{"id":956,"date":"2015-10-29T15:32:31","date_gmt":"2015-10-29T14:32:31","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=956"},"modified":"2015-11-19T21:25:38","modified_gmt":"2015-11-19T20:25:38","slug":"nebuloes-und-unverbindlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=956","title":{"rendered":"Nebul\u00f6s und unverbindlich"},"content":{"rendered":"<h2>Der Sozialphilosoph Axel Honneth m\u00f6chte die Idee des Sozialismus aktualisieren &#8211; und l\u00e4sst kaum etwas von ihr \u00fcbrig<\/h2>\n<p>Er gilt zusammen mit J\u00fcrgen Habermas als der wichtigste lebende Vertreter der Frankfurter Schule. Allerdings hat Axel Honneth &#8211; wie Habermas &#8211; die einst von Horkheimer, Adorno und anderen begr\u00fcndete Kritische Theorie aus ihrer marxistischen Verankerung gel\u00f6st. Insofern ist es \u00fcberraschend, dass sein neuestes Buch eine Aktualisierung der Idee des Sozialismus leisten m\u00f6chte. <!--more-->Allerdings stellt sich nach der Lekt\u00fcre der Eindruck ein, dass f\u00fcr Honneth der Begriff Sozialismus das ist, was der des demokratischen Sozialismus f\u00fcr die SPD ist: nebul\u00f6s und unverbindlich. Vom Sozialismus bleibt nicht viel \u00fcbrig &#8211; au\u00dfer: Er ist das Niederrei\u00dfen von Kommunikationsbarrieren und eine demokratische Lebensform. Zudem soll er postmarxistisch sein.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Honneth kritisiert zun\u00e4chst die \u00bbdrei Geburtsfehler des Sozialismus\u00ab. Alles was man landl\u00e4ufig mit Sozialismus verbindet, ist ihm zufolge mit der \u00bbSchlacke seines im 19. Jahrhunderts wurzelnden Denkgeh\u00e4uses\u00ab behaftet. Gemeint ist dreierlei: \u00d6konomismus, die These von der revolution\u00e4re Mission des Proletariats und die geschichtsdeterministische Annahme vom zwangsl\u00e4ufigen Ende des Kapitalismus.<\/div>\n<p>Diesen aus dem Manchesterkapitalismus stammenden \u00bbErblasten\u00ab setzt Honneth einen Sozialismus als \u00bbhistorischen Experimentalismus\u00ab und als \u00bbdemokratische Lebensform\u00ab entgegen. Methodisch geht er dabei von einer funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften aus. Es gebe keine steuernde Instanz, verschiedene Sozialsph\u00e4ren funktionierten nach eigenen Gesetzen. Deshalb mache es keinen Sinn, gesellschaftliche Ver\u00e4nderung allein auf die \u00d6konomie zu beschr\u00e4nken. Vielmehr will Honneth die Idee der sozialen Freiheit in allen Sph\u00e4ren &#8211; \u00d6konomie, politische Willensbildung und pers\u00f6nliche Beziehungen &#8211; verankert wissen. Doch es mutet befremdlich an, von autonomen Sph\u00e4ren auszugehen, wenn die \u00d6konomisierung von immer mehr gesellschaftlichen Bereichen offenkundig ist. Selbst J\u00fcrgen Habermas sprach ja noch von einer \u00bbKolonialisierung der Lebenswelt\u00ab durch die \u00d6konomie. Nicht so Honneth (was nicht hei\u00dft, dass Kritik an starren Basis-\u00dcberbau-Modellen unangebracht w\u00e4re).<\/p>\n<p>Freilich f\u00e4llt damit auch die Beantwortung der Frage des historischen Subjekts f\u00fcr die Umsetzung eines Sozialismus anders aus. \u00bbInstitutionelle Errungenschaften sollten als soziale Tr\u00e4ger der normativen Anspr\u00fcche gelten, die der Sozialismus innerhalb der modernen Gesellschaften anzumelden versucht\u00ab, revidiert Honneth &#8211; und pr\u00e4zisiert, dass alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger als Tr\u00e4ger infrage k\u00e4men. Mit letzteren meint er den Citoyen, den politischen Staatsb\u00fcrger. Aber was ist mit dem Besitzb\u00fcrger? Dieser d\u00fcrfte anderer Meinung \u00fcber zum Beispiel das von Honneth gelobte deutsche Mitbestimmungsrecht oder den Mindestlohn sein als der auf den Verkauf seiner Arbeitskraft angewiesene B\u00fcroangestellte oder die B\u00e4ckereiverk\u00e4uferin. Der Frankfurter Seniorprofessor \u00fcbersieht, dass institutionelle Errungenschaften nicht vom Himmel fallen, sondern soziale Tr\u00e4ger haben, die diese in sozialen K\u00e4mpfen durchsetzen. Das Mitbestimmungsrecht w\u00e4re ohne den Klassenkompromiss nach dem Zweiten Weltkrieg nicht denkbar gewesen, ebenso wenig die Institutionalisierung des Mindestlohns durch gewerkschaftliche K\u00e4mpfe. Honneths Aufl\u00f6sung der Klassen- in Kommunikationsk\u00e4mpfe geht an der sozialen Wirklichkeit vorbei.<\/p>\n<p>Damit ist eine weitere gro\u00dfe Schw\u00e4che des Buches angesprochen. Es kommt ohne den Bezug auf soziale Bewegungen aus und argumentiert nie historisch. Sonst m\u00fcsste Honneth auffallen, dass es etwa in Deutschland die sozialistische Arbeiterbewegung war, die das allgemeine Wahlrecht f\u00fcr alle &#8211; auch f\u00fcr Frauen &#8211; mit durchsetzte. Mithin das, was Honneth bei den fr\u00fchen sozialistischen Denkern vermisst: die Ausweitung der Freiheit auf die politische Sph\u00e4re.<\/p>\n<p>Methodisch sind diese soziologischen und historischen Leerstellen erkl\u00e4rbar, weil Honneth sich \u00fcberwiegend auf Schriften von Fr\u00fchsozialisten wie Louis Blanc, Pierre-Joseph Proudhon, Robert Owen, Henri de Saint-Simon und den jungen Marx st\u00fctzt. Keine Beachtung findet der sp\u00e4te Marx, der zusammen mit Engels und weiteren marxistischen Theoretikern die sozialistische Arbeiterbewegung viel st\u00e4rker pr\u00e4gte. Erw\u00e4hnt wird nicht, dass die beiden eine Kritik des Fr\u00fchsozialismus vornahmen. Und vernachl\u00e4ssigt werden \u00fcberdies die sogenannten westlichen Marxisten, die in Anschluss an Marx durchaus nicht nur die von Honneth angesprochenen Probleme diskutiert, sondern auch sein Werk fortgesetzt, korrigiert und erweitert haben. Insbesondere Antonio Gramsci w\u00e4re hier zu nennen, der als einer der ersten den \u00d6konomismus kritisierte und sich mit der Analyse der politischen Sph\u00e4re besch\u00e4ftigte, aber beispielsweise auch Nicos Poulantzas. Stattdessen postuliert Honneth, der sich positiv auf Eduard Bernstein, Hegel und den US-amerikanischen Philosphen John Dewey bezieht, lediglich, dass der Sozialismus nur eine Zukunft haben kann, wenn er eine postmarxistische Form annehme.<\/p>\n<p>So scheitert Honneth an seinem Ziel, die R\u00fcckbildung des Sozialismus zu einer rein normativen Theorie zu verhindern und stattdessen einen Ersatz f\u00fcr die verloren gegangene Bindung an die Arbeiterbewegung zu suchen. Sein Versuch wird im Grunde zu genau dem: zu einer Gerechtigkeitstheorie, die keine Geschichte, keine Kritik der Politischen \u00d6konomie und keine Transformationsperspektive mehr kennt.<\/p>\n<p>Das bedeutet jedoch nicht, dass die Idee des Sozialismus und die des Marxismus keiner Revision bedarf. Honneth schreibt zu Recht: \u00bbAllerdings werden sich diejenigen, die meinem Revisionsvorschlag \u2026 Zweifel entgegenbringen, die Frage gefallen lassen m\u00fcssen, ob sie nicht in ihrem verkrampften Festhalten an liebgewonnenen Illusionen die vielleicht letzte Chance verspielen, das eigene Projekt noch einmal mit begr\u00fcndeten Hoffnungen auf seine zuk\u00fcnftige Realisierbarkeit zu versehen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Revisionsvorschlag muss also anders aussehen. Er muss die Geschichte ber\u00fccksichtigen, die Kritik der Politischen \u00d6konomie fortf\u00fchren &#8211; und er muss vor allem angesichts des \u00dcberschreitens der Belastbarkeitsgrenzen der Erde \u00f6kologisch fundiert werden. Denn Folgendes lag f\u00fcr die sozialistischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts jenseits jeglicher Vorstellungskraft: Dass die Industrialisierung eine solche Dynamik gewinnen w\u00fcrde, dass der Raubbau an der Natur mit \u00f6kologischen Katastrophen auf die Gesellschaften zur\u00fcckschl\u00e4gt. Insofern sind der Sozialismus und der Marxismus in ihren dominanten Str\u00f6mungen tats\u00e4chlich mit der Erblast des Industriekapitalismus behaftet &#8211; bis heute. Eine Kritik des Produktivismus und des Fortschrittsoptimismus w\u00e4re, um nur zwei Beispiele zu nennen, ein unabdingbares Muss. Es geht mithin um eine \u00f6kosozialistische Revision des Marxismus und um eine \u00f6komarxistische des Sozialismus. Hierf\u00fcr allerdings muss man Autoren wie John Bellamy Foster, Joel Kovel oder Saral Sarkar zu Rate ziehen.<\/p>\n<p><em>Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Suhrkamp. 166 S., geb., 22,95 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/989333.nebuloes-und-unverbindlich.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 28.10.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sozialphilosoph Axel Honneth m\u00f6chte die Idee des Sozialismus aktualisieren &#8211; und l\u00e4sst kaum etwas von ihr \u00fcbrig Er gilt zusammen mit J\u00fcrgen Habermas als der wichtigste lebende Vertreter der Frankfurter Schule. 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