Der unbemerkte Tod

Ein Londonder Gerichtsurteil über Luftverschmutzung könnte die Diskussion über die größte Umweltverschmutzung verändern

Es ist ein Urteil, das Geschichte schreiben könnte. In London hat im Dezember erstmals ein Gericht die »exzessive« Luftverschmutzung als »wesentlich« für den Tod eines Menschen mitverantwortlich gemacht. Umweltaktivist*innen und Wissenschaftler*innen sprachen von einem Meilenstein der Rechtsprechung.

Die neunjährige Ella Adoo-Kissi-Debrah starb im Februar 2013 nach einem Asthmaanfall in London. In den letzten Lebensjahren hatte sie immer wieder unter schweren Asthmaanfällen gelitten. 27 Mal wurde sie deswegen behandelt. Zuletzt war ihr eine Behinderung attestiert worden. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung hatte ein Jahr nach ihrem Tod ergeben, dass sie an akuter Atemnot nach einem Asthmaanfall gestorben ist. Doch ihre Mutter Rosamund Kissi-Debrah zweifelte das an. Sie hatte von Umweltaktivist*innen erfahren, dass die Asthmaanfälle ihrer Tochter immer dann auftraten, wenn in ihrer Umgebung besonders schlechte Luftwerte gemessen wurden. Die Familie wohnt im Süden Londons in der Nähe des stark befahrenen Stadtrings.

Könnte der frühzeitige Tod ihrer Tochter mit dem zusammenhängen, was tagtäglich aus den Abertausenden Auspuffen der Autos in die Luft geblasen wird? Über diesen Zusammenhang hatte die Mutter noch nie nachgedacht. Ihrem Insistieren ist es zu verdanken, dass der Fall neu aufgerollt wurde. Jahre dauerte es bis zum Urteil, in dem es hieß, dass es ein anerkanntes Versagen gegeben habe, den Stickstoffdioxid-Ausstoß zu verringern. Das habe wahrscheinlich zum Tod des Mädchen Tod beigetragen.

Global sterben laut WHO jedes Jahr 4,2 Millionen Menschen an Luft, die von Autos, Kohlekraftwerken, Fabriken und der industriellen Landwirtschaft verschmutzt wird.

Ella ist kein Einzelfall. Neun von zehn Menschen atmen Luft ein, deren Verschmutzungswerte über den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen. Die Folge: Global sterben laut WHO jedes Jahr 4,2 Millionen Menschen an Luft, die von Autos, Kohlekraftwerken, Fabriken und der industriellen Landwirtschaft – Ammoniak und Methan sind Vorläuferstoffe für Ozon und Feinstaub – verschmutzt wird. In Großbritannien sind es zwischen 28.000 und 36.000 jedes Jahr, in Deutschland rund 80.000 vorzeitige Todesfälle – was insbesondere am höheren Anteil von Dieselautos liegt. Andere Studien gehen gar von weitaus höheren Zahlen aus. Im Frühjahr letzten Jahres schätzte eine Studie, dass über acht Millionen Menschen jährlich vorzeitig an den Folgen der Außenluftverschmutzung sterben, in den EU-Mitgliedstaaten seien es etwa 659.000.

Die großen Unterschiede bei den Schätzungen erklären sich damit, dass der von Luftverschmutzung hervorgerufene Tod komplexer ist, als wenn er beispielsweise durch tödliche Viren verursacht wird. Auch ist der zeitliche Abstand viel größer. Nach einer Infektion kann man innerhalb weniger Wochen sterben, verschmutzte Luft kann erst nach Jahrzehnten zum Tod führen. Doch die wissenschaftliche Beleglage ist eindeutig: »Luftverschmutzung kann die Gesundheit über die gesamte Lebensspanne hinweg schädigen. Sie verursacht Krankheit, Behinderung und Tod und beeinträchtigt die Lebensqualität eines jeden Menschen. Sie schädigt Lunge, Herz, Gehirn, Haut und andere Organe; sie erhöht das Risiko von Krankheit und Behinderung und wirkt sich auf praktisch alle Systeme im menschlichen Körper aus«, heißt es in einem Papier einer internationalen Wissenschaftsvereinigung. In diesem wird auch der Zusammenhang mit Klasse, »Race« und Geschlecht angedeutet. Gefährdete Bevölkerungsgruppen wie Kinder, Frauen und Menschen in Armut seien von der Luftverschmutzung besonders betroffen. Ella lebte mit ihrer Familie sicher nicht am Stadtring, weil sie sich so gerne Autos anschauen, sondern sich eine höhere Miete in einer saubereren Gegend nicht leisten konnten.

Verkehr, Kohlekraftwerke und Industrie – die Hauptursachen für die schlechte Luft sind auch jene für den Klimawandel: die Verbrennung fossiler Brennstoffe. »Wann wird es nicht länger hinnehmbar sein, das Leben von Menschen durch die Nutzung fossiler Brennstoffe zu verkürzen?«, fragte der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström. Das wird wohl noch etwas dauern, aber das Londoner Urteil könnte den Weg dahin verkürzt haben.

aus: analyse & kritik 667, 19.1.2021

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