»Das BIP war ein Instrument des Krieges«

Der Ökonom Philipp Lepenies kritisiert, dass der Glaube an das Bruttoinlandsprodukt Verteilungsfragen verdrängt. Ein Interview.

Herr Lepenies, am Donnerstag wurde das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2016 bekannt gegeben. Waren Sie gespannt?
Gespannt ist übertrieben. Als Ökonom interessiert mich die Zahl natürlich. Aber nicht so, dass ich ihr entgegenfiebern würde. Wichtig ist das BIP sicherlich. Zusammen mit seiner Veränderungsrate, dem Wachstum, ist es die einzige Kennziffer, die es neben der Zahl der Arbeitslosen überhaupt schafft, regelmäßig große Aufmerksamkeit in den Medien und der Politik zu bekommen. Und das trifft fast für jedes Land der Welt zu. Das muss eine Statistik erst mal schaffen.

Das überrascht. Wenn man Ihr Buch »Die Macht der einen Zahl« liest, kommt man zu dem Schluss, dass das BIP kein taugliches Instrument zur Wohlstandsmessung ist.
Das Besondere ist ja, dass das BIP als ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft gesehen wird, obwohl es das ja eigentlich nicht misst. Das BIP erfasst nur den Wert der Produktion eines Jahres. Mehr nicht. Aber steigt das BIP, haben wir also Wachstum, wird alles gut. Das wird uns von Politik und Medien vermittelt. Ein hohes Wachstum bedeutet steigenden Wohlstand, hoffentlich mehr Arbeitsplätze und nicht zu vergessen: geopolitische Macht. Länder wie China und Indien legitimieren ganz offen ihre gewachsene weltpolitische Stellung durch Wachstum.

Der britische Ökonom Arthur Cecil Pigou schrieb: »Wenn ein Mann seine Haushaltshilfe heiratet oder seine Köchin, verringert sich das Volkseinkommen.« Was sind die Schwächen des BIP?
Die Stärke ist seine Einfachheit. Aber das ist auch seine Schwäche. Das BIP erfasst nur das, was am Markt gehandelt wird. Bügelt eine bezahlte Haushaltshilfe Hemden, zählt das zum BIP. Wenn sie kündigt und der Mann die Hemden selber bügeln muss, zählt dies als unbezahlte Hausarbeit nicht mehr. Gleiche Tätigkeit, aber ungleiche Erfassung. Total unlogisch. Für manche Länder, in denen Hausarbeit eine viel größere Rolle spielt, weil beispielsweise keine funktionierenden Sozialsysteme existieren, ergibt das BIP ein verzerrtes Bild der wirtschaftlichen Aktivität. Schlimmer ist es natürlich mit der Umweltverschmutzung. Für die gibt es keinen Marktpreis, also wird Umweltzerstörung nicht eingerechnet. Dass wir uns mit den Folgen des Klimawandels rumschlagen müssen, ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Politik die Folgen der industriellen Expansion einfach nicht »bepreist« hat und durch das BIP abgelenkt wurde.

Auch Simon Smith Kuznets, einer der »Erfinder« des BIP, war sich der Nachteile seines Konzeptes bewusst. Was kritisierte er?
Für Kuznets, übrigens ein berühmter Ungleichheitsforscher, war es wichtig, darauf zu achten, wie der geschaffene Wert der Produktion auf die unterschiedlichen Einkommen verteilt wurde. Darauf sollten seiner Meinung nach die Politiker besonders schauen, weniger darauf, ob mehr produziert wird. Lange hat er in den 1940er Jahren, als das BIP, damals hieß es noch Bruttosozialprodukt, seinen Siegeszug in den USA antrat, dafür geworben, dass die Verteilung bei der Fokussierung auf das Wachstum nicht außer Acht gelassen werden darf. Leider ohne Erfolg.

Wieso konnte die »eine Zahl« so eine große Wirkung entfalten?
Das Bruttosozialprodukt war ein In-strument des Krieges. Es sollte der US-amerikanischen Regierung nach dem Kriegseintritt der USA anzeigen, dass die Umstellung einer Friedens- auf eine Kriegsökonomie gelang. Ein höheres BIP bedeutete die Produktion von mehr Waffen und Rüstungsgütern. Während des Krieges schauten die amerikanischen Politiker nicht nur gebannt auf die Kriegsschauplätze in Europa und Asien, sondern auch auf das Bruttosozialprodukt.

Der Krieg war 1945 vorbei. Wieso war das BIP auch in der Nachkriegszeit so wichtig?
Das Entscheidende war, dass man mit der Ausweitung der Produktion auch alle Probleme der Nachkriegszeit glaubte, lösen zu können: die Inte-gration der heimkehrenden Soldaten in den Erwerbsprozess, den Wiederaufbau des westlichen Europas, die Entwicklung der unterentwickelten ehemaligen Kolonien und vor allem den Systemwettlauf mit der Sowjetunion.

Ein stetig steigendes Sozialprodukt war somit die Voraussetzung für den »Wohlstand für alle«, den Ludwig Erhard versprach?
Für die unmittelbare Nachkriegszeit stimmte das. Durch das damalige Wachstum bekamen die Menschen Arbeit, verdienten mehr, konnten sich Wohnungen, Autos und Urlaub leisten. Problematisch ist, dass man zur Zeit des deutschen Wirtschaftswunders glaubte, stetiges Wachstum wäre möglich und deswegen müsse man nicht länger auf die Verteilung des Wohlstands achten. Der Glaube war, durch Wachstum profitieren alle. Aber das stimmt nur für die frühen 1950er Jahre. Das ist, wenn man so will, die Tragik an der Wachstumsausrichtung. Man ist immer noch der Ansicht, dass Wachstum dieselben Effekte hervorbringen kann, wie in der westlichen Welt vor fast 70 Jahren.

Auch John Maynard Keynes hatte seinen Anteil an der Durchsetzung des BIP. Was war seine Rolle?
Es ist vor allem der keynesianische Blick auf die Wirtschaft, der sich in der Systematik der BIP-Berechnung wiederfindet. Beispielsweise die Aktivität des Staates. Staatsausgaben werden als Produktion eingerechnet. Wenn der Staat eine Brücke bauen lässt, ist das genauso, als wenn ein Privatmann ein Haus baut. Aber das ist eine Konvention. Es gibt und gab Argumente, die lauten: Der Staat ist kein Akteur der Wirtschaft, sondern derjenige, der die Voraussetzungen dafür schaffen muss, dass wirtschaftliche Aktivitäten der Bürger stattfinden können. Der Staat bringt damit so etwas wie eine Vorleistung, die man vom BIP abziehen müsste. Aber diese Meinung hat sich nicht durchgesetzt.

Die Kritik am Sozialprodukt legt nahe, dass es keine Rolle mehr spielen sollte.
Die Kritik am BIP ist so alt wie das BIP. Und Vorschläge, was man anders machen könnte, gibt es genauso lange. Aber durchgesetzt hat sich bislang keiner. Das BIP sitzt fest im Sattel, weil das Festhalten am Wachstum die politische Illusion erzeugt, sich nicht mit Verteilungsfragen beschäftigen zu müssen. Plötzlich bestimmt aber dieses Thema wieder die Debatten. Der Mahner Kuznets ist somit aktueller denn je.

Gibt es Chancen, dass sich bessere Verfahren zur Wohlstandsmessung durchsetzen?
Ich glaube nicht, dass das BIP durch eine Alternative abgelöst wird oder dass wir uns zu Postwachstumsgesellschaften entwickeln. Beide Vorstellungen sind absurd und naiv. Aber schwindende soziale Kohäsion bei uns und fast auf der ganzen Welt wird Politiker zwingen dazu, sich mit dem Thema Ungleichheit stärker zu befassen, das sie in ihrer Wachstumseuphorie verdrängt haben.

aus: neues deutschland, 13.01.2017

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