Filmkritik: Chiko

Hamburg-Mümmelmannsberg ist das, was Neukölln für Berlin ist: ein Großstadtgetto mit überdurchschnittlich vielen Hatz-IV-Empfängern und Migranten. Der auch scherzhaft „Mümmeltown“ genannte Stadtteil wurde vor zwei Jahren überregional bekannt, als publik wurde, dass ein Filmteam des ZDF Jugendliche dafür bezahlte, ihnen quotentreibende Bilder von gewaltbereiten Jugendlichen und Bandenkriminalität zu liefern. Seitdem, so berichten die Heranwachsenden, sei es schwerer, einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Denn in Erinnerung geblieben ist nicht die zweifelhafte Praxis der Medien, sondern das Stigma, aus einem „kaputten“ Viertel zu stammen.
Aus eben jenem Stadtteil stammen die Protagonisten des Spielfilm-Debüts des noch keine dreißig Jahre alten in Hamburg aufgewachsenen Regisseurs Özgür Yildirim. Chiko (Denis Moschitto) und Tibet (Volkan Özcan) sind zwei Gangster, deren großer Traum es ist, einmal richtig im Kapitalismus mitzumischen. Will heißen: Ordentlich Geld zu verdienen, um sich Statussymbole wie tiefergelegte Autos, tolle Wohnungen und Frauen leisten zu können. Wobei Tibet noch ein anderes Motiv hat, welches dem Film eine verhängnisvolle Wendung beschert: Das Geld soll seiner Mutter zugutekommen, die dringend eine Spenderniere benötigt. Da ihnen der gewöhnliche formale Weg des Aufstiegs verweht ist, wählen sie den informellen der Kriminalität.

Der aus einer türkischen Einwanderfamilie stammende Chiko bringt seine Lebensmaxime mit folgenden Worten auf den Punkt: „Wenn du der beste sein willst, dann musst du Respekt kriegen. Und wenn du Respekt kriegen willst, dann darfst du keinem anderen Respekt zeigen. Und wenn du keinem anderen Respekt zeigst, dann denken die Leute irgendwann, du hast den Respekt erfunden, Alter!“ Und diesen Worten lässt er Taten folgen. Mit seiner dreist-respektlosen Art – eine der besten Szenen im Film – sticht er einen Dealer aus, der für den lokalen Drogenbaron Brownie (Moritz Bleibtreu) arbeitet. Von diesem wird er zum Test damit beauftragt, innerhalb eines Monats einige Kilo Marijuhana zu verkaufen. Und zwar aus einer Wohnung heraus. Zusammen mit Tibet, der ihm wie ein Bruder ist, und einem weiteren Freund macht er sich ans Werk. Doch Tibet setzt sich über die Auflage, nicht auf der Straße zu verkaufen, hinweg. Davon bekommt Brownie Wind. Die Folge: Er und seine Handlanger rammen ihm einen Nagel durch den Fuß. Chiko will die verletzte Ehre seines Freundes rächen, indem er Brownie eine Schussverletzung zufügt. Da ihm der „Mumm“ fehlt und Brownie ihn geschickt auf seine Seite ziehen kann, verrät er Tibet. Die Verheißung des schnellen großen Geldes ist größer. Und dieses fließt schnell. Bald nicht mehr beauftragt, lediglich Haschisch zu verkaufen, sondern Kokain, kann er sich das erträumte Auto, die Wohnung und eine Freundin (gespielt von der Rapperin Reyhan Şahin) leisten.

Doch die Vergangenheit holt ihn ein: Tibet, zu dem er keinen Kontakt mehr hat, versinkt im Drogensumpf und versucht im Rausch, Chikos Förderer Brownie zu erschießen. Das misslingt. Brownie verlangt nun, dass Chiko seinen ehemaligen Freund Tibet „fertigmacht“. Soweit allerdings geht Chikos Skrupellosigkeit nicht. Er versteckt Tibet und nimmt so den Verrat an Brownie in Kauf. Das wiederum führt dazu, dass Brownie seine Schläger auf die Suche nach Tibet schickt. Als sie ihn nicht zuhause antreffen, schlagen sie stattdessen seine Mutter zusammen. Diese stirbt aufgrund des Nierenleidens an den Folgen der Verletzungen. Das ist für Chiko der Anlass, nunmehr dass einzulösen, woran er beim ersten Versuch scheiterte: Brownie zu erschießen und damit die Ehre seines Freundes Tibet und nun auch seiner Mutter wiederherzustellen. Nachdem er Tibet den Tod von Brownie mitgeteilt hat und sie sich – so hat es den Anschein – versöhnend umarmen, ersticht Tibet Chiko.

„Chiko“, von Fatih Akin produziert, ist ein Gangsterfilm nach US-amerikanischem Vorbild: hart, voller Gewalt und schnörkellos. Ob er einen authentischen Einblick in das Milieu Hamburger Kleinkrimineller bietet, ist nicht ganz klar. Vermutlich schon. Ein interessanter Kinoabend ist in jedem Falle garantiert.

(aus: Sozialismus 5/2008)

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