Das Leben als Schulterzucken

Édouard Louis’ Buch über seine Mutter handelt von patriarchaler Zerstörung – und von Befreiung

Das Vorgängerbuch über den Vater war eine von Rachegefühlen getriebene Anklage. Es schlug förmlich mit Sätzen wie »Jacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt« oder »Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller« um sich. In Édouard Louis´ Pendant zur Mutter fehlt diese plakative Wut weitgehend, sie ist einem einfühlsamen, behutsamen Ton gewichen. Das heißt nicht, dass die Gesellschaftskritik aus Louis’ Text verschwunden ist. Die von der Klassengesellschaft und von männlicher Herrschaft ausgehende Gewalt ist fast auf jeder Seite von »Die Freiheit einer Frau« präsent.

In dem schmalen und mit wenigen, aber aussagekräftigen Fotos der Protagonistin illustrierten Buch beschreibt der 30-jährige französische Autor eine Emanzipationsgeschichte. Es ist die seiner Mutter. Mit 16 geht die aus einer Arbeiterfamilie stammende Monique auf eine Hotelfachschule, sie will Köchin werden, ihr Traum – wenn auch nur die Fortsetzung dessen, was sie umgibt: Frauen kochen und bedienen. Doch sie wird bald schwanger. Es folgen: der Abbruch der Ausbildung, die Heirat um des schönen Scheins willens, Hausfrau mit 18 und mit 20 zweifache Mutter. Der Mann entpuppt sich bald als schwerer Alkoholiker, der fremd geht. Sie verlässt ihn. Der erste Ausbruchsversuch scheitert schnell, weil sie auf einen Mann angewiesen ist, der Geld nach Hause bringt. Und dieser – der Vater des Autors – ist ähnlich wie der erste. Er trinkt, demütigt sie vor anderen, zwängt sie ein in die eigenen vier Wände; er verbietet ihr, den Führerschein zu machen, verhindert, dass sie ihre eigene Familie besuchen kann. Der Unterschied: Monique bleibt fast zwanzig Jahre bei ihm – mit Rücksicht auf die gemeinsamen Kinder, die noch geboren werden.

Dann, als es der mit Louis in Eins zu setzende Ich-Erzähler schon fast nicht mehr glauben mag, packt sie die Sachen ihres Mannes in Müllsäcke, schmeißt diese vor das Haus und sperrt ihn aus. Sie verlässt ihn, verliebt sich neu, zieht zu dem neuen Partner nach Paris und wird – endlich – so etwas wie glücklich.

Klassenanalytische Reflexionen

Die Art, wie Louis über seine Erinnerungen an das Leben seiner Mutter schreibt, macht das Besondere des Textes aus. Gedanken über das eigene Schreiben, Rekonstruktionen einschneidender Begebenheiten mit der Mutter, die Einbettung in eine klassenanalytische und soziologische Reflexion gehören ebenso dazu wie pointierte Formulierungen wie »Ihr Leben war ein einziges Schulterzucken geworden«. Sie bringen auf den Punkt, wofür andere Autor*innen etliche Seiten benötigen.

An Überzeugungskraft gewinnt das Buch auch durch die ehrliche Weise, wie Widersprüchlichkeiten im Verhältnis zu Monique zur Sprache kommen. Obgleich der Autor zum Zeitpunkt des Schreibens seiner Mutter sehr zugetan ist, war das in seiner Kindheit und Jugend nicht immer so. Louis bezeichnet sich selbst gar als einen der Akteure der Zerstörung, die seine Mutter so zugesetzt haben. Als die Mutter einmal betrunken zu den Scorpions sang – einer der raren Momente, wo sich Freude auf ihrem Gesicht fand – schreit er sie an: »Mach das Lied aus.« Nicht, weil er dieses furchtbar findet, sondern: »Ich begriff nicht warum, aber ich hasste es, sie glücklich zu sehen, ich hasste dieses Lächeln auf ihren Lippen, die plötzliche Nostalgie, die Zufriedenheit.«

Aus Louis’ neuem Buch ist die Wut verschwunden, nicht aber die Gesellschaftskritik.

Zur Sprache kommen auch Konflikte, die der Erzähler wegen seines Schwul-Seins mit seiner Mutter hatte. Er versuchte ihr dies zu verheimlichen, ließ Einladungen zu Schulveranstaltungen verschwinden, aus Furcht, dass seine Mutter miterleben muss, wie er zum Ziel von Spott und Gewalt wird. Als Monique ihm sagte, dass er als Kind doch immer gelächelt habe, sieht er das als Zeichen des Triumphes: Sie wusste nicht, wie sehr er daran litt, schwul zu sein.

Louis’ klassenanalytische Sensibilität ist am beeindruckendsten, als er von der kurzzeitigen engen Freundschaft seiner Mutter zu einer depressiven, an Liebeskummer leidenden Frau erzählt. Als es dieser wieder besser geht, wendet sie sich von Monique ab, grüßt diese nicht mal mehr. Als der Ich-Erzähler die Frau nach dem Warum fragt, antwortet diese, sie ertrage die Familie nicht mehr, die Tischsitten, den ständig laufenden Fernseher, die Art, wie der Vater mit ihr umgehe. Louis analysiert: »Als ob im Grunde der Liebeskummer, ein psychologischer Faktor, die sonst gültigen gesellschaftlichen Gesetze außer Kraft gesetzt hätte – die Tatsache, dass die Angehörigen einer gesellschaftlichen Schicht stets nur Kontakt mit ebendieser Schicht haben, dass zwischen den Klassen so gut wie kein Austausch möglich ist.«

Ein bürgerliches Happy End?

Die Kluft zwischen den Klassen – sie wird auch sichtbar, als der Ich-Erzähler aufs Gymnasium und auf die Universität geht. Erst, als er Kontakt mit der bürgerlichen Welt hat, sieht er die patriarchale Gewalt, die im Arbeitermilieu auf dem Dorf herrschte. Wegen seiner Mutter schämt er sich, weil sie in der Nase bohrt und schlechtes Französisch spricht. »Du kleiner Dreckskerl«, sagt sie zum Sohn, der ihre Ausdrucksweise korrigiert und ihr Benimmregeln beibringen will.

Erst durch die Befreiung und Wandlung der Mutter zur Frau, »die, wie sie es selber sagte, tut, was alle anderen Frauen tun: sich schminken, sich pflegen, sich frisieren«, verbessert sich das Verhältnis zwischen Sohn und Mutter. Doch selbst das vermeintliche Happy End wird relativiert durch die Existenz der Klassengesellschaft. Glücklich in herkömmlichen (bürgerlichen?) Sinne ist die Mutter auch in Paris nicht: Frankreich hat sie noch nie verlassen, sie kauft ihre Nahrungsmittel in Armeleute-Supermärkten, ist ökonomisch weiter abhängig von einem Mann, und die bürgerlichen Frauen blicken auf sie herab. Und dennoch: Sie selbst sagt, sie sei glücklich und freut sich darauf, in zehn Jahren mit ihrem Partner im Wohnwagen durch Frankreich fahren zu können. So ist ihre Veränderung doch eine positive, auch »wenn sie in einem gewissen Maße von der Gewalt der Klassenordnung eingeschränkt wird«.

Édouard Louis: Die Freiheit einer Frau. S. Fischer, Frankfurt/Main 2021. 93 Seiten, 17 EUR.

aus: analyse & kritik 678, 18.02.2022

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