Fanal für das Ende eines Zeitalters

Die Ölkrise warf die bis heute ungelöste Frage auf: Wie lässt sich die Abhängigkeit von Öl und Kohle verringern?
Seit dem Lieferstopp der OPEC vor 40 Jahren wird versucht, noch aus dem letzten Loch Öl, Kohle oder Gas zu »kratzen« – mit katastrophalen ökologischen Folgen.

Auch die Uhrzeitumstellung vom Wochenende, mit der der Leser womöglich noch zu kämpfen hat, ist eine Folge jener Ereignisse, die sich gerade zum 40. Mal jähren. Das Tageslicht sollte besser ausgenutzt, der Stromverbrauch damit gesenkt werden. Verglichen damit sind die anderen Konsequenzen der ersten Ölkrise vom Herbst 1973 weitaus gravierender. Die bedeutsamste: Zum ersten Mal in der Geschichte des Industriekapitalismus dämmerte es den Bewohnern des globalen Nordens, dass das Leben im Überfluss nicht stetig so weitergehen wird, dass die Ressourcen in einer endlichen Welt nicht unerschöpflich sind. Die Frage des Förderhöhepunktes von Öl und anderen Ressourcen ist seitdem ein Dauerbrenner gesellschaftspolitischer Debatten.

Infolge des Ölpreisschocks wurde von den führenden Industriestaaten zunächst die Suche nach alternativen Energieträgern intensiviert, um sich aus der Abhängigkeit der arabischen Staaten zu befreien. Großbritannien etwa konnte sich glücklich schätzen, weil sich nun plötzlich die Exploration des Erdöls in der Nordsee rentierte, von dem man schon seit 1950 wusste. Die Förderung begann ab 1975 im großen Umfang. Norwegen begann mit der Förderung von Nordseeöl der Marke »Brent«. Netter Nebeneffekt aus Sicht der Eisernen Lady Margaret Thatcher war, dass den streikenden britischen Bergarbeitern durch das Nordseeöl das Druckmittel – Stopp der Kohleförderung – genommen war. Thatcher schlug die Streiks nieder, der Neoliberalismus errang in Verbindung mit einem neuen fossilistischen Schub seinen ersten wichtigen Sieg.

Aber auch in weniger entwickelten, aufstrebenden Staaten setzte in den 1970er Jahren die Suche nach alternativen Energieträgern ein. In Brasilien begann die Produktion von Ethanol aus Zuckerrohr – ein Wirtschaftszweig, der stetig an Bedeutung gewann. Doch auch eine Energiegewinnungsart wurde in Reaktion auf die Ölkrise intensiviert, von der sich manche Staaten nach der Katastrophe von Fukushima 2011 partiell wieder verabschiedet haben: die Atomkraft.

Da sich zu dem ökonomischen Kalkül seit den 1970er Jahren ein ökologisches Bewusstsein über die verheerenden Folgen der Verbrennung von fossilen Brennstoffen für das Klima herausbildete, begann die intensivere Förderung von sauberen Energieträgern. Dazu gehören vor allem die Solarenergie und die Windkraft. Ihr Anteil wächst, bereits jetzt sind sie unverzichtbar. Doch erst im Jahr 2035 dürfte einer Prognose des World Energy Outlooks zufolge erneuerbare Energie der Kohle ihren Platz als wichtigste Stromerzeugungsquelle streitig machen. Dazu trägt ein derzeit intensiv diskutiertes Phänomen bei: die unkonventionelle Förderung von Gasen und Ölen durch das sogenannte Fracking. Schon ist in den USA von einer »Schiefergasrevolution« die Rede. Lag der Anteil an der gesamten US-Gasproduktion im Jahr 2000 bei fünf Prozent, waren es 2010 bereits 23 Prozent. Derzeit wird von einer Zunahme der Förderung um jährlich 20 Prozent ausgegangen. Nach einer Einschätzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) werden sich die USA bis 2020 vom Energieimporteur zum -exporteur entwickeln. Die IEA lag in der Vergangenheit mit ihren Prognosen auch schon mal daneben. Und in der Tat mehren sich die Stimmen, dass die Förderung von Schiefergasen nur ein kurzfristiger Boom ist. So gehe die Förderung in den USA bereits wieder zurück, erklärte jüngst Werner Zittel, Vizevorsitzender der Association for the Study of Peak Oil and Gas.

Die Freude mancher über den Schiefergasboom und die Dekonstruktion von »Peak Oil« ist aber aus mehreren Gründen verfehlt. Zum einen löst der Fracking-Boom Substitutionseffekte aus. Kohle in den USA wird billiger, in andere Länder exportiert, und insgesamt wird der schmutzigste aller Rohstoffe stärker verbraucht. Fast die Hälfte des Anstiegs der weltweiten Energienachfrage wurde in den letzten zehn Jahren durch Kohle gedeckt, heißt es im Bericht des World Energy Outlooks 2012. Der Anteil der Kohle wuchs damit sogar stärker als jener der erneuerbaren Energieträger. Diese nüchternen Befunde stehen in erstaunlichem Gegensatz zum allgegenwärtigen Gerede in Deutschland und Europa über den Ausbau regenerativer Energien. Derzeit nimmt der weltweite Kohleverbrauch zu – und damit der globale Ausstoß von CO2 (um fünf Prozent in 2010 und um drei Prozent in 2011).

Zum anderen sind die ökologischen Folgen des Frackings umstritten: Abgesehen von der Belastung des Trinkwassers ist die Klimabilanz der Schiefergasförderung zweifelhaft. Forscher sind der Meinung, dass sie sogar schlechter als bei der herkömmlichen Öl- oder Gasexploration ist, weil bei der Förderung das klimaschädliche Methan ausgestoßen wird.

Letztendlich ist die durch die Ölkrise von 1973 aufgeworfene Frage von »Peak Oil« aber nicht die vordringlichste. Zwar werden irgendwann Ressourcen wie Öl, Kohle oder Gas erschöpft oder so schwierig zu fördern sein, dass sich der finanzielle Aufwand nicht lohnt oder mehr Energie hineingesteckt werden muss, als dann gewonnen wird. Die Kohlevorräte zum Beispiel reichen aber bei aller Vorsicht, die man bei Prognosen dieser Art an den Tag legen muss, noch wenige hundert Jahre.

Das Ziel Energiesparen ist dennoch eine überaus wichtige Konsequenz aus dem Ölpreisschock. Bevor noch die fossilen Energieträger erschöpft sind, wird die Fähigkeit der Atmosphäre, Kohlenstoffe aufzunehmen, überstiegen sein. Forschungen über den »ökologischen Fußabdruck« oder den globalen Umweltraum zeigen, dass die biophysischen Grenzen von Deponieräumen bereits heute überschritten sind. Das gilt insbesondere für den Ausstoß von Klimagasen. Greenpeace zufolge wird sich allein aufgrund der 14 derzeit größten geplanten Kraftwerke die Emission von CO2 bis 2020 um 20 Prozent erhöhen. Die Welt befände sich auf dem Pfad zu einer Erderwärmung von fünf bis sechs Grad.

Darüber hinaus gibt es eine krasse globale Ungleichheit im Zugang zu Energien. Wie der Schweizer Marcel Hänggi in seinem Buch »Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance« ausführt, haben weltweit 1,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizität. In den USA und anderen hochindustrialisierten Ländern liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie um eine Vielfaches höher als in »unterentwickelten Staaten«. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Der globale Norden muss seinen ökologischen Fußabdruck, das heißt vor allem seinen hohen Verbrauch an fossilen Rohstoffen, reduzieren, damit den Menschen im globalen Süden ein Leben mit einem Minimum an Energie ermöglicht wird, das zur Befriedigung der Grundbedürfnisse notwendig ist.

Wie aber kann das geschehen? Angeführt wird von den Eliten der kapitalistischen Länder vor allem eines: die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Doch hierbei wird selten zwischen absoluter und relativer Entkopplung unterschieden. Eine relative Entkopplung bedeutet, dass zwar das Bruttoinlandsprodukt stärker steigt als etwa der Energieverbrauch. Doch heißt das nicht, dass der Energie- oder Ressourcenverbrauch insgesamt sinkt – und nur das wäre eine absolute Entkopplung.

Das Manko der vorherrschenden Bestrebungen ist, dass versucht wird, die durch den fossilistischen Kapitalismus entstandenen gesellschaftlichen Strukturen nicht anzutasten. Ohne diese und die individuellen Lebensweisen in Frage zu stellen, ist aber der Übergang in das solare Zeitalter nicht möglich.

(erschienen in: neues deutschland, 28.10.2013)

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