{"id":982,"date":"2015-11-25T16:40:35","date_gmt":"2015-11-25T15:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=982"},"modified":"2015-11-27T16:43:54","modified_gmt":"2015-11-27T15:43:54","slug":"der-existenzielle-ekel-beim-anblick-einer-tuetensuppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=982","title":{"rendered":"Der existenzielle Ekel beim Anblick einer T\u00fctensuppe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Journalistin Kathrin Hartmann nimmt die Versprechen vom gr\u00fcnen Wachstum auseinander<\/strong><\/p>\n<p>Eine gr\u00fcne Wirtschaft gilt als Zauberformel: Nachhaltigkeit soll mit Wirtschaftswachstum verbunden werden. Mehr noch: \u00d6kologische Techniken wie Solarpaneele oder Elektroautos sollen das Bruttoinlandsprodukt in die H\u00f6he treiben. Nur in kleinen Zirkeln wird auf die Undurchf\u00fchrbarkeit dieses Konzepts hingewiesen.<!--more--> \u00bbGr\u00fcne L\u00fcgen\u00ab nannte etwa der renommierte Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek sein j\u00fcngstes Buch. Es werde so viel Umweltschutz betrieben wie noch nie &#8211; und doch nehme das Ausma\u00df der Naturzerst\u00f6rung zu. Der Grund: Es werden immer mehr Ressourcen verbraucht.<br \/>\nW\u00e4hrend Schmidt-Bleeks Buch analytisch-theoretisch argumentiert, ist das neue Buch von Kathrin Hartmann ein Report. Doch auch ihr Fazit nach langen Recherchen in Indonesien und Bangladesch lautet: Der Rohstoffhunger der gr\u00fcnen Wirtschaft ist riesig, und f\u00fcr angeblich gr\u00fcne Projekte wie Biodiesel werden Regenw\u00e4lder gerodet und Menschen vertrieben. Alle Versuche, destruktive Techniken und Rohstoffe durch nachhaltigere zu ersetzen, seien krachend gescheitert oder h\u00e4tten die Probleme sogar noch versch\u00e4rft. \u00bbDie Herstellung von Elektroautos, von Windr\u00e4dern und Solarzellen ben\u00f6tigt riesige Mengen Seltener Erden und Konfliktrohstoffe, die aus Kriegsgebieten beschafft werden oder Indigenen das Land rauben, weil sie sich unter ihrer regenbewaldeten Erde befinden\u00ab, schreibt sie. Die fatale Idee, Lebensmittel zur Energiegewinnung zu verbrennen, habe den Hunger noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Am Beispiel der Palm\u00f6lwirtschaft in Indonesien zeigt die Journalistin und Buchautorin, wie f\u00fcr sogenannten Energiepflanzen wie Palm\u00f6l gigantische Fl\u00e4chen von Regenwald weichen m\u00fcssen. Die Leute vor Ort nennen die sich rasch ausbreitenden Monokulturen \u00bbgr\u00fcne H\u00f6lle\u00ab. Schon hat Indonesien Brasilien den Rang als Waldvernichter Nummer Eins abgelaufen. Hartmann nennt Ross und Reiter der daran beteiligten internationalen Konsortien. Und kritisiert scharf ihre Helfershelfer in Gewand von Nichtregierungsorganisationen (NGO). Der gr\u00f6\u00dfte Teil der in Indonesien t\u00e4tigen NGO sei von wei\u00dfen Eliten aufgebaut worden und verstehe sich als Partner der Wirtschaft und Geburtshelfer des gr\u00fcnen Wachstums.<\/p>\n<p>Die Autorin nennt keine L\u00f6sungen. Sie kritisiert vielmehr das Argument, dass wer keine praktikable L\u00f6sung anbiete, auch nichts kritisieren solle. Dieses habe nur eine Funktion: die Verhinderung von Systemkritik. Diese \u00fcbt die Autorin sehr deutlich. Von imperialer Lebensweise, struktureller Gewalt, Kolonialismus und Kapitalismus ist die Rede. Die T\u00fctensuppe empfindet sie als \u00bbSymbol f\u00fcr die Zurichtung zum schlechten Leben, als Konzentrat des Weltwahnsinns\u00ab. Existenziellen Ekel rufe das bei ihr hervor. Sie h\u00e4lt dagegen: \u00bbWir brauchen keine \u203abesseren Unternehmen\u2039, die mit \u203abesserem Palm\u00f6l\u2039 eine \u203abessere T\u00fctensuppe\u2039 herstellen.\u00ab Sondern ein selbstbestimmtes Leben, in dem die T\u00fctensuppe keinen Platz mehr hat, sowie bessere und weniger Arbeit.<\/p>\n<p>Eine Alternative zur jetzigen \u00bbimperialen Lebensweise\u00ab sieht Hartmann in der \u00f6kologisch ausgerichteten, solidarischen und selbstbestimmten kleinb\u00e4uerlichen Landwirtschaft.<\/p>\n<p>Anhand vieler Beispiele zerst\u00f6rt Hartmann die Versprechen des gr\u00fcnen Wachstums. Bisweilen wird es zu detailliert. Es ist nicht von Belang zu wissen, dass der Rauch der Nelkenzigarette eines Gespr\u00e4chspartners nach Lebkuchen riecht oder ein anderer sich wirsch ein Tuch um den Hals wirft. Stattdessen h\u00e4tte man sich mehr theoretische Ausf\u00fchrungen gew\u00fcnscht. So verweist Hartmann nur kurz auf die thermodynamischen Gesetze, die eine Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch eben so wenig m\u00f6glich machen wie ein Perpetuum mobile. Hierzu mehr und etwas weniger Reportage-Elemente &#8211; das h\u00e4tte dem Text gut getan. Dennoch ein empfehlenswertes Buch.<\/p>\n<p><em>Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. Blessing. 448 S., brosch., 18,99 \u20ac<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/992279.der-existenzielle-ekel-beim-anblick-einer-tuetensuppe.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 24.11.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Journalistin Kathrin Hartmann nimmt die Versprechen vom gr\u00fcnen Wachstum auseinander Eine gr\u00fcne Wirtschaft gilt als Zauberformel: Nachhaltigkeit soll mit Wirtschaftswachstum verbunden werden. 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