Ach so achtsam in den Burn-out

Fall für die innere Kündigung: Clemens Bruno Gatzmagas Debüt »Jacob träumt nicht mehr« taucht tief ins moderne, neoliberale Agenturleben

Er verflucht die Banker, die Anzugträger, die Marketingmenschen – und vor allem sich selbst. Jacob, Ende 20, arbeitet in einer Agentur, die Unternehmen bei ihren Digitalstrategien unterstützt. Und das ziemlich erfolgreich. Ein paar Jahre noch und ihm ist eine Stelle im Management sicher. Doch dann läuft alles aus dem Ruder.

Ein Anruf vom Geschäftsführer, kurz vor dem Daily Stand-up-Meeting. Er fragt, ob Jacob und sein Team sich an der Ausschreibung einer großen Bank für ein Smart-Banking-Programm, im Agenturslang: an einem sogenannten Pitch, beteiligen können. Lässig sagt Jacob zu – und hat dann richtig Stress. Brainstorming bis nach Mitternacht, auch die folgenden Tage Arbeit bis weit in die Abendstunden.

Er postet bei Instagram ein Bild von sich mit Pizzakarton im Hintergrund und den Worten »Last man standing«. Als er spätnachts ins Bett geht, kann er nicht schlafen, der Pitch geht ihm nicht aus dem Kopf. Dann wird er krank, hat Fieber, aber natürlich schleppt er sich weiter zur Arbeit. Privatleben? Der geplante Urlaub mit der Freundin Stella muss dann eben warten.

Der Leser ahnt früh, das kann nicht gut gehen – und tut es auch nicht. Auf dem Weg zur Präsentation in der Bankzentrale bekommt das Romandebüt von Clemens Bruno Gatzmaga plötzlich traumhaft-unwirkliche Züge. Der Protagonist öffnet einen Gullydeckel und taucht in die Kanalisation ab. Im Bankgebäude verläuft er sich und findet sich in einem Wald wieder. »Etwas stimmt nicht mit mir, dachte ich, zu wenig Schlaf, zu viel zu tun. Alles ging zu schnell, geriet durcheinander.« Doch Jacob findet zurück in den Konferenzraum und zieht die Präsentation bravourös durch – trotz massiv pochender Schläfen. Zum Abschied heißt es »Bis dahin, keep innovating«.

Dazu kommt es nicht: Auf dem Rückweg bricht Jacob zusammen, als er eine Mail aus der Buchhaltung erhält, die moniert, dass die Leistungsdaten seines Teams nicht stimmen. Er findet sich im Krankenhaus wieder, wo er zwei Wochen bleibt. Burn-out. Davon aber kein Wort zu den Kollegen.

Nach der Rückkehr in die Agentur dauert es nicht lange, bis er im alten Modus aus To-do-Listen-Abarbeiten, Führungskräfte-Jour-Fixes und Achtsamkeitstraining ist. Bis ihm vom Geschäftsführer mitgeteilt wird, dass der Pitch verloren ist. »Scheiße. Mehr fiel mir dazu nicht ein. Die ganze Arbeit, der ganze Stress, der gecancelte Urlaub, alles für die Katz.«

Daraufhin kündigt Jacob zunächst innerlich, dann richtig. Bis hierhin, ungefähr die Hälfte des Textes, lebt der Roman des in Wien lebenden Digitalexperten, Texters und Journalisten Gatzmaga von den Einblicken in die Arbeitswelt moderner Agenturen. Englische Begriffe wie Pitch oder Project Lead, Wendungen wie »mehr Power in die Sales Pipe« oder »mehr Commitment gewünscht« vermitteln authentisch, wie das neoliberale Versprechen auf Selbstverwirklichung mit Überforderung, der Entgrenzung von Arbeit sowie narzisstischer Online-Selbstdarstellung einhergeht.

Ansprüchen, denen Jacob trotz des Achtsamkeitstrainings in der Agentur bald nicht mehr genügen kann. Oder gerade deswegen? Schließlich steht Achtsamkeit im Ruf, nur eine besonders perfide Variante der neoliberalen Selbstoptimierung zu sein. Ein Verdacht, der durch Gatzmagas Buch bestätigt wird.

Die Romanszenen, in der Jacobs Selbsteinschätzung und sein Wahrnehmungskorridor geprüft werden und er vom »Fitnesstrainer für Emotionen« Feedback zur »emotionalen Standortbestimmung« bekommt oder in Atemübungen unterrichtet wird, zeugen davon und erinnern an Sekten. New Work, Mindfulness und agile Leitungssysteme – sie dienen dazu, die Beschäftigten mit Haut und Haar auf das Unternehmensziel einzuschwören. Wer Zweifel erkennen lässt, wie Jacob, gerät auf das Abstellgleis. Der Ausbootung kommt Jacob durch seine Kündigung zuvor.

Der zweite Teil des Buches beschreibt, wie Jacob sich neu orientiert, vergeblich einen Job im Non-Profit-Bereich sucht, einen, der wirklich Sinn macht, und angesichts von Arbeitslosigkeit mit zunehmenden Selbstzweifeln zu kämpfen hat. Und es wird beschrieben, wie Jacob zu seiner Großmutter aufs Dorf fährt, wo er viele Jahre seiner Jugend verbracht hat. Der Leser erfährt in einer Rückblende von seiner Kindheit, dem frühen Tod der Mutter und dem Vater, der von diesem Schicksalsschlag schwer gezeichnet ist.

Schließlich endet das Buch mit einer erneuten surrealen Szene: Jacob verläuft sich im kleinen Waldstück der Kindheit und versinkt in einem Moor. Träumt Jacob, der das Träumen verlernt hatte, nun doch? Sind es Albträume, die ihn heimsuchen?

Die Grenzen zwischen Realität und Unwirklichem verschwimmen. Clemens Bruno Gatzmaga hat mit seinem Debüt einen eindrücklichen Roman aus der modernen Arbeitswelt vorgelegt. Im Gegensatz zur ersten Hälfte weiß die zweite nicht ganz so zu überzeugen. Manche Entwicklungen und Entscheidungen sind dem Autor etwas zu unvermittelt geraten. Dennoch ein lesenswerter Roman.

Clemens Bruno Gatzmaga: Jacob träumt nicht mehr. Karl-Rauch-Verlag, 176 S., geb., 20 €.

aus: nd, 30.07.2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.