{"id":938,"date":"2015-09-24T17:38:52","date_gmt":"2015-09-24T15:38:52","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=938"},"modified":"2018-03-22T22:24:13","modified_gmt":"2018-03-22T21:24:13","slug":"irgendwie-sind-wir-alle-marxisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=938","title":{"rendered":"Irgendwie sind wir alle Marxisten"},"content":{"rendered":"<h2>Robert Misik hat ein Buch \u00fcber das linke Denken geschrieben &#8211; doch es hat L\u00fccken<\/h2>\n<p>Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine: Hey, wie geht\u2019s? &#8211; Nicht so gut, ich habe Menschen. &#8211; Mach dir nichts draus, das geht vorbei. Dieser Witz taucht nicht in Robert Misiks neuem Buch \u00bbWas Linke denken\u00ab auf. Das ist nicht weiter schlimm. Doch was in Misiks Buch fehlt, ist das Thema, welches diesem Witz zugrunde liegt: die \u00d6kologie.<!--more--> Und das ist durchaus problematisch. Denn wenn Linke die \u00f6kologische Frage nicht mitdenken &#8211; dann ist etwas falsch an ihrem Denken. Nun wird bedauerlicherweise nicht klar, ob Misik der Ansicht ist, dass sein \u00bbDurchschnittslinker\u00ab sich nicht f\u00fcr \u00f6kologische Fragen interessiert oder es der Autor selbst ist. Der \u00f6sterreichische linke Publizist und Autor gibt dar\u00fcber keine Auskunft.<\/p>\n<div class=\"Content\">\n<p>Sehr wohl erl\u00e4utert er hingegen eine zweite \u00fcberraschende Einsicht \u00fcber das linke Denken: dass in ihm \u00d6konomie kaum eine Rolle spielt. Sein Argument: \u00dcber Alternativen zum Kapitalismus redet im Gegensatz zu Marx, Luxemburg oder Mandel niemand mehr. Wenn sich Linke zur Wirtschaft \u00e4u\u00dfern, dann st\u00fcnden sie in den Fu\u00dfstapfen des \u00d6konomen Keynes. \u00dcberhaupt interessierten sich Linke kaum f\u00fcr makro\u00f6konomische Fragen oder f\u00e4nden sie zu schwierig. Da ist durchaus etwas dran &#8211; mit zwei Einschr\u00e4nkungen. Dass das tagespolitische oder reformorientierte wirtschaftliche Denken der Linken, sich eher an Keynes als an Marx orientiert, stimmt. Gleichwohl finden sich im linken Denken noch viele \u00bbAblagerungen\u00ab von dem, was Marx in seiner Kritik der Politischen \u00d6konomie entwickelt hat &#8211; aber eher dann, wenn es theoretischer und grunds\u00e4tzlicher wird oder wenn man sich das Denken von radikalen Linken anschaut (die Misik wenig beachtet). Zweitens w\u00e4re es ja interessant zu wissen, warum Linke Misik zufolge kaum noch dar\u00fcber nachdenken, wie der Kapitalismus durch eine andere \u00d6konomie ersetzt werden k\u00f6nnte. Dass Misik dies lediglich feststellt, ist Ausdruck einer weiteren Leerstelle: Geschichtliches Denken im Allgemeinen und das \u00fcber geschichtliche Erfahrungen einer Alternative zum Kapitalismus &#8211; Stichwort Realsozialismus &#8211; im Besonderen, spielt in seinem Buch keine Rolle. Ob es am Desinteresse der Linken oder an der des Autors liegt &#8211; auch dar\u00fcber kann der Leser nur mutma\u00dfen.<\/p>\n<p>Nach den L\u00fccken und der Kritik an \u00bbWas Linke denken\u00ab nun das Positive. Auch Misiks neuer Text ist selbst dann, wenn es um die theoretischen Elaborate franz\u00f6sischer linker Philosophen oder um Postkolonialismus und Postmoderne geht, verst\u00e4ndlich und gut zu lesen &#8211; ohne zu sehr zu vereinfachen. Wissenssoziologischer Ausgangspunkt ist ein Zitat des italienischen Marxisten und Kommunisten Antonio Gramsci: \u00bbJede philosophische Str\u00f6mung hinterl\u00e4sst eine Ablagerung von \u203aAlltagsverstand\u2039; diese ist das Zeugnis ihrer historischen Leistung.\u00ab Den Sickerprozess vom Theoretiker zum Alltagsverstand beschreibt Misik so: \u00bbEine kluge Person &#8211; oder eine Gruppe von Theoretikern und Theoretikerinnen &#8211; entwickelt eine philosophische Analyse; eine kleine Gruppe philosophisch oder gesellschaftskritisch interessierter Leser eignet sich diese Analyse an; sie \u00fcbernimmt sie entweder vollends oder Bruchst\u00fccke davon, kombiniert sie m\u00f6glicherweise mit Versatzst\u00fccken anderer Theorien; sie verbreitet sich im allgemeinen an intellektuellen Fragestellungen interessierten Milieu; sie findet Eingang in Medien, in Leitartikeln oder die Essayistik; sie wird erst gelegentlich, dann immer h\u00e4ufiger aufgegriffen, sei es in \u00f6ffentlichen Diskussionen, in Kneipengespr\u00e4chen oder anderswo.\u00ab<\/p>\n<p>Mit dieser Folie durchstreift Misik die Theoriegeschichte der Linken. Begriffe wie Entfremdung, Hegemonie, Zivilgesellschaft Revolution, Reform, Individualismus oder Macht diskutiert er anhand der Theoretiker, die diese Begriffe pr\u00e4gten. So werden zum Beispiel Gramsci, Foucault, Adorno, Habermas und Butler behandelt. Und stets klopft Misik diese Theorien daraufhin ab, was von ihnen in heutigen Lesekreisen oder linken Kneipengespr\u00e4chen Eingang gefunden hat. \u00dcberzeugend ist seine differenzierende Argumentation. So zeigt er in einem Kapitel auf, warum wir heute alle irgendwie Marxisten sind &#8211; und doch wieder nicht. Wir sind Marxisten, weil einige der Marxschen Grundpostulate Allgemeingut geworden sind. Ein Beispiel: Heute, so Misik, sei nicht nur jedem Linken klar, dass Ideen nicht im Wolkenkuckusheim entst\u00fcnden, sondern auf dem Humus der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse wachsen. Das ist jedoch nichts anderes als der Marxsche Satz, wonach das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Auch Gedanken von Marx zur Entfremdung, den Widerspr\u00fcchen der kapitalistischen \u00d6konomie oder der Wirkungsweise von Ideologien seien l\u00e4ngst \u00fcber die Sozialwissenschaften hinaus in breiten Bev\u00f6lkerungsschichten pr\u00e4sent. Wenngleich h\u00e4ufig in einer Art \u00bbMarxismus des dummen Kerls\u00ab, wie Misik formuliert. Er meint damit simple, unvermittelte Ansichten wie zum Beispiel, dass Ideen immer nur vorgeschoben seien und Herrschende sich dominierende Meinungen einfach kaufen k\u00f6nnten. Das Fazit des \u00d6sterreichers: \u00bbWir k\u00f6nnen heute gar nicht mehr nicht Marxisten sein &#8211; wir k\u00f6nnen es blo\u00df auf kl\u00fcgere oder d\u00fcmmere Weise sein.\u00ab<\/p>\n<p>Warum die Linken indes keine Marxisten sind &#8211; das verdeutlicht Misik anhand des zur\u00fcckgetretenen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis. Dieser sei sich nicht mehr sicher, ob es das Ziel der Linken sein sollte, den Kapitalismus zu zerst\u00f6ren. Vielmehr sei es wohl ratsamer, den Kapitalismus zu retten bzw. ihn mit sozialstaatlichen Reformen zu stabilisieren. Der revolution\u00e4re Bruch mit dem Kapitalismus, das f\u00fcr Marx zentrale Ziel einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft, sei heute nur noch in Schwundformen der Linken zu finden, so der Autor.<\/p>\n<p>Damit mag Misik recht haben. Hoffen wir also, dass Au\u00dfenseiter, die das linke Denken in der Vergangenheit oft in Schwung gebracht haben, dies auch in Zukunft tun. Eine erste Aufgabe: den eingangs erw\u00e4hnten Witz ideologiekritisch unter die Lupe nehmen und deutlich machen, dass nicht der Mensch an sich, sondern der in kapitalistische Produktionsweisen eingebundene f\u00fcr die \u00dcbernutzung des Planeten verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Robert Misik, Was Linke denken. Ideen von Marx \u00fcber Gramsci zu Adorno, Habermas, Foucault &amp; Co. Picus Verlag. 159 S., geb., 14,90 Euro.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/985391.irgendwie-sind-wir-alle-marxisten.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 23.09.2009<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Misik hat ein Buch \u00fcber das linke Denken geschrieben &#8211; doch es hat L\u00fccken Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine: Hey, wie geht\u2019s? &#8211; Nicht so gut, ich habe Menschen. &#8211; Mach dir nichts draus, das geht vorbei. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=938\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Robert Misik hat ein Buch \u00fcber das linke Denken geschrieben - doch es hat L\u00fccken","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-938","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=938"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":971,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/938\/revisions\/971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}