Der Traum ist aus

Linke Utopien setzen auf materiellen Wohlstand für alle. Ökokollaps und Endlichkeit von Energieressourcen erfordern ein Umdenken

Es dauerte eine halbe Milliarde Jahre, bis sich fossile Brennstoffe bilden konnten. Aber es wird nur wenige Jahrhunderte dauern, bis Kohle, Erdöl und Erdgas verheizt sind. Bis zum Beginn der Industrialisierung lebten die Menschen auf der Erde von den vorhandenen Energieflüssen des Planeten. Erst mit dieser wurden die Energiereserven angetastet. Öl, Kohle und Gas, in geologischer Vorzeit entstanden aus toten Pflanzen oder Tieren, sind nichts anderes als gespeicherte Sonnenenergie. Im Vergleich zur zerstreut auf die Erde einstrahlenden Sonnenenergie haben sie eine enorm hohe Energiedichte. Ohne fossile Brennstoffe wäre die gewaltige Zunahme von Wirtschaftswachstum, stofflichem Reichtum und Wohlstand des industriellen Kapitalismus nicht möglich gewesen.

Aber seit Anfang der 1970er Jahre ist ins öffentliche Bewusstsein gerückt, dass es Grenzen des Wachstums gibt, und seit mindestens drei Jahrzehnten ist klar: Die Verbrennung von fossilen Brennstoffen hat massenhaft CO2 freigesetzt und nimmt Einfluss auf das Klima. Katastrophenszenen infolge des Klimawandels gibt es mittlerweile auch in den frühindustrialisierten Staaten, das Thema ist ins Zentrum der Politik gerückt (nicht allerdings das der Endlichkeit der Ressourcen). Doch der herrschende Klimaschutz setzt auf Marktinstrumente, neue Technologien und den Ausbau von erneuerbaren Energien. Bis dato hat das noch nicht zur Reduktion von Emissionen geführt oder zur Vorbereitung auf das »Ende der Kohlenstoff-Zivilisation«. (1)

Ein Bewusstsein dafür, dass eine nicht auf fossilen Brennstoffen basierende Alternative zum Kapitalismus schwer mit Utopien wie Sozialismus oder Kommunismus in Einklang zu bringen ist, fehlt in der Linken.

Warum? Weil dem Handeln falsche Vorstellungen von Energie zugrunde liegen. Es wird so getan, als ob erneuerbare Energien im Überfluss vorhanden wären und sie fossile ersetzen könnten, ohne dass das fundamentale Auswirkungen für unsere Gesellschaftssysteme hätte. Die Art und Weise des Produzierens und Konsumierens in der Kohlenstoff-Zivilisation, eine Anomalie in der Geschichte der Menschheit, wird mehr oder minder als selbstverständlich für die Zukunft angesehen. Dabei ist klar, dass das nicht funktionieren kann. Irgendwann wird es kein Öl für die Wirtschaft mehr geben, und vorher schon wird der Klimawandel die Erde in einen teils dystopischen Ort verwandeln.

Auch die Linke ist auf die Doppelkrise von Klimakatastrophe und Endlichkeit der Energieressourcen schlecht eingestellt. Ein Bewusstsein dafür, dass eine nicht auf fossilen Brennstoffen basierende Alternative zum Kapitalismus schwer mit linken Utopien wie Sozialismus oder Kommunismus in Einklang zu bringen ist, fehlt. Zugespitzt formuliert: Nicht länger Wachstum und Überfluss sind Grundlage von Alternativen zum Kapitalismus, sondern Knappheit und Grenzen. (vgl. »Bye, bye Überfluss) Würden Konsummuster und Energieverbrauch der EU-Staaten global verallgemeinert, bräuchte es den Planeten Erde dreimal.

Linke Utopien ohne Grenzen des Wachstums

Die Utopien sozialistischer, anarchistischer oder marxistischer Provenienz – sie entstanden in einer Zeit, als von den biophysikalischen oder planetaren Grenzen der Erde noch keine Rede war. Auch die Marxsche Tradition entpuppt sich somit als Kind ihrer Zeit. Sie ist ideengeschichtlich an die Besonderheit der »Kohlenstoff-Zivilisation« gebunden.

Obwohl sie Zeitgenossen der Entstehung der Thermodynamik, der Wissenschaft von der Energie, waren, haben Marx und Engels das Studium der Energie nicht in ihre Analyse der Wirtschafts- und Sozialgeschichte einbezogen. Sie haben mit ihrer Kategorie der Produktivkräfte und der Dialektik von diesen und Produktionsverhältnissen an vielen Stellen Technikoptimismus und Fortschrittsglauben das Wort geredet; die Arbeiter*innenbewegungen griffen das dankbar auf. Und Fortschritt gab es ohne Zweifel, der fossile Kapitalismus schuf insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stofflichen Reichtum und Wohlstand nie gesehenen Ausmaßes. Viele schwere körperliche Arbeiten wurden von Maschinen übernommen. Lebensstandard und -erwartung stiegen deutlich an. Aber gleichzeitig wurde mit der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas der Grundstein für das Klimaproblem gelegt, und die Fortschritte wären ohne koloniale Ausbeutung nicht möglich gewesen.

So gesehen erweisen sich die Produktivkräfte ebenso als Destruktivkräfte. Das hat vor allem auch mit dem auf Privateigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Konkurrenzprinzip kapitalistischer Ökonomien zu tun. Warum sollte ein Unternehmen, das einen effizienteren Maschinenpark angeschafft hat, den Output konstant halten, wenn es diesen auch steigern und so mehr Profit erzielen kann? Der weit verbreitete Glaube an Effizienz als Mittel, um Emissionen und Material zu sparen, ist eine Illusion. Als Rebound-Effekt wurde das immerhin in den letzten Jahren verstärkt diskutiert, meist aber nicht, dass der Rebound-Effekt auch als spezifischer Ausdruck des kapitalistischen Gewinnstrebens interpretiert werden kann.

Von den Destruktivkräften sprachen Marx und Engels explizit. Sie äußerten im Übrigen an vielen Stellen auch ein Bewusstsein davon, dass die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zur Expansion ökologisch verheerende Folgen haben wird oder, wie sie es nannten, zum »Riss im Stoffwechsel mit der Natur« führt. Aber natürlich hatten sie keine Ahnung vom Klimawandel oder davon, dass der Verlust der Biodiversität infolge des immer weiteren Vordringens fossil-kapitalistischer Produktionsweisen in einer globalisierten Welt einmal zur Entstehung von Pandemien beitragen wird.

Reduzierung der Energie- und Stoffflüsse

Die Analyse des Energieeinsatzes in wirtschaftlichen Prozessen trieb insbesondere der Mathematiker und Ökonom Nicholas Georgescu-Roegen voran. Er übertrug den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, das Entropiegesetz, auf ökonomische Prozesse. Stets wird dabei verfügbare Energie (Kohle, Öl) in unverfügbare Energie (Abwärme, Emissionen) transformiert, so dass das Maß hierfür, die Entropie, irreversibel ansteigt. Einmal genutzte Energie kann daher kein zweites Mal in Arbeit umgewandelt werden, ein einmal verwendeter Stoff nur erneut genutzt werden, wenn er mit häufig sehr hohem Material- und Energieaufwand recycelt wird. »Jede Nutzung natürlicher Ressourcen für die Befriedigung unwesentlicher Bedürfnisse bedeutet eine geringere Menge Leben in der Zukunft«, stellte er pessimistisch fest.

Aber können Sonnenenergie und Windkraft nicht die fossilen Brennstoffe ersetzen, gibt es nicht längst eine Energiewende? Nun ja. Rund 80 Prozent der globalen Primärenergie, der ursprünglich vorkommenden Energiequellen wie Kohle, Mineralöl oder Sonne und Wind, sind immer noch fossil. Wenn überhaupt von einer Wende die Rede sein kann, dann von einer Stromwende in einigen Ländern.

Das Problem bei erneuerbaren Energien ist, dass Solarmodule oder Windturbinen immer noch auf fossile Brennstoffe und Infrastrukturen angewiesen sind. Zudem haben »grüne Energien« eine viel geringere Energiedichte und können nicht wie Öl oder Kohle transportiert werden. Und vor allem ist der sogenannte Erntefaktor, der EROI (energy returned on energy invested), bei Sonne, Wind und Wasserkraft viel schlechter als bei fossilen Energien. Laut einer Studie würde sich schon bei einem hypothetischen Anteil von erneuerbaren Energien von 50 Prozent im globalen Energiesystem der Erntefaktor von 6:1 auf 3:1 halbieren.

Vergesellschaftete Industrien können keine Naturgesetze außer Kraft setzen oder fossile Brennstoffe aus dem Nichts schaffen.

Nur die Eigentumsfrage in den Mittelpunkt der ökologischen Frage zu stellen, wie es die Linke noch weitgehend tut, reicht daher nicht aus. Die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln ist gewiss eine notwendige Bedingung für eine Produktions- und Lebensweise innerhalb der biophysikalischen Grenzen der Erde. Aber vergesellschaftete Industrien können keine Naturgesetze außer Kraft setzen oder fossile Brennstoffe aus dem Nichts schaffen und stoßen weiter Treibhausgase aus. Eine weitere Bedingung muss hinzukommen: die drastische Begrenzung der Energie- und Stoffflüsse, eine geplante wirtschaftliche Schrumpfung der energie- und ressourcenreichen Sektoren zuvörderst in den frühindustrialisierten Staaten. Das allerdings geht zwangsläufig mit einer Reduzierung des stofflichen Reichtums sowie von Mobilität einher.

Nachgedacht wird darüber immerhin in der Degrowth-Bewegung; Wachstumskritiker*innen diskutieren auch alternative Definitionen von Wohlstand. Allerdings üben sie mehrheitlich keine Kapitalismuskritik, vernachlässigen die Eigentums- und Klassenfrage. All das zusammenzudenken – das könnte einen Ausweg aus den Katastrophenszenarien weisen.

Was indes kein Exit aus dystopischen Szenarien verspricht, sind Green New Deals, die von grünen, aber auch von linken oder sozialistischen Parteien vorgeschlagen werden. Für sie sind Begrenzungen der Energie- und Stoffflüsse (bis auf Ausnahme des DIEM-Vorschlags) kein Thema. (2) Sie verwenden Begriffe wie »saubere« oder »grüne« Energien und erwecken den Eindruck, dass diese fossile ersetzen könnten, ohne den Energieeinsatz zu senken. Sie verkennen, dass eine schlichte Umstellung auf grüne Energien eine starke Steigerung des Abbaus und der Aneignung von Ressourcen erfordert, die vor allem im Globalen Süden zu finden sind (Lithium, Kobalt etc.). (»Die falsche Hoffnung«) Sie setzen unkritisch auf Konzepte wie Klimaneutralität oder Netto-Null, die große Landflächen in abhängigen Staaten für mehr als zweifelhafte CO2-Kompensationen vorsehen und hierzulande den Druck mindern, die Emissionen zu senken.

Und Green New Deals erwecken den Eindruck, dass der Naturverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden kann – eine Hoffnung, die zuletzt vom Forschungsbericht »Decoupling debunked« massiv enttäuscht wurde. In keinem der Konzepte findet sich eine Auseinandersetzung mit der Thermodynamik und dem Entropiegesetz. Kein Green-New-Deal-Konzept stellt Kapitalakkumulation und Wirtschaftswachstum in Frage oder berücksichtigt die historische ökologische Schuld der frühindustrialisierten Länder. (3) Ihre Umsetzung wäre kein Griff zur Notbremse, sondern eine Beschleunigung der Fahrt in die ökologische Katastrophe.

Anmerkungen:

1) Samuel Alexander, Joshua Floyd: Das Ende der Kohlenstoff-Zivilisation. Wie wir mit weniger Energie leben können, München 2020.

2) Tone Smith: Wie radikal ist der Green New Deal?, in: Prokla 202, März 2021.

3) Christian Zeller: Green New Deal als Quadratur des Kreises, in: Prokla 202, März 2021, S. 48.

aus: analyse & kritik 675, 19. Oktober. 2021

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