{"id":991,"date":"2015-12-07T10:46:13","date_gmt":"2015-12-07T09:46:13","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=991"},"modified":"2015-12-09T10:48:31","modified_gmt":"2015-12-09T09:48:31","slug":"im-angesicht-der-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=991","title":{"rendered":"Im Angesicht der Katastrophe"},"content":{"rendered":"<h2>Die Aussichten, den Klimawandel einzud\u00e4mmen, sind d\u00fcster. Doch was folgt daraus? Ansporn oder Resignation<\/h2>\n<p>Es ist eine bittere Ironie: W\u00e4hrend in Paris 10 000 Delegierte um ein neues Klimaabkommen ringen, wird in 2100 chinesischen Fabriken vor\u00fcbergehend die Produktion eingestellt. Mit dieser Ma\u00dfnahme soll dem massiven Smog Einhalt geboten werden, der erneut vielen Chinesen ein Leben unter einer Dunstglocke aufzwingt. Die Bilder, die man zu sehen bekam, muten fast schon apokalyptisch an.<!--more--><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt werden die Folgen einer ungebremsten Erderw\u00e4rmung gerne mit Untergangsszenarien veranschaulicht: Inseln verschwinden im Meer, Metropolen in K\u00fcstenn\u00e4he droht ein \u00e4hnliches Schicksal, wenn sie nicht wie New York oder Amsterdam das Gl\u00fcck haben, Unsummen in den K\u00fcstenschutz investieren zu k\u00f6nnen. D\u00fcrren machen die Landwirtschaft insbesondere in L\u00e4ndern unm\u00f6glich, die historisch f\u00fcr den Klimawandel keine Verantwortung tragen. Extremwetterereignisse werden Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me in Bewegung setzen, Konflikte um knapper werdende Rohstoffe schlagen in Ressourcenkriege um.<\/p>\n<p>Mit einem Wunder bei den Pariser Verhandlungen ist nicht zu rechnen. Die vorab eingeholten &#8211; freiwilligen &#8211; Selbstverpflichtungserkl\u00e4rungen reichen bei Weitem nicht aus, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Selbst wenn noch etwas hinzukommt, die Zusagen &#8211; das lehrt die Vergangenheit &#8211; werden wohl nicht eingehalten. Einige Klimaforscher und Institutionen sagen voraus, dass die Erde bei einem Weiter-so auf eine Erderw\u00e4rmung von 4 bis 6 Grad zusteuert. Und niemand kann sagen, was passiert, wenn die sogenannten Kipppunkte erreicht werden. Grund zur Resignation, zur Verzweiflung angesichts dieser apokalyptischen Perspektive gibt es somit allemal.<\/p>\n<p>Oder ist es genau anders herum? Ist das Untergangszenario Antrieb, sich noch intensiver in die politischen K\u00e4mpfe f\u00fcr eine gerechte und soziale Klimapolitik zu st\u00fcrzen? R\u00fctteln Katastrophenszenarien die Leute auf?<\/p>\n<p>Dieser Ansicht ist zumindest der ehemalige postmoderne Philosoph Gianni Vattimo, der in seinem Buch \u00bbWie werde ich Kommunist?\u00ab seine Hinwendung zu Marxschen Gedanken reflektiert. Er schreibt, wenngleich nicht mit Blick auf den Klimawandel: \u00bbWir brauchen uns nicht zu sch\u00e4men, wenn wir unsere Situation in Begriffen wie \u203aApokalypse\u2039 denken und dementsprechend die Wiederverwendung eines \u203alinken\u2039 Wortes wie \u203aRevolution\u2039 legitimieren, weil dieser Gedanke sich passgerecht auf den Wunsch nach radikalen Ver\u00e4nderungen r\u00fcckbezieht, der dem europ\u00e4ischen Geist zu Beginn des 20. Jahrhunderts eigent\u00fcmlich war.\u00ab<\/p>\n<p>Die Gegenargumente indes liegen nicht fern. In der Bundesrepublik der 1980er Jahre ist eine ganze Generation in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass der mythenumrankte deutsche Wald bald ausstirbt. Eingebettet war diese Sorge in die noch gr\u00f6\u00dfere Angst vor dem atomaren Super-GAU, der sich dann mit der Tschernobyl-Katastrophe zumindest in Westeuropa als nicht so schlimm erweisen sollte und mit dem Ende des Kalten Krieges aus dem Bewusstsein verschwand. Auch das Waldsterben ist nicht in dem Ma\u00dfe eingetreten, wie bef\u00fcrchtet. Das apokalyptische Szenario erwies sich als Fehlalarm. Man k\u00f6nnte dar\u00fcber froh sein &#8211; wenn das st\u00e4ndige Gerede vom F\u00fcnf-vor-zw\u00f6lf nicht vielen Menschen den \u00f6kologischen Gedanken madig gemacht h\u00e4tte. \u00bbDie spinnen doch, die \u00d6kos. Reden dauernd vom Weltuntergang &#8211; und was passiert? Nichts!\u00ab<\/p>\n<p>Allerdings ist es wahrscheinlich, dass die politischen Ma\u00dfnahmen infolge der Waldsterbensdebatte dazu beigetragen haben, die Sch\u00e4den in Grenzen zu halten. Die Forscher sind sich dar\u00fcber aber nicht einig. Auch gegen die Prognosen des ber\u00fchmten Reports \u00fcber \u00bbDie Grenzen des Wachstum\u00ab wird eingewendet &#8211; ist doch alles Quatsch. Jetzt wird in den USA gefrackt und sie sind nicht mehr auf Energieimporte angewiesen. Neue Technik werde es schon richten. Der dissidente DDR-Philosoph Wolfgang Harich bemerkte dazu: \u00bbNach derselben Logik k\u00f6nnte jemand daraus, dass bis jetzt die \u00c4rzte seine Krankheiten zu kurieren verstanden haben, auf die eigene Unsterblichkeit schlie\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p>Verstellt nicht, so lautet ein weiterer Einwand gegen Endzeitszenarien, der Fokus auf zuk\u00fcnftige Katastrophen den Blick auf die sich vor allem im Globalen S\u00fcden gegenw\u00e4rtig bereits vollziehende? Und den auf ihre strukturellen Ursachen, die insbesondere im Zwang kapitalistischer Unternehmen besteht, bei Strafe ihres Untergangs immer mehr Profit zu machen, immer mehr Ressourcen zu verbrauchen und immer mehr Treibhausgase in die Luft zu blasen?<\/p>\n<p>Gegen eine kapitalismuskritische Sicht auf das Klimaproblem wird \u00fcberdies noch das folgende Argument in Stellung gebracht: Die Welt k\u00f6nne nicht darauf warten, den Kapitalismus abzuschaffen, um die Klimakrise zu meistern. Wir m\u00fcssten jetzt sofort handeln, jeder Einzelne. Vorgetragen wird es zum Beispiel vom f\u00fchrenden deutschen Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber &#8211; und vor allem von der gr\u00fcnen Kapitalfraktion, die auf ein Wachstumskapitalismus mit Windr\u00e4dern und Kohlenstoffabscheidung im Boden setzt. Im \u00dcbrigen kleistert das gerne und oft benutzte \u00bbWir\u00ab im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Menschheitsproblem Klimawandel die Spaltung der Gesellschaften in verschiedene Klassen zu.<\/p>\n<p>Somit kann man der These des Artikels \u00bbImmer wieder f\u00fcnf vor zw\u00f6lf\u00ab von drei AutorInnen der Bundeskoordination Internationalismus zustimmen. In dem hei\u00dft es, dass die Fixierung auf zuk\u00fcnftige Katastrophenszenarien den Status quo kapitalistischer Naturaneignung verfestige, anstatt ihn zu brechen. Und \u00e4hnlich k\u00f6nnte der Katastrophenbegriff von Walter Benjamin interpretiert werden: \u00bbDa\u00df es \u203aso weiter\u2039 geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene\u00ab, schrieb Benjamin. Damit legte er den Fokus nicht auf zuk\u00fcnftige, sondern auf die gegenw\u00e4rtige Katastrophe, die, um eine Allegorie vom US-Autor Benjamin Kunkel zu benutzen, uns so gegenw\u00e4rtig ist wie das Summen einer Fliege im Ohr: immer da, aber nur selten im Vordergrund. Indem Walter Benjamin die Katastrophe als Normalit\u00e4t der Gegenwart &#8211; und gerade nicht als eine zuk\u00fcnftige Ausnahmesituation &#8211; beschreibt, musste er auch Konsequenzen f\u00fcr den Revolutions-Begriff ziehen. Die sei bekanntlich nicht mehr die Lokomotive der Weltgeschichte, sondern der Griff zur Notbremse. Angesichts des Klimawandels kann dieser Gedanke \u00f6kologisch gef\u00fcllt werden. Und mit dem Benjaminschen permanenten Katastrophenbegriff k\u00f6nnte derselbe doch den Willen zur radikalen Ver\u00e4nderung wecken.<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/993593.im-angesicht-der-katastrophe.html?sstr=speckmann\">neues deutschland<\/a>, 5.12.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Aussichten, den Klimawandel einzud\u00e4mmen, sind d\u00fcster. Doch was folgt daraus? Ansporn oder Resignation Es ist eine bittere Ironie: W\u00e4hrend in Paris 10 000 Delegierte um ein neues Klimaabkommen ringen, wird in 2100 chinesischen Fabriken vor\u00fcbergehend die Produktion eingestellt. 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