Im Startblock verkümmert

Die beste Entfremdungsliteratur seit Wilhelm Genazino: Andreas Lehmanns Roman »Schwarz auf Weiß«

Es sind Berufe, die Protagonisten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten haben: Vertriebsangestellter, Industriekaufmann oder Produktmanagerin. Sie arbeiten in Firmen, die Dinge verkaufen, denen man meist nur Beachtung schenkt, wenn sie nicht funktionieren: Snackautomaten, Wasserkocher oder Stabmixer. Oder unter denen man sich gar nichts vorstellen kann, wie unter Industrieverpackungen. Das klingt alles andere als schillernd. Doch Andreas Lehmann verwendet all diese Begriffe in seinem zweiten Roman »Schwarz auf Weiß«.

Dessen Protagonist Martin Oppenländer hat eine Berufsbiografie, die so ähnlich für Hunderttausende typisch sein dürfte: Nach Abitur und Zivildienst Ausbildung als Industriekaufmann, danach Praktikant und Trainee im Marketing, dann eine Stelle im Vertrieb einer Firma, die Ein-Euro-Geschäfte beliefert. Kurz vor deren Insolvenz der Absprung in ein Callcenter. Dann eine Stelle im Direktmarketing und Direktvertrieb. »Double Direct« lautet der bezeichnende Name der Firma.

Das klingt nach tristem, entfremdetem Angestelltendasein. Und ist es auch. So eintönig, dass Oppenländer die Flucht in die Selbstständigkeit wagt – als Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement: »Selbstständigkeit, das Wort klang immer schon verlockend. Nach Freiheit und Emanzipation, nach gelungener Flucht.«

Dumm nur, dass der Beginn der vermeintlichen Emanzipation mit der Corona-Pandemie zusammenfällt; beide Wörter fallen aber glücklicherweise in dem Roman nicht, die Situation wird nur angedeutet. Obwohl Gesundheit in aller Munde ist, haben die Betriebe im Lockdown Dringenderes zu tun, als soeben in die Selbstständigkeit gewechselte Gesundheitsberater zu engagieren. Aufträge? Fehlanzeige. Stattdessen »Verkümmerung im Startblock«, und der Protagonist sieht sich mit einem besonderen Projektmanagement konfrontiert: »die Zeit zu organisieren, in der es nichts zu managen gibt«.

Das fällt ihm schwer. So sehr, dass der Ort, an den er sich in seiner Zeit als Angestellter immer gesehnt hat – das Zuhause – plötzlich ein Ort ist, an dem er sich festgehalten fühlt. Die abgerungene Freiheit wird zu einer aufgezwungenen. Ein Privatleben, Frau, Kinder und Freunde – das hat die Hauptfigur nicht. Einziger Kontakt zur Außenwelt sind die gelegentlichen Telefonate mit seiner Schwester Juliane.

So verbringt Oppenländer die Zeit damit, Unterstützungsanträge zu stellen, seinen Lebenslauf für den Internetauftritt immer wieder umzustrukturieren, bis er mit seinem echten Leben kaum noch etwas zu tun hat. Oder er feilt an einer Rundmail, an einer neuen Selbstvorstellung, die ihm freilich immer wieder zu bedürftig gerät.

Plötzlich klingelt das sonst schweigsame Festnetztelefon. Rebekka Wieland nennt sich die Anruferin und gibt vor, am Rande einer Messe für Haushaltsgeräte in München vor zehn Jahren mit Martin geflirtet zu haben. Dieser kann sich an nichts erinnern und fragt erschrocken: »Haben wir zwei etwa …?« – »Eben nicht«, sagt die Anruferin und gibt zu erkennen, dass sie sich das gewünscht hätte. Martin Oppenländer ist auf der Hut, keiner Betrügerin aufzusitzen, die ihm Daten stiehlt.

Doch bald merkt er, wie wichtig ihm die unregelmäßigen Telefongespräche mit der unbekannten Anruferin geworden sind. Rebekka Wieland teilt mit ihm das Leiden am Angestelltendasein; sie kümmert sich um den Vertrieb von Snackautomaten, wünscht sich aber, etwas anderes zu sein. Glückskeksautorin zum Beispiel oder Wasserrutschen-Testerin. Die beiden reden über sich und ihre Berufe, über ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die Sätze sagen wie: »Ich war noch nie am Meer, aber habe ein Aquarium« und androhen, die ganze »Scheiße« irgendwann in Brand zu setzen. Aber vor allem reden sie über eine andere Zukunft. »Ein Leben, aus dem man sich nicht immerzu ein bisschen hinaussehnt, kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen«, sagt Oppenländer.

So krass hat das Thema Entfremdung lange nicht einen Roman dominiert. Vielleicht seit Wilhelm Genazinos »Abschaffel«-Trilogie aus den 1970er Jahren nicht. Diese schuf unter anderem das Genre des Angestelltenromans mit. In dieser Tradition kann man den in Leipzig lebenden Autor Andreas Lehmann ohne Zweifel mit seinen Erkundungen der Psyche des heutigen Angestellten sehen. Schon sein Debüt »Über Tage« ließ das anklingen, in »Schwarz auf Weiß« ist es weitaus ausgeprägter. Zwar ist die Situation der Protagonisten in seinem neuen Roman auch durch den Lockdown geprägt, aber an der grundsätzlichen Unzufriedenheit mit einem »Bullshit-Job« (David Graeber) ändert das nichts.

Immerhin heitert sich die trostlose Atmosphäre nach einem dramatischen Ausbruch Oppenländers zum Ende etwas auf. Endlich bekommt er einen großen Auftrag. Aber ob der Kontakt zu Rebekka Wieland bestehen bleibt, das erfährt der Leser nicht.

Andreas Lehmanns Prosa ist ruhig, fein, präzise. Sie weiß auch im neuen Roman zu überzeugen. Beeindruckend auch, wie er dem Roman durch ein Notizbuch des Protagonisten eine zusätzliche, raffinierte Ebene gibt.

aus: das nd, 13.3.2021

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