Warum Wachstumskritiker mehr über Kapitalismus und Sozialisten mehr über Ökologie reden müssten

Beginnend mit dem Crash der Lehman Brothers Bank und der globale Finanzkrise 2008 haben zahlreiche Schattierungen von Kapitalismuskritik eine Renaissance erfahren. Eine immer stärker werdende davon ist die Wachstumskritik. Diese wiederum hat verschiedene Facetten. Es gibt konservative, sozialreformerische, suffizienzorientierte, feministische und auch antikapitalistische Varianten. In Leipzig diskutieren sie derzeit auf dem Degrowth-Kongress. Kein Wunder also, dass sich Verfechter des Wirtschaftswachstums, unter ihnen auch marxistisch, sozialistisch und gewerkschaftlich orientiere Linke, herausgefordert fühlen. Ihr zentrales Argument gegen den Übergang in eine Postwachstumsökonomie ist dabei: Angesichts der Rezessionen insbesondere in den südeuropäischen Ländern infolge von Schuldenkrise und Austeritätspolitik werden die sozial verheerenden Folgen für große Teile der Bevölkerung offenkundig. Stagnation und Schrumpfung seien folglich schlecht, Wirtschaftswachstum notwendig, um aus der wirtschaftlichen Depression herauszukommen. Unter den gegenwärtigen politischen und sozialen Verhältnissen ist dies tatsächlich so. Doch es wäre ein Fehlschluss, von den jeweils konkreten Bedingungen auf die Allgemeingültigkeit dieser Aussage zu schließen.

Es kommt vielmehr darauf an, wie ein ökonomischer Schrumpfungsprozess politisch und sozial organisiert wird. Welche Sektoren sollen schrumpfen und in welchem Ausmaß? Welche Bereiche sollen ausgebaut werden? Welche arbeits-, sozial-, und umverteilungspolitischen Maßnahmen begleiten diese Prozesse? Es gibt durchaus Wachstumskritiker, die sich diese Fragen stellen und sie zu beantworten versuchen. So ist klar, dass vor allem fossilistische Wirtschaftssektoren aufgrund ihrer ökologischen Folgeschäden schrumpfen müssen sowie der aufgeblähte Finanzsektor, der ja im übrigen für die sozialen Verwerfungen infolge der Wirtschaftskrise wesentlich mitverantwortlich war. Wachsen hingegen müssten in einer Postwachstumsgesellschaft die solaren und solidarischen Sektoren. Unterm Strich jedoch wird dabei das Bruttoinlandsprodukt der fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten deutlich sinken werden. Aber die Frage, ob das zwar zu Recht kritisierte BIP sinkt oder steigt, ist gar nicht der entscheidende Punkt. Wichtig ist, ob der globale Naturverbrauch sinkt. Denn in einer endlichen Welt kann es keinen unbeschränkten Verbrauch von Ressourcen und der dabei anfallenden Emissionen geben.

Den Kritikern der Wachstumskritik ist in einem Punkt partiell Recht zu geben: Der Fokus der Wachstums­kritik liegt bisweilen zu sehr auf den hoch industrialisierten Ländern. Die Frage, ob global gesehen insgesamt weiter ein Wirtschaftswachstum notwendig ist, wird nicht erschöpfend erörtert. Falsch hingegen ist die Behauptung, dass Wachstumskritiker den »unterentwickelten« Staaten dieser Erde ein weiteres Wirtschaftswachstum untersagen wollten. Nicht nur Tim Jackson, Verfasser des einflussreichen Buches »Wohlstand ohne Wachstum«, tritt »laut und deutlich« für steigende Einkommen in den ärmeren Ländern ein.

Das Glücks-Paradoxon

Jackson und andere tun dies, weil sie die Erkenntnisse der Glücksforschung ernstnehmen. In immer zahlreicher werdenden Studien hat diese gezeigt, dass nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau/BIP pro Kopf auch ein Zuwachs an Glück, verstanden als Lebenszufriedenheit, festzustellen ist. Darüber hinaus stagniert das Glücksempfinden der Befragten. Das zeigen die Beispiele Japan und USA, wo Lebenszufriedenheitsbefragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt werden, eindrucksvoll. So hat sich in den USA das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Glücksempfinden der Bevölkerung ist exakt gleichgeblieben. In Japan stellt sich das noch extremer dar. Dort versechsfachte sich das BIP, während die Befragungen ein konstantes Glücksempfinden ergaben.

Die Ursache hierfür ist mit Keynes schnell geklärt. Solange es um die Befriedigung von absoluten Bedürfnissen (Ernährung, Kleidung, Wohnen etc.) geht, steigert das Einkommen der Bevölkerung die Lebenszufriedenheit deutlich, eben weil dadurch existenzielle Notsituationen überwunden werden können. Sind diese Bedürfnisse gesättigt, vollzieht sich der Übergang vom Komfort- zum Statuskonsum mit den dazugehörigen relativen Bedürfnissen. Der Konsument möchte sich durch ein Auto oder ein iPhone von anderen abheben. Was passiert aber, wenn plötzlich alle ein Auto oder das neueste Apple-Produkt haben? Die ersehnte Befriedigung durch den Konsum hält nicht lange an und man sucht das Glücksempfinden durch den nächsten Konsumakt zu befriedigen. »Tretmühlen des Glücks« (M. Binswanger) setzen ein. Die Menschen streben ständig nach Glück, sie werden dabei aber nicht glücklicher.

Die Entkopplungsfrage

Nun argumentieren Befürworter eines »grünen Wachstum«, dass das Potenzial von grünen Innovationen und Investitionen so hoch sei, dass eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum in Form des BIP und Ressourcenverbrauch möglich sei. Doch gegen diese Annahmen sprechen eine Reihe wichtiger Argumente. Zunächst gibt es historisch gesehen keine Anzeichen dafür, dass mit weniger Ressourcenverbrauch eine Zunahme des BIP einhergegangen ist. Nur dann kann von einer absoluten Entkoppelung von Wachstum und Stoffverbrauch die Rede sein, d.h. von einer Reduktion des Naturverbrauchs. Was es sehr wohl gibt, ist eine relative Entkoppelung; das BIP steigt dann schneller als der Ressourcenverbrauch. Zwischen relativer und absoluter Entkopplung indes unterscheiden die Wachstumsbefürworter nicht oder kaum. Zudem werden die Erkenntnisse der so genannten Material Flow Analysis (MFA) geflissentlich ignoriert. Diese hat sich zur Aufgabe gestellt hat, den Umfang der Stoffflüsse (ausgenommen Wasser) in den Ökonomien im Zeitverlauf darzustellen. Die im März veröffentlichte Studie „Global Patterns of Material Flows and their Socio-Economic and Environmental Implications“ kommt zum Beispiel zu folgendem Resultat. Zwischen 1980 und 2009 hat sich die global Ressourcenextraktion und -konsumtion um 94 Prozent erhöht. Zwar hat sich im selben Zeitraum auch die Materialproduktivität in den meisten Ländern erhöht, sprich das BIP ist schneller gewachsen als der Ressourcenverbrauch. Aber diese relative Entkopplung sei durch das Wirtschaftswachstum überkompensiert worden. „Es muss als geschlussfolgert werden, dass die Welt als Ganzes nicht auf dem Weg hin zu einem grünen Wachstum oder einer grünen Wirtschaft ist“, heißt es. Gerade eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs wäre aber notwendig: Forschungen über den »ökologische Fußabdruck« oder den globalen Umweltraum zeigen, dass die biophysischen Grenzen der Erde im Hinblick auf Senken als Deponieräume bereits überschritten sind (Ausstoß von Klimagasen, Verlust von Biodiversität, Überlastung des natürlichen Stickstoffkreislaufes).

Die Rebound-Effekte

Einwenden könnte man, dass es zwar eine absolute Entkopplung bislang noch nicht gegeben hat, aber das müsse ja nicht immer so bleiben. Dagegen wiederum spricht der so genannten Rebound-Effekt – ein Konzept, das in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten hat, in vielen Studien immer noch keine Berücksichtigung findet. Der Rebound-Effekt, dessen wissenschaftliche Untersuchung ihren Ursprung im Buch »The coal question« (1865) von William Stanley Jevons hat, besagt kurz gefasst, dass eine einzelwirtschaftliche Effizienzsteigerung (aus weniger mehr machen) gesamtwirtschaftlich nicht zu einem geringeren Ressourcenverbrauch führen muss. Dieser kann sich sogar erhöhen (Backfire-Effekt). Beispiele: Ein Auto mit einem wenig Benzin verbrauchenden Motor kann seinen Fahrer dazu verleiten, längerer Strecken zurückzulegen (direkter Rebound) oder das für Benzin eingesparte Geld in Flugreisen zu investieren (indirekter Rebound). Effizientere Produktionsmethoden von Laptops oder Smartphones lassen deren Preise sinken, was wiederum die Nachfrage erhöht und zu einer Ausweitung der Produktion führt. Die Einsparpotenziale von besser gedämmten Wohnungen resultieren nicht in einem Rückgang des Energiebedarfs, weil gleichzeitig größere Wohnungen beheizt werden.

Letzteres Beispiel ist besonders interessant, weil es im Grunde genommen jetzt schon möglich ist, den »Verbrauch von Energiedienstleistungen vom Ausstoß von CO2 zu entkoppeln – und zwar mit den heute bereits bekannten Technologien und ohne hypothetische Berücksichtigung möglicher zukünftiger Innovationssprünge«. So heißt es im Schlussbericht der Bundestags-Enquete-Kommission zum Thema Wachstum. Vor diesem Hintergrund ist die Innovationsversessenheit der Wachstumsbefürworter einem technologiefixierten Blick geschuldet, der die sozial-ökonomischen (und psychologischen sowie kulturellen) Hindernisse für die Entfaltung der jetzt schon in den Verhältnissen schlummernden Potenziale nicht zur Geltung kommen lässt.

Was heißt das konkret? Politische Gründe stehen den Entkopplungs-Szenarien entgegen und nicht technische bzw. mangelnde Innovationen. Um noch präziser zu werden: Das jetzige, auf kurzfristige Profitmargen abzielende globale kapitalistische Wirtschaftssystem ist das größte Hindernis, um die katastrophalen Folgen insbesondere des Klimawandels einzudämmen. Interessanterweise wird diese Erkenntnis nicht nur von den wenigen Ökosozialisten und -marxisten vorgetragen, sondern auch im Enquete-Bericht des Bundestages angedeutet. Dort wird vage festgehalten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsordnung und der Möglichkeit der Entkopplung gebe, der freilich – weil extrem ideologiebehaftet – noch kaum erforscht sei. Kritikerinnen und Kritiker des marktwirtschaftlichen Systems sähen im »unbeschränkten Akkumulationstrieb« des Kapitals und einem daraus folgenden inhärenten Wachstumszwang einen wesentlichen Grund für den stetig steigenden Ressourcenverbrauch.So ist es – und das bedeutet, dass die Wachstumskritik um eine kapitalismus- und um eine herrschaftskritische Perspektive erweitert werden muss. Nur die Diskussion über einen Grünen Sozialismus kann den Weg zu einer Wirtschaftsweise eröffnen, die die ökologischen Grenzen der Erde einhält. Bedauerlicherweise stellt sich die herkömmliche Wachstumskritik diese Fragen viel zu selten. Und umgekehrt beschäftigt sich die sozialistisch und marxistisch orientierte Linke aus historisch nachvollziehbaren, aber hinfälligen Gründen kaum mit den ökologischen „Grenzen des Wachstums“.

(stark gekürzte, aktualisierte und bearbeitete Version des Artikels „Ökologische Moderne vs. Grüner Sozialismus“ aus: Sozialismus 10/2013)

 

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