Die Kieshöllen in den Neubausiedlungen

Schottergärten sind so hässlich wie ökologisch schädlich. Ein Bildband nähert sich dem Phänomen satirisch

Der gemeine Hobbygärtner, der sich mit Gleichgesinnten in Facebook-Gruppen zusammenschliesst, versteht keinen Spass. Ernten dort Bilder von Gärten, die aus nichts anderem als Anhäufungen von Kieselsteinen bestehen, verdiente Häme, wird der Spötter kurzerhand aus der Gruppe ausgeschlossen. Das musste der in Berlin lebende Biologe Ulf Soltau erfahren. In diesem Fall war der Rausschmiss ein Glücksfall. Denn Soltau gründete daraufhin 2017 seine eigene Facebook-Seite, deren Name Programm ist: «Gärten des Grauens». Dort rief er dazu auf, ihm Fotos sogenannter Schotter- oder Kiesgärten zu schicken.

Er konnte sich vor Zusendungen – mitunter tausend pro Woche – kaum retten, veröffentlichte sie auf Facebook, kommentierte sie bitterböse und kürte gar monatlich den grässlichsten Garten mit einem «Terror-Gardening-Award». Denn eines stand für ihn fest: Diesem neuen Trend, der nicht nur eine Beleidigung des Geschmacks ist, sondern darüber hinaus ökologischer Unsinn, muss Einhalt geboten werden. Heute folgen Soltaus Seite knapp 75 000 Menschen, und sie brachte ihm einen Buchvertrag ein. Im gleichnamigen Buch sind über hundert Fotos von Schottergärten versammelt, sozusagen ein Best of the Worst des Schottergrauens in den Vorstädten.

So etwas gibt es?! Gärten, die aus Gesteinsaufschüttungen mit darunterliegendem Plastikvlies – im Extremfall sogar mit Betonschicht – bestehen, nachdem zuvor die Humusschicht abgetragen wurde? Aber ja doch! Man muss sich nur einmal in die Neubausiedlungen von deutschen Dörfern oder Städten begeben. Auch in der Schweiz breiten sie sich aus, vor allem in der Deutschschweiz. Das ist der Studie «Schottergärten und Landschaft» zu entnehmen, die 2017 an der Universität Bern entstand.

Warum nur tun Menschen so etwas?

Die Frage ist natürlich: Warum verunstalten Menschen ihre Grundstücke mit solch unansehnlichem und unökologischem Mist? Denn dass Kiesgärten eine Belastung für die Umwelt sind, liegt auf der Hand. Die Berner Studie listet die Nachteile auf: Die versiegelte Fläche führt zu mehr Abwasser, die Bodenfruchtbarkeit wird reduziert, Lebensräume für Tiere und Pflanzen werden eingeschränkt. Zudem wird zusätzliche Hitze generiert, weil sich Steine im Gegensatz zu Pflanzen aufheizen.

Warum also? Darauf gibt die Berner Studie diese Antwort: «Ein möglicher Grund für den Bau von Schottergärten ist der Wunsch nach einer sauberen, kostengünstigen und pflegeleichten Gartengestaltung. Auch der nachbarschaftliche Einfluss scheint eine wichtige Rolle zu spielen, sodass Schottergärten selten als Einzelfälle auftreten.»

Soltau sieht das ähnlich. Er macht als Motive Bequemlichkeit, Ordnungswahn sowie ein ökonomistisches Denken aus. Bequemlichkeit, weil ein Schottergarten den Werbeversprechen von Baumärkten und Gartencentern zufolge weniger Arbeit erfordert als andere – was allerdings höchstens für die ersten Jahre zutrifft. Ordnungswahn, weil der Vorgarten den Blicken von Nachbarn und Passantinnen ausgeliefert ist, und diesen will man doch einen schön getrimmten Garten präsentieren. Und ökonomistisches Denken, da ein Schottergarten vermeintlich günstiger ist als konventionelle Gärten. Nach drei bis zehn Jahren muss er erneuert werden, weil die Natur – o Schreck – in Gestalt von Wildkräutern selbst diese unwirtliche Fläche zurückerobert. Neuer Schotter muss her, die Entsorgung des alten ist teuer. Das Motto «Wo Steine sind, gibt es nichts zu jäten» – es stimmt nicht.

Was das Buch angesichts der in ihm versammelten Abscheulichkeiten dennoch zu einer äusserst unterhaltsamen Sache macht, sind die Kommentare, mit denen Soltau die einzelnen Fotos versieht. Mitunter erzählt er kurze – fiktive – Geschichten über die Haus- und Grundbesitzer, die etwas über die Motivation der Gartengestaltung verraten, oder er zeigt im kleinen Garten grosse politische und gesellschaftliche Trends auf. Und immer arbeitet er mit den Mitteln der Satire.

Panzersperren gegen Gutmenschen

Zwei Beispiele: Auf einem Bild sind unförmige Felsbrocken inmitten der Schotterwüste zu sehen. Soltau kommentiert: «‹Flüchtlingswellen›, ansteigende Meeresspiegel, linksversiffte Gutmenschen, klimaverrückte Schulschwänzer, Hundehalter und die verdammten Erstklässler mit ihren klebrigen Händen … Es gibt mehr als genug Gründe, sein Hab und Gut mit Panzersperren zu sichern. Der gesellschaftliche Kollaps steht kurz bevor!»

Ein Schottergarten mit kleiner Holzbrücke, die über einen mit bläulichen Steinen nachgebildeten Bach führt, lässt ihn an Schiller denken: «Die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen. Ein Sprung von dieser Brücke macht mich frei.»

Die Ästhetik übrigens spielt laut der Berner Studie nur eine untergeordnete Rolle. Das heisst, nicht alle SchottergärtengestalterInnen finden ihr Werk bezaubernd. Die Entscheidung für Hässlichkeit und Bodenversiegelung fällt also nicht aufgrund von ästhetischer Leidenschaft, sondern ist Ausdruck der in der Gesellschaft vorherrschenden Normen. Ein nur milder Trost.

aus: WOZ, Nr. 7/2020 vom 13.02.2020

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