{"id":944,"date":"2015-09-27T17:42:40","date_gmt":"2015-09-27T15:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=944"},"modified":"2018-03-22T22:23:48","modified_gmt":"2018-03-22T21:23:48","slug":"das-diktat-der-finanzkennziffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=944","title":{"rendered":"Das Diktat der Finanzkennziffer"},"content":{"rendered":"<h2>Der Neoliberalismus der Konzerne ist ein Feind des Wissens, behauptet Colin Crouch. Der VW-\u00bbSkandal\u00ab gibt ihm Recht<\/h2>\n<p>Nur 77 bis 100 Euro &#8211; mehr h\u00e4tte es Experten zufolge nicht bedurft, um in Mittelklassewagen von Volkswagen gr\u00f6\u00dfere Filter einzubauen, die h\u00f6here Schadstoffstandards eingehalten h\u00e4tten. Technisch, so Peter Mock vom International Council on Clean Transportation, sei das kein Problem. Wenn es kein technisches Problem ist, was ist es dann? <!--more--><\/p>\n<p>Der Journalist Jens Berger hat daf\u00fcr diese Erkl\u00e4rung: \u00bbNicht die Ingenieure, sondern die BWLer sind letztverantwortlich bei der Automobilkonstruktion.\u00ab Mit der deutschen Ingenieurskunst habe die heutige Automobilbranche nur noch in der PR zu tun. \u00bbEs regiert die globale BWL-Kunst.\u00ab<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Obwohl wir die genauen Hintergr\u00fcnde des VW-Abgas-Skandals, der im Grunde keiner ist (dazu sp\u00e4ter), noch nicht kennen, ist es mehr als wahrscheinlich, dass die Dominanz des betriebswirtschaftlichen Denkens, die wiederum lediglich ein Ausdruck des globalen Finanzmarktkapitalismus ist, den Schl\u00fcssel zur Erkl\u00e4rung bietet. Insbesondere dann, wenn man das neue Buch von Colin Crouch vor dem Hintergrund der j\u00fcngsten Enth\u00fcllungen \u00fcber den VW-Konzern liest. Mehr noch: Die systematische Software-Manipulation des Stickoxid-Aussto\u00dfes bei weltweit elf Millionen Autos erscheint als ein Musterbeispiel f\u00fcr Crouchs zentrale These in \u00bbDie bezifferte Welt\u00ab. Diese lautet in der Kurzform: Der Neoliberalismus ist ein Feind des Wissens &#8211; und elaborierter: Die neoliberale Logik, die alles einer Finanzmarktkennziffer unterordnet, okkupiert derzeit eine weitere Sph\u00e4re: die der Information und des Wissens.<\/div>\n<p>Der britische Politikwissenschaftler Crouch, der mit seinem Buch \u00bbPostdemokratie\u00ab international bekannt wurde, belegt seine These zwar nicht mit einer systematischen empirischen Studie. Doch seine theoretischen Ausf\u00fchrungen und die Beispiele aus den Bereichen Finanzmarkt, Gro\u00dfkonzerne und \u00f6ffentliche Verwaltung sind \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Beispiel Gro\u00dfunternehmen: Ingenieure des Energiekonzerns BP wussten, dass die \u00d6lf\u00f6rderung im Golf von Mexiko weitere Sicherheitsvorkehrungen n\u00f6tig machen w\u00fcrde. Mehrmals warnten sie das Management. Doch dieses lie\u00df sich von einer anderen Maxime leiten, der des kurzfristigen Profits. Das Resultat ist bekannt: Im April 2010 kam es auf der BP-Plattform \u00bbDeepwater Horizon\u00ab zu einer Explosion, bei der elf Menschen starben und riesige Teile des Meeres durch auslaufendes \u00d6l verschmutzt wurden. Dass das Fachwissen von Ingenieuren, Geologen und anderen Experten in Unternehmen wie in staatlichen Aufsichtsbeh\u00f6rden dem Wissen der Finanzmanager nachgeordnet ist, zeige auch die Fukushima-Katastrophe. Crouchs Schlussfolgerung: \u00bbFinanzkennzahlen sind zu einer hochprivilegierten, alle anderen Informationen ausstechenden Erkenntnisform geworden, weil sie von entscheidender Bedeutung f\u00fcr Unternehmen wie Banken, Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaften, Hedgefonds, Beteiligungsgesellschaften und andere finanzwirtschaftliche Institutionen sind, die vor allem der Profitmaximierung verpflichtet sind.\u00ab<\/p>\n<p>Erkenntnisse, die sich auf die Automobilbranche \u00fcbertragen lassen. Angesichts der \u00dcberkapazit\u00e4ten in Europa hat sich die Auto-Industrie darauf verlegt, den globalen Kampf um Absatzm\u00e4rkte zu versch\u00e4rfen. Das geht einher mit einem enormen Kostendruck. M\u00f6glichst billig produzieren, die Preise niedrig halten, um so den Konkurrenten Marktanteile abzukn\u00f6pfen &#8211; das ist die Devise. Schlie\u00dflich erwarten die Aktion\u00e4re und Anteilseigner satte Renditen. Konflikte zwischen Sicherheit, Umweltschutz und Zufriedenheit der Kunden und Einsparungen beim Materialeinkauf und der Produktion werden mithin oft zulasten der K\u00e4ufer entschieden. Das Finanzmanagement setzt sich durch, der Kunde hat das Nachsehen, wenn etwa Einzelteile schneller verschlei\u00dfen &#8211; von der Umwelt gar nicht zu reden.<\/p>\n<p>Wie genau das Kalk\u00fcl des VW-Managements aussah, als man die Manipulation in Auftrag gab, ist nicht bekannt. Anzunehmen ist, dass die Programmierung der Software g\u00fcnstiger war, als der Einbau von gr\u00f6\u00dferen Filtern und besseren Techniken. M\u00f6glicherweise hat man sogar eventuelle Strafzahlungen, wie sie jetzt drohen, eingepreist.<\/p>\n<p>Dies ist Crouch zufolge zumindest bei Gro\u00dfbanken der Fall gewesen. Deutsche Bank, Barclays oder Citigroup h\u00e4tten bei der Manipulation der Referenzzinss\u00e4tze Libor und Euribor drohende Strafzahlungen gleich miteingerechnet. Der Extraprofit aus der F\u00e4lschung von Informationen sei so gro\u00df gewesen, dass abz\u00fcglich der Strafe immer noch ein gutes Gesch\u00e4ft winkte. Crouch stellt zudem fest, dass die tats\u00e4chlich erfolgte juristische Bestrafung der Banken ihrem Ruf kaum geschadet habe.<\/p>\n<p>Anhand der Finanzsph\u00e4re, ein Musterbeispiel eines kaum regulierten Marktes, nimmt Crouch dar\u00fcber hinaus ein zentrales Argument der Anh\u00e4nger des Neoliberalismus auseinander. \u00d6konomen wie Friedrich von Hayek sind der Ansicht, dass der Markt am besten in der Lage sei, Wissen zusammenzufassen und auf eine Kennziffer &#8211; den Preis &#8211; zu reduzieren. Der Autor h\u00e4lt dagegen. Wenn das so sei, wie sei dann der Crash auf den Finanzm\u00e4rkten 2007\/08 zu erkl\u00e4ren? \u00bbDer Markt brachte eben nicht das perfekte Wissen hervor; ganz im Gegenteil\u00ab, schreibt er.<\/p>\n<p>Crouch nennt als traurigsten Befund seines Buches, dass es mit dem Vertrauen in vielen Bereichen rapide bergab geht. Das gilt besonders dann, wenn der Marktmechanismus in so sensible Bereiche wie die Gesundheit eindringt. In Gro\u00dfbritannien zum Beispiel wurde \u00c4rzten eine Pr\u00e4mie f\u00fcr Demenzdiagnosen versprochen. Das Misstrauen, das durch die Dominanz von marktwirtschaftlichen Kriterien auch in anderen Bereichen des \u00f6ffentlichen Dienstes erzeugt wird, \u00e4ndere schlie\u00dflich das Bild der Menschen von sich selbst.<\/p>\n<p>Von einem Vertrauensverlust ist auch im VW-Fall die Rede. Doch trifft das zu? Vielen Autok\u00e4ufern d\u00fcrfte es egal sein, ob ihr Auto 80 Milligramm Stickoxid je Kilometer ausst\u00f6\u00dft oder mehr. Das mehr an Spritzigkeit und der geringere Spritverbrauch bei ausgeschalteter Abgasreinigung d\u00fcrfte sogar in ihrem Sinne sein. Anders sehen das die umweltbewusste \u00d6ffentlichkeit und staatliche Aufsichtsbeh\u00f6rden &#8211; sofern sie sich ein gewisse Unabh\u00e4ngigkeit von der Industrie bewahrt haben. Sie sind es \u00fcbrigens, die Crouch als weiteres Beispiel f\u00fcr seine These dienen, warum der Markt aus sich heraus nicht alle wichtigen Informationen liefern kann. Erst Wissenschaftler an Universit\u00e4ten f\u00f6rdern das Wissen zutage, das den staatlichen Stellen als Grundlage zur Festlegung von Abgasrichtlinien dient.<\/p>\n<p>Bei aller Skepsis gegen\u00fcber dem sich ausbreitenden deregulierten Markt, Crouch kritisiert Marktwirtschaften nicht an sich, sondern nur gewisse Formen. Diese nennt er den \u00bbNeoliberalismus der Konzerne\u00ab. So interessant seine Zuspitzung der Kritik auf Gro\u00dfkonzerne erscheint, so ist eine gewisse unterschwellige Apologie des freien, von Global Playern nicht monopolisierten Marktes nicht von der Hand zu weisen. Crouch ist sicher ein prononcierter Kritiker des Neoliberalismus, doch geht seine Kritik nicht sehr tief. Das wird \u00fcberdeutlich, wenn es um die Frage der Alternativen geht. Mehr als einen Ausbau der Regulierungsbeh\u00f6rden und Inspektionsma\u00dfnahmen hat er nicht im Angebot.<\/p>\n<p>Und warum ist der vermeintliche VW-Skandal gar keiner? Weil Manipulation und die Verschleierung von Wissen und Informationen zum Alltag von \u00d6konomien entfesselter M\u00e4rkte geh\u00f6ren. Und im Grunde ahnten wir das bereits. Mit VW und Crouch ist es zur Gewissheit geworden.<\/p>\n<p><em>Colin Crouch: Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzm\u00e4rkte das Wissen bedroht. Suhrkamp, 250 S., geb., 21,95 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus:<a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/985793.das-diktat-der-finanzkennziffer.html?sstr=Speckmann\"> neues deutschland<\/a>, 26.09.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Neoliberalismus der Konzerne ist ein Feind des Wissens, behauptet Colin Crouch. Der VW-\u00bbSkandal\u00ab gibt ihm Recht Nur 77 bis 100 Euro &#8211; mehr h\u00e4tte es Experten zufolge nicht bedurft, um in Mittelklassewagen von Volkswagen gr\u00f6\u00dfere Filter einzubauen, die h\u00f6here &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=944\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Der Neoliberalismus der Konzerne ist ein Feind des Wissens, behauptet Colin Crouch. 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