Ökologische Moderne vs. Grüner Sozialismus

Notwendigkeit und Leerstellen der Wachstumsdebatte – eine Kritik an Ralf Fücks

Beginnend mit der moralischen Pleite des Kapitalismus infolge der Finanzkrise von 2008 haben zahlreiche Schattierungen von Kapitalismuskritik eine Renaissance erfahren. Eine davon ist die Wachstumskritik – mit ihren wiederum verschiedenen Facetten. Kein Wunder also, dass sich Verfechter des Wirtschaftswachstums herausgefordert fühlen.
Und siehe da! Zu ihnen gehört auch das ehemalige Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, der Bremer Ex-Senator und Bürgermeister sowie jetzige Vorstand der GRÜNEN-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks. Dieser kann sich angesichts der Beiträge von Harald Welzer sowie von Edward und Robert Skidelsky in den »Blättern für deutsche und internationale Politik«1 eines Déjà-vu-Gefühls nicht erwehren: »Warnruf vor den destruktiven Konsequenzen permanenten Wachstums«, die »Kritik des Konsumismus als Form der Entfremdung«, »Selbstbegrenzung als Gegenmodell zur expansiven Moderne« – das alles kennt er schon aus den Öko-Debatten der 1970er und 1980er Jahre. Und in der Tat lassen sich Parallelen herausarbeiten. Der Kritik von Fücks an der Wachstumskritik ist jedoch in weiten Teilen zu widersprechen. Bei der Lektüre seines Beitrages in den »Blättern«2 kann sich der Leser ebenfalls eines Déjà-vu-Gefühls nicht erwehren: Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit, ein naives Vertrauen in Technik, Innovation und Wachstum sowie die pauschale Preisung der Errungenschaften einer wie auch immer definierten »Moderne« – all das kennt man vom Bürgertum des 19. Jahrhunderts, als es noch nichts von Weltkriegen, Holocaust und den Schrecken der atomaren Selbstvernichtung ahnte.
Neu bei Fücks ist, dass er die ökologischen Probleme und die Gefahr des technischen Fortschritts ernster nimmt, sie im Gegensatz zum wachstumskritischen Diskurs indes mit einer »grünen industriellen Revolution« und mit grünem Wachstum angehen möchte (so auch der Tenor seines Buches »Intelligent wachsen. Die grüne Revolution«3).

Die große Leerstelle bei Fücks ist, dass er bei seinem Plädoyer für ein grünes Wachstum weitgehend von sozialen und politischen Verhältnissen abstrahiert. Wirtschaft und Wachstum sind Wirtschaft und Wachstum, es findet keine Kontextualisierung, kein Zusammendenken dieser Begrifflichkeiten mit Herrschaft und Kapitalismus statt. Dies gilt allerdings weitgehend ebenso für die von Fücks angeführten Autoren wie Harald Welzer und die Skidelskys. Insofern wäre eine Wachstumskritik um diese Aspekte zu ergänzen.
Doch der Reihe nach: Das gewichtigste Argument von Fücks gegen den Übergang in eine Postwachstumsökonomie ist das folgende: Angesichts des Schrumpfens der Ökonomien insbesondere in den südeuropäischen Ländern infolge von Schuldenkrise und Austeritätspolitik werden die sozial verheerenden Folgen für die größten Teile der Bevölkerung offenkundig. Eine Rezession sei folglich schlecht, Wirtschaftswachstum notwendig, um aus der wirtschaftlichen Depression herauszukommen. Unter den gegenwärtigen politischen und sozialen Verhältnissen ist dies tatsächlich so. Doch es wäre ein Fehlschluss, von den jeweils konkreten Bedingungen auf die Allgemeingültigkeit dieser Aussage zu schließen. Es kommt vielmehr darauf an, wie ein ökonomischer Schrumpfungsprozess politisch und sozial organisiert wird. Welche Sektoren sollen schrumpfen und in welchem Ausmaß? Welche Bereiche sollen ausgebaut werden? Welche arbeits-, sozial-, und umverteilungspolitischen Maßnahmen begleiten diese Prozesse? Kuba ist hier ein interessantes Gegenbeispiel zum neoliberal orchestrierten Schrumpfungsprozess in Griechenland. Als nach dem Kollaps der Sowjetunion auch in Kuba das Bruttoinlandsprodukt (BIP) drastisch einbrach, ging dies nicht mit einer Verschlechterung der gesundheitlichen Situation der Kubaner einher; sie verbesserte sich sogar.4

Es gibt durchaus Wachstumskritiker, die sich diese Fragen stellen und sie zu beantworten versuchen.5 So ist klar, dass vor allem fossilistische Wirtschaftssektoren aufgrund ihrer ökologischen Folgeschäden schrumpfen müssen sowie der aufgeblähte Finanzsektor, der ja im übrigen für die sozialen Verwerfungen infolge der Wirtschaftskrise wesentlich mitverantwortlich war. Wachsen hingegen müssten in einer Postwachstumsgesellschaft die solaren und solidarischen Sektoren. Unterm Strich jedoch wird das Bruttoinlandsprodukt – das herkömmliche, zu Recht kritisierte Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft – der fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten deutlich sinken. Einer Schätzung zufolge würde das für die BRD ein Absinken des BIP um etwa ein Drittel bedeuten6 – ein Wert, der ungefähr dem Niveau Mitte der 1980er Jahre entspräche.

Fücks und anderen Kritikern der Wachstumskritik ist in einem Punkt partiell Recht zu geben: Der Fokus der Wachstums­kritik liegt bisweilen zu sehr auf den hoch industrialisierten Ländern. Die Frage, ob global gesehen insgesamt weiter ein Wirtschaftswachstum notwendig ist, wird nicht erschöpfend erörtert. Falsch hingegen ist die Behauptung, dass Wachstumskritiker den »unterentwickelten« Staaten dieser Erde ein weiteres Wirtschaftswachstum untersagen wollten. Nicht nur Tim Jackson, Verfasser des einflussreichen Buches »Wohlstand ohne Wachstum«, tritt »laut und deutlich« für steigende Einkommen in den ärmeren Ländern ein.7

Das Glücks-Paradoxon

Er und andere tun dies, weil sie die Erkenntnisse eines Forschungszweiges ernstnehmen, den Fücks außen vor lässt: nämlich jene der so genannten Glücksforschung. In zahlreichen Studien hat diese herausgearbeitet, dass nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau/BIP pro Kopf (ca. 15.000 Dollar) auch ein Zuwachs an Glück und Lebenszufriedenheit festzustellen ist. Darüber hinaus stagniert das Glücksempfinden der Befragten. Das zeigen die Beispiele Japan und USA, wo Lebenszufriedenheitsbefragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt werden, eindrucksvoll. So hat sich in den USA das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Glücksempfinden der Bevölkerung ist exakt gleichgeblieben. In Japan stellt sich das noch extremer dar. Dort versechsfachte sich das BIP, während die Befragungen ein konstantes Glücksempfinden ergaben.8

Die Ursache für diese Resultate ist mit Begrifflichkeiten von Keynes schnell geklärt. Solange es um die Befriedigung von absoluten Bedürfnissen (Ernährung, Kleidung, Wohnen etc.) geht, steigert das Einkommen der Bevölkerung die Lebenszufriedenheit deutlich, eben weil dadurch existenzielle Notsituationen überwunden werden können. Sind diese Bedürfnisse gesättigt, vollzieht sich der Übergang vom Komfort- zum Statuskonsum mit den dazugehörigen relativen Bedürfnissen. Der Konsument möchte sich durch ein Auto oder ein iPhone von anderen abheben. Was passiert aber, wenn plötzlich alle ein Auto oder das neueste Apple-Produkt haben? Die ersehnte Befriedigung durch den Konsum hält nicht lange vor und man sucht das Glücksempfinden durch den nächsten Konsumakt zu befriedigen. »Tretmühlen des Glücks« (M. Binswanger) setzen ein. Die Menschen streben ständig nach Glück, sie werden dabei aber nicht glücklicher.
Das Glücks-Paradox ist mittlerweile auch im Alltagsverständnis der Deutschen angekommen. Einer Emnid-Umfrage aus dem August 2010 zufolge glaubt trotz proklamierten Aufschwungs nur noch ein Drittel der Befragten, dass das Wirtschaftswachstum mit einer Steigerung ihrer privaten Lebensqualität einhergeht.9 Indem Fücks und andere die Glücksforschung geflissentlich ignorieren, offenbaren sie, dass nicht das Wohl der breiten Bevölkerungen, sondern die Reproduktion des (grünen) Kapitals auf erweiterter Stufenleiter, ergo: Wachstum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist.

Die Entkopplungsfrage

Die Befürworter von »intelligentem Wachstum« bzw. eines Green New Deal schätzen die Potenziale von grünen Innovationen und Investitionen sehr hoch ein. Ihrer Meinung nach ist eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch möglich. Fücks erweckt sogar den Anschein, dass damit eine Übertragung des westlichen industrialisierten Modells auf die gesamte Welt möglich wird (wenngleich er in seinem Buch davon spricht, dass die so genannte Dritte Welt die fossilistische Etappe am besten überspringen sollte). Sind diese Annahmen berechtigt? Dagegen sprechen eine Reihe gewichtiger Argumente. Zunächst gibt es historisch gesehen keine Anzeichen dafür, dass mit weniger Ressourcenverbrauch eine Zunahme des BIP einhergegangen ist. Nur dann kann von einer absoluten Entkoppelung von Wachstum und Stoffverbrauch die Rede sein, d.h. von einer Reduktion des Naturverbrauchs. Was es sehr wohl gibt, ist eine relative Entkoppelung; das BIP steigt dann schneller als der Ressourcenverbrauch. Es ist typisch, dass Fücks und andere Wachstumsbefürworter weder oder kaum zwischen relativer und absoluter Entkoppelung differenzieren, noch einen Blick in die Vergangenheit wagen. Auch werden mit keinem Wort die Erkenntnisse der so genannten Material Flow Analysis (MFA) erwähnt, die sich zur Aufgabe gestellt hat, den Umfang der Stoffflüsse (ausgenommen Wasser) in Ökonomien im Zeitverlauf darzustellen. Wenngleich hinsichtlich Methodik und Umfang der MFA noch Ausbaubedarf besteht, so lassen sich doch bereits einigermaßen gesicherte Erkenntnisse aus ihr ableiten. So hat sich global gesehen das BIP zwischen 1980 und 2008 um 125% vergrößert. Die weltweite Ressourcenextraktion wuchs parallel signifikant um 79%. Es lässt sich also eine relative Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenextraktion feststellen. Aber: Der absolute Ressourcenverbrauch nahm in der Zeitperiode zu, eine absolute Entkoppelung fand nicht statt.10

Da Fücks viel Hoffnung auf die Innovationsfähigkeit Deutschlands und Europas setzt, lohnt ein Blick auf diese Ökonomien. Zum besseren Verständnis seien jedoch noch zwei Indikatoren der MFA vorgestellt.11 Der »Direct Material Input« (DMI) bezeichnet die Menge der direkt in die Wirtschaft eines Landes gelangenden Materialien. Er setzt sich zusammen aus den im Inland gewonnenen Rohstoffen und aus den Importen von Waren (Rohstoffe bis Fertigwaren). Der häufig verwendete Indikator »Domestic Material Consumption« (DMC) entspricht dem DMI minus Exporten und umfasst den direkten inländischen Materialverbrauch. Wie sehen die Ergebnisse für Deutschland aus? Der Studie »Ressourcenverbrauch von Deutschland« zufolge haben sich im Zeitraum von 1991 bis 2004 absolute Höhe sowie Zusammensetzung des DMI kaum verändert. Da das BIP kontinuierlich stieg, lässt sich eine relative Entkopplung konstatieren. »Zwischen 2001 und 2003 deutete sich sogar eine Phase von absoluter Entkopplung an, die allerdings nur schwach ausgeprägt war und in 2004 bereits wieder beendet schien.«12

In Europa ist der Trend ähnlich: Das Statistische Amt der EU Eurostat hat in seinem Bericht »Environmental statistics and accounts in Europe« für die Jahre zwischen 2000 und 2007 bezogen auf den Indikator DMC nur zwischen 2000 und 2003 eine absolute Entkoppelung, für den Zeitraum insgesamt eine relative Entkopplung feststellen können.13 Aber: Dieser Befund wird umgehend relativiert – und diese die Aussagekraft der Indikatoren DMC und DMI abschwächenden Ausführungen lassen sich auch auf die oben angeführten Werte für Deutschland beziehen. Denn bei den importierten Halb- und Fertigprodukten wird ein großer Teil der zu ihrer Herstellung benötigten Rohstoffe nicht einberechnet, da nur das Gewicht der teilweise oder ganz veredelten Produkte erfasst wird. Aus diesem Grund haben Deutschland und die Tschechische Republik begonnen, das Gewicht der Importe in Rohstoffäquivalenten zu messen. Die Folge: Der deutsche Direct Material Input in Rohstoffäquivalenten für das Jahr 2005 ist 2,4 mal höher als der traditionelle DMI. Im Bericht der Enquete-Kommission des Bundestages ist gar davon die Rede, dass laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes das Gewicht der Importe in Rohstoffäquivalenten etwa das 5-Fache des bei der Einfuhr tatsächlich registrierten Gewichts betrage.14

Eine weitere Einschränkung ist zu machen: DMI wie DMC erfassen nur die direkt in die Ökonomien gelangenden Materialien, nicht jedoch die als »ökologischer Rucksack« bezeichneten Materialaufwendungen wie Abraum, ungenutzter Aushub oder Bodenerosion. Dies wird vom »Total Material Requirement« (TMR), dem Gesamtmaterialaufwand erfasst. Dieser ist somit der umfassendste Input-Indikator; er misst die gesamte materielle Basis einer Ökonomie. Doch dieser Indikator wird noch nicht umfassend in der Statistik berücksichtigt. Eine Ausnahme stellt das Bundesumweltamt dar, welches für die globale physische Basis der deutschen Wirtschaft von 1991 bis 2004 ein etwa gleich hohes Niveau konstatiert.15

Fassen wir zusammen: Die verschiedenen Indikatoren der Material Flow Analysis zeigen zwar eine relative Entkopplung (zuletzt wurde selbst diese bezweifelt)16 an, keineswegs aber eine absolute, d.h. eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Genau dies wäre aber notwendig, denn Forschungen über den »ökologische Fußabdruck« oder den globalen Umweltraum zeigen, dass die biophysischen Grenzen im Hinblick auf Senken als Deponieräume bereits überschritten sind (Ausstoß von Klimagasen, Verlust von Biodiversität, Überlastung des natürlichen Stickstoffkreislaufes).17 Zwar erkennt Fücks grundsätzlich die »Grenzen des Wachstums« an, doch sieht er diese noch nicht überschritten bzw. zeigt sich optimistisch, dass diese aufgrund von Innovationspotenzialen hinausgeschoben werden können. Die gerade angeführten Ergebnisse (von Fücks im übrigen auch in seinem Buch nicht erwähnt) raten hingegen zur Skepsis. Eine Reduktion von Naturverbrauch bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum hat es bislang noch nicht gegeben.

Die Rebound-Effekte

Dieser Zweifel wird durch den so genannten Rebound-Effekt bestärkt – ein Konzept, das zwar in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten hat, gleichwohl in vielen Studien immer noch keine Berücksichtigung findet.18 Der Rebound-Effekt, dessen wissenschaftliche Untersuchung ihren Ursprung im Buch »The Coal question« (1865) von William Stanley Jevons hat, besagt kurz gefasst, dass eine einzelwirtschaftliche Effizienzsteigerung (aus weniger mehr machen) gesamtwirtschaftlich nicht zu einem geringeren Verbrauch führen muss. Dieser kann sich sogar erhöhen (Backfire-Effekt). Beispiele sollen das verdeutlichen: Ein Auto mit einem wenig Benzin verbrauchenden Motor kann seinen Fahrer dazu verleiten, mehr zu fahren (direkter Rebound) oder das für Benzin eingesparte Geld in Flugreisen zu investieren (indirekter Rebound). Effizientere Produktionsmethoden von PCs oder Smartphones lassen deren Preise sinken, was wiederum die Nachfrage erhöht und zu einer Ausweitung der Produktion führt. Die Einsparpotenziale von besser gedämmten Wohnungen resultieren nicht in einem Rückgang des Energiebedarfs, weil gleichzeitig größere Wohnungen beheizt werden.
Der Forschungsbedarf beim Rebound-Effekt ist noch groß; bisher existieren lediglich vier Meta-Studien, die eine quantitative Einschätzung desselben vornehmen. Demnach ist »langfristig und im Mittel mit gesamtwirtschaftlichen Rebound-Effekten von mindestens 50% zu rechnen.«19 Wachstumsapologeten blenden den Rebound-Effekt in der Regel aus. Fücks immerhin versucht sich in einem Exkurs in seinem Buch an einer Widerlegung. Diese überzeugt indes nicht, weil seine Argumente von einem national bornierten Blickwinkel zeugen und den Unterschied zwischen direktem und Gesamtrebound (der die indirekten Effekte einschließt und als Aggregation der entscheidende Einfluss für die Umwelt ist) nicht genügend berücksichtigen. So führt Fücks aus, dass »sinkende Preise für umweltfreundliche Energieträger positive Substitutionseffekte auslösen können. Zum Beispiel verdrängt in den USA gegenwärtig Erdgas im großen Maßstab Kohle, im Ergebnis sinken die CO2-Emissionen.«20

Abgesehen davon, dass Fücks mit keinem Wort die viel diskutierten negativen Folgen des Frackings erwähnt (Belastung des Trinkwassers, ebenfalls zum Klimawandel beitragender Methanausstoß), übersieht er die Konsequenzen, die dieser in den USA vor sich gehende Substitutionsprozess in einer globalisierten Weltwirtschaft zeitigt. Die geringere Nachfrage nach Kohle in den USA lässt den globalen Kohlepreis sinken und die Exporte aus den USA steigen. Die Folge: Derzeit nimmt der weltweite Verbrauch dieses schmutzigsten aller fossilen Rohstoffe zu – und damit der globale Ausstoß von CO2 (um 5% in 2010 und um 3% in 2011). Fast die Hälfte des Anstiegs der weltweiten Energienachfrage wurde in den letzten zehn Jahren durch Kohle gedeckt, heißt es im Bericht des World Energy Outlooks 2012.21 Der Anteil der Kohle wuchs damit sogar stärker als jener der erneuerbaren Energieträger. Diese nüchternen Befunde stehen in erstaunlichem Gegensatz zum allgegenwärtigen Gerede in Deutschland und Europa über den Ausbau von regenerativen Energien – und entlarven es als grünes Alibi, weil gleichzeitig (noch) fossile Energieträger subventioniert werden. Natürlich: Der regenerative Anteil am weltweiten Energiemix wächst, bereits jetzt ist ihr Beitrag unverzichtbar. Doch erst 2035 dürfte erneuerbare Energie der Kohle ihren Platz als wichtigste Strom­erzeugungsquelle streitig machen. Bis dahin ist mit wachsenden Ausstößen von Treibhausgasen zu rechnen. Greenpeace zufolge wird sich allein aufgrund der 14 derzeit größten geplanten Kraftwerke die Emission von CO2 bis 2020 um 20 Prozent erhöhen. Die Welt befände sich auf dem Pfad zu einer Erderwärmung von 5 bis 6 Grad,22 die so genannten Tipping Points wären überschritten.

Der springende Punkt bei der Entkopplung von Energiegewinnung und Treibhausgasemissionen ist jedoch: Im Grunde genommen ist es jetzt schon grundsätzlich möglich, den »Verbrauch von Energiedienstleistungen vom Ausstoß von CO2 zu entkoppeln – und zwar mit den heute bereits bekannten Technologien und ohne hypothetische Berücksichtigung möglicher zukünftiger Innovationssprünge.«23 Vor diesem Hintergrund ist die Fückssche Innovationsversessenheit einem technokratischen Blick geschuldet, welcher die sozial-ökonomischen (und psychologischen sowie kulturellen) Hindernisse24 für die Entfaltung der jetzt schon in den Verhältnissen schlummernden Potenziale nicht zur Geltung kommen lässt.

Was heißt das konkret? Politische Gründe stehen den Entkopplungs-Szenarien entgegen und nicht technische bzw. mangelnde Innovationen. Um noch präziser zu werden: Das jetzige, auf kurzfristige Profitmargen abzielende globale kapitalistische Wirtschaftssystem ist das größte Hindernis, um die katastrophalen Folgen insbesondere des Klimawandels einzudämmen. Interessanterweise wird diese Erkenntnis nicht nur von Ökosozialisten und -marxisten vorgetragen, sondern auch im Enquete-Bericht des Bundestages angedeutet. In diesem wird allgemein festgehalten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsordnung und der Möglichkeit der Entkopplung gebe, der freilich – weil extrem ideologiebehaftet – noch kaum erforscht sei. Kritikerinnen und Kritiker des marktwirtschaftlichen Systems sähen im »unbeschränkten Akkumulationstrieb« des Kapitals und einem daraus folgenden inhärenten Wachstumszwang einen wesentlichen Grund für den stetig steigenden Ressourcenverbrauch.25

Dem ist zuzustimmen. Und das bedeutet, dass eine Wachstumskritik um eine kapitalismuskritische wie um eine herrschaftskritische Perspektive erweitert werden muss.26 Weder Öko-Biedermeier noch eine ökologische Moderne, sondern die Diskussion über einen Grünen Sozialismus (vgl. LuXemburg 3/2012) kann den Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise eröffnen.27

Fußnoten
1 Edward und Robert Skidelsky, Zurück zum Wesentlichen. Was wir zum guten Leben brauchen, in: »Blätter« 4/2013, S. 79-90, vgl. auch dies., Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens, München 2013; Harald Welzer, Der Konsumismus kennt keine Feinde, in »Blätter«, 6/2013, S. 67-79; vgl. auch ders., Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a.M. 2013.
2 Vgl. Ralf Fücks, Öko-Biedermeier vs. Ökologische Moderne: Die grüne Revolution, in: »Blätter« 8/2013, S. 57-65.
3 Ralf Fücks, Intelligent wachsen – Die grüne Revolution, München 2013.
4 Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt, München 2011, S. 69.
5 Vgl. Matthias Schmelzer/Alexis Passadakis, Postwachstum. Krise ökologische Grenzen und soziale Rechte, AttacBasisText 36, Hamburg 2011, S. 71-88.
6 Ebd., S. 73.
7 Jackson, S. 59.
8 Vgl. Mathias Binswanger, Ein glückliches Leben statt immer mehr materiellen Wohlstand. Konsequenzen der Glücksforschung für die Ökonomie, in: Alfred Bellebaum (Hrsg.), Glück hat viele Gesichter: Annäherungen an eine gekonnte Lebensführung, Wiesbaden 2010, S. 275-292, hier: S. 282, Vgl. auch ders., Die Tretmühlen des Glücks. Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher. Was können wir tun?, 8. Auflage, München 2013, S. 17-46.
9 Schmelzer/Passadakis, S. 24.
10 Vgl. www.materialflows.net. Diese Seite, vom Sustainable Europe Research Institute (SERI), dem Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt Energie sowie dem österreichischen Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft betrieben, basiert auf der ersten weltweiten Datenbank über Ressourcenextraktion.
11 Vgl. hierzu ausführlich Stefan Bringezu/Helmut Schütz, Material Use Indicators for Measuring Resource Productivity and Environmental Impacts, Wuppertal 2010, http://wupperinst.org.
12 Helmut Schütz/Stefan Bringezu, Ressourcenverbrauch von Deutschland – aktuelle Kennzahlen und Begriffsbestimmungen, im Auftrag des Umweltbundesamtes, Dessau-Roßlau 2008, ausschließlich als Download erhältlich unter www.umweltbundesamt, S. 29.
13 Vgl. Eurostat (Hrsg.), Environmental statistics and accounts in Europe, Luxemburg 2010, S. 80f., http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/eurostat/home/.
14 Schlussbericht der Enquête-Kommission »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft«, Drucksache 17/13300, veröffentlicht am 3.5.2013, S. 508.
15 Schütz/Bringezu, Ressourcenverbrauch, S. 37f.
16 Forscher an australischen und US-amerikanischen Universitäten haben unlängst den Forschungsbericht »The material footprint of nations« veröffentlicht. Dieser beansprucht, genauere Aussagen über den wahren materiellen Fußabdruck zu treffen. Wichtigste Erkenntnis: Die relative Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist ihren Berechnungen zufolge viel kleiner als angenommen und findet in einigen Ländern überhaupt nicht statt. Vgl. www.pnas.org/content/early/2013/08/28/1220362110.
17 Vgl. Schlussbericht der Enquête-Kommission, S. 25, 361f.
18 Vgl. hierzu ebd., S. 435ff. sowie Tilmann Santarius, Der Rebound-Effekt. Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz, Wuppertal 2012, www.wupperinst.org.
19 Ebd., S. 4.
20 Fücks, Intelligent wachsen, S. 160.
21 Vgl. World Energy Outlook 2012, dt. Zusammenfassung, S. 7, http://www.worldenergyoutlook.org/.
22 Greenpeace (Hrsg.), Point of no Return. The massive climate threats we must avoid, Amsterdam 2013, http://www.greenpeace.org.
23 Schlussbericht der Enquete-Kommission, S. 455.
24 Vgl. zu den psychologischen und kulturellen Barrieren ebd., S. 438-441.
25 Ebd., S. 438
26 Vgl. Ulrich Brand, Wachstum und Herrschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 62. Jg., 27-28/2012, S. 8-14 und Birgit Mahnkopf, Wachstums­kritik als Kapitalismuskritik, in: Klaus Dörre u.a. (Hrsg.) Kapitalismus­theorie und Arbeit: neue Ansätze soziologischer Kritik, Frankfurt a.M./New York 2012, S. 389-409.
27 Vgl. Hans Thie, Rotes Grün. Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft, Hamburg 2013, sowie als Übersicht über die deutsche ökosozialistische Diskussion das entsprechende Kapitel in: Frank Adler/Ulrich Schachtschneider, Green New Deal, Suffizienz oder Ökosozialismus. Konzepte für gesellschaftliche Wege aus der Ölkrise, München 2010, S. 63-78; und für die weitaus regere englischsprachige Diskussion z.B. Joel Kovel, The Enemy of Nature. The end of capitalism or the end of the world, 2. erw. Aufl., London/New York 2007.

(erschienen in: Sozialismus 10/2013, S. 37-41)

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