{"id":978,"date":"2015-11-23T17:37:16","date_gmt":"2015-11-23T16:37:16","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=978"},"modified":"2015-11-23T17:37:16","modified_gmt":"2015-11-23T16:37:16","slug":"warum-geht-es-mir-so-dreckig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=978","title":{"rendered":"Warum geht es mir so dreckig?"},"content":{"rendered":"<h2>Entfremdungskritik wird wieder ge\u00fcbt. Doch sie m\u00fcsste neue Impulse aufnehmen.<\/h2>\n<p>In seinem j\u00fcngsten Buch fordert der wohl einflussreichste lebende Marxist, David Harvey, seine Leser auf, sich eine Welt vorzustellen, in der der Tauschwert, das Streben nach Geldmacht und entfremdete Verhaltensweisen wie kompensatorischer Konsum eingeschr\u00e4nkt w\u00e4ren. <!--more-->W\u00fcrden wir nicht in einer humaneren Welt mit weniger sozialer Ungleichheit, Korruption und Unterdr\u00fcckung leben?, fragt er in \u00bbSiebzehn Widerspr\u00fcche und das Ende des Kapitalismus\u00ab. Das mag man bejahen. Doch wie kommt man dahin? Wie sind die vielen zersplitterten Oppositionsgruppen \u00bbzu einer einheitlichen, solidarischen und antikapitalistischen Bewegung zusammenzuschlie\u00dfen\u00ab? Wie kann eine kollektive politische Subjektivit\u00e4t entstehen, die sich um einen Grundbegriff herum bildet? Harvey macht einen Vorschlag. Und dieser lautet: Entfremdung.<\/p>\n<p>Entfremdung &#8211; der Begriff hat eine schillernde Geschichte! Lassen wir zumindest den marxistischen Teil der Diskussion Revue passieren, um zum Schluss auf Harveys Gedanken zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p>Obgleich Karl Marx den Begriff bereits in den 1840er Jahren verwandte, ist er in der marxistischen Tradition lange unbekannt geblieben. Daf\u00fcr gibt es einen einfachen Grund: Die entscheidende Marxsche Schrift &#8211; die \u00bb\u00d6konomisch-philosophischen Manuskripte\u00ab von 1844 &#8211; wurden zu seinen Lebzeiten nicht ver\u00f6ffentlicht. Der junge Marx im Pariser Exil hatte sie in Auseinandersetzung mit u.a. Hegel zur eigenen Selbstverst\u00e4ndigung geschrieben. Erst 1932 erblickten die auch Pariser Manuskripte genannten Werke im Rahmen der Edition der Marxschen Fr\u00fchschriften das Licht der \u00d6ffentlichkeit. Sie sorgten f\u00fcr geh\u00f6rigen Wirbel &#8211; und wurden zu einem Schl\u00fcsseltext der Kritischen Theorie um Adorno, Horkheimer, Fromm und Marcuse. Denn hier offenbarte sich ein Marx, der, so sollte es Ernst Bloch formulieren, den \u00bbW\u00e4rmestrom des Marxismus\u00ab verk\u00f6rperte. Will hei\u00dfen, Marx zeigte sich hier nicht k\u00fchl analysierend auf die \u00d6konomie, sondern leidenschaftlich auf den \u00bberniedrigten, geknechteten, verlassenen, ver\u00e4chtlich gemachten Menschen\u00ab fixiert.<\/p>\n<p>Ein l\u00e4ngeres Marx-Zitat muss in Erinnerung gerufen werden &#8211; auch weil es f\u00fcr die Entfremdungsdiskussion bis heute wichtig und seine Aktualit\u00e4t offenkundig ist: Worin bestehe nun die Ent\u00e4u\u00dferung der Arbeit, fragt Marx in den Pariser Manuskripten, und antwortet: \u00bbErstens, da\u00df die Arbeit dem Arbeiter \u00e4u\u00dferlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen geh\u00f6rt, da\u00df er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern ungl\u00fccklich f\u00fchlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter f\u00fchlt sich daher erst au\u00dfer der Arbeit bei sich und in der Arbeit au\u00dfer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bed\u00fcrfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bed\u00fcrfnisse au\u00dfer ihr zu befriedigen.\u00ab<\/p>\n<p>Marx\u2019 Unterscheidung von vier Dimensionen der entfremdeten Arbeit (vom Produkt der T\u00e4tigkeit, von der T\u00e4tigkeit, vom menschlichen Gattungswesen und von sich selbst), kann hier nur benannt werden. Wichtiger als die detaillierte Wiedergabe ist die Diskussion, die sich an dem Begriff Entfremdung im Marxismus entz\u00fcndete. Gibt es Entfremdung nur in der Produktionssph\u00e4re des Kapitalismus, wie es die \u00bb\u00d6konomisch-philosophischen Manuskripte\u00ab nahelegen? Oder ist Entfremdung ein Ph\u00e4nomen, das die Gesamtheit der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse umfasst, wie es der von Marx in seinem Hauptwerk \u00bbDas Kapital\u00ab beschriebene Warenfetischismus oder Termini wie Vergegenst\u00e4ndlichung oder Verdinglichung andeuten? Wie ist das Verh\u00e4ltnis der Marxschen Fr\u00fchschriften und seinen sp\u00e4teren \u00f6konomischen Schriften in Bezug auf die Entfremdung zu bestimmen? Gab es einen Bruch, eine Kontinuit\u00e4t? Vieles spricht daf\u00fcr, dass Marx, obwohl er den Begriff Entfremdung immer weniger benutzte, von der Sache an sich nicht lie\u00df. Vielmehr l\u00f6ste er sich vom philosophischen Gehalt des Begriffs und konkretisierte ihn sozio\u00f6konomisch.<\/p>\n<p>Bis in die 1980er Jahre war Entfremdungskritik en vogue. Mit der Implosion des Realsozialismus, der sich im \u00dcbrigen mit dem Begriff sehr schwer tat, schwand f\u00fcr einige Zeit auch die Hoffnung auf eine Alternative zum Kapitalismus &#8211; und damit auf das, was das Gegenteil eines entfremdeten, missgl\u00fcckten Lebens darstellt: gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die f\u00fcr alle Menschen ein gelungenes Leben erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Doch nicht zuletzt die tats\u00e4chliche Zunahme oder zumindest die erh\u00f6hte Sensibilit\u00e4t f\u00fcr psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-out haben die Entfremdungskritik in den letzten Jahren wieder st\u00e4rker in den Fokus ger\u00fcckt. Das liegt auch daran, dass der neoliberale Kapitalismus mit seiner \u00d6konomisierung immer weitere gesellschaftliche Bereiche und intime Beziehungen dem Kosten-Nutzen-Kalk\u00fcl unterwirft. Und auf diese Weise immer mehr Entfremdungserfahrungen produziert. Die Pflegerin muss im Minutentakt wie am Flie\u00dfband ihre Arbeit verrichten, f\u00fcr soziale Zuwendung bleibt keine Zeit. Kein Wunder, dass beim Pflegepersonal schon fr\u00fch Burn-outs diagnostiziert wurden. In anderen Berufen hingegen scheint die Entfremdung auf den ersten Blick aufgehoben zu sein &#8211; und entpuppt sich auf den zweiten als Versch\u00e4rfung derselben. Der Angeh\u00f6rige einer Firma, so das Versprechen der Managementrhetorik, k\u00f6nne sich in seiner Arbeit selbst verwirklichen, seine Emotionen und Kreativit\u00e4t mit einbringen. Der Zwang zur Identifizierung verhindert indes die Abgrenzung, wie sie zu anderen Zeiten mit dem Spruch \u00bbDas ist nicht mein Job\u00ab einmal \u00fcblich war. Heute soll alles zum Job, zum Unternehmen geh\u00f6ren. Was aber, wenn der Angestellte in der n\u00e4chsten Krise auf die Stra\u00dfe gesetzt wird? Nicht nur muss er einen anderen Job finden, er muss seine ganze Pers\u00f6nlichkeit neu erfinden &#8211; er leidet st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Die ungebrochene Aktualit\u00e4t der marxistischen Entfremdungskritik zeigt sich f\u00fcr die Konsumsph\u00e4re noch von unerwarteter Seite: von der sogenannten \u00f6konomischen Gl\u00fccksforschung. Diese erf\u00e4hrt seit wenigen Jahrzehnten eine ungeahnte Konjunktur. Ihre zentrale Einsicht lautet: Nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau\/Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf geht die Steigerung des materiellen Wohlstands mit einem Mehr an Gl\u00fcck und Lebenszufriedenheit einher. Dar\u00fcber hinaus stagniert das Gl\u00fccksempfinden der Befragten. Das zeigen eindrucksvoll die Beispiele Japan und USA, wo Zufriedenheits-Befragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgef\u00fchrt werden. In den USA hat sich das reale BIP pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Gl\u00fccksempfinden der Bev\u00f6lkerung blieb &#8211; exakt gleich. In Japan ist das noch eindr\u00fccklicher. Dort versechsfachte sich das BIP pro Kopf, w\u00e4hrend die Befragungen ein konstantes Gl\u00fccksempfinden ergaben.<\/p>\n<p>Die Ursache hierf\u00fcr ist einfach: Solange es um die Befriedigung von existenziellen Bed\u00fcrfnissen wie Ern\u00e4hrung, Kleidung, Wohnen etc. geht, steigert das Einkommen der Bev\u00f6lkerung die Lebenszufriedenheit deutlich. Sind diese Bed\u00fcrfnisse ges\u00e4ttigt, vollzieht sich der \u00dcbergang zum Statuskonsum. Der Konsument m\u00f6chte sich durch den Kauf des neuesten iPhone von anderen abheben. Das m\u00f6chten indes Abertausende auch. Die erhoffte Befriedigung h\u00e4lt nicht lange an &#8211; das Gl\u00fccksempfinden wird im n\u00e4chsten Konsumakt neu zu wecken versucht. Der Angestellte, in der Arbeit entfremdet, strampelt sich zudem in der \u00bbTretm\u00fchle des Gl\u00fccks\u00ab (M. Binswanger) als Konsument ab. Die Gl\u00fccksforschung zeigt somit, dass die in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten immer noch weit verbreitete Ansicht, wonach mehr Wirtschaftswachstum mit mehr Einkommen, Wohlstand, Gl\u00fcck und Lebenszufriedenheit einhergeht, l\u00e4ngst mit der Realit\u00e4t nichts mehr zu tun hat. Man kann die Gl\u00fccksforschung somit als kulturkritische Seite der aktuellen Wachstumskritik bezeichnen (vgl. \u00bbDas moderne Opium des Volkes\u00ab, \u00bbnd\u00ab vom 22.11.2013).<\/p>\n<p>Um auf David Harvey zur\u00fcckzukommen: Er pl\u00e4diert in seinem Buch f\u00fcr einen s\u00e4kularen revolution\u00e4ren Humanismus, \u00bbum der Entfremdung in ihren vielen Erscheinungsformen entgegenzuwirken und die Welt aus den F\u00e4ngen des Kapitalismus zu befreien\u00ab. Der Philosoph Christoph Henning, der soeben ein Buch \u00fcber Entfremdung ver\u00f6ffentlicht hat (siehe Spalte), erg\u00e4nzt Harvey gewisserma\u00dfen. F\u00fcr ihn gibt es keinen Grund, den Entfremdungsbegriff in der Philosophie und der Sozialtheorie noch l\u00e4nger zu verschm\u00e4hen. Dieser sei in der Lage, \u00bbdass diffuse seelische Leiden an Ph\u00e4nomenen wie Eizellspenden, einer Kommerzialisierung von weiblicher Reproduktionsarbeit, von Fremd-Aneignungen von Kreativit\u00e4t im Internetbereich, Belastungen in Call-Centern und \u00fcberkommenen sozialen Ausgrenzungen \u00fcberall in der Welt n\u00e4her aufzuschlie\u00dfen\u00ab.<\/p>\n<p>Allerdings w\u00e4ren die Impulse der Gl\u00fccksforschung aufzugreifen, um eine Aktualisierung der Entfremdungskritik in der Marxschen Tradition leisten zu k\u00f6nnen. Erst dann k\u00f6nnte, um eine Formulierung von Herbert Marcuse zu gebrauchen, der Gl\u00fccksanspruch &#8211; mithin die Utopie eines nicht-entfremdeten Lebens &#8211; wieder einen gef\u00e4hrlichen Klang f\u00fcr die herrschende Ordnung bekommen.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/992010.warum-geht-es-mir-so-dreckig.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 21.11.2015<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entfremdungskritik wird wieder ge\u00fcbt. Doch sie m\u00fcsste neue Impulse aufnehmen. 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