{"id":950,"date":"2015-10-18T15:17:33","date_gmt":"2015-10-18T13:17:33","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=950"},"modified":"2018-03-22T22:21:40","modified_gmt":"2018-03-22T21:21:40","slug":"das-sozialistische-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=950","title":{"rendered":"Das sozialistische Internet"},"content":{"rendered":"<h2>Sascha Rehs Roman \u00fcber das kaum bekannte computer-sozialistische Experiment in Allendes Chile<\/h2>\n<p>Es h\u00e4tte so sch\u00f6n werden k\u00f6nnen, h\u00e4tten nicht die Chicago Boys in Chile mit ihrer neoliberalen Idee gesiegt. Unter Allende unternahmen ein britischer Kybernetiker und eine Projektgruppe erste Versuche einer computergesteuerten \u00d6konomie. Sascha Reh hat diesen Stoff zu einem spannenden Thriller verarbeitet.<!--more--><\/p>\n<p>In dem soeben erschienenen Buch \u00bbDie Idee des Sozialismus\u00ab des Philosophen Axel Honneth hei\u00dft es an einer Stelle: \u00bbDaher mu\u00df der revidierte Sozialismus zum einen \u00fcber ein internes Archiv aller in der Vergangenheit bereits unternommenen Versuche einer weiteren Vergesellschaftung der Wirtschaftssph\u00e4re verf\u00fcgen, um dadurch eine Art von \u203aGed\u00e4chtnisst\u00fctze\u2039 f\u00fcr Erfahrungen zu erhalten, die schon zuvor mit den Vor- und Nachteilen der jeweiligen Ma\u00dfnahmen gemacht wurden.\u00ab<\/p>\n<p>Archiv &#8211; das klingt nach Staub, Pedanterie und Langeweile. In dieses noch anzulegende Archiv geh\u00f6ren aber nicht nur furztrockene Produktionsstatistiken der DDR-Wirtschaft oder Dokumente \u00fcber selbstverwaltete Betriebe im ehemaligen Jugoslawien oder heutigen Argentinien. In dieses Archiv geh\u00f6rt unbedingt auch ein spannender Roman, der neue von Sascha Reh. In \u00bbGegen die Zeit\u00ab macht er uns mit einem Experiment vertraut, das in den Debatten der Linken \u00fcber einen neuen Sozialismus bislang keine Rolle gespielt hat und von dem kaum Kenntnisse vorhanden sind. Es geht um den Versuch, im Chile der sozialistischen Unidad Popular-Regierung von Salvador Allende mit Computertechnik die Wirtschaft des Andenstaates zu vernetzen und besser zu organisieren.<\/p>\n<p>Rehs Roman erz\u00e4hlt das zwar in fiktionalisierter Weise, doch sein Werk basiert auf \u00bbwahren Begebenheiten\u00ab. F\u00fcr seinen dritten Roman hat der 41-j\u00e4hrige Autor ehemalige Akteure des Projektes Synco bzw. Cybersyn in Chile aufgesucht und sich von ihnen erz\u00e4hlen lassen, wie sie von 1971 bis 1973 unter Anleitung des britischen Mitbegr\u00fcnders der Managementkybernetik, Stafford Beer, versucht haben, die chilenische Volkswirtschaft durch computergest\u00fctzte Systeme zu steuern &#8211; und somit den Marktmechanismus auszuhebeln. Zus\u00e4tzlich wertete er die einzigen wissenschaftlichen Arbeiten aus, die es zu diesem Thema gibt: Sebastians Vehlkens Magisterarbeit \u00bbEnvironment for Decision &#8211; Die Medialit\u00e4t einer kybernetischen Staatsregierung\u00ab und die englischsprachige Monografie von Eden Medina \u00bbCybernetic Revolutionaries. Technology and Politics in Allende\u2019s Chile\u00ab von 2011.<\/p>\n<p>In Rehs Roman firmiert Synco als Cybernet, Stafford Beer hei\u00dft Stanley Baud und das historische Vorbild des Protagonisten, des deutschen Industriedesigner Hans Everdings, ist der Gestalter und Designtheoretiker Gui Bonsiepe. Everding, der 1969 nach Frankfurt kommt, erlebt dort die Studentenproteste und mit Gr\u00fcndung der RAF die Zersplitterung der Linken. Daher kommt ihm eine Einladung der Bundesstelle f\u00fcr Entwicklungshilfe im M\u00e4rz 1971 sehr recht, als Leiter einer Projektgruppe f\u00fcr Industriedesign und Produktentwicklung des chilenischen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsf\u00f6rderung (Corfo) nach Chile zu gehen. Zun\u00e4chst besch\u00e4ftigt er sich auch damit und entwickelt zum Beispiel einen Messl\u00f6ffel f\u00fcr Allendes Milchprogramm, mit dem auch Analphabeten in die Lage versetzt werden, das Milchpulver richtig zu dosieren. Doch dann wird er von einem anderen Corfo-Mitarbeiter gefragt, ob er sich mit Kybernetik auskenne, der Kunst des Steuerns und Regelns. Everding kennt sich aus und so wird er Mitarbeiter von Cybernet, das die \u00bbFlugbahnen der chilenischen Wirtschaft\u00ab errechnen m\u00f6chte &#8211; und zwar in Echtzeit, nicht anhand von Statistiken, die ein Jahr alt sind. Der Kybernetiker Baud sieht darin die Chance, ein besseres Verteilungssystem einzuf\u00fchren als es der Kapitalismus mit seinem zu Ungleichheit f\u00fchrenden freien Markt praktiziert. Mit der zentralen Verwaltungswirtschaft nach sowjetischem Vorbild habe sein Projekt jedoch nichts zu tun. Es werde der Bev\u00f6lkerung nicht vorgeschrieben, wie viele Hosen sie in den n\u00e4chsten Jahren ben\u00f6tigt, betont Baud.<\/p>\n<p>Das Team macht sich an die Arbeit, Everding entwirft zun\u00e4chst den sogenannten Operations Room, der noch heute &#8211; Bilder sind im Internet zahlreich vorhanden &#8211; der Sci-Fi-Serie \u00bbStar Trek\u00ab entsprungen sein k\u00f6nnte. Im selben Geb\u00e4ude ist auch der monstr\u00f6se IBM-Rechner untergebracht &#8211; \u00bbdas Haus ist damals quasi drum herum gebaut worden\u00ab, hei\u00dft es &#8211; , der die Daten aus den 400 Fabriken verarbeiten soll. In diesen werden mangels Alternative Fernschreiber installiert, die die Informationen in die Zentrale senden, sofern die Belegschaften dazu zu bewegen waren, was oft nicht der Fall war.<\/p>\n<p>Die Arbeit vollzieht sich vor dem Hintergrund der sich versch\u00e4rfenden politischen K\u00e4mpfe. Die konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte um den sp\u00e4teren Diktator General Pinochet werden immer st\u00e4rker. Offen unterst\u00fctzt werden sie vom US-Geheimdienst CIA. Als im Oktober 1972 \u00fcber zehntausend LKW-Besitzer und Fahrer in den Ausstand treten, droht das Land im Chaos zu versinken, die Macht der Unidad Popular ist bedroht. Doch das Cybernet-Projekt bew\u00e4hrt sich, 200 Fabriken sind \u00fcber den Computer miteinander vernetzt. Aus einer Kulisse f\u00fcr eine Science-Fiction-Show wird Science-Fact. Cybernet wird zu einer landesweiten Tauschb\u00f6rse f\u00fcr technische Hilfe und Nachschub. Allende \u00fcbersteht zwar den Streik, letztlich obsiegt indes die Reaktion: Am 11. September 1973 putscht General Pinochet und Allende t\u00f6tet sich im Pr\u00e4sidentenpalast. Es schl\u00e4gt die Geburtsstunde f\u00fcr ein wirtschaftspolitisches Projekt ganz anderer Art: das der neoliberalen Schocktherapie, erdacht von den Chicago Boys um Milton Friedman.<\/p>\n<p>Nach dem Putsch versucht Hans Everding die Datentr\u00e4ger in Form von Magnetb\u00e4ndern vor dem Zugriff des Milit\u00e4rs zu retten. Diese wollen damit nicht die Produktion kontrollieren, sondern die nunmehr zu Dissidenten gewordenen Sozialisten und Kommunisten, die sich an Cybernet beteiligt hatten, verfolgen. Jeder von ihnen kann mit den Magnetb\u00e4ndern lokalisiert werden. Rehs Roman wird vor diesem Hintergrund auch zu einer Warnung vor Facebook, Apple und Google. Was passiert, wenn in den Vereinigten Staaten ein Diktator die Macht \u00fcbernimmt?<\/p>\n<p>Reh arrangiert aus diesem Stoff mit Kapiteln, die in der Zeit hin und her springen, einen spannenden Thriller, dem er auch eine Geschichte von Liebe und Verrat beimischt. Nicht alle Szenen gelingen ihm dabei so gut wie die, in der er ein Verh\u00f6r Everdings mit einem Gespr\u00e4ch mit seiner Geliebten ineinander webt. \u00bbGegen die Zeit\u00ab wirft nat\u00fcrlich auch technik-philosophische und ethische Fragen auf. Gott sei allwissend, sagt der Kybernetiker Baud an einer Stelle. \u00bbDas ist ungef\u00e4hr die Richtung, in die wir denken wollen.\u00ab Worauf ihm erwidert wird: \u00bbWann immer der Mensch versucht hat, sich mit Gott zu messen, ist er furchtbar bestraft worden.\u00ab<\/p>\n<p>Die Bedeutung dieses au\u00dfergew\u00f6hnlichen Romans liegt jedoch darin, das Archiv \u00fcber sozialistische Experimente erweitert zu haben. Und nat\u00fcrlich erinnert das chilenische Cybersyn-Projekt an die Debatte \u00fcber einen Computer-Sozialismus, die von Arno Peters Buch \u00bbWas ist und wie verwirklicht sich Computer-Sozialismus\u00ab um die Jahrtausendwende angesto\u00dfen und durch die schottischen Marxisten W. Paul Cockshot und Allin Cottrell mit \u00bbAlternativen aus dem Rechner\u00ab (2006) weitergef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p><em>Sascha Reh: Gegen die Zeit. Roman. Sch\u00f6ffling &amp; Co., 360 S., geb., 21,95 \u20ac<\/em>.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/988136.das-sozialistische-internet.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 17.10.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sascha Rehs Roman \u00fcber das kaum bekannte computer-sozialistische Experiment in Allendes Chile Es h\u00e4tte so sch\u00f6n werden k\u00f6nnen, h\u00e4tten nicht die Chicago Boys in Chile mit ihrer neoliberalen Idee gesiegt. 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