Kommt jetzt die Inflation?

In Deutschland gibt es eine Gruppe von Menschen, die man als Inflationspropheten bezeichnen könnte. Sie warnen bei kleinsten Anlässen eindringlich vor Preissteigerungen auf breiter Front. Dumm nur, dass sie bis dato unrecht hatten. Die FAZ hat die Fehlprognosen von Politiker*innen und Ökonom*innen 2014 in einer Bildergalerie zusammengestellt. Sie bedarf der Erweiterung. Denn gerade zieht in Deutschland wieder das Inflationsgespenst durchs Land.

Der jüngste Anlass? In den ersten drei Monaten des Jahres wurden in Deutschland im Vergleich zu den Vorjahresmonaten wie auch zu den Vormonaten deutlich höhere Teuerungsraten registriert. So lag die Teuerungsrate im März nach einer ersten Schätzung bei 1,7 Prozent.

Hier liegt der Funken Wahrheit, auf den sich die warnenden Stimmen stützen. Schaut man sich die Zahlen genauer an, bleibt nicht viel vom Alarmismus. Zunächst sind gestiegene Verbraucherpreise, die sich auf Werte weniger Monate beziehen, nur eine Momentaufnahme. Inflation hingegen ist definiert als ein Prozess anhaltender Preisniveausteigerungen von Gütern und Dienstleistungen.

Zum zweiten zeugen die deutschen Stimmen von einer nationalen Hybris. Geschaut wird nur auf Deutschland, dabei ist die Bundesrepublik Teil der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Hier aber stieg die Inflation geringer: um 1,3 und 0,9 Prozent im März und Februar. Vergegenwärtigt man sich überdies, dass das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB), die für die Geldwertstabilität im Euroraum zuständig ist, bei knapp zwei Prozent liegt, fragt man sich, worin die Aufregung besteht – zumal diese Marke seit Jahren in weiter Ferne liegt. Und schließlich sind die vergleichsweisen hohen Inflationsraten der letzten Monate auf temporäre Sondereffekte zurückzuführen: auf das Ende der deutschen Mehrwertsteuersenkung, die Achterbahnfahrt des Ölpreises und pandemiebedingte Engpässe zum Beispiel bei Computerchips und Transportkapazitäten.

Warum aber kommt es trotz immer weiteren Ausweitungen der expansiven Geldpolitik der EZB nicht zu einer Inflation? Dazu muss man sich ansehen, was die Ursachen von Preissteigerungen sind. Einerseits können sie von massiven Nachfragesteigerungen ausgehen, die volkswirtschaftliche Kapazitäten überschreiten. Weder in Deutschland noch in der EU sind die Kapazitäten jedoch ausgelastet – seit Jahren nicht. Das dürfte sich auch nicht so schnell ändern (Stichwort säkulare Stagnation).

Laut Mainstream-VWL-Lehrbuch kann eine Inflation des Weiteren durch Löhne getrieben werden. Wenn die Nominallöhne die Produktivität überschreiten, könne es zu deutlichen Preissteigerungen kommen. Deswegen wird die Inflationsfurcht auch ins Feld geführt, um Forderungen nach Lohnerhöhungen abzuwehren. Kräftige Lohnsteigerungen, die über der Produktivitätsentwicklung lagen, gab es aber selbst in den letzten Boomjahren in Deutschland nicht. Ob damit in Zukunft zu rechnen ist, ist mit Blick auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad zweifelhaft.

Sollte es wider Erwarten doch zu einer – wohlgemerkt – dauerhaften Preissteigerung kommen, hat die EZB ohnehin effektive Instrumente an der Hand, die Inflation zu dämpfen: Zinserhöhungen. Weniger effektiv sind ihre Instrumente hingegen bei einem Preisrückgang, bei einer Deflation. Trotz Nullzinspolitik und Aufkäufen von Anleihen war dies das letzte Jahrzehnt das größere Problem.

Warum dann aber der Alarmismus in Deutschland? Er hat historische Gründe. In den 1920er Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen durch Hyperinflationen alle Ersparnisse verloren. Diese Erfahrungen sind Teil eines Legitimationsdiskurses geworden, der eine konservative Finanz- und Fiskalpolitik begleitet. Ein weiterer Grund hat paradoxerweise mit einer Inflation zu tun, die tatsächlich existiert: die Vermögenspreis-Inflation. Auf den Finanzmärkten steigen die Preise für Aktien, Anleihen und Finanzprodukte jeglicher Art seit dem Eintritt des Kapitalismus in die Phase der strukturellen Überakkumulation und der Finanzialisierung seit Mitte der 1970er Jahren – und insbesondere mit dem Übergang zur expansiven Geldpolitik nach der Finanzkrise von 2008. Hauptprofiteure davon sind die Superreichen dieser Welt. Wie praktisch, dass das Gerede über die »normale« Inflation davon ablenkt. Darüber hinaus erhöht das Gerede darüber den Druck, von der expansiven Geldpolitik abzurücken. Eben das, die vorschnelle Rückkehr zur Austerität, hat nach der Finanzkrise dazu beigetragen, dass in manchen EU-Staaten das Vorkrisenniveau vor dem Corona-Einbruch immer noch nicht erreicht worden war.

aus: analyse & kritik 670, 20. April 2021

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