Bruno Kern ist zusammen mit Saral Sarkar Mitbegründer der Initiative Ökosozialismus, einem kleinen Kreis von Linken, die schon vergleichsweise früh die ökologische Herausforderung begriffen haben. Inzwischen hat das Label Ökosozialismus weitere Kreise gezogen. Das wiederum scheint dem Theologen und Philosophen Kern nicht zu gefallen: In seinem neuen Buch finden sich mehrere distanzierende Formulierungen gegenüber dem Label. Er legt aber auch ausführlich dar, was ihn an ökosozialistischen Konzeptionen – etwa derjenigen des Wirtschaftsgeografen Christian Zeller, mehr noch derjenigen des Soziologen Klaus Dörre – stört. Diese hätten das, was ökologisch notwendig sei, nicht richtig erfasst: Dörre etwa verspreche den Arbeitenden, dass sie nicht auf materiellen Wohlstand verzichten müssten. Das müssten sie aber, hält Kern dagegen. Ihre «imperiale Lebensweise» (Ulrich Brand / Markus Wissen) bedeute einen Naturverbrauch, der mit den planetarischen Grenzen unvereinbar sei.
Kern begründet überdies ausführlich, warum erneuerbare Energien und Technologien (Kernfusion, CO₂-Verpressung, Geoengineering) nicht ausreichen, um der Klimakrise beizukommen. Was es brauche, sei nicht nur eine Abkehr vom Kapitalismus, sondern auch eine Abkehr vom Industrialismus. Nur eine industrielle Abrüstung führe zu einer nennenswerten Reduktion des Energie- und Ressourcenverbrauchs – und damit der Emissionen. In der Menschheitsgeschichte seien die 300 Jahre Industriegesellschaft ohnehin zwangsläufig eine vorübergehende Erscheinung, weil die Ressourcen bald erschöpft sein würden.
Was das konkret heisst? Weniger Flachbildschirme, Autos und Reisen – nicht nur für die Reichen, sondern auch für breite Bevölkerungskreise im Globalen Norden. Das klingt nicht danach, als wäre damit ein politisches Projekt zu machen. Kerns Buch ist unbequem, weil es mit verbreiteten linken Vorstellungen hart ins Gericht geht – mit ökoliberalen sowieso. Mitunter hätte man sich allerdings den Einbezug aktuellerer Studien gewünscht.
Bruno Kern: «Industrielle Abrüstung jetzt! Abschied von der Technik-Illusion». Metropolis-Verlag. Weimar 2024. 212 Seiten. 16 Franken.
aus: woz Nr. 26, 27. Juni 2024