Nicht der Mensch an sich ist das Problem

Immer mehr ökologisch motivierten Studien liegt das Konzept des Anthropozäns zugrunde. Mehr Erklärungswert hat das Kapitalozän

Die ungebremste Expansion des Menschen auf der Erde habe zerstörerische Folgen für die anderen Bewohner des Planeten – das ist eine zentrale Botschaft des »Living Planet Reports 2016«. Formulierungen wie »Die Dimensionen menschlichen Handelns sprengen seit Mitte des 20. Jahrhunderts alle vorhergesehenen Grenzen« oder »Tatsächlich hat sich die Menschheit in bedrohlicher Weise über andere Lebewesen erhoben« veranschaulichen das. Die Folge: Immer mehr Tiere sterben aus, immer mehr Kohlenstoffe werden in die Luft geblasen und treiben den Klimawandel an. Meere übersäuern, Ökosysteme verschwinden. Kurz: Der Mensch drückt dem Planeten Erde seinen Stempel auf, und dieser steht im Zeichen eines ökologischen Untergangszenarios.

Daher sprechen Wissenschaftler immer häufiger vom sogenannten Anthropozän, altgriechisch für das vom Menschen geschaffene Neue. Der Begriff soll das geologische Zeitalter charakterisieren, in dem der Mensch zu einem der entscheidenden Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse für die Erde geworden ist.

Ausdrücklich nehmen auch die Autoren der Living-Planet-Studie auf das Anthropozän-Konzept Bezug, das von dem niederländischen Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen zu Beginn des neuen Jahrtausends bekannt gemacht wurde und inzwischen in immer mehr ökologischen Studien, auf den Wissenschaftsseiten von Zeitungen und selbst in Kunstausstellungen eine Rolle spielt.

Aber welchen Erklärungswert hat dieses Konzept? Ist es tatsächlich der Mensch, der die vielfach ökologisch verheerenden und unumkehrbaren Eingriffe vornimmt? Marxistische Wissenschaftler ziehen das zu Recht in Zweifel. Und tatsächlich ist das Gerede von dem Menschen in gewisser Weise ein philosophiegeschichtlicher Rückschritt. Denn schon Marx kritisierte, dass der Mensch kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen ist, sondern: »Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät« oder »das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«. Was Marx damals in Auseinandersetzung mit der Feuerbachschen Religionskritik schrieb, lässt sich für die Debatte um das sogenannte Antrhopozän fruchtbar machen. So kritisiert der marxistische Politikwissenschaftler Elmar Altvater am Antrhropozän-Begriff, der für die höchste Steigerungsform von Wachstum und Globalisierung steht, die mangelnde sozialwissenschaftliche Fundierung. Denn: Zwar würden die Menschen zweifelsohne Erdgeschichte schreiben. Aber sie schrieben diese nicht als Individuen und als Abstraktum Menschheit, sondern eingebunden in einer historischen Gesellschaftsformation. Und diese ist durch die kapitalistische Vergesellschaftung geprägt. Altvater schlägt daher mit dem Geografen Jason W. Moore einen Alternativ-Begriff vor: Kapitalozän. »Denn die erdsystemischen Veränderungen haben Menschen in kapitalistischer Vergesellschaftung insbesondere seit Beginn des Industriezeitalters in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dann in enormer Beschleunigung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht.«

Nun ist der Begriff Kapitalozän ohne Zweifel noch sperriger als Anthropozän, aber auf jeden Fall präziser – und vor allem für emanzipatorische Politik nutzbar zu machen. Bei die Menschen im Sinne des Anthropozäns klingt immer an, dass es zu viele von ihnen auf der Welt gibt. Da lauert die Falle des Malthusianismus. Das Kapitalozän indes wirft zumindest die Frage auf, ob eine andere historische Vergesellschaftung denkbar ist. Konkret, ob der Kapitalismus mit seinem immanenten Wachstumszwang durch eine andere mit den ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen kompatible Gesellschaftsform ersetzt werden könnte. Wohl wahr: Der Sozialismus hat es in seiner real existierenden Form bis dato zu keiner besseren Ökobilanz gebracht. Aber dieser war im Grunde nur eine nachholende Modernisierung – aufgezwungen durch die Systemkonkurrenz.

aus: neues deutschland, 28.10.2016

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