{"id":932,"date":"2015-09-12T17:27:09","date_gmt":"2015-09-12T15:27:09","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=932"},"modified":"2015-11-19T21:39:01","modified_gmt":"2015-11-19T20:39:01","slug":"eingeborene-des-marktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=932","title":{"rendered":"Eingeborene des Marktes"},"content":{"rendered":"<h2>Der Journalist Hanno Rauterberg beleuchtet in seinem neuen Buch die Rolle des K\u00fcnstlers im Neoliberalismus<\/h2>\n<p>Immer Geld str\u00f6mt auf den Kunstmarkt. Das hat Folgen f\u00fcr die K\u00fcnstler. Sie begeben sich in neue Abh\u00e4ngigkeiten, designen Unterhemden f\u00fcr Schiesser. Hanno Rauterberg untersucht diese Wandlungen in seinem neuen Buch. <!--more--><\/p>\n<p>Man muss es nicht gleich so drastisch formulieren wie der US-amerikanische Architekt Philip Johnson. \u00bbIch bin eine Hure, ich bin ein K\u00fcnstler\u00ab, sagte dieser einmal. Selbst f\u00fcr Adolf Hitler oder Josef Stalin w\u00e4re Johnson t\u00e4tig geworden. Man kann es auch subtiler formulieren. So wie der Maler und Grafiker Eric Fischl: \u00bbWie w\u00e4re es, wenn ich von diesem einen Bild, f\u00fcr das ich 100 000 Dollar bekomme, noch drei, vier weitere Versionen male. Dann h\u00e4tte ich eine halbe Million. W\u00e4re nicht schlecht f\u00fcr einen Nachmittag.\u00ab<\/p>\n<div id=\"5607192\"><\/div>\n<div class=\"Content-Ad\"><\/div>\n<p>Worum es geht, ist offenkundig: Der K\u00fcnstler ist abh\u00e4ngig von Auftraggebern bzw. vom Markt. Stets l\u00e4uft er Gefahr, sich dem Spiel von Angebot und Nachfrage nicht entziehen zu k\u00f6nnen und seine Werke nicht autonom, sondern mit schielendem Blick auf die Verkaufserl\u00f6se zu schaffen. In Gesellschaften wie der unsrigen, die der Entfesselung des Marktes huldigen, ver\u00e4ndert sich zwangsl\u00e4ufig auch die Rolle des K\u00fcnstlers. Hanno Rauterberg beschreibt diesen Prozess in seinem neuen Buch \u00bbDie Kunst und das gute Leben\u00ab. Mit vielen interessanten Zitaten und Beispielen zeichnet der \u00bbZeit\u00ab-Redakteur ein Bild der Kunst im Zeitalter des Neoliberalismus.<\/p>\n<p>Der Titel ist deshalb etwas irref\u00fchrend, weil es in erster Linie um die \u00d6konomisierung des Kunstmarktes geht. Dieser treibt seit geraumer Zeit immer neue Bl\u00fcten. Ph\u00e4nomene wie Derivate, die durch den Kollaps des Finanzsystems 2008 einer breiteren \u00d6ffentlichkeit bekannt wurden, pr\u00e4gen mittlerweile den Kunsthandel mit. So erwarb der Sammler Adam Lindemann eine Skulptur von Jeff Koons, bevor sie \u00fcberhaupt angefertigt worden war. Und ohne sie je in seinen eigenen R\u00e4umen bewundert zu haben, verkaufte er die Skulptur weiter. Direkt aus der Werkstatt wurde sie in ein Auktionshaus geliefert, wo sie 2007 versteigert wurde. Lindemann hatte 1,9 Millionen Dollar gezahlt, der n\u00e4chste K\u00e4ufer sage und schreibe 23,6 Millionen. Die Kunst ist l\u00e4ngst an die B\u00f6rse gegangen. Es gibt Kunstfonds, wo ein jeder Anteile erwerben kann &#8211; in der Hoffnung, sein Geld zu mehren.<\/p>\n<p>Und einige K\u00fcnstler sind sich mittlerweile nicht zu schade, T-Shirts einer bekannten Unterhemdenfirma oder Flaschen f\u00fcr eine bekannte Champagnermarke zu gestalten. F\u00fcr Rauterberg Ausdruck eines Wandels der Machtverh\u00e4ltnisse: \u00bbGalt es lange als vornehmste Aufgabe einer aufkl\u00e4rerischen Kunst, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in Wirtschaft und Gesellschaft zu problematisieren, so ist es nun oftmals umgekehrt, und die \u00f6konomisch bestimmte Konsumkultur wirft ein erhellendes Licht auf den Zustand der Kunst.\u00ab Kunst sei zum Statussymbol einer neofeudalen Geldelite avanciert, in die Celebrity-Kultur eingepasst worden und der K\u00fcnstler zum Eingeborenen des Marktes geworden. Oder wie Georg See\u00dflen pointiert formulierte: \u00bbKunstkonsum ist zum Schwanzvergleich der Oligarchen geworden. Der Kunstmarkt ist eine b\u00f6se Karikatur des Kapitalmarkts geworden.\u00ab<\/p>\n<p>Rauterberg argumentiert stets vor dem Hintergrund des autonomen K\u00fcnstlerbildes des b\u00fcrgerlichen Zeitalters. Im Feudalismus war der Maler oder Architekt ein Hofk\u00fcnstler, der Auftr\u00e4ge seines Herrn ausf\u00fchren musste. Erst die Durchsetzung von Kapitalismus und M\u00e4rkten befreite den K\u00fcnstler aus dieser Rolle. Nunmehr konnte er unabh\u00e4ngig von Auftraggebern Werke schaffen &#8211; eben dank des Marktes. Doch die emanzipatorische Rolle des Marktes schl\u00e4gt dann wieder in Fesseln um, wenn Superreiche, Kunstm\u00e4zene und Geldanleger sich der Kunst und des K\u00fcnstlers bem\u00e4chtigen. Autonomie, Freiheit, Originalit\u00e4t, Kritik und ein humanistisches Pathos der Freiheit &#8211; das war einmal. Jetzt finde sich der K\u00fcnstler, so Rauterberg, im \u00bbpostautonomen Zeitalter\u00ab wieder.<\/p>\n<p>Es gibt ein Ereignis, dass die neue Rolle des K\u00fcnstlers perfekt auf den Punkt bringt: Die Deutsche Bank er\u00f6ffnete im Winter 2013 ihre Kunsthalle in Berlin neu und hatte sich daf\u00fcr etwas besonderes ausgedacht: eine Ausstellung f\u00fcr alle. Jeder K\u00fcnstler konnte ein Werk bringen, und der Kurator versprach, sich dieses auch anzuschauen. Der Andrang war enorm, es bildete sich eine Schlange von zeitweise einem Kilometer. Manche hatten sich schon um f\u00fcnf Uhr fr\u00fch angestellt. Rauterbergs treffende Kommentierung: \u00bbDie Macht des Geldes traf auf die Macht der Kunst, und die eine bediente sich der anderen. Die K\u00fcnstler mussten in der K\u00e4lte warten, mussten duldsam sein und dankbar.\u00ab Vom Aufbegehren keine Spur.<\/p>\n<p>Mit der Beobachtung, dass es ein gestiegenes breites Interesse an Kunst gibt, f\u00fchrt Rauterberg ein weiteres Argument ein. Museen erfreuen sich steigender Besucherzahlen, Kunst sei zum Partygespr\u00e4ch geworden und aus der touristischen Stadtvermarktung nicht wegzudenken. Woran das liege? Am Versprechen der Kunst, meint der \u00bbZeit\u00ab-Redakteur: Gerade weil die Kunst nicht l\u00e4nger eine ferne Gegenwelt verhei\u00dfe, weil sie sich normalisiert habe, gewinne sie f\u00fcr nicht wenige Menschen eine neue Bedeutung. Sie verk\u00f6rpere auf greifbare Weise die Tugenden der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft. In der Kunst offenbart sich, was viele als gutes Leben ersehnen: \u00bbein Leben ohne Sekund\u00e4rtugenden, ohne die alten Vorstellungen von Flei\u00df und Pflichtbewusstsein, von Ordnungsliebe und P\u00fcnktlichkeit.\u00ab Im Grunde also das, was die franz\u00f6sischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und \u00c8ve Chiapello als K\u00fcnstlerkritik am Kapitalismus beschrieben haben. Im Gegensatz zur Sozialkritik, bei der die soziale Ungerechtigkeit im Vordergrund steht, zielt die K\u00fcnstlerkritik auf Entfremdung und Unterdr\u00fcckung der Selbstt\u00e4tigkeit der Menschen. Doch der neoliberale Kapitalismus nimmt sich dieser Kritik an, macht sie sich zu eigen und holt auf diese Weise noch mehr aus den Menschen heraus.<\/p>\n<p>An Rauterbergs Diagnose des postautonomen Zeitalters ist sicher etwas dran. Doch es fragt sich, ob er einer klaren These zuliebe Kontinuit\u00e4ten zu wenig und Br\u00fcche zu stark behandelt. Setzte der Prozess der Okkupation der Kunst und Kultur durch den Markt nicht schon fr\u00fcher ein? Interessanterweise geht der \u00bbZeit\u00ab-Redakteur auf die Kulturindustriekritik von Adorno und Horkheimer nicht ein. Doch insgesamt ist sein Buch eine interessante und kurzweilige Lekt\u00fcre. Freilich bleibt eine Leerstelle: Wie kann Kunst sich dem Zugriff des Marktes entziehen? Rauterberg f\u00fchrt Beispiele an. So gibt es K\u00fcnstler wie Wolfgang Tillmans oder Hans Haacke, die sich ein Veto-Recht bei Verk\u00e4ufen ihrer Werke vorbehalten und mitentscheiden, wie und wo ihre Werke gezeigt werden. Rauterberg vollzieht aber nicht den Schritt, das Problem von der Gesellschaft aus zu problematisieren. Er pl\u00e4diert lediglich daf\u00fcr, dass das Verh\u00e4ltnis von Ethik und \u00c4sthetik von K\u00fcnstlern, Kuratoren und Rezipienten neu diskutiert werden sollte.<\/p>\n<p>Wenn indes ein Schraubenfabrikant, Milliard\u00e4r und Kunstsammler wie Reinhold W\u00fcrth, der seine Sammlung gerade im Berliner Martin-Gropius-Bau mitsamt Reklamefilmchen f\u00fcr seine Firma zeigen l\u00e4sst, allein 600 Millionen Euro fl\u00fcssige Mittel auf der Bank liegen hat, wie er unl\u00e4ngst dem \u00bbSpiegel\u00ab sagte, ist das Ausdruck von einer &#8211; marxistisch gesprochen &#8211; \u00dcberakkumulation von Kapital. Und das \u00fcbersch\u00fcssige Kapital flie\u00dft halt auch auf den Kunstmarkt &#8211; mit den in dem Buch sch\u00f6n beschriebenen Auswirkungen. Daher sind weitergehende Fragen zu diskutieren: Wie kann nicht nur die Entfesselung des Marktes in allen gesellschaftlichen Bereichen und die damit einhergehende Spaltung in wenige Superreiche und immer mehr Arme gebremst werden, sondern auch das Zur-Ware-Werden von Kunst an sich aufgehoben werden?<\/p>\n<p>Hanno Rauterberg: Die Kunst und das gute Leben. \u00dcber die Ethik der \u00c4sthetik. Suhrkamp. 206 S., br., 15 \u20ac<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/984265.eingeborene-des-marktes.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 12.9.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist Hanno Rauterberg beleuchtet in seinem neuen Buch die Rolle des K\u00fcnstlers im Neoliberalismus Immer Geld str\u00f6mt auf den Kunstmarkt. Das hat Folgen f\u00fcr die K\u00fcnstler. Sie begeben sich in neue Abh\u00e4ngigkeiten, designen Unterhemden f\u00fcr Schiesser. 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