{"id":993,"date":"2015-12-13T14:51:51","date_gmt":"2015-12-13T13:51:51","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=993"},"modified":"2015-12-15T14:54:31","modified_gmt":"2015-12-15T13:54:31","slug":"auf-der-suche-nach-zukunft-und-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=993","title":{"rendered":"Auf der Suche nach Zukunft und Sinn"},"content":{"rendered":"<h2>Er sorgte f\u00fcr den Hype des Literaturjahres. Doch ist der Erfolg von Karl Ove Knausg\u00e5rd Ausdruck einer neuen Spie\u00dfigkeit?<\/h2>\n<p>Man kann alles erz\u00e4hlen, nur nicht sein wirkliches Leben\u00ab, schrieb Max Frisch. Karl Ove Knausg\u00e5rd kann nichts erz\u00e4hlen, nur sein wirkliches Leben &#8211; k\u00f6nnte man meinen. Der norwegischer Erfolgsautor &#8211; \u00dcbersetzungen in 30 Sprachen, hervorragende Verkaufszahlen &#8211; hat aus seiner Unf\u00e4higkeit, ein richtiger Schriftsteller zu werden, eine Tugend gemacht. <!--more-->Er beschreibt in seinem sechsb\u00e4ndigen Gro\u00dfprojekt \u00bbMin Kamp\u00ab (ja, zu deutsch Mein Kampf!) mit exhibitionistischem Eifer nichts anderes als &#8211; sein Leben. Seine B\u00fccher \u00bbSterben\u00ab, \u00bbLieben\u00ab, \u00bbSpielen\u00ab \u00bbLeben\u00ab und \u00bbTr\u00e4umen\u00ab behandeln einzelne Lebensabschnitte des 47-J\u00e4hrigen. In \u00bbSterben\u00ab etwa geht es um den Tod des fr\u00fch an Alkoholismus verstorbenen autorit\u00e4ren Vaters. In \u00bbLieben\u00ab um das Familienleben mit seiner zweiten Frau, einer manisch-depressiven Schriftstellerin, und den Konflikt zwischen Vaterrolle und literarischen Ambitionen.<\/p>\n<div class=\"Content-Ad\">Der zuletzt erschienene Roman \u00bbTr\u00e4umen\u00ab, der auch Deutschland zum Knausg\u00e5rd-Hype-Land machte, hat seine Zeit an der Akademie f\u00fcr Schreibkunst sowie als Literaturwissenschafts- und Kunstgeschichtsstudent an der Hochschule in Bergen zum Gegenstand. Eine so f\u00fcrchterliche Zeit waren diese 14 Jahre, schreibt er zu Beginn r\u00fcckblickend: \u00bbIch wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dorthin ging!\u00ab<\/div>\n<p>Damit ist die Essenz des Romans auf den Punkt gebracht: Der 19-J\u00e4hrige Protagonist Knausg\u00e5rd kommt von der Provinz in die Stadt, hat keine Freundin, kaum Freunde: Immerhin wurde er an der Akademie angenommen, doch er scheitert dort. Er zeigt Symptome einer sozialen Phobie, hat Panikattacken, wenn er daran denkt, mit Studenten in einem Raum sitzen zu m\u00fcssen. An Gespr\u00e4chen in den Studentenkneipen kann er sich im n\u00fcchternen Zustand nicht beteiligen. Und er kann nicht lachen. So muss er trinken, exzessiv trinken. Die N\u00e4chte l\u00f6sen sich in Dunkelheit auf, mal wacht er mit einer blutbefleckten Jacke auf, mal in einer Ausn\u00fcchterungszelle. Er betr\u00fcgt im Suff Freundin und erste Ehefrau. Gr\u00e4mt sich nach diesen Ausschweifungen tagelang, im Fall des Ehebruchs \u00fcber ein Jahr lang. Er entdeckt das Onanieren mit einem Fotoband, spielt Schlagzeug in einer Band mit seinem Bruder. Es geht auch viel um Popmusik, aber vor allem um Literatur. Der Wunsch, Schriftsteller zu werden &#8211; trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge h\u00e4lt der junge Knausg\u00e5rd an ihm fest. Bald hat er 500 Seiten unver\u00f6ffentlichte Romananf\u00e4nge in der Schublade liegen. Er verlegt sich darauf, Literaturkritiken zu schreiben &#8211; und schaut damit nur seiner eigenen Niederlage ins Gesicht. Dann doch noch die Erl\u00f6sung: Sein erster Roman wird ein Erfolg.<\/p>\n<p>Der radikale, zur Selbstentbl\u00f6\u00dfung neigende Charakter seiner B\u00fccher entsteht durch Knausg\u00e5rds ausf\u00fchrlicher Thematisierung seiner sexuellen (er kommt zu fr\u00fch) und seelischen N\u00f6te: Seine Liebe wirft sich seinem Bruder an den Hals, er hadert mit Minderwertigkeitskomplexen, er hat unkontrollierbare Ausbr\u00fcche, wirft seinem Bruder ein Glas ins Gesicht und zerschneidet sein eigenes.<\/p>\n<p>Was in dieser Verdichtung durchaus nach einem ungew\u00f6hnlichen Leben klingt, ist es auf der Strecke von knapp 800 Seiten nicht. Es werden unz\u00e4hlige Tassen Tee getrunken, Zigaretten geraucht, mit Mutter telefoniert und weitere banale Alltagshandlungen beschrieben. In \u00bbLieben\u00ab sagt ein Schriftstellerfreund zu Knausg\u00e5rd: \u00bbDu kannst auf zwanzig Seiten einen Toilettenbesuch so gestalten, dass die Leser leuchtende Augen bekommen.\u00ab<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Erfolg von Knausg\u00e5rd besch\u00e4ftigt die deutschsprachigen Feuilletons. Das \u00fcberschw\u00e4ngliche Lob \u00fcberwiegt. Vereinzelt indes gab es auch Kritik. Andreas Breitenstein stellt in der \u00bbNeuen Z\u00fcrcher Zeitung\u00ab die entscheidende Frage: \u00bbWas eigentlich ist Literatur?\u00ab Knausg\u00e5rd mit seiner \u00bb\u00c4sthetik des Infantilismus\u00ab scheint ihm nicht unter diesen Begriff zu fallen. Denn in seinen B\u00fcchern gebe es keine Form von Transzendenz, keine Verwandlung von Menschen und Dingen, keine Entwicklung eines Eigenlebens. F\u00fcr Breitenstein das entscheidende Kriterium f\u00fcr Literatur. Bei Knausg\u00e5rd hingegen finde sich nur schriftstellerische Authentizit\u00e4t, damit verbleibe er im Vorhof der Literatur. Breitenstein geht noch einen Schritt weiter und kritisiert die Literaturkritiker, die die \u00bbD\u00fcrftigkeit des Gebotenen\u00ab auch noch goutieren. Er sieht in Knausg\u00e5rds \u00bbk\u00fchner \u00c4sthetik der Mutlosigkeit\u00ab m\u00f6glicherweise sogar die Misere unserer biedermeierlichen Epoche widergespiegelt.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sieht es Daniela Janser in der \u00bbWOZ\u00ab. Knausg\u00e5rd w\u00fcrde als einer der Lieblingsautoren des angebrochenen 21. Jahrhunderts die kleinb\u00fcrgerliche, spie\u00dfige Selbstvergewisserung der realistischen b\u00fcrgerlichen Literatur des 18. und 19 Jahrhunderts fortschreiben. \u00bbEr sitzt auf der Insel seiner wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen, mittelst\u00e4ndischen Selbstbezogenheit und schreibt \u00fcber seinen Alltag, in dem sich die LeserInnen dann wiedererkennen. Was bei dieser manischen Selbstbeichte ausbleiben muss, ist die Absolution, da es kein Au\u00dferhalb mehr gibt.\u00ab Deswegen m\u00fcsse auch immer weitergeschrieben werden, frei nach dem existenziellen Motto \u00bbIch portr\u00e4tiere mich, also bin ich.\u00ab Nicht zuletzt darin erinnere diese freiwillige literarische Selbstvermarktung an die vielen Ich-Texte und Selfie-Exzesse auf Onlineplattformen.<\/p>\n<p>Dagegen spricht allerdings, dass Knausg\u00e5rds permanente Beschreibung seiner Unzul\u00e4nglichkeiten und Schw\u00e4chen das Gegenteil des Selbstoptimierungszwangs ist. Davon abgesehen, hat Knausg\u00e5rd sich von der Autobiografie l\u00e4ngst abgewandt und schreibt inzwischen \u00fcber Alltagsgegenst\u00e4nde wie Zahnb\u00fcrsten (!). Sein gegen das Diktat vom \u00bbtolleren Ich\u00ab zu interpretierendes Werk mag neben dem identifikatorischen Angebot seiner Alltagsbeschreibungen ein wesentlicher Grund f\u00fcr seinen Erfolg und das oft beschriebene Ph\u00e4nomen der soghaften Lekt\u00fcre sein.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt steht und f\u00e4llt das Urteil mit der Frage, ob Knausg\u00e5rds Prosa tats\u00e4chlich keine Transzendenz, keine Verwandlung beinhaltet und folglich keine Literatur sei. Oder ob dieses Literaturverst\u00e4ndnis ohnehin zu weit, zu eng oder v\u00f6llig falsch ist. In \u00bbTr\u00e4umen\u00ab zumindest gibt es Verwandlung und Entwicklung, ja sogar eine unter die Haut gehende Katharsis: die Schilderung der Scham nach dem One-Night-Stand, die Furcht vor dem Auffliegen der Aff\u00e4re &#8211; und schlie\u00dflich das Scheitern seiner ersten Ehe. Knausg\u00e5rd selbst bevorzugt den Begriff \u00bbautobiografisches Erz\u00e4hlen\u00ab. Doch auch dieses ist arrangiert und stilisiert. Nur beschreiben, wie das Leben war &#8211; das kann es nicht geben. Somit kann Knausg\u00e5rd sehr viel erz\u00e4hlen. Ob es sein wirkliches Leben ist oder nicht, ist dabei egal. Literatur, und zwar gute, ist es allemal.<\/p>\n<p><em>Karl Ove Knausg\u00e5rd: Tr\u00e4umen. Luchterhand. M\u00fcnchen 2015, 794 S., 24,99 \u20ac.<\/em><\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/994490.auf-der-suche-nach-zukunft-und-sinn.html?sstr=Speckmann\">neues deutschland<\/a>, 12.12.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er sorgte f\u00fcr den Hype des Literaturjahres. Doch ist der Erfolg von Karl Ove Knausg\u00e5rd Ausdruck einer neuen Spie\u00dfigkeit? Man kann alles erz\u00e4hlen, nur nicht sein wirkliches Leben\u00ab, schrieb Max Frisch. 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