Wieder Strümpfe stopfen?

Der Technikhistoriker Wolfgang König macht sich Gedanken, wie man die Wegwerfgesellschaft überwinden kann

»Ich will nicht, dass du in diesem Haus Strümpfe flickst! Wirf sie weg!« Mit diesen Worten herrscht Willy Loman, Hauptfigur in Arthur Millers Roman »Tod eines Handlungsreisenden«, seine Frau an. Die Aufforderung, Alltagsgegenstände nicht zu flicken, sondern neu zu kaufen, wurde in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in den industrialisierten Staaten zu einem Kennzeichen der Mittelschicht. Der Imperativ zum Wegwerfen hat freilich die Folge, dass immer mehr Müll entsteht.

Die Herausbildung und Geschichte dieser »Wegwerfgesellschaft« skizziert Wolfgang König in seinem neuen Buch. Der Technikhistoriker definiert diese als »extreme Erscheinung und Auswüchse der Konsumgesellschaft«. Sein knappes Buch konzentriert sich auf Deutschland, gelegentlich wird der Blick auf die USA geworfen – dem Ursprungsland vieler Wegwerfprodukte.

Ein Blick auf die Müllmengen in Deutschland zeigt, dass diese im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders explosionsartig angestiegen sind. Ab den 1980er Jahren flachte die Zunahme etwas ab, was mit erhöhten Recyclingbemühungen zusammenhängt. Nichtsdestotrotz: Deutschland hat im europäischen Vergleich mit das höchste Abfallaufkommen pro Kopf. Das steht in Widerspruch zum relativ hohen Umweltbewusstsein. Zu erklären ist dies damit, dass die BRD eines der höchsten Produktions- und Konsumniveaus hat. Wo viel hergestellt und verbraucht wird, wird eben auch viel weggeworfen. Das ist die im Untertitel des Buches angesprochene Kehrseite des Konsums.

Der Fokus auf diesen könnte bedeuten, dass die Schuld an den Müllbergen beim Konsumenten gesehen wird. Ganz so einfach macht es sich König jedoch nicht. »Die Produzenten und Konsumenten wirkten bei der Entwicklung der Wegwerfgesellschaft einträchtig zusammen«, schreibt er. Für die Unternehmen bedeutet schnelleres Wegwerfen mehr Umsatz und folglich mehr Profite. Für die Konsumenten bedeutet es Komfort und Bequemlichkeit. Strümpfe müssen eben nicht mehr mühselig gestopft werden, sondern werden neu gekauft – heute per Smartphone vom Sofa aus.

Königs Buch lebt von den vielen Beispielen. So wurde das Bestreben von Firmen, einen länger haltbaren Nylonstrumpf zu entwickeln, von den Käuferinnen nicht geschätzt. Die erhöhte Festigkeit ging auf Kosten des Tragekomforts und der Eleganz; die Frauen verschmähten ihn. König schreibt in seinem Kapitel über Mode, die Frau als »Konsumkäuferin« habe sich zu einem »dynamisierenden Wirtschaftselement« entwickelt. Nicht nur hier wird dann doch bei der Schuldfrage der Fokus auf die Verbraucher gelegt. Das steht im Widerspruch zur Aussage, wonach Produzenten und Konsumenten bei der Entwicklung zusammenwirkten und zu den in Königs Buch aufgeführten Zahlen zu den verschiedenen Müllsorten: Siedlungsabfälle, wozu auch der Hausmüll der Konsumenten gehört, machen lediglich 14 Prozent der Gesamtmenge aus. Der Rest sind Industrieabfälle, vor allem Bauschutt. Über diese spricht König wenig – zugegeben, das ist auch nicht seine Absicht. Dennoch entsteht so ein einseitiger Fokus. Königs Buch weicht hier nicht vom vorherrschenden Konsens ab, der die Ökologiefrage individualisiert von der Konsumentenseite her betrachtet.

Gibt es Auswege aus der Wegwerfgesellschaft? Bei dieser Frage räumt König auf mit der Hoffnung, dass es irgendwann einmal eine vollkommene Kreislaufwirtschaft geben kann, in der alles recycelt wird. Diese sei schlicht nicht möglich, schreibt er. Das hätte man sich etwas ausführlicher gewünscht angesichts der hohen Erwartungen, die Politik, Wissenschaft und Publizistik in die Kreislaufwirtschaft setzen. Ebenso relativiert er die Hoffnung, technischer Fortschritt könne durch Effizienzsteigerungen Auswege aus der Wegwerfgesellschaft weisen. Problem hierbei: Effizienzsteigerungen seien nur bei neuen Technologien möglich, bei ausgereiften falle es schwer. Unsere Gesellschaft benutze aber eine riesige Menge alter Technologien.

Auswege aus der Wegwerfgesellschaft sieht König dennoch. Die Handlungsanweisungen lauten: »weniger produzieren, konsumieren und wegwerfen sowie Produkte länger nutzen«. Also doch wieder Strümpfe stopfen und Stofftaschentücher nutzen? Die Einbuße an Komfort lässt das nicht gerade realistisch erscheinen. Aber sind das nicht auch wieder die falschen Beispiele? Weniger zu produzieren – wäre das aber nicht nur dann denkbar, wenn es gesetzliche Vorgaben für die Produzenten gäbe?

Wolfgang König: Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019, 168 S., 21,90 Euro.

aus: neues deutschland, 22.01.2020

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