seit l\u00e4ngerem abzeichnenden und nunmehr akuten Hungerkatastrophe am Horn von Afrika: \u201eEin derartiges Leiden schien im 21. Jahrhundert nicht mehr vorstellbar.\u201c Diese Aussage erstaunt &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=93\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Hunger in Afrika und die Mitschuld des Westens","footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-93","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globale-hungerkrise"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/93\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=93"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=93"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}