{"id":954,"date":"2015-10-20T15:25:56","date_gmt":"2015-10-20T13:25:56","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=954"},"modified":"2015-11-19T21:26:21","modified_gmt":"2015-11-19T20:26:21","slug":"pegida-chiffre-fuer-groesstmoegliche-provokation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=954","title":{"rendered":"Pegida: Chiffre f\u00fcr gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Provokation?"},"content":{"rendered":"<h2>Zwei B\u00fccher versuchen sich an Erkl\u00e4rungen zu den \u00bbPatriotischen Europ\u00e4ern gegen die Islamisierung des Abendlandes\u00ab &#8211; und ihr Verh\u00e4ltnis zum Kapital<\/h2>\n<p>Am 20. Oktober 2014 gingen zum ersten Mal die \u00bbPatriotischen Europ\u00e4er gegen die Islamisierung des Abendlandes\u00ab in Dresden auf die Stra\u00dfe. Den langen Titel konnte sich zun\u00e4chst kaum jemand merken &#8211; und es schien zun\u00e4chst auch nicht notwendig, sich mehr Gedanken \u00fcber das kleine Demo-H\u00e4ufchen im Freistaat Sachsen zu machen. Doch als zu ihren Montagsspazierg\u00e4ngen immer mehr Menschen str\u00f6mten, wurde zumindest das Akronym Pegida schnell bekannt.<!--more-->Und als die Initiatoren um Lutz Bachmann und Kathrin Oertel im Januar 17 000 bis 25 000 Menschen mobilisieren konnten und es Ableger in anderen St\u00e4dten gab, war die Presse voll von Versuchen, dieses Ph\u00e4nomen zu verstehen. Und sp\u00e4testens da kam auch vielen Beobachtern der volle Name dieser Bewegung leichter \u00fcber die Lippen.<\/p>\n<p>Inzwischen liegen die ersten B\u00fccher \u00fcber das Ph\u00e4nomen Pegida vor, die oft als islamkritische und rassistische Bewegung beschrieben wird. Philipp Becher, Christian Begass und Josef Kraft, junge Sozialwissenschaftler aus Siegen, zeichnen in ihrem schmalen Buch nicht nur die Entstehung von Pegida, sondern auch von Legida, den Hooligans gegen Salafisten, der Pro-Bewegung in NRW sowie die Proteste gegen die Bildung der Rot-Rot-Gr\u00fcnen Landesregierung in Th\u00fcringen nach. Ihr Thema ist auch die Alternative f\u00fcr Deutschland (AfD) sowie ein Blick \u00fcber den nationalen Tellerrand hinaus auf rechte Bewegungen und Parteien in Frankreich, Gro\u00dfbritannien und Italien. Diese Teile des Buches sind durchaus informativ und geben einen guten \u00dcberblick. Doch wie werden diese \u00bbzeitgen\u00f6ssischen Impressionen\u00ab zusammengehalten, welche Ursachen gibt es f\u00fcr sie? Das zu kl\u00e4ren ist der in der Einleitung gestellte Anspruch der Autoren &#8211; an dem sie scheitern. Ihre eingangs aufgestellte Leithypothese lautet: \u00bbDie rechtsaffinen und zum Teil offen reaktion\u00e4ren b\u00fcrgerlichen Protestbewegungen unserer Tage sind keine spontanen Ausdr\u00fccke des \u203aVolkszorns\u2039, sondern befinden sich in einem Verh\u00e4ltnis gegenseitigen Nutzens mit gemeinhin dem Rechtspopulismus zugeordneten parteif\u00f6rmigen Formationen.\u00ab Damit meinen sie die AfD, die sie als \u00bbKatalysator\u00ab eines Teils der \u00bbLeistungstr\u00e4ger\u00ab in Symbiose mit den b\u00fcrgerlichen Protesten sehen.<\/p>\n<p>Im Fazit f\u00fchren die Autoren zwar nicht n\u00e4her aus, was sie mit Symbiose meinen, aber sie spitzen ihre Hypothese zu einer Erkl\u00e4rung zu &#8211; einer problematischen. Die rechten Bewegungen seien, so hei\u00dft es, Bestandteil eines Versuchs, \u00bbein weiter nach rechts verschobenes, mithin wirtschaftsfreundliches Gesellschaftsprojekt zu etablieren\u00ab. Und weiter: \u00bbWas in den b\u00fcrgerlichen Salons vorgedacht wurde, wird nun von einer massenhaften Bewegung auf die Stra\u00dfe getragen.\u00ab Das ist ein Argument, dass die Massen lediglich als Instrument in den H\u00e4nden rechter Eliten versteht. Und den Rassismus und die Islamfeindschaft von Pegida und Co. nicht kritisiert, weil diese menschenfeindlichen Ideologien sind, sondern weil sie angeblich ein Projekt neoliberaler Eliten sind. Eine arge Verk\u00fcrzung. Womit nicht gesagt ist, dass in Teilen des B\u00fcrgertums oder auf Seiten des Kapitals kein Rassismus zu finden ist. Allerdings positionieren sich ma\u00dfgebliche Wirtschaftsverb\u00e4nde nicht erst seit der j\u00fcngsten \u00bbFl\u00fcchtlingskrise\u00ab doch eher antirassistisch.<\/p>\n<p>Auch Erhard Crome, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hat sich Gedanken \u00fcber die neuen rechten Bewegungen und Parteien in Deutschland gemacht. Auch ihn interessiert, in welchem Verh\u00e4ltnis diese zum Kapital stehen. Aber er geht mit Bezug auf eine in seiner Stiftung erstellten Studie \u00fcber Kapitalfraktionen und ihr Verh\u00e4ltnis zur Euro-Krise diese Frage viel differenzierter an. In b\u00fcrgerlichen Kreisen sind demnach nur die \u00bbreaktion\u00e4ren Kr\u00e4fte\u00ab, dazu z\u00e4hlt der Verband der Familienunternehmer, f\u00fcr die AfD ansprechbar, weil sie im Unterschied zum Monopolkapital bzw. der global-expansiven Kapitalgruppierungen weniger ihre Interessen in der politischen Sph\u00e4re durchsetzen k\u00f6nnen. F\u00fcr die AfD prognostiziert Crome: \u00bbWenn sie es geschickt anstellt, kann sie diese Gruppe erreichen und sich als den politischen Vertreter ihrer Interessen darstellen.\u00ab Allerdings wurden diese Zeilen noch vor der Abspaltung der wirtschaftsliberalen AfDler um Bernd Lucke geschrieben. Insofern ist Cromes Buch hier wie an anderen Stellen bereits \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Von b\u00fcrgerlichen Politikern war oft zu h\u00f6ren, man m\u00fcsse die Sorgen der Pegida-Demonstranten ernst nehmen. Das tut Crome auf seine Weise. Er wendet sich gegen das Argument, Pegida in alarmistischer Absicht mit Ph\u00e4nomenen des historischen Faschismus zu vergleichen, wie das seiner Meinung nach in der Linken durchaus \u00fcblich sei (er bringt Beispiele aus \u00bbtaz\u00ab und \u00bbJungle World\u00ab). Sicher, ein In-Eins-Setzen von Rechtspopulismus, Rechtskonservatismus und Faschismus ist analytisch unzul\u00e4nglich. Was Crome macht, ist es aber auch. Denn der Rassismus und die Islamfeindlichkeit von Pegida kommt bei ihm nur als untergeordnetes Element vor. Es sei nicht ausgemacht, ob es bei aller lauter Polemik im Kern wirklich um den Islam gehe, schreibt er. Und w\u00f6rtlich: \u00bbOder ob es nicht vielmehr um die Chiffre f\u00fcr die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Provokation in dieser Gesellschaft geht, mit der man zugleich m\u00f6glichst viele Menschen mobilisieren kann.\u00ab<\/p>\n<p>Und Crome setzt noch einen drauf. Das Verwenden der \u00bbWir sind das Volk\u00ab-Parole aus der \u00bbFriedlichen Revolution\u00ab von \u201989 durch Pegida interpretiert er als Ausdruck des Willens der Mehrheit der Menschen in diesem Lande, wie bisher und besser zu leben. Rechts sei die Mehrheit in diesem Lande keineswegs.<\/p>\n<p>Worauf sowohl Crome als auch Becher\/Begass\/Kraft nicht Bezug nehmen sind die \u00bbMitte\u00ab-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer und Andreas Zick. Diese wiesen zwar im gr\u00f6\u00dferen Zeitverlauf eine Abnahme extrem rechten Denkens nach. Allerdings stellt Zick in der lesenswerten Ausgabe von \u00bbAus Politik und Zeitgeschichte\u00ab mit dem Titel \u00bbRechts in der Mitte?\u00ab fest, dass 42 Prozent der befragten Deutschen mit ihren Einstellungen in Richtung Rechtspopulismus tendieren, 20 Prozent haben ein eindeutig rechtspopulistisches Weltbild. Es steht zu bef\u00fcrchten, dass die n\u00e4chste Erhebung angesichts der Fl\u00fcchtlingskrise wieder eine ansteigende Tendenz von rassistischen Einstellungen in der Bev\u00f6lkerung feststellen wird. Die fast t\u00e4glichen \u00dcbergriffe auf Asylbewerberheime sind die Vorboten.<\/p>\n<p><i>Phillip Becher\/Christian Begass\/Josef Kraft: Der Aufstand des Abendlandes. AfD, Pegida &amp; Co.: Vom Salon auf die Stra\u00dfe. PapyRossa. 130 S., br., 11,90 \u20ac.<\/i><\/p>\n<p><i>Erhard Crome: AfD. Eine Alternative? Spotless. 128 S., br., 9,99 \u20ac.<\/i><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/988304.pegida-chiffre-fuer-groesstmoegliche-provokation.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 19.10.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei B\u00fccher versuchen sich an Erkl\u00e4rungen zu den \u00bbPatriotischen Europ\u00e4ern gegen die Islamisierung des Abendlandes\u00ab &#8211; und ihr Verh\u00e4ltnis zum Kapital Am 20. 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