{"id":995,"date":"2015-12-16T08:54:50","date_gmt":"2015-12-16T07:54:50","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=995"},"modified":"2015-12-15T14:57:17","modified_gmt":"2015-12-15T13:57:17","slug":"wir-haben-nicht-vor-etwas-konstruktives-zu-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=995","title":{"rendered":"Wir haben nicht vor, etwas Konstruktives zu tun"},"content":{"rendered":"<h2>Deutsches Theater Berlin: \u00bbV\u00e4ter und S\u00f6hne\u00ab von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew<\/h2>\n<p>Der russisch-britische Philosoph Isaiah Berlin schrieb \u00fcber den 1861 erschienenen Roman \u00bbV\u00e4ter und S\u00f6hne\u00ab von Iwan Turgenjew: Das Buch sei ein entscheidendes Dokument f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der russischen Vergangenheit und unserer Gegenwart. Um 1861 wurde in Russland die Leibeigenschaft aufgehoben und wurden Reformen angesto\u00dfen. <!--more-->Parallel dazu entstand eine antiautorit\u00e4re Bewegung. Turgenjews Buch sollte dieser ihren Namen geben: Nihilismus. Denn die zwei Hauptfiguren des Romans, die Studenten Jewgenij Bazarow und Arkadij Kirsanow, sind leidenschaftliche Anh\u00e4nger dieser Str\u00f6mung.<\/p>\n<p>Doch Turgenjews Stoff ist nicht nur Geschichtsquelle, die auf die Entstehung der sozialrevolution\u00e4ren Narodniki und mit der Figur des kompromisslosen Bazarow bereits auf den Bolschewismus verweist. Das Sujet erz\u00e4hlt auch vom \u00bbewigen Konflikt zwischen Jung und Alt, von Ver\u00e4ndern und Bewahren\u00ab, so zumindest die Ank\u00fcndigung des Deutschen Theaters zu seiner Inszenierung von \u00bbV\u00e4ter und S\u00f6hne\u00ab. Regisseurin Daniela L\u00f6ffner st\u00fctzt sich dabei auf die Dramatisierung des Anfang Oktober verstorbenen irischen Dramatikers Brian Friel. St\u00e4rker betont wird in der &#8211; \u00fcberaus gelungenen &#8211; Inszenierung die Verbindung von Nihilismus und politischem Anarchismus. Marcel Kohler als Arkadij Kirsanow und Alexander Khuon als Jewgenij Bazarow symbolisieren diese schon durch ihre schwarze Kleidung, die existenzialistisch-anarchistisch anmutet, tats\u00e4chlich aber auch bevorzugte Kleidung der russischen Nihilisten in den 1850\/60er Jahren war. Arkadij, mit Bazarow auf das Gut seines liberalen slawophilen Vaters Nikolaj zur\u00fcckgekehrt, schleudert diesem und seinem Onkel Pawel kurz nach der Ankunft entgegen: \u00bbWir wissen, dass es Arm und Reich gibt, wir wissen, dass sich die Politik nur um Geld dreht, wir wissen, dass sich die Politiker bestechen lassen und dass die Justiz nicht unabh\u00e4ngig ist. Wir haben es satt, noch l\u00e4nger auf die sogenannten Liberalen und die vermeintlichen Linken zu h\u00f6ren.\u00ab Ein Nihilist sei einer, der sich zu allem kritisch verh\u00e4lt. Die Welt m\u00fcsse neu geschaffen werden, wenn etwas n\u00fctzlich ist, kann es bleiben, wenn nicht, dann weg damit &#8211; so lauten die Losungen der Nihilisten. Und Bazarow erg\u00e4nzt, wir haben nicht vor, etwas Konstruktives zu tun.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Nikolaj, der soeben sein Land den Bauern \u00fcberlassen hat und sich fragt, ob sie dieses \u00fcberhaupt bewirtschaften k\u00f6nnen, skeptisch und ausweichend reagiert, h\u00e4lt sein dandyhafter Bruder Pawel dagegen: Das sei uralter, abgestandener Bl\u00f6dsinn, Bazarow ein Dummschw\u00e4tzer mit Goldmedaille &#8211; eine Anspielung auf dessen Auszeichnung im Rhetorikwettbewerb. Zwischen Pawel und Bazarow wird es sp\u00e4ter im Streit um Fenitschka, Nikolajs Geliebte, zum Streit und zum Duell kommen &#8211; mit komisch-glimpflichem Ausgang. Es ist der eine H\u00f6hepunkt des St\u00fcckes. Der andere ist die Liebesbeziehung, die sich zwischen dem schroff-unnahbaren Bazarow und der reichen Witwe und Gutsbesitzerin Anna Odinzowa (Franziska Machens) entwickelt. F\u00fcr den Sohn eines nichtadeligen Arztes ist die Liebe nur ein eingebildetes Gef\u00fchl, eine romantische Krankheit. Umso ersch\u00fctterter muss er feststellen, dass sie von ihm Besitz ergreift &#8211; und damit sein Weltbild ins Schwanken bringt. Die auf ihre Unabh\u00e4ngigkeit bedachte Odinzowa weist ihn zur\u00fcck. Bazarow stirbt schlie\u00dflich an Typhus. Sein Kompagnon Arkadij schw\u00f6rt, das revolution\u00e4re Erbe seines Freundes fortzusetzen &#8211; und k\u00fcndigt seine Heirat mit Katia, der Schwester der Odinzowa an. Das Ende bei Turgenjew sorgte seinerzeit f\u00fcr heftige Kontroversen. Die Nihilisten sahen sich zu schlecht dargestellt, Liberale monierten die vermeintliche Idealisierung Bazarows.<\/p>\n<p>Die ohne Schnickschnack auskommende Inszenierung dauert rund 240 Minuten, zehn w\u00e4ren vielleicht entbehrlich gewesen. Schwierig, die Leistung eines Schauspielers oder einer Schauspielerin hervorzuheben, das ganze Ensemble ist hervorragend. Bleibt nur die Frage: Gibt es den Konflikt zwischen V\u00e4tern und S\u00f6hnen auch heute noch? Sind nicht die V\u00e4ter und M\u00fctter heute progressiver und radikaler als ihre Kinder?<\/p>\n<p>aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/994786.wir-haben-nicht-vor-etwas-konstruktives-zu-tun.html?sstr=Speckmann\">n<\/a><a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/994786.wir-haben-nicht-vor-etwas-konstruktives-zu-tun.html?sstr=Speckmann\">eues deutschland<\/a>, 15.12.2015<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsches Theater Berlin: \u00bbV\u00e4ter und S\u00f6hne\u00ab von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew Der russisch-britische Philosoph Isaiah Berlin schrieb \u00fcber den 1861 erschienenen Roman \u00bbV\u00e4ter und S\u00f6hne\u00ab von Iwan Turgenjew: Das Buch sei ein entscheidendes Dokument f\u00fcr das &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=995\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Deutsches Theater Berlin: \u00bbV\u00e4ter und S\u00f6hne\u00ab von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew","footnotes":""},"categories":[116,143],"tags":[],"class_list":["post-995","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","category-theaterkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/995","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=995"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/995\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":996,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/995\/revisions\/996"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=995"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=995"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=995"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}