Ach so achtsam in den Burn-out

Fall für die innere Kündigung: Clemens Bruno Gatzmagas Debüt »Jacob träumt nicht mehr« taucht tief ins moderne, neoliberale Agenturleben

Er verflucht die Banker, die Anzugträger, die Marketingmenschen – und vor allem sich selbst. Jacob, Ende 20, arbeitet in einer Agentur, die Unternehmen bei ihren Digitalstrategien unterstützt. Und das ziemlich erfolgreich. Ein paar Jahre noch und ihm ist eine Stelle im Management sicher. Doch dann läuft alles aus dem Ruder. Weiterlesen

Plädoyer für radikale Steuerung des Marktes

Der Ökonom Heiner Flassbeck kritisiert in seinem neuen Buch die herrschende Klimapolitik

Heiner Flassbeck ist ein streitbarer Ökonom. Voller Selbstvertrauen argumentierte und polemisierte der am Keynesianismus orientierte Ökonom in den letzten Jahren gegen die neoliberale, austeritätsversessene deutsche Wirtschaftspolitik. Obwohl er inhaltlich oft ins Schwarze trifft, kann Flassbecks mitunter oberlehrerhafter Ton etwas abschrecken. Dieser findet sich auch in seinem jüngsten Buch, das sich einem Thema widmet, das für den Autoren überraschend anmutet: der Ökologie. Schließlich ist der Außenhandelsexperte und frühere Chefvolkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung nicht als Umweltökonom bekannt. Weiterlesen

Das Epizentrum touristischer Dystopien

Lois Hechenblaikners Bildband über den Tiroler Party-Skiort Ischgl

Wer grenzenlose Enthemmung im Winterurlaub suchte, für den war Ischgl in Tirol eine der Top-Adressen. Und dann kam Corona … Eine wunderbare Alpenlandschaft, die besten Pisten und modernsten Skilifte – alles ganz nett und eine notwendige Voraussetzung, aber keineswegs ausreichend für hormonelle und alkoholbedingte Exzesse. Dazu braucht es das gewisse Etwas, sprich: Etablissements wie »Kuhstall«, »Kitzloch« oder »Schatzi Bar«, in denen der Alkohol in Strömen fließt. Weiterlesen

Sozialismus, aber grün

Nicht das Individuum hat Verantwortung für die ökologische Umgestaltung, sondern die Gemeinschaft, sagt der Politologe Raul Zelik

Vielleicht ist es alles viel einfacher als gedacht. Vielleicht besteht die linke Utopie in dem, was man bereits Kindergartenkindern beizubringen versucht: teilen, sich einfühlsam verhalten und zusammenarbeiten. Warum aber erscheinen dann neue Bücher, die den Versuch unternehmen, eine neue linke Erzählung zu präsentieren oder dem Begriff des Sozialismus neues Leben einzuhauchen? Weil die Sache wohl doch etwas komplexer ist. Ein Mindestmaß an dialektischer Intelligenz sei vonnöten, schreibt der Berliner Politikwissenschaftler und Schriftsteller Raul Zelik. Der Verfasser selbst wird diesem Anspruch in Wir Untoten des Kapitals über weite Strecken gerecht, nur manchmal schlägt die Dialektik in Ratlosigkeit um. Weiterlesen

Leute wie Heinz-Georg Bederitzky

Für seinen Roman „Arbeit“ hat Thorsten Nagelschmidt Dutzende von Interviews geführt. Ein tolles Buch!

Die tägliche Arbeit am Band von VW, die eines Programmierers in einem IT-Unternehmen oder der Alltag hinter der Theke einer Bäckerei – das können sich Schriftsteller offenkundig nur schwer als Romanstoff vorstellen. Dass sich aus der vermeintlich langweiligen Welt der Lohnarbeit durchaus – und zwar hervorragende – Werke stricken lassen, hat zuletzt der Niederländer J.J. Voskuil mit seinem siebenbändigen Werk Das Büro gezeigt, in dem er den Arbeitsalltag in einem Volkskunde-Institut schildert. Weiterlesen

Die Kieshöllen in den Neubausiedlungen

Schottergärten sind so hässlich wie ökologisch schädlich. Ein Bildband nähert sich dem Phänomen satirisch

Der gemeine Hobbygärtner, der sich mit Gleichgesinnten in Facebook-Gruppen zusammenschliesst, versteht keinen Spass. Ernten dort Bilder von Gärten, die aus nichts anderem als Anhäufungen von Kieselsteinen bestehen, verdiente Häme, wird der Spötter kurzerhand aus der Gruppe ausgeschlossen. Das musste der in Berlin lebende Biologe Ulf Soltau erfahren. In diesem Fall war der Rausschmiss ein Glücksfall. Denn Soltau gründete daraufhin 2017 seine eigene Facebook-Seite, deren Name Programm ist: «Gärten des Grauens». Dort rief er dazu auf, ihm Fotos sogenannter Schotter- oder Kiesgärten zu schicken. Weiterlesen

»Ich bin normal, normal, normal«

Herkunft, Künstlertum, Liebe, Elternschaft und Depression – der Debütroman von Marina Frenk

»Verloren gehen fühlt sich einsam an, aber auch interessant«, heißt es im Prolog von »ewig her und gar nicht wahr«, dem Debütroman der Berliner Schauspielerin und Musikerin Marina Frenk. Im Prolog lässt sie ihre Ich-Erzählerin sprechen, die Künstlerin Kira Liberman. Im Alter von fünf Jahren ist sie am Strand des Schwarzen Meeres für kurze Zeit verloren gegangen. Das Kind akzeptierte dies und fragte sich, ob dieser Zustand nun bis zum Tod anhalten wird. Weiterlesen

Sekt hat das Sagen

Jörg Fausers Kolumnen für das Berliner Stadtmagazin «Tip» sind politisch nicht leicht einzuordnen

War Jörg Fauser ein Rechter, ein Vordenker der AfD? Er gilt doch gemeinhin als Rebell des Literaturbetriebs, als Kneipenliterat mit sympathisierendem Blick auf die Underdogs oder als Vorläufer der Pop-Literatur. Aber nicht als Rechter.

Und doch wird genau diese Frage im Nachwort des Bandes «Caliban Berlin. Kolumnen 1980 – 84» aufgeworfen. Der Band ist Teil der Fauser-Werkausgabe, die der Diogenes-Verlag neu herausgibt. Er versammelt die Kolumnen, die Fauser unter dem Pseudonym «Caliban» für das Berliner Stadtmagazin «Tip» verfasste. Im Nachwort fragt der Fauser-Biograf Ambros Waibel: «Wäre Fauser heute vielleicht eine Art Matthias Matussek?» Weiterlesen

»Populismus ist eine Reaktion auf Verteilungskonflikte«

Der Politikwissenschaftler Philip Manow erklärt, warum sich Protestparteien in einigen Ländern rechts und in anderern links positionieren. Ein Interview.

Herr Manow, Sie kritisieren in Ihrem Buch, dass die Debatte über Populismus ein Defizit hat: Sie wird zwar mit viel Moral und Leidenschaft geführt, aber ohne über den Kapitalismus zu reden. Warum ist letzteres wichtig? Weiterlesen

Hollande und Macron töteten seinen Vater

Édouard Louis ruft in seinem neuen Buch die strukturelle Gewalt der Klassengesellschaft in Erinnerung

Es sind Sätze, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen: »Jacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt«, »Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das Rückgrat gebrochen« und »Hollande und El Khomri haben dir die Luft genommen«. Und selbstverständlich bekommt auch der aktuelle französische Präsident sein Fett weg: »Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.« Weiterlesen