{"id":975,"date":"2015-10-07T21:39:30","date_gmt":"2015-10-07T19:39:30","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=975"},"modified":"2015-11-19T21:41:49","modified_gmt":"2015-11-19T20:41:49","slug":"wenn-die-lufthansa-zur-waffe-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=975","title":{"rendered":"Wenn die Lufthansa zur Waffe wird"},"content":{"rendered":"<h2>DT Berlin: Ferdinand von Schirachs \u00bbTerror\u00ab macht aus einem juristischen Lehrbuchfall ein Theaterst\u00fcck<\/h2>\n<p>Wird dieses St\u00fcck eigentlich von der Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung gesponsert? Diese Frage stellte sich wohl manch einem nach der Berliner Urauff\u00fchrung von \u00bbTerror\u00ab, dem ersten Theaterst\u00fcck des als Schriftsteller au\u00dferordentlich erfolgreichen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, im Berliner Deutschen Theater am Sonnabend.<!--more--> Parallel fand in Frankfurt am Main eine Urauff\u00fchrung statt, und 14 deutsche B\u00fchnen werden in dieser Spielzeit nachziehen. Auch eine Verfilmung ist geplant. \u00bbTerror\u00ab d\u00fcrfte damit das erfolgreichste St\u00fcck 2015\/16 werden. Das Gef\u00fchl, einer politisch-p\u00e4dagogischen Schulstunde ausgesetzt zu sein, r\u00fchrt vor allem daher, dass die Zuschauer zum Schluss des St\u00fcckes per Hammelsprung \u00fcber den in der dargestellten Gerichtsszenerie Angeklagten urteilen k\u00f6nnen. Nach dem Motto: nach dem Frontalunterricht noch ein wenig aktive Beteiligung.<\/p>\n<p>Von Schirach hat sich eine klassische Dilemma-Situation ausgedacht, die vor Gericht verhandelt wird: Major Lars Koch (Timo Weisschnur) ist Pilot eines Kampfjets der Bundeswehr und hat im Mai 2013 eine Lufthansa-Maschine mit 164 Menschen abgeschossen. Diese war von Terroristen in der Absicht entf\u00fchrt worden, die Maschine in die mit 70 000 Menschen voll besetzte Allianz-Arena in M\u00fcnchen abst\u00fcrzen zu lassen. Koch widersetzte sich dem Befehl seines Vorgesetzten und feuerte eine Rakete auf das zur Waffe umfunktionierte Flugzeug. Damit brachte er 164 Menschen um, rettete aber wahrscheinlich Zehntausenden das Leben. Und, so seine Argumentation vor Gericht, die 164 Insassen w\u00e4ren beim Aufprall auf das Stadion ohnehin gestorben. Die Frage ist also: Darf man, darf der Staat in einer Ausnahmesituation das Leben von Menschen opfern, um das anderer zu retten, d\u00fcrfen Menschen zum Objekt staatlichen Handelns werden?<\/p>\n<p>Der deutsche Staat wollte das und erlie\u00df vor dem Hintergrund von 9\/11 und des harmlosen Irrflugs eines Motorseglers 2003 \u00fcber Frankfurt das sogenannte Luftsicherheitsgesetz. Das Bundesverfassungsgericht allerdings bewertete 2006 den entsprechenden Paragrafen, der den Abschuss von entf\u00fchrten Flugzeugen erlaubte, als Versto\u00df gegen das Grundrecht auf Leben und gegen die Menschenw\u00fcrde.<\/p>\n<p>Regisseur Hasko Weber l\u00e4sst die Protagonisten diese Hintergr\u00fcnde und Argumente detailliert referieren. Die Staatsanw\u00e4ltin (Franziska Machens) sagt: \u00bbDer Staat kann niemals ein Leben gegen ein anderes Leben aufwiegen. Auch nicht gegen hundert, nicht gegen tausend Leben. Jeder einzelne Mensch besitzt W\u00fcrde.\u00ab Die Verteidigerin von Koch (Aylin Esener) h\u00e4lt dagegen: \u00bbIst es richtig, das Prinzip der Menschenw\u00fcrde \u00fcber die Rettung von Menschenleben zu stellen?\u00ab<\/p>\n<p>Und Major Koch? Er verteidigt auch nach seiner Verhaftung vor Gericht seinen Entschluss, 164 Menschenleben zu opfern. Stutzig wird er nur, als er gefragt wird, ob er genau so gehandelt h\u00e4tte, wenn seine Familie mit an Bord der entf\u00fchrten Maschine gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Neben der Vorsitzenden, arrogant-schnippisch gespielt von Almut Zilcher, treten noch zwei Zeugen auf: Die Witwe eines der get\u00f6teten Flugzeugpassagiere und Kochs Vorgesetzter, Lauterbach. Letzterer, gespielt von Helmut Mooshammer, ist die \u00fcberzeugendste Figur der Inszenierung. Ein schneidiger, blonder Soldat, der so unsympathisch daherkommt, dass man ihn sich auch gut als SS-Herrenmenschen vorstellen kann. Die B\u00fchne ist durchgehend als Haftzelle des angeklagten Koch dekoriert, die Szenen werden durch etwas unmotiviert wirkende Videoprojektionen unterbrochen. Links und rechts der B\u00fchne sieht man zwei gro\u00dfe Fotos von einem Flugzeugwrack.<\/p>\n<p>Immerhin: Die Zuschauer zeigten sich zug\u00e4nglich f\u00fcr das p\u00e4dagogisierende Werk, das einem juristischen Lehrbuch entnommen sein k\u00f6nnte. Sie diskutierten in der Pause eifrig \u00fcber das St\u00fcck &#8211; und entschieden sich mit 255 zu 207 Stimmen f\u00fcr den Freispruch des Angeklagten, wie \u00fcbrigens auch in Frankfurt. Der Applaus war rege &#8211; und in der Tat ist die Inszenierung ja nicht langweilig. Warum aber w\u00e4hlte von Schirach als Stoff f\u00fcr sein erstes Theaterst\u00fcck diesen arg konstruierten, in der Realit\u00e4t so gut wie nie vorkommenden moralischen Dilemma-Fall? In seinem Text im Programmheft stellt er mit Blick auf den ersten Satz im Grundgesetz fest, dass die W\u00fcrde des Menschen dauernd angetastet wird und das Recht angesichts des Kampfes gegen den Terror permanent unter die R\u00e4der ger\u00e4t: \u00bbUnser Konsens, dass unsere Regierungen niemals bewusst einen Rechtsbruch begehen d\u00fcrfen &#8230; wird jetzt dauernd verletzt: Kriegsdrohnen t\u00f6ten Zivilisten, Terroristen werden gefoltert und rechtlos gestellt, unsere E-Mails und SMS werden von den Geheimdiensten gelesen, weil wir unter Generalverdacht stehen.\u00ab<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/986854.wenn-die-lufthansa-zur-waffe-wird.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 7.10.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DT Berlin: Ferdinand von Schirachs \u00bbTerror\u00ab macht aus einem juristischen Lehrbuchfall ein Theaterst\u00fcck Wird dieses St\u00fcck eigentlich von der Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung gesponsert? Diese Frage stellte sich wohl manch einem nach der Berliner Urauff\u00fchrung von \u00bbTerror\u00ab, dem ersten Theaterst\u00fcck &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=975\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"DT Berlin: Ferdinand von Schirachs \u00bbTerror\u00ab macht aus einem juristischen Lehrbuchfall ein Theaterst\u00fcck","footnotes":""},"categories":[143],"tags":[],"class_list":["post-975","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-theaterkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/975","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=975"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/975\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":976,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/975\/revisions\/976"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=975"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=975"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=975"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}